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Pressemitteilung

BIBB-Studie belegt: Ausbildung lohnt sich für die Betriebe

39/2002 | Bonn, 17.10.2002

Die eigene Berufsausbildung rechnet sich für Betriebe in hohem Maße - Ausbildung ist eine lohnende Investition in die Zukunft. Werden Nutzen und Kosten der beruflichen Bildung für die Betriebe gegenübergestellt, so ergibt sich klar eine positive Bilanz. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), bei der rund 2500 Ausbildungsbetriebe zu den Kosten der Ausbildung und zu wichtigen Dimensionen des Ausbildungsnutzens befragt wurden.

Zentrale Ergebnisse der Untersuchung:

1. Zu den Ausbildungskosten

Kostenstruktur: Bei der betrieblichen Berufsausbildung fallen im Durchschnitt aller Betriebe im gesamten Bundesgebiet folgende Kosten pro Auszubildenden und Jahr an: Die Personalkosten der Auszubildenden (Ausbildungsvergütungen, Sozialversicherungsbeiträge, tarifliche und freiwillige Sozialleistungen) betragen € 8.269,-. Die Personalkosten für alle an der Ausbildung beteiligten Mitarbeiter (haupt- und nebenberufliche Ausbilder) belaufen sich auf € 5.893,-, die Anlage- und Sachkosten der Ausbildung auf € 545,-. Sonstige Kosten (z.B. für Lehr- und Lernmittel, Prüfungsgebühren, externe Lehrgänge, Ausbildungsverwaltung) entstehen in Höhe von € 1.728,-.

Schaubild 1 
 

  • Brutto- und Nettokosten (Vollkosten): Bei Einbeziehung aller oben genannten Kostenarten (Vollkostenrechnung) liegen die durchschnittlichen Bruttokosten bei € 16.435 pro Auszubildenden und Jahr. In der betrieblichen Ausbildung ist der Auszubildende in der Regel auch produktiv tätig, d.h. er leistet für den Betrieb wirtschaftlich verwertbare Arbeiten. Nach Abzug dieser Ausbildungserträge in Höhe von durchschnittlich € 7.730,- ergeben sich Nettokosten von € 8.705,-.
  • Kostenunterschiede: Zwischen West- und Ostdeutschland bestehen erhebliche Unterschiede in der Kostenhöhe (s. Schaubild 1). Die Bruttokosten (Vollkosten) liegen im Osten um 29 % niedriger als im Westen, die Nettokosten um 32 %. Wesentlicher Grund hierfür ist das unterschiedliche Niveau der Ausbildungsvergütungen sowie der Löhne und Gehälter.
    Auch zwischen den Ausbildungsbereichen gibt es beträchtliche Kostenabweichungen: Die höchsten Bruttokosten weisen Industrie und Handel auf, dicht gefolgt von den Freien Berufen und dem Öffentlichen Dienst. In der Landwirtschaft und im Handwerk liegen die Bruttokosten dagegen deutlich niedriger. Die Ausbildungserträge unterscheiden sich ebenfalls deutlich, so dass sich bei den Nettokosten das Bild verändert: Der Öffentliche Dienst profitiert hier am wenigsten - seine Er-träge durch die produktive Arbeit der Auszubildenden sind relativ gering. Die mit Abstand niedrigsten Nettokosten sind in der Landwirtschaft zu verzeichnen, weil hier die zweithöchsten Erträge erreicht werden.
  • Gesamtkosten: Auf der Grundlage der durchschnittlichen Brutto- und Nettokosten (Vollkosten) lassen sich die Gesamtkosten der Wirtschaft für die betriebliche Berufsausbildung im Jahr 2000 berechnen. Die Bruttokosten betragen demnach für alle Auszubildenden im gesamten Bundesgebiet 27,68 Mrd. €, davon entfallen 23,31 Mrd. € auf West- und 4,37 Mrd. € auf Ostdeutschland. Die Nettokosten erreichen in Deutschland insgesamt 14,66 Mrd. €, im Westen liegen sie bei 12,43 Mrd. €, im Osten bei 2,23 Mrd. €.

