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„Wirtschaft 4.0 – die Chance der beruflichen Bildung“

Präsident Esser beim Zukunftsgespräch der Bundesregierung

Teilnehmende des 6. Zukunftsgesprächs der Bundesregierung
© Bundesregierung / Guido Bergmann

„Wirtschaft 4.0 ist die Chance, die berufliche Bildung in Deutschland wieder attraktiver zu machen.“ Das betonte der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, auf Schloss Meseberg. Dorthin hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel zum 6. Zukunftsgespräch der Bundesregierung eingeladen. Bei der Diskussion zwischen Regierung und Sozialpartnern über „Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Qualifizierung“ wirkten neben Frau Merkel sieben Bundesministerinnen und -minister sowie die Präsidenten von BDI, BDA, ZDH und die Vorsitzenden der Gewerkschaften DGB, ver.di, IG BCE und dbb mit.

In seinem Vortrag vertrat BIBB-Präsident Esser die Auffassung, dass Wirtschaft 4.0 zu einer stärkeren Verflechtung der Berufe mit moderner Technik führen werde. Die Durchlässigkeit zwischen ehemals getrennten Bildungsbereichen werde Normalität. „Dadurch wird die Berufsbildung wieder prestigeträchtiger und gewinnt an Attraktivität – vor allem bei jungen Menschen“, so Esser. Das Gesicht des Berufsbildungssystems werde sich verändern: Mehr Querschnittsangebote, duale Studiengänge, Zusatzqualifikationen und Berufsfamilien, eine systemische Verzahnung von Aus- und Aufstiegsfortbildung, eine größere internationale Verwertbarkeit des beruflichen Wissens verbunden mit attraktiveren Beschäftigungsmöglichkeiten führten zu mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung in der Gesellschaft. „Aus berufsbildungspolitischer Sicht sind daher jetzt Aktivitäten erforderlich, die den bereits eingesetzten systemübergreifenden Prozess zur Weiterentwicklung und Umsetzung 4.0-tauglicher Berufsbilder forcieren“.

Wirtschaft 4.0 fordert Anpassungsfähigkeit des Berufsbildungssystems heraus

Denn, so Esser weiter, die Berufe würden in unterschiedlicher Weise vom Tempo und Ausmaß der Veränderungen betroffen sein. Dabei bezögen sich diese Veränderungen sowohl auf die tägliche Arbeit als auch auf die Qualifikationsprozesse. Nach Auffassung des BIBB-Präsidenten werden dabei grundlegende IT-Kompetenzen, einschließlich Prozess-, System- und Problemlösungswissen, zu Standardqualifikationen für künftige Berufsbilder. Neue Arbeitsanforderungen entlang der Wertschöpfungsketten führten nicht nur zu veränderten Kompetenzanforderungen, sie seien auch Kristallisationspunkte für neue, hybride Qualifikationsvarianten. Esser zeigte sich überzeugt davon, dass durchlässige Berufslaufbahnkonzepte und Berufsfamilien geeignete Strukturkonzepte seien, um 4.0-relevante Qualifikationen entsprechend allen Niveaus des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens aufnehmen zu können.

Qualifizierung für Wirtschaft 4.0 erfordert starke Lernumgebungen

BIBB-Präsident Esser machte ferner deutlich, dass für ihn digitale Lehr- und Lernformen elementar seien, um 4.0-Kompetenzen zu fördern. Daher müssten Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen, überbetriebliche Bildungszentren und Hochschulen über eine entsprechende Ausstattung verfügen. „Ein anforderungsgerechtes Aus- und Fortbildungsangebot vor Ort ist erst gesichert, wenn die Lernortkooperation über digitale Plattformen weiterentwickelt wird.“ In diesem Zusammenhang forderte Esser, dass alle Schulabgängerinnen und -abgänger über eine für die Berufsausbildung anschlussfähige IT-Kompetenz verfügen müssten. „Hier besteht jedoch Nachholbedarf, denn laut der international vergleichenden Schulleistungsstudie ICLS ist Deutschland im Bereich der computer- und informationsbezogenen Kompetenzen nur Mittelmaß.“

Um die erforderlichen Veränderungsprozesse in regionalen Bildungsnetzwerken schnell und in der erwünschten Qualität einleiten zu können, würden vor allem entsprechend kompetente Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Berufsschullehrerinnen und Berufsschullehrer benötigt. „Darum muss die Qualifizierung und Weiterbildung des Ausbildungspersonals oberste Priorität besitzen.“ Esser warnte davor, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aufgrund der steigenden Anforderungen als Ausbildungsbetriebe verloren gehen könnten. Daher seien mit moderner Technik ausgestattete, überbetriebliche Ausbildungszentren mit ihrer innovationsstiftenden, ergänzenden und qualitätssichernden Funktion unabdingbar. Zudem seien sie ideal für die rasche Vor-Ort-Versorgung mit bedarfsspezifischer beruflicher Weiterbildung zu Wirtschaft 4.0.

BIBB unterstützt berufssystemischen Entwicklungsprozess zu Wirtschaft 4.0

Abschließend wies Esser darauf hin, dass das BIBB mit aktuellen Studien und Projekten zu Wirtschaft 4.0 bereits „unterwegs“ sei. So untersuche das BIBB gemeinsam mit der Volkswagen AG zur Ermittlung des Veränderungsbedarfs im Berufespektrum exemplarisch die Arbeitsaufgaben und Tätigkeitsprofile in den Bereichen Wartung und Instandhaltung von Produktionssystemen und vergleiche dies mit vorhandenen Berufsprofilen. Die Projektergebnisse würden im Anschluss gemeinsam mit Bund, Ländern und Sozialpartnern analysiert und hinsichtlich ihrer Transferrelevanz diskutiert. Darüber hinaus analysiere das BIBB derzeit den Qualifikationsbedarf in der IT-Branche, um IT-Berufe eventuell neu zu ordnen. Die hier gewonnenen Erkenntnisse könnten laut Esser auch dazu dienen, die Qualifikationsbedarfe in anderen Berufen und Branchen zu spezifizieren. „Denn die Auswirkungen der 4.0-Qualifikationen in das Berufesystem werden tendenziell dazu führen, dass sich viele existierende Berufsbilder und -strukturen verändern werden“, unterstrich Esser. „Ich rechne aber nicht damit, dass eine größere Anzahl völlig neuer Berufe entstehen wird. Der derzeitige Berufemix von mehr als 300 dualen Ausbildungsberufen bietet eine hinreichende Basis, um das Berufesystem weiterzuentwickeln.“