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Qualifizierung für morgen – Lernen von China

Im südchinesischen Zhongshan Ausbildungszentrum wird seit Sommer 2017 in den Bereichen Industriemechanik und Mechatronik ausgebildet.© Hannelore Kress / GOVET

Beim Thema Digitalisierung kann Deutschland von China lernen. Auf Initiative von GOVET besuchten Berufsbildungsexperten Peking und Chinas Süden. Sie sprachen mit Bildungsanbietern und Unternehmen unter anderem darüber, wie berufliche Aus- und Weiterbildung der wachsenden Digitalisierung begegnet.

Das chinesische Konzept „Internet 2025“ ist das Pendant zum deutschen Ansatz „Wirtschaft 4.0“. Chinesische Privatfirmen haben den Wettbewerbsdruck im Bereich E-Commerce und Smart Services erhöht und produzieren intelligente, individuelle Hardware. Onlineshop-Konzepte werden gefördert, um für Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen Anreize zu schaffen, in ländliche Regionen zurückzukehren.

Seit 2014 gibt es eine „Breitband China Strategie“. China nimmt hinter den USA den zweiten Platz in Bezug auf Cloud- und Internet-Datenzentren ein. Über eine Milliarde Menschen nutzen das Internet, der E-Commerce zeigt ein starkes Wachstum. Vier chinesische Internetfirmen finden sich unter den weltweiten Top 10. Zu den Hauptthemen gehören Smart Cities, Infrastructure, Smart Home/IoT, Energy Efficiency und Medizin und Gesundheit/Versicherungen´.

Duale Berufsbildung genießt in China einen sehr guten Ruf. Jedes Jahr besuchen einige chinesische Delegationen das Bundesinstitut für Berufsbildung und informieren sich über duale Berufsausbildung in Deutschland. Der Blick der deutschen und internationalen Berufsbildung richtet sich aber auch gen Osten, auf das Reich der Mitte. Denn insbesondere, wenn es um das Thema Digitalisierung geht, kann Deutschland von China lernen. So besuchte erstmals eine Expertengruppe auf Initiative von GOVET eine Woche lang Peking und den Süden Chinas. Führende Vertreter aus dem Bereich „Arbeit 4.0“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, des digitalen Kompetenzzentrums Koblenz sowie Wissenschaftler aus den Bereichen Arbeits- und Ingenieurswissenschaften und Gesundheit wollten Antworten auf folgende Fragen finden:

Wie reagieren chinesische Unternehmen und Verwaltungen auf Herausforderungen, vor denen die Berufsbildung steht? Welche Lösungen haben sie, um dem steigenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Wie halten sie Schritt mit den Technologiesprüngen? Wie findet die Qualitätssicherung in den zigtausenden Online-Shops und im explodierenden E-Commerce statt?

Und wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Aus- und Weiterbildung aus? Welche Kompetenzen sind es, die die chinesische Wirtschaft braucht, um wachsen zu können?

Die Reise begann in Peking mit dem Besuch des Bildungszentrums für Maschinenbau. Der Direktor des Zentrums, Chen Xiaoming, beschrieb das Hauptproblem, mit dem der Maschinenbau konfrontiert ist: Trotz sehr guter Verdienstmöglichkeiten sähen viele junge Menschen ihre berufliche Perspektive nicht in der Produktion, der Verarbeitung oder Schweißtechnologie. Lieber gründeten viele einen Online-Shop. Dieser Trend stehe der Steigerung der Wertschöpfung im Land entgegen, der Innovationsfähigkeit und dem Anspruch „smart“, grün und dienstleistungsorientiert arbeiten zu wollen. Die chinesische Wirtschaft müsse somit dringend Änderungen im Bildungsbereich einführen: Ideenmanagement, Verbesserung der Produktionsfaktoren und Arbeitsbedingungen sowie Kompetenzförderung in den Bereichen Sprache, Kommunikation, Technik, Berufsethik. Zudem müsse bei den Jugendlichen der Ehrgeiz geweckt werden, ein Experte seines Fachgebietes zu sein.

China arbeite bereits an der Mobilisierung von Potentialen junger Menschen. Vorreiter seien bereits chinesische Unternehmen im Schiffbau, solche im Bau von Hochgeschwindigkeitszügen sowie Unternehmen in der Chemie, der Verarbeitung von Materialien und Metall sowie in der Halbleitertechnik.
Der Direktor führte weiter aus, dass man seit dem Jahr 2000 in China von der betrieblichen Ausbildung weggegangen sei und nun auf die Zusammenarbeit zwischen Produktion, Lehre und Forschung nach anglo-sächsischem Vorbild setze. Training on the job also.