    Schaubild 2 
     
  • Kostenentwicklung: Wie sich die Kosten in den vergangenen zehn Jahren entwickelten, kann ausschließlich für die Ausbildungsbereiche Industrie und Handel sowie Handwerk in Westdeutschland aufgezeigt werden, auf die sich die Vorgängeruntersuchung des BIBB von 1991 beschränkte. In Industrie und Handel stiegen die Bruttokosten (Vollkosten) von 1991 bis 2000 um
    17 % an und im Handwerk um 20 % (s. Schaubild 2). Bei den Nettokosten ist in Industrie und Handel ein leichter Rückgang um 1 % zu verzeichnen, der auf eine sehr starke Zunahme der Er-träge um 49 % zurückzuführen ist. Im Handwerk erhöhten sich die Nettokosten dagegen um 27 %, da der Anstieg der Erträge mit 13 % nur relativ gering ausfiel.
    In beiden Ausbildungsbereichen zeigt sich eine sehr geringe Kostensteigerung beim Ausbildungs-personal, die deutlich unter der Lohn- und Gehaltsentwicklung liegt, was auf einen wirtschaftlicheren Einsatz der betrieblichen Ausbilder schließen lässt. In Industrie und Handel weisen die hohen Erträge auf einen deutlichen Wandel im Hinblick auf die Gestaltung der Ausbildung und den produktiven Einsatz der Auszubildenden hin: Während beispielsweise bis vor wenigen Jahren in größeren Industriebetrieben die Ausbildung in der Lehrwerkstatt vorherrschte, wurde die Ausbildung dort in jüngster Zeit mehr und mehr an den betrieblichen Arbeitsplatz zurückverlagert mit der Folge, dass die Auszubildenden stärker in den betrieblichen Arbeitsprozess einbezogen werden.
  • Brutto- und Nettokosten (Teilkosten): Nicht alle bei der Vollkostenbetrachtung einbezogenen Kosten werden durch die Ausbildung zusätzlich verursacht. Insbesondere die Personalkosten der Mitarbeiter, die neben ihren eigentlichen Aufgaben zeitweise auch in der Ausbildung tätig sind (nebenberufliche Ausbilder), fallen auch unabhängig von der Ausbildung an. Werden diese ausbildungsunabhängigen Kostenfaktoren (Teilkostenrechnung) ausgespart, ergeben sich deutlich niedrigere Kosten: So belaufen sich bei der Teilkostenbetrachtung die Bruttokosten auf € 10.178 und die Nettokosten auf € 2.448. Die Teilkosten drücken die durch die Ausbildung entstandene zusätzliche Kostenbelastung der Betriebe aus, während die Vollkosten Aufschluss über den gesamten Ressourcenverbrauch bei der Ausbildung geben.

2. Zu dem Ausbildungsnutzen

Die Durchführung einer Berufsausbildung ist mit vielen Vorteilen verbunden, die ein Ausbildungsbetrieb gegenüber einem nicht ausbildenden Unternehmen hat. Einen wesentlichen Vorteil stellen Einsparungen von Kosten dar, die - bei einem Verzicht auf Ausbildung - bei der Einstellung externer Fachkräfte anfallen würden (s. Schaubild 3). Dieser Nutzen kann beziffert und in Geldgrößen angegeben werden.

Die eingesparten Rekrutierungskosten setzen sich aus folgenden Elementen zusammen:

  • Ausbildungsbetriebe sparen Kosten der Personalgewinnung (Inserierungskosten, Personalaufwand für die Durchführung von Vorstellungsgesprächen und Auswahl der Bewerber). Der Durchschnittswert der Einsparungen über alle Betriebe beträgt € 1.429 pro neu einzustellender Fachkraft.
  • Ausbildende Betriebe sparen vor allem Kosten für die Einarbeitung der über den Arbeitsmarkt angeworbenen Mitarbeiter. Hierfür fallen im Durchschnitt € 3.927 an. Hinzu kommen eingesparte Kosten von € 722 für die Weiterbildung der neuen Mitarbeiter.

