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„Qualifikationsrahmen ermöglichen Mobilität“

Professor Weiß sprach auf Tagung in Brüssel

„Die Qualifikationsrahmen EQR und DQR sorgen für Transparenz, Durchlässigkeit und Mobilität“. Das betonte der Ständige Vertreter des BIBB-Präsidenten, Prof. Dr. Reinhold Weiß, bei einem Vortrag in Brüssel.

Der Beitrag stand im Zentrum der Veranstaltung „European Area of Skills and Qualifications – What´s next?“, die von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der EU und dem BIBB gemeinsam ausgerichtet wurde. Nach dem Vortrag vor Repräsentanten von EU-Mitgliedsstaaten, europäischen Institutionen und Sozialpartnern vertiefte eine Diskussion internationaler Experten den Austausch über Stand und Perspektiven bei Transparenz und Anerkennung von Qualifikationen.

Professor Weiß erläuterte in seinem Vortrag, dass die seit einiger Zeit geführte Diskussion um die Fachkräftesicherung in Deutschland die Herausforderung in den Mittelpunkt stelle, im Ausland erworbene Kompetenzen anzuerkennen und auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu verwerten. Vor diesem Hintergrund sei das 2012 in Kraft getretene Anerkennungsgesetz entstanden. Dessen Kern ist das „Gesetz zur Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“ (BQFG).

„Das BQFG und der DQR rekurrieren jedoch auf unterschiedliche Formen der Anerkennung“, hob Weiß hervor. Das Anerkennungsgesetz konstatiere, dass eine Qualifikation einem deutschen Referenzberuf gleichwertig sei; die im Inland und die im Ausland erworbenen Qualifikationen würden insofern rechtlich gleichgestellt. Im Gegensatz dazu zielten Europäischer und Deutscher Qualifikationsrahmen darauf ab, Bildungssysteme und darin erworbene Qualifikationen transparent zu machen. Somit bildeten sie die Grundlage für Vereinbarungen, die Qualifikationen prinzipiell als vergleichbar und ebenbürtig bezeichnen. Das bedeute: „EQR und DQR sorgen für Transparenz, Durchlässigkeit und Qualitätssicherung und ermöglichen grenzüberschreitende Mobilität.“

Dies gelinge durch einen auf europäischer Ebene initiierten Paradigmenwechsel. Der neue Ansatz fokussiere nicht mehr auf Qualifikationen, sondern auf Kompetenzen und Lernergebnisse. Diese würden beschrieben – unabhängig von der Art und Weise, wie sie erworben wurden. Das Besondere sei: „Mit dem DQR hat sich das Verständnis durchgesetzt, dass berufliche und Hochschulbildung gleichwertig sind.“ Deutlich werde dies daran, dass der Meister- bzw. Technikerabschluss im DQR gleichwertig mit dem Bachelor-Abschluss auf Niveaustufe 6 verortet wurde. „Das ist in Europa einzigartig und unterstreicht die Bedeutung der Berufsbildung als attraktive und karriereoffene Alternative zur akademischen Bildung“, sagte Weiß.

„EQR und DQR sorgen für Transparenz, Durchlässigkeit und Qualitätssicherung und ermöglichen grenzüberschreitende Mobilität.“

Sämtliche Qualifikationen, Kompetenzen und Lernergebnisse der unterschiedlichen nationalen Systeme werden nach Art und Niveau unter dem Dach des jeweiligen Rahmens in Beziehung gesetzt. Aber wie valide sind diese Zuordnungen außerhalb ihres jeweiligen nationalen Kontextes? „Das hier geforderte gegenseitige Vertrauen, zwischen den Bildungssystemen und Bildungsbereichen muss wachsen!“, forderte Weiß. Dies sei freilich nicht zu verordnen, weder mit europäischen Instrumenten noch mit nationalen Initiativen. „Qualifikationsrahmen ersetzen daher keine konkreten Anerkennungsverfahren.“ Sie könnten keine juristisch belastbaren Aussagen über die funktionale, formale und materielle Entsprechung zwischen der ausländischen und der heimischen Referenzqualifikation treffen. Und sie seien nicht dafür gemacht, individuelle Ansprüche auf dem Arbeitsmarkt zu begründen.

von rechts nach links: Ben Butters (Eurochambres), Birgit Thomann (BIBB), Detlef Eckert (GD Beschäftigung), Klaus Fahle (NA beim BIBB), Sabine Schüller (BMBF), Carita Blomqvist (National Board of Education, Finnland)

In seinem Vortrag äußerte Professor Weiß zudem die Auffassung, dass es in Zukunft vor allem darum gehe, den DQR weiterzuentwickeln. „Denn der Deutsche Qualifikationsrahmen ordnet nicht-formal erworbene Qualifikationen oder auch berufliche oder allgemeine Weiterbildungen, die nicht zu anerkannten Fortbildungsabschlüssen führen, gegenwärtig noch nicht zu.“ Dazu zählen Zertifikate, die Volkshochschulen verleihen, und firmenspezifische Zertifikate.

