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Die Bedeutung der Bildungssektoren in den Bundesländern stellt sich unterschiedlich dar: In den Sektoren „Berufsausbildung“ und „Integration in Berufsausbildung (Übergangsbereich)“ zeigen sich z. B. deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland Schaubild A6.2-1. So beträgt der Anteil des Sektors „Berufsausbildung“ am Ausbildungeschehen im Osten rund 39,1 %, während er im Westen bei rund 35,1 % liegt. Die niedrigsten Werte verzeichnet das Land Baden-Württemberg (30,9 %), die höchsten Werte das Land Sachsen-Anhalt (45,0 %). Auch der Übergangsbereich zeigt eine große Varianz zwischen den einzelnen Bundesländern mit einem generellen Unterschied von Ost und West: Der Anteil des Übergangsbereichs ist im Westen (13,7 %) stärker ausgeprägt als im Osten (7,8 %). Den höchsten Wert erreicht Schleswig-Holstein (19,5 %), den niedrigsten Brandenburg (6,9 %).

Wie bedeutsam die Bildungssektoren und Konten im jeweiligen Land sind, hängt insbesondere vom Umgang mit der Ausbildungsplatzsituation, der demografischen Entwicklung sowie der Lage am Arbeitsmarkt ab.

So können die im Schaubild A6.2-1 deutlich hervortretenden Ost-West-Unterschiede zum Teil auf den unterschiedlichen „institutionellen Umgang“ mit erfolglosen Ausbildungsplatzbewerbern (Eberhard/Ulrich 2011) zurückgeführt werden: Jugendliche, die in der dualen Ausbildung keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, münden in Ostdeutschland vor allem in vollqualifizierende schulische (insbesondere in sogenannte „Assistentenberufe“, vgl. Kapitel A5) oder außerbetriebliche Berufsausbildungen ein; sie werden entsprechend im Sektor „Berufsausbildung“ gezählt. Betrachtet man den Übergangsbereich in den einzelnen Bundesländern genauer, so finden sich auch innerhalb desselben Sektors beträchtliche Unterschiede in der Angebotspalette: So wird beispielsweise das Berufsgrundbildungsjahr nur in rund der Hälfte der Länder angeboten; Pflichtpraktika vor der Erzieherausbildung an beruflichen Schulen sind nur in 2 Bundesländern etabliert. Lediglich die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) finanzierten Maßnahmen (BvB, EQ) werden in allen 16 Bundesländern angeboten (vgl. Dionisius/Lissek/Schier 2011, S. 5).

Ein Teil der Ost-West-Unterschiede kann auf die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen zurückgeführt werden: Die verringerten Schülerzahlen aufgrund zurückgegangener Geburten in den 1990er-Jahren führten zu einer stärkeren Entlastung der Ausbildungsnachfrage in den neuen Bundesländern als in den alten Bundesländern. So verzeichneten die neuen Bundesländer zwischen 2005 und 2012 rund 50 % weniger Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren; im gleichen Zeitraum ist die Anzahl der Jugendlichen im Westen nur um rund 8 % gesunken. Den stärksten Rückgang gab es in MecklenburgVorpommern (-58 %), die schwächsten Rückgänge in Hamburg und Niedersachsen (-3,5 %).

Auch die Lage am Arbeitsmarkt bestimmt die Bedeutung der Bildungssektoren: In Ländern mit guter Beschäftigungslage münden überdurchschnittlich viele Jugendliche in duale Berufsausbildung ein (vgl. Kapitel A2). Dies gilt auch für die Stadtstaaten. Allerdings steigt bei den Ländern mit einem überdurchschnittlich günstigen und aussichtsreichen Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen auch die Zahl der Einpendler. So ist zum Beispiel in ländlichen Regionen mit geringer Einwohnerdichte eine ausgeprägte Bereitschaft zur regionalen Mobilität zu erkennen.178 Unter Druck geraten in diesem Fall besonders ansässige Schulabgänger/-innen, die sich – trotz günstigen Ausbildungsplatzangebots – mit einer starken Konkurrenz auseinandersetzen müssen. Die schulischen Bildungsangebote sind hingegen eher beschäftigungsunabhängig.

Dass bei der Interpretation der Daten immer die landesspezifischen Besonderheiten berücksichtigt werden müssen, verdeutlicht folgendes Beispiel:
Das Land Baden-Württemberg verzeichnet einen relativ hohen Anteil von Anfängern/Anfängerinnen im Übergangsbereich (18,2 %). Auf Basis dieser Daten könnte vermutet werden, dass ausbildungsinteressierte Jugendliche in Baden-Württemberg entweder zu großen Teilen als nicht „ausbildungsreif“ eingestuft werden oder als sogenannte „Marktbenachteiligte“ in den Übergangsbereich gedrängt werden. Die wirtschaftliche Situation des Landes sowie die Einmündungsquote der ausbildungsinteressierten Jugendlichen (EQI) in die duale Berufsausbildung war 2012 in Baden-Württemberg jedoch besser als im Bundesdurchschnitt. Eine Erklärung für diese widersprüchlichen Daten findet sich unter anderem in den Besonderheiten der baden-württembergischen Ausbildungstradition: Ein Teil der Jugendlichen absolviert zunächst einen Bildungsgang an einer Berufsfachschule, der formal dem Übergangsbereich zugerechnet wird – obwohl Ausbildungs(vor)verträge mit Betrieben vorliegen (Landesinstitut für Schulentwicklung und Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2011, S. 158 ff.).

