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2013 - Ein erfolgreiches Jahr in der Deutsch-Russischen Berufsbildungskooperation

Nicht nur die deutschen Unternehmen (Bosch, Knauf, VW, Daimler, Schäffler etc.) in Russland, sondern auch örtliche Konzerne und Betriebe leiden zunehmend unter Fachkräftemangel. Rund 70% der russischen Schulabgänger eines Jahrgangs streben eine akademische Karriere an, nur 30% ziehen eine berufliche Ausbildung in Erwägung, obwohl hier die Einkommens- und Entwicklungschancen weit größer sind. Ansätze zur Durchlässigkeit in der Aus- und Weiterbildung sind bekannt und werden teilweise, allerdings noch nicht systemisch, an technischen Universitäten eingeführt. Elemente dualer Ausbildung gibt es in Russland verstärkt in der Region Kaluga, wo Firmen wie VW und Kalibrix, Knauf, Festo und Siemens an mehreren Standorten, aber auch in Nishni Nowgorod oder Jekaterinburg, Elemente der dualen Ausbildung vorantreiben. Russische Firmen wie in Magnetogorsk, Pervourlask oder Lipitz haben ebenfalls Ansätze der dualen Ausbildung in firmeneigene Ausbildungsstätten integriert. Sie beklagen allerdings die hohen Kosten. Dem Fachkräftemangel soll nun durch Einführung dualer Strukturen nach deutschem Vorbild entgegengewirkt werden. Als zentrales Problem wurden das niedrige Qualifikationsniveau des Ausbildungspersonals sowie fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten identifiziert.

Seit dem Jahr 2011 existiert ein Kooperationsabkommen zwischen dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und dem Föderalen Institut für die Entwicklung der Bildung (FIRO) in Moskau. Das FIRO ist ein "Think Tank", ein Zentrum für allgemeine Bildungsfragen und Fragen der wissenschaftlichen und beruflichen Aus- und Weiterbildung. Es untersteht dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation (MON). Zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem russischen MON besteht seit November 2012 ein Memorandum of Understanding (MOU) mit der festgeschriebenen Absicht, die Einführung dualer Elemente der Berufsbildung nach deutschem Vorbild zu unterstützen. Um das MOU auch mit Leben zu erfüllen, reiste bereits Ende 2012 eine hochrangige Delegation, unter Leitung der Hauptabteilungsleiterin "Aus- und Weiterbildung von Fachkräften" des MON, Natalia Zolotareva, nach Bonn, um sich unter anderem über Qualitätssicherung von Berufsbildungspersonal und überbetriebliche Aus- und Weiterbildungszentren zu informieren. Als die drei Schwerpunktthemen in der Kooperation kristallisierten sich die Themen Berufsbildungspersonal, Berufsbilder und Überbetriebliche Aus- und Weiterbildungsstätten (ÜBS) heraus.

Qualität des Berufsbildungspersonals

"Weiterbildungstraining von Berufsbildungspersonal" nennt sich das Projekt, das das BIBB und das FIRO gemeinsames entwickelten. Ziel ist die systemische Einführung eines einheitlichen Qualifizierungsprogramms mit Schwerpunkt: Methodik und Didaktik für die Fachlehrerinnen und Fachlehrer in russischen Berufsschulen.

Meilenstein des Projektes im Jahr 2013 war die Erarbeitung eines Rahmenlehrplans, der die russische Rechtslage berücksichtigt sowie den Bildungs- und Arbeitsmarktmechanismen entsprechen. Der bereits vorliegende Entwurf wird Anfang 2014 von einer deutschen Firma, die in Russland ausbildet, evaluiert und gegebenenfalls angepasst. Flankierend fanden interaktive Workshops in Kislavodsk/Nordkaukasus und in der Berufsbildungsstätte der Berliner Handwerkskammer in Bernau in enger Kooperation mit dem Partnerinstitut FIRO statt. Hervorzuheben ist eine Pilot-Studienreise für russisches Berufsbildungspersonal zum Thema "handlungsorientiert Ausbilden". Insgesamt 15 Berufsbildungsfachkräfte - mehrheitlich Direktorinnen und Direktoren von führenden russischen Berufscolleges - erlebten in Kleingruppen den Alltag von Ausbilderinnen und Ausbildern in den Gewerken Bau, Mechatronik und Kaufleute. Weiterhin nahmen sie an einer simulierten Prüfung gemäß der deutschen "AEVO" (Ausbildereignungsverordnung) unter den Augen der Prüfungsausschussvorsitzenden der Handwerkskammer Berlin teil. Insgesamt wurden 2013 in den Workshops 60 russische Fachleute zu Multiplikatoren ausgebildet. Sie werden zukünftig eng in die gemeinsamen deutsch-russischen Aktivitäten einbezogen.

