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Digitalisierung in der Berufsbildung

Die Bundesregierung hat in ihrer digitalen Agenda den digitalen Wandel zu einer zentralen Gestaltungsaufgabe für Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik erklärt. Deutschland soll seine Autonomie und Handlungsfähigkeit im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnik erhalten und weiter ausbauen. Dazu gehören der Ausbau der digitalen Infrastruktur und die Bearbeitung unterschiedlicher Handlungsfelder sowie die intensive Förderung des Themas in Wirtschaft und Gesellschaft.46

Computernutzung und digitale Vernetzung sind in vielen Wirtschaftsbereichen schon lange keine Fremdworte mehr. Eine durchgängige Datenbasis entlang der Wertschöpfungskette von der Produktentwicklung über die Produktion bis hin zu den kaufmännischen Geschäftsprozessen ermöglicht eine effiziente Gestaltung von Prozessen. Die hierbei gewonnenen Daten können wiederum zur Generierung neuer Geschäftsmodelle genutzt werden. Durch die zunehmende autonome Vernetzung cyberphysikalischer Systeme wachsen die Anforderungen an die IT- und Datensicherheit. Die Schnittstellen in der Mensch-Maschine-Interaktion müssen neu definiert werden und die hierfür benötigten Qualifikationsanforderungen identifiziert und in berufliche Bildungskontexte transferiert werden.

Schon 1964 wies Siebel (S. 301) auf folgende 5 Aspekte hin, die im Kontext der Automatisierung in Bezug auf die Entwicklung von Berufen eine Rolle spielen:

  • das Wechselspiel von Höherstufung und Dequalifizierung in der Facharbeit,
  • neue Qualifikationsmerkmale,
  • neue Kombinationen von Qualifikationsmerkmalen,
  • Entwicklung neuer Berufe und
  • Veränderung der Berufsverteilung.

Einige von ihnen werden im Folgenden mit Bezug auf aktuelle Veränderungen im Rahmen der Digitalisierung der Berufsbildung und im Besonderen auf duale Ausbildungsberufe diskutiert.

Höherstufung versus Dequalifizierung in der Facharbeit

Aktuell wird dieser Aspekt im Rahmen der Polarisierungsthese kontrovers diskutiert, deren Ausgangspunkt Forschungsergebnisse aus dem angelsächsischen Raum (Frey/Osborne 2013) sind. Diese Projektionsstudien sehen eine Vielzahl der Erwerbsberufe durch die Digitalisierung bedroht. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungs- und Organisationsstrukturen in Deutschland zeichnen deutsche Vergleichsstudien (z. B. Wolter u. a. 2015) ein zuversichtlicheres Bild. Bei den vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechneten Szenarien wird berücksichtigt, dass die Digitalisierung auch neue Geschäftsfelder für den Einsatz qualifizierter Facharbeit eröffnet. Schaut man in die Vergangenheit, ging die Substitution menschlicher Arbeitstätigkeiten durch Maschinen immer einher mit dem Auftreten neuer Tätigkeiten. In einzelnen Bereichen wie z. B. der Zahntechnik sowie der Textil- und Elektronikindustrie werden z. B. schon heute ehemals personalkostenintensive und daher ins Ausland verlagerte Produktionsprozesse nach Deutschland zurückgeholt. Hierdurch entstehen wiederum (in geringerem Umfang) Arbeitsplätze im Bereich der Anlagenführung, Instandhaltung und Wartung. Die Bilanz in Bezug auf konkrete Arbeitsplätze wird trotzdem in einzelnen Branchen nicht immer positiv oder ausgewogen ausfallen.

Veränderte Qualifizierungsbedarfe und neue Berufe

Qualifizierungsbedarfe, die mit der aktuellen Digitalisierungswelle einhergehen, sind branchenspezifisch unterschiedlich. Bereits Spur (1993) mahnt für die Aus- und Weiterbildung in automatisierten Fertigungsprozessen die Notwendigkeit einer stärkeren Berücksichtigung von Systemzusammenhängen an. Er weist auf eine veränderte Organisation von Arbeitsprozessen hin. In aktuellen berufspädagogischen Studien zum digitalen Wandel (Spöttl 2016; Padur/Zinke 2015; Schwarz/Conein 2016; Zinke u. a. 2017) finden sich ähnliche Aussagen. Gerade dann, wenn Prozesse voll automatisiert ablaufen, wird zur Steuerung und Überwachung, aber auch zur Wartung und Instandhaltung von Maschinen und Anlagen ein umfassendes Verständnis der dahinterliegenden Prozesse benötigt. Produktionsunterstützende Berufe gewinnen gegenüber Produktionsberufen an Stellenwert. Die Diskussion darüber, wie die Arbeitsteilung zwischen den Gewerken hierfür organisiert werden sollte, hat gerade erst begonnen. Die Frage, ob hierzu spezifische Instandhaltungsberufe an der Schnittstelle zwischen Metall-, Elektro- und IT-Berufen erarbeitet werden müssen oder bestimmte Branchenberufe mit vertieftem IT-Know-how ausgestattet werden sollten, ist bislang noch nicht abschließend geklärt.

