X

Sie verwenden einen veralteten Browser, mit dem nicht alle Inhalte von BIBB.de korrekt wiedergegeben werden können. Um unsere Seiten in Aussehen und Funktion in vollem Umfang nutzen können, empfehlen wir Ihnen, einen neueren Browser zu installieren.

Die Bedeutung der Bildungssektoren in den Bundesländern stellt sich unterschiedlich dar: In den Sektoren „Berufsausbildung“ und „Integration in Berufsausbildung (Übergangsbereich)“ zeigen sich z. B. deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland Schaubild A6.2-1. So beträgt der Anteil des Sektors „Berufsausbildung“ am Ausbildungeschehen im Osten rund 38,5 %, während er im Westen bei 35,0 % liegt. Die niedrigsten Werte verzeichnet das Land Baden-Württemberg (31,0 %), die höchsten Werte das Land Sachsen-Anhalt (44,6 %). Auch der Übergangsbereich zeigt eine große Varianz zwischen den einzelnen Bundesländern mit einem generellen Unterschied von Ost und West: Der Anteil des Übergangsbereichs ist im Westen (13,7 %) stärker ausgeprägt als im Osten (7,7 %). Den höchsten Wert erreicht Schleswig-Holstein (20,3 %), den niedrigsten Brandenburg (6,5 %).

Wie bedeutsam die Bildungssektoren und Konten im jeweiligen Land sind, ist insbesondere abhängig vom Umgang mit erfolglosen Ausbildungsstellenbewerbern und -bewerberinnen, der demografischen Entwicklung sowie der Situation am Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt.

So können die im Schaubild A6.2-1 deutlich hervortretenden Ost-West-Unterschiede zum Teil auf den unterschiedlichen „institutionellen Umgang“ mit erfolglosen Ausbildungsplatzbewerbern (Eberhard/Ulrich 2011) zurückgeführt werden: Jugendliche, die keinen dualen Ausbildungsplatz bekommen haben, münden in Ostdeutschland vor allem in vollqualifizierende schulische oder außerbetriebliche Berufsausbildungen ein. Sie werden entsprechend im Sektor „Berufsausbildung“ gezählt. Betrachtet man den Übergangsbereich in den einzelnen Bundesländern genauer, so finden sich auch innerhalb desselben Sektors beträchtliche Unterschiede in der Angebotspalette: So wird beispielsweise das Berufsgrundbildungsjahr nur in rund der Hälfte der Länder angeboten; Pflichtpraktika vor der Erzieherausbildung an beruflichen Schulen sind nur in 2 Bundesländern etabliert. Lediglich die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) finanzierten Maßnahmen (Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen [BvB], Einstiegsqualifizierung [EQ]) werden in allen 16  Bundesländern angeboten (vgl. Dionisius/Lissek/Schier 2011, S. 5).

Ein Teil der Ost-West-Unterschiede kann auch auf die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen zurückgeführt werden: So ist der Rückgang der Geburten- wie der Schülerzahlen in den östlichen Ländern schon weit fortgeschritten und hat zu einer stärkeren Entlastung der Ausbildungsnachfrage geführt, als dies im Westen der Fall ist. Zwischen 2005 und 2013 verzeichneten die neuen Bundesländer 47,8 % weniger Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren; im gleichen Zeitraum ist die Anzahl der Jugendlichen in den westlichen Ländern nur um 7,9 % gesunken (Statistisches Bundesamt 2015 a).  

Schaubild A 6.2-1: Anteile der Sektoren am Ausbildungsgeschehen in den Bundesländern 2014 (100 %= alle Anfänger/ -innen im Ausbildungsgeschehen)

Tabelle A 6.2-1: Anfänger/ -innen in den Sektoren 2005 und 2014 nach Bundesländern

Auch die Lage am Arbeitsmarkt bestimmt die Bedeutung der Bildungssektoren: In Ländern mit guter Beschäftigungslage münden überdurchschnittlich viele Jugendliche in duale Berufsausbildung ein (vgl. Kapitel A2). Dies gilt auch für die Stadtstaaten. Allerdings steigt bei den Ländern mit einem überdurchschnittlich günstigen und aussichtsreichen Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen auch die Zahl der Einpendler. So ist zum Beispiel in ländlichen Regionen mit geringer Einwohnerdichte eine ausgeprägte Bereitschaft zur regionalen Mobilität zu erkennen.197 Unter Druck geraten in diesem Fall besonders ansässige Schulabgänger/ -innen, die sich – trotz günstigen Ausbildungsplatzangebots – mit einer starken Konkurrenz auseinandersetzen müssen. Die schulischen Bildungsangebote sind hingegen eher beschäftigungsunabhängig. 

Dass bei der Interpretation der Daten immer die landesspezifischen Besonderheiten und Rahmenbedingungen – sogenannte Metadaten – berücksichtigt werden müssen, verdeutlicht folgendes Beispiel:

Das Land Baden-Württemberg verzeichnet einen relativ hohen Anteil von Anfängern und Anfängerinnen im Übergangsbereich (18,6 %). Auf Basis dieser Daten könnte vermutet werden, dass ausbildungsinteressierte Jugendliche in Baden-Württemberg entweder zu großen Teilen als nicht „ausbildungsreif“ eingestuft werden oder als sogenannte „Marktbenachteiligte“ in den Übergangsbereich gedrängt werden. Die wirtschaftliche Situation des Landes sowie die Einmündungsquote der ausbildungsinteressierten Jugendlichen (EQI ) in die duale Berufsausbildung war 2014 in Baden-Württemberg (69,4) jedoch besser als im Bundesdurchschnitt (64,4). Eine Erklärung für diese widersprüchlichen Daten findet sich unter anderem in den Besonderheiten der baden-württembergischen Ausbildungstradition: Ein Teil der Jugendlichen absolviert zunächst einen Bildungsgang an einer Berufsfachschule, der formal dem Übergangsbereich zugerechnet wird – obwohl Ausbildungs(vor)-verträge mit Betrieben vorliegen (siehe auch Landesinstitut für Schulentwicklung und Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2011, S. 158 ff.). 