Eine Onlinebefragung der Zielgruppe "Berufsbildungspersonal" zur Einschätzung der betroffenen Fachkräfte diente der passgenauen Konzeption der Maßnahmen. Von den rund 280 befragten Fachkräften führten beispielsweise über 80% auf die Frage, welche Aspekte den Befragten besonders an ihrer Ausbildungstätigkeit gefalle, "die Freude an der Arbeit mit jungen Menschen" und "Teamarbeit" an. Die meisten sehen sich in der Rolle eines Beratenden. Die Befragten bestätigten, dass die beherrschenden Unterrichtsformen Frontalunterricht und Gruppenarbeit sind. Das dazu notwendige Material wird weitgehend elektronisch recherchiert. Für ihre eigene Weiterbildung bevorzugen die Fachkräfte Projektarbeit und Interaktivität. Letztere spielt allerdings später bei der Lehrtätigkeit noch keine signifikante Rolle. Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich für die Ausbildung der Jugendlichen eine bessere Ausstattung und modernes Lehrmaterial. Ein recht vernehmbares Signal an die Bildungspolitik ist die Aussage, dass fast die Hälfte des Ausbildungspersonals auch eine größere Flexibilität in den vorgegebenen Standards der beruflichen Bildung wünscht.

Die Mehrheit der Teilnehmenden begrüßt die Erweiterung der praktischen Anteile der Ausbildung; sieht jedoch das Verhältnis zu den örtlichen Firmen noch nicht so gefestigt, dass die Praxisphasen über "kürzere Praktika" hinausgehen können. Die Auszubildenden werden von den Firmen noch zu häufig als "Belastung" in den Arbeitsabläufen gesehen. Zudem muss geklärt werden, welche Schulfächer zugunsten der Lernphasen an der "Arbeitsstätte" reduziert oder ersetzt werden können. Hier gestalten die russischen Partner Pilotprojekte, die vom BIBB und der Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation begleitet werden.

Um die Ergebnisse der durchgeführten Trainings landesweit zu kommunizieren, hat sich die russische Seite entschlossen, den Mechanismus eines "Ausbilderportals" nach dem Vorbild von "foraus.de" zu nutzen, und ein eigenes Internetangebot aufzubauen. So wurden bereits sieben Lernmodule aus dem Bereich des "handlungsorientierten Ausbildens" von den Kolleginnen und Kollegen des FIRO ausgewählt und ins Russische übersetzt. Sie werden neben einem fachkommentierten Glossar für "Berufsbildungspersonal" Anfang 2014 online der russischsprachigen Fachöffentlichkeit zugänglich sein. Der Launch des Portals ist 2014 sicherlich ein Highlight der Zusammenarbeit.

Entwicklung von Berufsbildern

Der Schlüssel zur Steigerung der Qualität in der beruflichen Bildung liegt in der konsequenten Weiterbildung des Fachpersonals, lautet das Fazit nach den praktischen Trainings zum Thema "handlungsorientierte Ausbildung". Neben der Vertiefung von methodischen und pädagogischen Fähigkeiten sind das Zusammenwirken mit dem privaten Sektor vor Ort, die bessere Kenntnis des Arbeitsmarktes und die Perspektiven in den jeweiligen Berufen wichtige Elemente. Um dies zu erreichen, müssen Berufsbilder neu definiert, geordnet und deren Attraktivität den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen und deren Eltern vermittelt werden.