Deutlich zu erkennen sind Verschiebungen und Neuausrichtungen von ganzen Beschäftigungsfeldern und damit neuen Qualifikationsanforderungen: Als Beispiele sind hier die Medienberufe, die Logistikberufe, die Gesundheits- und Pflegeberufe, aber auch landwirtschaftliche Berufe zu nennen. In einer Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft, Wien (Schmid/Winkler/Gruber 2016), werden neben Systemwissen, Technik und IT sowie E-Skills noch Innovationskraft und Verantwortungsbereitschaft sowie die zunehmende Bedeutung von Lernbereitschaft, Fremdsprachen und interkulturelle Handlungskompetenz und das Wissen über ausländische Märkte/Kunden genannt.

In einer digitalisierten Arbeitswelt wird zudem berufsspezifische Medien- und IT-Kompetenz zu einer erfolgsrelevanten Größe. Die angemessene Kommunikation innerhalb und außerhalb des Unternehmens, IT-Sicherheit und Datenschutz sind Aspekte, mit denen immer mehr Mitarbeiter/-innen im Rahmen ihrer jeweiligen Tätigkeit konfrontiert werden. Je nach Berufsbild haben diese Aspekte unterschiedliche Ausprägungen und Tiefe. Kürzere Veränderungszyklen in der Arbeitswelt begründen zudem die Forderung nach lebenslangem Lernen und die Fähigkeit, sich Informationen selbstständig und effektiv zu erschließen. Auch hierzu muss duale Ausbildung befähigen.

All diese Veränderungen ziehen nicht zwangsläufig einen Neuordnungsbedarf bestehender Ausbildungsberufe oder gar den Bedarf nach grundsätzlich neuen Berufen nach sich. Auch ist davon auszugehen, dass nicht alle ausbildenden Betriebe in einem Ausbildungsberuf gleichermaßen von der Digitalisierung betroffen sein werden, dass also die Digitalisierung asynchron verläuft. Hieraus leiten sich wiederum Anforderungen an die strukturelle Ausgestaltung der Ordnungsmittel ab. Es ist davon auszugehen, dass durch die technik- und verfahrensoffene Formulierung der Ordnungsmittel Veränderungen zunächst in den Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen aufgefangen werden können.

Vor allem dann, wenn Veränderungen in größerem Umfang in die Arbeitswelt Einzug gehalten haben, sollten sie auch in die Ordnungsmittel integriert werden. Dort, wo Veränderungen nicht alle Ausbildungsbetriebe gleichmäßig betreffen, kann dies zunächst in Form von Wahl- oder Zusatzqualifikationen geschehen. So ist z. B. die Zusatzqualifikation Onlinehandel bereits seit der Neuordnung im Jahr 2009 in der Verordnung des in 2016 modernisierten Berufs Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel verankert. Da sich im Bereich des E-Commerce jedoch neue Geschäftsfelder in unterschiedlichen Einsatzbereichen eröffnet haben, schien es angezeigt, zusätzlich einen neuen Beruf hierfür zu schaffen. Dieser befindet sich derzeit in der Erarbeitungsphase.

Eine gemeinsame Kernaufgabe der Bildungspolitik und der Berufsbildungsforschung ist es, Veränderungen frühzeitig zu identifizieren. Aus diesem Grund sind im Rahmen einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des BIBB im Kontext von Berufsbildung 4.0 am BIBB Untersuchungen in unterschiedlichen dualen Ausbildungsberufen und Branchen gestartet. Exemplarisch sollen hier Veränderungen beschrieben, mögliche Veränderungsbedarfe herausgearbeitet sowie ein Projektionssystem aufgebaut werden, um ggf. für künftige Ordnungsverfahren Bewertungs- und Datengrundlagen zur zeitgemäßen Adaption von Berufen bereitzustellen.

Aus- und Weiterbildung als Treiber für die Diffusion neuer Technologien

Ein Erfolgsfaktor für die Umsetzung der digitalen Agenda der Bundesregierung ist die Unterstützung kleiner und mittelständischer Unternehmen bei der Einführung digitalisierter Prozesse. Dies ist besonders dort notwendig, wo die erfolgreiche Entwicklung und Nutzung neuer Technologien, Materialien und innovativer Verfahren sowie die damit verbundenen Prozess- und Wertschöpfungsketten entscheidend von einer erfolgreichen digitalen Vernetzung abhängig sind. Die Digitalisierung begleitet in diesem Sinne z. B. industrielle Prozesse wie die Laserbearbeitung, die Bearbeitung neuer Materialien auf der Grundlage der Mikro-, Bio- und Nanotechnologie und ist eine erfolgsrelevante Vorbedingung der Energiewende (Smart Grid, Smart Home). Hier ist die Beherrschung digital gesteuerter Prozesse, beginnend bei der Produktentwicklung über die Prozessplanung bis hin zu Beschaffung und Verkauf, eine notwendige Kernkompetenz zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschlands und zur Erreichung ambitionierter politischer Zielsetzungen. Duale Ausbildung, aber auch die Fort- und Weiterbildung können strategisch genutzt werden, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den hierfür notwendigen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen auszustatten und so berufliches Handlungswissen in den Betrieben zu verbreiten. Hierzu sind neben der systematischen Anforderungsanalyse in unterschiedlichen Berufen und Branchen auch Arbeiten zur curricularen Strukturierung und didaktischen Ausgestaltung in Aus- und Weiterbildung erforderlich.

(Monika Hackel)