Betrachtet man die Veränderung der Bildungssektoren in den verschiedenen Bundesländern über die Zeit, so zeigen sich auch hier deutliche Unterschiede: Beispielsweise sank die Zahl der Anfänger/-innen im Sektor „Berufsausbildung“ in Mecklenburg-Vorpommern um 46 %, während sie in Hamburg um rund 18 % anstieg. Im Übergangsbereich ist die Tendenz in allen Bundesländern rückläufig; die Größenordnungen unterscheiden sich jedoch erheblich: Während die Anzahl der Anfänger/-innen in Thüringen um mehr als 69,8 % zurückging, waren es in Bremen nur gut 17,2 % weniger. Für Erklärungen müssen auch hier wieder die institutionellen Angebote der Länder, die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen sowie die Lage am Arbeitsmarkt herangezogen werden. Am Beispiel von Thüringen und Bremen soll dies kurz skizziert werden:

  • Für Thüringen zeigen die Daten der iABE, dass die Anzahl der Anfänger/-innen sowohl im Übergangsbereich als auch im Sektor „Berufsausbildung“ seit dem Jahr 2005 gesunken ist. Dies ist insbesondere auf die demografische Entwicklung zurückzuführen: Im Zeitraum von 2005 bis 2012 sank die Anzahl der 15- bis 19-Jährigen um 53,7 % von ca. 152.000 auf 71.000. Diese deutlich geringere Zahl von Jugendlichen konnte auf dem Ausbildungsmarkt besser versorgt werden. Dies zeigen auch die gestiegene Angebots-Nachfrage-Relation (2007179 = 88 % und 2012 = 101,2 %, vgl. Kapitel A1.1) sowie die im gleichen Zeitraum um rund 65 % gesunkene Anzahl von Arbeitslosen unter 20 Jahren (Rückgang von 2.872 auf 991). Entsprechend ist im Vergleich zu anderen Bundesländern der Anteil von Jugendlichen im Übergangsbereich, die bereits über einen Realschulabschluss verfügten – also sich vermutlich in sogenannten „Warteschleifen“ befinden –, mit 10,2 % vergleichsweise niedrig (Bundesdurchschnitt = 25,3 %).
  • Für Bremen zeigen die Daten ein anderes Bild: Während die Anzahl der Anfänger/-innen im Sektor „Berufsausbildung“ um rund 5,3 % stieg, sanken die Einmündungen in den Übergangsbereich nur um 17,2 %. Der demografische Effekt ist in Bremen mit einem Rückgang der 15- bis 19-Jährigen von 2005 bis 2012 um 7,2 % vergleichsweise moderat. Entsprechend wird der Ausbildungsmarkt zwar entlastet, jedoch weniger stark. Auch sank der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen unter 20 Jahren um 20,1 %, doch blieb die Angebots-Nachfrage-Relation (2007 = 85,1 % und 2012 = 92,4 %) unter 100. Entsprechend fanden sich im Bremer Übergangsbereich mehr Jugendliche in „Warteschleifen“ – rund ein Drittel verfügte bereits über einen Realschulabschluss. Gleichzeitig nutzten 30,3 % der Jugendlichen die Übergangsangebote des Bundeslandes180 zum Erwerb eines höheren allgemeinbildenden Abschlusses (vgl. Kapitel A6.3).

Schaubild A6.2-1: Anteile der Sektoren am Ausbildungsgeschehen in den Bundesländern 2013 (100 % = alle Anfänger/ -innen im Ausbildungsgeschehen)

Tabelle A6.2-1: Anfänger/ -innen in den Sektoren 2005 und 2013 nach Bundesländern

  • 178

    In der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 gaben 47 % der Bewerber/-innen aus den Regionen mit weniger als 100 Einwohnern je km2 an, sich auch auf Lehrstellen beworben zu haben, die mehr als 100 km vom Heimatort entfernt lagen. In den Großstädten mit einer Einwohnerdichte von 1.000 und mehr waren es dagegen nur 19 %. Die unterschiedliche Mobilitätsneigung bei den Land- und Großstadtjugendlichen führt dazu, dass die Nettobewegungen in die Ballungszentren nahezu allesamt positiv ausfallen: Es finden mehr Jugendliche aus dem regionalen Umfeld ihren Ausbildungsplatz in den Großstädten, als Großstadtjugendliche ihre Ausbildung außerhalb der Heimatregion antreten (vgl. Ulrich/Eberhard/Krekel 2007).

  • 179

    Zahlen zur erweiterten ANR sowie zu den Arbeitslosen liegen erst ab dem Jahr 2007 vor. 

  • 180

    Ohne Maßnahmen der BA.