Deshalb steht nunmehr die Reform von verschiedenen Berufsbildern im Vordergrund. Dabei müssen nicht nur betriebliche Ausbildungspläne adaptiert, sondern auch die schulischen Bildungspläne abgestimmt werden.
In den vergangenen zwölf Monaten wurden intensive Gespräche mit den Partnern geführt, wie innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen eine Dynamik in die Überarbeitung von Berufsbildern gebracht werden kann. Deutsche Unternehmen wie u.a. Volkswagen, haben bereits einen Vorschlag zum Rahmenplan "KfZ-Mechatroniker" vorgelegt. Das BIBB und die Zentralstelle beraten die Partner in diesem Reformprozess.
2014 bilden die Firmen KCA Deutag in Tymen "Logistikfachleute" und Berlin Chemie "Pharmakanten" angelehnt an das deutsche Vorbild aus. Ähnliche Schritte gehen bereits die Firmen "Knauf" (Trocken- und Innenausbau) und "Kalibrix" (Industriemechanik). Die Firma DULA, einer der Weltmarktführer im Bereich "Ladenbau", möchte, als in Russland produzierender Betrieb, die Neuordnung des Tischlers unterstützen und arbeitet entsprechend mit dem BIBB, der Zentralstelle und dem FIRO zusammen. Hier ist ein kleines Netzwerk von Weiterbildungsanbietern, Firmen und Institutionen sowohl auf deutscher wie auf russischer Seite entstanden, das es zu pflegen und zu entwickeln gilt.

Aufbau von Überbetrieblichen Aus- und Weiterbildungsstätten (ÜBS)

Der Aufbau und das Management von ÜBS waren im Jahr 2013 das dritte Schwerpunktthema in der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Derzeit gilt es zu klären, unter welchem Management und mit welcher Finanzierung entsprechende Institutionen aufgebaut werden können. In Russland existieren vereinzelt bereits Zentren, die in Teilen den Lernort Betrieb simulieren. Diese Zentren, die auch als Netzwerke arbeiten sollen, nehmen teilweise auch Aufträge aus dem Privatsektor an und beziehen die Auszubildenden in die Produktion mit ein. Ein Hauptproblem der Zentren besteht darin, den Mittelstand für ein Engagement in der beruflichen Bildung zu gewinnen, da dieser die fehlenden Anreize, zum Beispiel in der Steuergesetzgebung, moniert. Große Konzerne verfügen zumeist über eigene Betriebsausbildungsstätten, so dass sie bei diesem Thema weniger im Fokus stehen. In der Regel mangelt es nicht an finanziellen Ressourcen, die die regionale Verwaltung zur Verfügung stellt, sondern an der Ausbildung des dort tätigen Personals, an der Kostenstruktur der angebotenen Kurse und dem Ansehen der beruflichen Bildung in Russland.
Zur Unterstützung im Bereich ÜBS ist die Leipziger Handwerkskammer eine Partnerschaft mit ihrem Kompetenzzentrum und dem Aus- und Weiterbildungszentrum Gregorievsk im Nordkaukasus eingegangen. Die Absichtserklärung wurde während der WorldSkills im Juli 2013 in Leipzig unterschrieben und basiert auf Informations- und Kommunikationsaustausch. Hier standen das BIBB und die Zentralstelle Pate und organisierten im Rahmen der Unterzeichnung einen "Runden Tisch" mit führenden deutschen Unternehmen wie Deutsche Bahn, Daimler/Trucks, Real, DLGI (Dienstleistungsgesellschaft für Informatik) und Partnern aus dem iMOVE Netzwerk. Die russische Seite präsentierte Schülerwettbewerbe als Werbung für technische Berufe, die russischen World Skills und Beispiele dualisierter Strukturen aus Berufsschulen. Die Veranstaltung bot den Rahmen für einen intensiven Dialog, wie sich dualisierte Strukturen in die verschiedenen Institutionen der beruflichen Bildung integrieren lassen. Die Diskussion wurde zusätzlich durch Vorträge und Publikationen angereichert.
So haben sich das BIBB und die Zentralstelle intensiv an den Themen "Berufsorientierung", "Kosten-Nutzen" und "Struktur der dualen Aus- und Weiterbildung" beteiligt. In einem Kompendium von Fachbeiträgen des FIRO zur "Berufsorientierung" wurde ein Artikel der Zentralstelle veröffentlicht.
Wichtig bei der Durchführung der Aktivitäten ist die Abstimmung mit den politischen Partnern, d.h. zwischen dem BMBF und dem russischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium. Hierzu dienen die regelmäßigen Sitzungen der Arbeitsgruppe. So fand die 7. Sitzung in Moskau Ende November statt und die 8. Sitzung ist für Juni 2014 in Berlin geplant.

Die russische Seite zeigt auch weiterhin lebhaftes Interesse ergebnisorientiert zu arbeiten. Für dieses Jahr plant die Zentralstelle die begonnen Projekte fortzuführen und die Zusammenarbeit mit der AHK Russland zu intensivieren, insbesondere im Bereich "Prüfung".