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Deutsche und US-amerikanische Berufsbildungsexpert*innen im Austausch zu den Auswirkungen von COVID-19

Angestoßen durch die internationale GOVET-Umfrage zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Berufsbildung und Arbeitsmarkt initiierte das US-Arbeitsministerium einen digitalen Round Table zum Thema. BIBB-Forschungsdirektor Prof. Hubert Ertl eröffnete diesen ersten fundierten Fachaustausch mit einem umfassenden Blick auf die ernste Lage in Deutschland.

Deutsche und US-amerikanische Berufsbildungsexpert*innen im Austausch zu den Auswirkungen von COVID-19

Im Fokus des Web-Austauschs standen die Themen Ausbildung, Arbeitsmarkt, Jugendbeschäftigung und Weiterbildung. Die beteiligten Kolleginnen und Kollegen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des US-amerikanischen Arbeitsministeriums (DOL) mit institutionellem Umfeld zogen in ihren Fachbeiträgen durchaus besorgniserregende Zwischenbilanz: In beiden Ländern hat die durch COVID-19 bedingte Krise in der Zeit von März bis Mai 2020 massive Folgen für Beschäftigung und Ausbildung gezeigt. Für die deutsche Perspektive beschrieben Prof. Ertl, Barbara Hemkes, Arbeitsbereichsleiterin „Initiativen für die Berufsbildung“, Arbeitsmarktexperte aus der Forschungsabteilung Tobias Maier und Michael Schulte von der „Initiative Bildungsketten und Übergänge“ im BIBB die Ist-Situation. Daneben stellten sie Maßnahmen und Instrumente vor, die teilweise als feste Bestandteile des deutschen Bildungssystems, teilweise auch als akut initiierte Reaktionen auf die Corona-Krise Schäden abmildern konnten. Dennoch, mit Blick auf die rückläufige Entwicklung der Ausbildungszahlen der letzten Jahre gilt in Krisenzeiten der Gesamtentwicklung der dualen Ausbildung besondere Sorge. Erfahrungen in Deutschland zeigen, dass junge Menschen ihre Berufskarriere durch die unsicheren Ausbildungsrahmenbedingungen tendenziell stärker an akademischen Alternativen ausrichten. Der „Corona-Effekt“ könnte sich nachhaltig in der Fachkräftesicherung bemerkbar machen.

Die deutsche Berufsbildung unter Corona

Schätzungen gehen etwa von einem zehnprozentigen Rückgang in den Auszubildendenzahlen aus – abhängig davon, wie gravierend der Einbruch der Wirtschaft sich entwickeln wird. Deutsche Jugendliche beim Übergang in den Ausbildungsmarkt konnten schnell auf virtuelle Klassen, Online Job-Interview-Trainings und Lernplattformen zurückgreifen. Im Bereich der Weiterbildung zeigt sich, dass Anbieter dann erfolgreich auf den rasant gestiegenen Bedarf reagieren konnten und können, wenn sie sich im Vorfeld schon digital aufgestellt haben. Etwa ein Drittel der Unternehmen nutzte die Corona bedingten Ausfälle für Weiterbildungsaktivitäten. Hilfreich zum Erfolg der Maßnahmen erweist sich eine ressortübergreifende Zusammenarbeit, z.B. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Bundesarbeits- und Sozialministerium (BMAS) und der Bundesländer, wie im Fall der Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung oder der Bildungsketten und Plattformen wie dem Portal www.ueberaus.de.

Massive Einschnitte auch in den USA

Die US-amerikanische Arbeitsmarkt-Situation zeigt ebenfalls massive Einschnitte von rund drei Prozent Arbeitslosigkeit auf über 13 Prozent innerhalb von wenigen Monaten. In allen Berufsfeldern verzeichnet der Arbeitsmarkt einen abrupten Einbruch der Beschäftigtenzahlen seit März; im Freizeit- und Gastronomie-Gewerbe fielen die Zahlen sogar unter den Stand von 1990. Die meisten Arbeitssuchenden sind in Kalifornien, Texas, Georgia und New York zu verzeichnen, landesweit sind es rund 23 Millionen. Besonders die Bereiche Hotelgewerbe und Dienstleistungen sowie Produktion langlebiger Produkte sind auch weiterhin stark betroffen.

Alle US Kolleg*innen waren sich einig, dass duale und praktisch ausgelegte Ausbildung zur Überwindung der Arbeitsmarkteffekte von COVID19 beitragen können. Diese in den USA sogenannten „Apprenticeship-Modelle“ basieren auf zertifizierten Trainingskursen, die eine unabhängige dritte Stelle qualitätssichert (SRE). Die staatliche Administration unterstützt die Umsetzung der Modelle mit mehreren Hundert Millionen Dollar und sucht gleichzeitig neue Modelle der Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten Organisationen. Ziel ist es, mehr bisher ausgegrenzte junge Erwachsene in Ausbildung zu bringen. Die fachliche Berufsbildung wurde unter großer Anstrengung von allen Beteiligten flexibel und meist weniger bürokratisch weitergeführt. In kleineren Gruppen arbeiten Teilnehmende in Werkstätten, die Theorie wird über über Onlinetools vermittelt. Hierzu wurden Zugänge zu Computern, Tablets und schnellem Internet operativ ermöglicht. Tausende von Jugendlichen zwischen 16 bis 24 Jahren finden mit dem YouthBuild-Programm in 43 Staaten praktische Ausbildungsmöglichkeiten, die den qualifizierten Übergang von der Highschool in den Arbeitsmarkt in nachgefragte Berufe unterstützen.

Abschließend herrschte Einigkeit darüber, dass die gemeinsame Betrachtung der Erfahrungen und Wirksamkeit von Maßnahmen zur Bewältigung der Krise, wichtige Impulse für die Politik geben kann. In diesem Sinne resümierten die Teilnehmenden, dass mit dem virtuellen Round Table der Anfang eines fortzusetzenden aktiven Dialogs ist gemacht ist.