Zu berücksichtigen ist, dass einige Betriebe für eine bestimmte Zeit den über den Arbeitsmarkt eingestellten Fachkräften Löhne bzw. Gehälter zahlen, die von denjenigen der im eigenen Betrieb Ausgebildeten abweichen. Dabei kommen niedrigere Löhne für Externe häufiger vor als höhere Löhne. Bezogen auf ein Jahr erhalten externe Fachkräfte im Durchschnitt ein um € 313 niedrigeres Entgelt. Wird dieser Vorteil bei der Einstellung externer Fachkräfte mit den oben genannten Einsparungen verrechnet, die sich bei einer eigenen Ausbildung ergeben, so erhält man einen durchschnittlichen Gesamtwert von € 5.765 an eingesparten Rekrutierungskosten für jede selbst ausgebildete und übernommene Fachkraft. Hinzugefügt werden muss allerdings, dass es in der Höhe der einzusparenden Rekrutierungskosten erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Betrieben gibt.

Zusätzlich zu den in Geldwerten zu beziffernden Ausbildungsvorteilen gibt es weitere wichtige Nutzendimensionen der Ausbildung, die sich allerdings einer genauen Erfassung entziehen:

  • Das Fehlbesetzungsrisiko und die Fluktuation liegen für die im eigenen Betrieb ausgebildeten Fachkräfte deutlich niedriger als bei Einstellungen über den Arbeitsmarkt.
  • Besondere Bedeutung hat auch die Vermeidung von Ausfallkosten, die entstehen, wenn der Fachkräftebedarf nicht gedeckt werden kann und es z.B. zu Produktionsengpässen und daher einem Verzicht auf Aufträge kommt.
  • Auch nach einer Einarbeitung gibt es oft noch Leistungsunterschiede zwischen den im eigenen Betrieb ausgebildeten Fachkräften und den über den Arbeitsmarkt eingestellten. Selbst Ausgebildete verfügen z.B. über einen besseren Einblick in die betrieblichen Arbeitsvorgänge und das betriebliche Produktions- bzw. Dienstleistungsprogramm.
  • Schließlich ist Ausbildung auch ein wesentlicher Faktor zur Verbesserung des betrieblichen Images in der Öffentlichkeit, insbesondere bei Kunden und Lieferanten.

    Schaubild 3

Für eine Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen der Ausbildung sind die Nettokosten nach der Teilkostenrechnung heranzuziehen. Aus dieser Betrachtung ergibt sich, dass den Gesamtkosten in Höhe von € 7.344,-, die bei einer dreijährigen Ausbildungsdauer im Durchschnitt anfallen, ein beachtlicher quantifizierter Nutzen von € 5.765,- gegenübersteht. Werden zusätzlich die nicht in Geldwerten erfassbaren Nutzenaspekte berücksichtigt, wird deutlich, dass die Rekrutierung der Fachkräfte über den Arbeitsmarkt in der Regel teurer ist als die eigene Ausbildung des betrieblichen Fachkräftenachwuchses.

Weitere Ergebnisse der Untersuchung werden in Kürze im Heft 6/2002 der Zeitschrift "Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP)" in zwei Beiträgen veröffentlicht: Günter Walden, Hermann Herget, "Nutzen der betrieblichen Ausbildung für Betriebe - erste Ergebnisse einer empirischen Erhebung"; Ursula Beicht, Günter Walden, "Wirtschaftlichere Durchführung der Berufsausbildung - Untersuchungsergebnisse zu den Ausbildungskosten der Betriebe". Das Heft 6/2002 der BWP erscheint voraussichtlich Ende November / Anfang Dezember und ist zum Preis von € 7,60 zu beziehen beim W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG, Postfach
10 06 33, 33506 Bielefeld, Tel. 0521/911 01-11, Fax: 0521/911 01-19, E-mail: service@wbv.de

Auskünfte zu der Untersuchung erteilen im BIBB Dr. Günter Walten (Email: walden@bibb.de, Ursula Beicht (Email: beicht@bibb.de) und Hermann Herget (herget@bibb.de)