In der Diskussion wurde klar, dass ein Dialog im Sektor zu Standards oder Aus- und Weiterbildung nicht stattfindet. Vielmehr funktioniere eine staatliche Förderung über die Vorbildfunktion, über ein Ranking der Unternehmen und Schulen, bei dem die führenden Vertreter mit Projektmitteln belohnt würden. So gebe es bereits ein großes Kursangebot zur innerbetrieblichen Weiterbildung.

Auf die Frage, was die Fachkraft von „morgen“ mitbringen müsse, lautete die Antwort „Beruflichkeit, Lernfähigkeit und -willigkeit, logisches Denken, Analyse- und Problemlösungsfähigkeit, zudem Freude bei der Arbeit und eine enge Fachqualifikation“.

Die nächste Station war das das “Talent Exchange Center”. Das Zentrum untersteht dem chinesischen Ministry of Industry and IT und kümmert sich vornehmlich darum, Bildung im Bereich IT und Exzellenz klein- und mittelständischer Unternehmen zu fördern, die im sogenannten „smart manufacturing“ (dt. intelligente Fertigung) tätig sind. Das Talent Exchange Center arbeitete bereits mit 1.000 herausragenden Unternehmen zusammen und zählt derzeit etwa 6.000 Alumni. Der stellvertretende Direktor, Chen Xin, skizzierte seine Zielgruppe als jung, energisch und marktaffin. Die Unternehmen, mit denen er zusammenarbeite, würden sich eng an den Bedarfen der Industrie orientieren. Im „smart manufacturing“ sei es wichtig, anstelle von Quantität auf Qualität beim Training von Fachkräften zu setzen. Das Training in den technischen Berufen sei für Hochschulabgänger Priorität Nummer 1. Es gebe bereits 23 Entwicklungslinien, an denen sich gute Aus- und Weiterbildung entwickeln könne, z.B. im Schwermaschinenbau, Transport und Raumfahrt.

Nach einem Forum zum Thema „4.0“ in Peking an der deutschen Botschaft ging es in den Süden, der Werkstatt Chinas, Guangdong. Dort besuchte die Delegation mehrere Unternehmen und informierte sich darüber, wie diese ihre Fachkräfte aus- und weiterbilden. (Zu Eindrücken aus den Unternehmensbesuchen siehe unten).

Der deutsch-chinesische Austausch brachte den deutschen Berufsbildungsexperten Antworten auf einige ihrer Ausgangsfragen. Es wurde einmal mehr deutlich, dass China – ähnlich wie Deutschland – mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen hat. Die Gespräche in den Unternehmen zeigten jedoch, dass chinesische Firmen andere Lösungsansätze haben. Sie setzen eher auf pragmatische innerbetriebliche Lösungen und sehen kaum die Notwendigkeit zu einer Zusammenarbeit mit der öffentlichen Berufsbildung. So werden Neuerungen im Bereich Digitalisierung mit „Training-on-the-job“-Maßnahmen aufgefangen und den Fachkräften in den Produktionsabläufen vermittelt. Die Dynamik der technischen Entwicklung ist in China atemberaubend. Bisher ist allerdings nicht zu erkennen, wie sich dies auf Lehre und Ausbildung auswirkt.

Der Anfang des Dialogs zu einem aktuellen Thema über die Qualifikationen von morgen und Lernen von China ist gemacht. Im Rahmen der China-Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung soll die Chinaexpertise nicht nur von Forscherinnen und Forschern erhöht werden, sondern auch von Fachleuten, die sich mit der Aus- und Weiterbildung beschäftigen. So soll sich perspektivisch ein deutsch-chinesisches Dialogforum zur Innovation im Bereich Produktion/Dienstleistung auf Fachkräfte-Niveau entwickeln. Hierzu findet in den nächsten Monaten ein Workshop an der RWTH in Aachen statt.