Metadaten

Ländervergleiche sind insbesondere dann aussagekräftig, wenn auch die Vergleichseinheiten unter ähnlichen Bedingungen stehen – das kann bei den Bundesländern nicht ohne Weiteres unterstellt werden. Eine Vergleichbarkeit der Quoten wäre nur bei gleichen (Rahmen-)Bedingungen in allen Bundesländern gegeben. Hierzu sind jedoch Informationen (Metadaten) zu Bildungsgängen, bildungspolitischen Angeboten und wirtschaftlichen sowie demografischen Strukturen erforderlich, die weit über die Darstellung der Daten hinausreichen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung versucht derzeit, solche Metadaten in Kooperation mit den Landesauschüssen für Berufsbildung für den Übergangsbereich zusammenzutragen.

Betrachtet man die Veränderung der Bildungssektoren in den verschiedenen Bundesländern über die Zeit, so zeigen sich auch hier deutliche Unterschiede: Beispielsweise sank die Zahl der Anfänger/ -innen im Sektor „Berufsausbildung“ in Mecklenburg-Vorpommern um 46,5 %, während sie in Hamburg um rund 20,6 % anstieg. 

Im Übergangsbereich ist die Tendenz in allen Bundesländern rückläufig; die Größenordnungen unterscheiden sich jedoch erheblich: Während die Anzahl der Anfänger/ -innen in Thüringen um mehr als 69,0 % zurückging, waren es in Bremen nur 12,2 % weniger, in Schleswig-Holstein nur 6,1 %. Für Erklärungen müssen auch hier wieder die institutionellen Angebote der Länder, die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen sowie die Lage am Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt herangezogen werden. Am Beispiel von Thüringen und Bremen soll dies kurz skizziert werden:

  • Für Thüringen zeigen die Daten der iABE, dass die Anfänger/ -innen sowohl im Übergangsbereich als auch im Sektor „Berufsausbildung“ seit dem Jahr 2005 stark sinken. Dies ist insbesondere auf die demografische Entwicklung zurückzuführen: Im Zeitraum von 2005 bis 2013 sank die Anzahl der 15- bis 19-Jährigen um 52,1 % von ca. 152.000 auf 73.000. Diese deutlich geringere Zahl von Jugendlichen konnte auf dem Ausbildungsstellenmarkt besser versorgt werden. Dies zeigt auch die steigende Angebots-Nachfrage-Relation (2007198  = 88 % und 2013 = 103,4 %) sowie die im gleichen Zeitraum um rund 65 % sinkende Anzahl von Arbeitslosen unter 20 Jahren (Rückgang von 2.872 auf 1.003). Entsprechend ist im Vergleich zu anderen Bundesländern der Anteil von Jugendlichen im Übergangsbereich, die bereits über einen Realschulabschluss verfügen – sich also vermutlich in sogenannten „Warteschleifen“ befinden – mit 8,6 % vergleichsweise niedrig (Bundesdurchschnitt = 26,0 %). Über ein Drittel (33,8 %) nutzt den Übergangsbereich zum Erwerb eines höheren allgemeinbildenden Abschlusses.
  • Für Bremen zeigen die Daten ein anderes Bild: Während die Anzahl der Anfänger/ -innen im Sektor „Berufsausbildung“ nahezu konstant ist (-0,9 %), sinken die Einmündungen in den Übergangsbereich um 12,2 %. Der demografische Effekt ist in Bremen mit einem Rückgang der 15- bis 19-Jährigen von 2005 bis 2013 um 7,7 % vergleichsweise moderat. Entsprechend wird der Ausbildungsstellenmarkt zwar entlastet, jedoch weniger stark. Auch sinkt der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen unter 20  Jahren um 17,7 %; doch bleibt die Angebots-Nachfrage-Relation (2007 = 85,1 % und 2013 = 90,1 %) unter 100. Entsprechend finden sich im Bremer Übergangsbereich mehr Jugendliche in „Warteschleifen“; 28,1 % verfügen bereits über einen Realschulabschluss. Gleichzeitig nutzen 23,4 % der Jugendlichen die Übergangsangebote des Bundeslandes199 zum Erwerb eines höheren allgemeinbildenden Abschlusses (vgl. Kapitel A6.3). 

  • 197

    In der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 gaben 47% der Bewerber/-innen aus den Regionen mit weniger als 100 Einwohnern je qkm an, sich auch auf Lehrstellen beworben zu haben, die mehr als 100 km vom Heimatort entfernt lagen. In den Großstädten mit einer Einwohnerdichte von 1.000 und mehr waren es dagegen nur 19%. Die unterschiedliche Mobilitätsneigung bei den Land- und Großstadtjugendlichen führt dazu, dass die Nettobewegungen in die Ballungs­zentren nahezu allesamt positiv ausfallen: Es finden mehr Jugendliche aus dem regionalen Umfeld ihren Ausbildungsplatz in den Großstädten als Großstadt­jugendliche außerhalb ihrer Heimatregion (vgl. dazu Ulrich/Eberhard/Krekel 2007). 

  • 198

    Zahlen zur erweiterten ANR sowie zu den Arbeitslosen liegen erst ab dem Jahr 2007 vor. 

  • 199

    Ohne Maßnahmen der BA (vgl. Kapitel A6.3).