Zurzeit befasse sich eine Arbeitsgruppe des BIBB-Hauptausschusses mit der Einordnung nicht-formal erworbener Qualifikationen im DQR. Die größte Herausforderung dabei sei: Wie passt man die bislang gewährte Zuordnung auf die Spezifika der nicht-formal erworbenen Kompetenzen an, ohne die Qualität des Zuordnungsverfahrens zu gefährden? Bewertungs- und Feststellungsverfahren seien notwendig, die zweierlei leisteten: „Erstens müssen sie die Gleichwertigkeit der vorliegenden mit den angestrebten Abschlüssen überprüfen. Und zweitens müssen sie es ermöglichen, dass Erfahrungslernen und auf informellem Wege erworbene Kompetenzen anerkannt werden.“

Außerdem sei zu überlegen, so der Forschungsdirektor des BIBB abschließend, wie die Potenziale des DQR weiter ausgeschöpft und mit den Verfahren des BQFG synergetisch verknüpfbar seien. Gleiches gelte für die Umsetzung des Anerkennungsgesetzes. Es erscheine möglich, Feststellungsverfahren zu unterstützen oder gar zu beschleunigen, indem man Qualifikationen entsprechenden Rahmen zuordne. „Ich bin sicher: Es ist an der Zeit, die Entwicklungen rund um den DQR mit jenen hinsichtlich des Anerkennungsgesetzes zusammen zu denken.“

Die sich anschließende Paneldiskussion spannte den Bogen von der Umsetzung des deutschen Anerkennungsgesetzes hin zu Rolle und Potentiale der europäischen Transparenzinstrumente und ESCO und Beschäftigungsraum. An ihr nahmen Vertreterinnen und Vertreter der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration, der Mitgliedsstaaten Finnland und Deutschland, Vertreter der Wirtschaft und des Bundesinstituts für Berufsbildung teil (s. Foto)

Anerkennungsverfahren, wie sie im Rahmen der Umsetzung des deutschen Anerkennungsgesetzes entwickelt werden, tragen zum Aufbau der Transparenz über Kompetenzen und Qualifikationen bei. Diese Transparenz bezieht sich nicht nur auf die europäischen Bildungssysteme und Arbeitsmärkte sondern richtet sich auch auf die Notwendigkeit, Qualifikationen und nicht-formal erworbene Lernergebnisse aus Drittstaaten anzuerkennen.

Die Weiterentwicklung der Transparenzinstrumente war ein weiteres Thema der Paneldiskussion. Qualifikationsrahmen sind zwischenzeitlich in den meisten europäischen Mitgliedstaaten entwickelt worden und werden weiter entwickelt. In Finnland wurde der nationale Qualifikationsrahmen auf den bereits vorhandenen Transparenzinstrumenten aufgebaut. In Deutschland war die Entwicklung des Qualifikationsrahmens u.a. Anlass, die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Berufsbildungs- und Hochschulsysteme zu vertiefen, sowie den Lernergebnisansatz weiterzuentwickeln.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt und die Sicherung der Arbeitsmarktrelevanz von Qualifikationen standen im Mittelpunkt des Austausches zu ESCO. Unternehmen und insbesondere KMUs sind bei der Rekrutierung von neuen Mitarbeitern aus dem Ausland auf eine bessere Lesbarkeit von Qualifikationen und den damit verbundenen Lernergebnissen angewiesen. Als arbeitsmarktpolitisches Instrument zur Unterstützung der Arbeitsvermittlungsdienstleistungen des EURES Netzwerkes soll ESCO zur Systematisierung der Lernergebnisbeschreibungen in Europa beitragen. Die europäische Agenda zur Beschäftigungsfähigkeit wird mit den Rigaer Schlussfolgerungen (Juni 2015) zum zentralen Element der europäischen Arbeitsmarkts- und Bildungsmaßnahmen.

Zusammenfassend bestand auf dem Podium ein starkes Interesse, zunächst Synergien zwischen den Transparenzinstrumenten im Spannungsfeld zwischen Arbeitsmarkt und Bildungssystem zu nutzen und nicht neue Instrumente zu entwickeln. Die Arbeitsmärkte in den Mitgliedsstaaten werden unterschiedlich strukturiert bleiben, die Regulierungsdichte im Bildungssystem ebenfalls. Die Arbeit an der Entwicklung und Verbreitung des Lernergebnisansatzes in einer Brückenfunktion sollte fortgesetzt werden. Der Erfolg werde sich an einer verstärkten Zusammenarbeit der Akteure aus Berufsbildung und Arbeitsmarkt erkennen lassen, vor allem aber an der erfolgreichen Vermittlung von Jugendlichen in Arbeitsverhältnissen. In diesem Zusammenhang sollte Beratung und Information zu einer gemeinsam getragenen Aufgabe werden.