Ein Blick in die chinesische Berufsbildungspraxis

Der Pharmakonzern Xiangxue Pharmaceutical Co. Ltd (XPH) setzt auf betriebsinterne Ausbildung. Neue Mitarbeiter durchlaufen eine Schulung, bevor sie dann in die Geschäfts- und Produktionsabläufe integriert werden.© Hannelore Kress / GOVET

In Guangzhou in der Provinz Guangdong konnte die Delegation das erste chinesische Unternehmen, Xiangxue Pharmaceutical Co. Ltd (XPH) besuchen. Es geht um die Produktion von smarter traditioneller chinesischer Medizin (TCM). 30 Mitarbeitende schaffen dank intelligenter Technologie 2.000 individualisierte Rezepte pro Tag. Es dauert rund 2 Stunden von der Verschreibung durch den Arzt oder die Ärztin bis zum fertigen Produkt, das dem Patienten nach Hause geliefert wird. Mit Hilfe eines komplexen Datenmanagements wird die Qualität dieser patientenzentrierten Präzisionsmedizin eng geprüft und nachverfolgt. Die meisten Mitarbeiter von XPH haben einen Master of Traditional Chinese Medicine (TCM), IT oder Gesundheit. Bevor sie ihre Arbeit bei XPH aufnehmen, werden sie zwei Wochen für die Arbeit trainiert und dann in die Geschäfts- und Produktionsabläufe integriert. XPH wurde vom Forbes-Magazin China 2017 unter den Top 5 der innovativen Unternehmen geführt.

Weiter ging es zum führenden Granulat-Hersteller Kingfa, der auch in Deutschland aktiv und u.a. für BMW tätig ist. Auch bei Kingfa arbeiten vornehmlich Universitätsabsolventen, die sich über gute Noten für einen Posten qualifizieren – allerdings hätten diese, so einer der leitenden Ingenieure, Dong Li, Schwierigkeiten, sich an die Arbeitsprozesse zu gewöhnen. Sie erhielten praktische Trainingseinheiten, erklärte Dong Li. Das Unternehmen strebt einen höheren Automatisierungsgrad an, um weiterhin verstärkt individualisierte Produkte anbieten zu können und auf umweltgerechte Materialien setzen zu können.

Guangzhou Zhiguang Smart Energy Co., Ltd, ist in China der führende Windanlagen- und Solarbauer.© Hannelore Kress / GOVET

Große Datenmengen sind auch beim führenden Windanlagen- und Solarbauer Guangzhou Zhiguang Smart Energy Co., Ltd ein Thema. Aufgearbeitet und analysiert werden diese aber ausschließlich von Ingenieuren. Die entlegenen Windanlagen werden zentral von einem Stand aus betrieben. Tritt ein Fehler auf, wird dies der Zentrale gemeldet und die Anwohner in den Regionen werden geschult, um die Instandsetzung durchzuführen. Einfache Arbeiter und Arbeiterinnen werden vom Unternehmen kaum rekrutiert.

Im südchinesischen Zhongshan Ausbildungszentrum sieht die Ausbildung ganz anders aus. Seit  Sommer 2017 wird dort in Zusammenarbeit mit der Außenhandelskammer Shanghai in den Bereich Industriemechanik und Mechatronik ausgebildet. Die Ausbildung erfolgt in enger Abstimmung mit den örtlichen Behörden und der Industrie.

Der Weltmarktführer in der Herstellung von Gesichtserkennungskameras Union Optech Co. Ltd führt rund 1.000 Trainings für seine Angestellten durch und lässt ein großes Maß an Durchlässigkeit in der Personalstruktur zu. Mehr setzt das Management dennoch auf Forschung und Entwicklung. So produziert die Firma einen vertikalen Laser-Beamer für Fernsehübertragungen, der kurz vor der Markteinführung steht.

Han´s Laser in Shenzhen ist eines der führenden Unternehmen in der Lasertechnologie.© Hannelore Kress / GOVET

Auch die Firma Han´s Laser in Shenzhen gehört mit ihren Laserproduktion zur Weltspitze. Die Lasertechnologie reicht von abrasiven bis zu neuen additiven Lösungen. Der General Manager der Smart Equipment Group, Chen Yan, berichtet, in seinem Unternehmen gehe es darum, dass sich jeder Mitarbeiter bestmöglich einbringe. Die Angestellten würden regelmäßig getestet und dann gegebenenfalls im Betrieb anders eingesetzt. Wer sich stetig weiterqualifiziere, könne sich bei Han´s Laser in Shenzhen weiterentwickeln. Er selbst sei ein gutes Beispiel für die betriebsinterne Durchlässigkeit, da er als einfacher Ingenieur angefangen habe. Die Fluktuation seiner Belegschaft sei gering. Han´s Laser qualifiziert seine Mitarbeiter betriebsintern und plane keine Kooperationen mit anderen Marktteilnehmern im Aus- und Weiterbildungsbereich.