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Hochschulen und Unternehmen begegnen der anhaltenden Nachfrage dualer Studiengänge mit einem immer differenzierteren Angebot an Studiengängen. Das Format ist das bekannteste hybride Bildungsformat, das eine Verzahnung von Hochschulausbildung und betrieblichen Praxisphasen strukturell und curricular schafft. Duale Studiengänge werden bei den Unternehmen immer interessanter, da sie ihnen die Möglichkeit bieten, den Fachkräftenachwuchs besonders praxisgerecht auszubilden, hoch qualifizierte Nachwuchskräfte zu erhalten und die Bewerber/-innen durch diese Ausbildungsform frühzeitig an ihr Unternehmen zu binden. Jugendliche wiederum schätzen neben der Praxisnähe dualer Studiengänge besonders die Möglichkeit, während des Studiums ein Einkommen zu erzielen, und die guten Chancen, von den Unternehmen übernommen zu werden.

Aktuelle Entwicklung im Bereich des dualen Studiums

„Duale Studiengänge zeichnen sich durch die Inanspruchnahme von Betrieben und vergleichbaren Einrichtungen als zweitem Lernort neben der Hochschule und die Verteilung des Curriculums auf mindestens 2  Lernorte aus. Die systematische inhaltliche, zeitliche und organisatorische Integration zielt darauf ab, über die Verbindung der theoretischen mit der praktischen Ausbildung ein spezifisches, an Berufsfeldern orientiertes Qualifikationsprofil der Studierenden zu erreichen. Bei dualen Studiengängen werden ausbildungs-, praxis- und berufsintegrierende Formate unterschieden. Im Einklang mit dem Wissenschaftsrat empfiehlt auch der BIBB-Hauptausschuss, begleitende Formate zukünftig nicht mehr als ‚dual‘ zu akkreditieren oder zu bewerben. Als besonderes Kriterium für ausbildungsintegrierende duale Studiengänge dient das Vorliegen eines Ausbildungsvertrages oder einer vergleichbaren vertraglichen Rechtsbeziehung“ (vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung  – Hauptausschuss 2016, S. 2).

Die Angebote an praxisintegrierenden Studiengängen nehmen nach wie vor zu, während die der ausbildungsintegrierenden abnehmen. Die Angebote in den sogenannten Mischformen, die sich verschiedenen Formaten zuordnen lassen, sind nach der aktuellen Erhebung konstant geblieben.

Mittlerweile haben sich in 6 Bundesländern (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Thüringen) duale Hochschulen oder sog. Dachmarken organisiert: Diese Dachverbände helfen, die Aktivitäten zu bündeln und Weiterentwicklungen anzustoßen. Sie dienen als Ansprechpartner und Serviceeinrichtungen für alle am dualen Studium Interessierten und sorgen für eine verbesserte Sichtbarkeit und strategische Positionierung der Marke „duales Studium“.

Studienformate dualer Studiengänge

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates lassen sich folgende Formate unterscheiden: im Bereich der Erstausbildung das ausbildungs- und das praxisintegrierende duale Studium, im Bereich der Weiterbildung ebenfalls das praxisintegrierende sowie das berufsintegrierende duale Studium (vgl. Wissenschaftsrat 2013, S. 9):

  • Ausbildungsintegrierender dualer Studiengang (Erstausbildung): Eine Berufsausbildung ist systematisch im Studiengang angelegt. Es gibt eine strukturell-institutionelle Verzahnung von Studium und Ausbildung (organisatorisch, durch Kontakt von Hochschule/Berufsakademie, Praxispartner und ggf. auch Berufs- oder Fachschulen) sowie eine Anrechnung von Teilen der Ausbildung als Studienleistungen.
  • Praxisintegrierender dualer Studiengang (Erstaus- und Weiterbildung): Praxisanteile sind systematisch und in größerem Umfang gegenüber regulären Studiengängen mit obligatorischen Praktika im Studium angelegt und strukturell-institutionell mit dem Studium verzahnt (organisatorisch, durch Kontakt von Hochschule/Berufsakademie und Praxispartner). Es gibt eine Anrechnung der Praxisanteile als Studienleistungen.
  • Berufsintegrierender dualer Studiengang (berufliche Weiterbildung): Voll- oder Teilzeitstudium, das mit einer fachlich verwandten Berufstätigkeit verbunden ist und einen gestalteten Bezugsrahmen bzw. inhaltliche Verzahnungselemente von Studium und Beruf aufweist. Der Arbeitgeber ist über die Studienaufnahme informiert und tauscht sich über die Inhalte regelmäßig mit der oder dem Studierenden aus (vgl. Wissenschaftsrat 2013, S. 9). 

 

Zahlen – Daten – Fakten

Die zahlenmäßigen Auswertungen der Datenbank „AusbildungPlus“ beziehen sich seit 2011 auf den Bereich der Erstausbildung und bilden somit nur noch die ausbildungs- und praxisintegrierenden Studienangebote inklusive umfassender Informationen zu den Angeboten dualer Studiengänge sowie den jeweiligen Kooperationsunternehmen ab.

Von den aktuell 1.592 Studiengängen im Bereich der Erstausbildung entfallen 805 auf das praxisintegrierende Format, also diejenigen, die das Studium mit Praxisphasen im Betrieb verbinden und nur mit einem Hochschulabschluss, überwiegend einem Bachelor, abschließen Schaubild A6.3-1. In den letzten Jahren hält das Wachstum dieses Formates an, während die Anzahl der ausbildungsintegrierenden Studiengänge (aktuell sind 565 registriert), in deren Rahmen 2 Abschlüsse – ein Hochschul- und ein Berufsabschluss – erworben werden, im Vergleich zu den Vorjahren (2015: 576) stetig abnimmt.

Der Anteil der Mischformen liegt mit 222 Studiengängen derzeit bei 14 %. Besonders häufig bieten die Hochschulen in diesem Format denselben Studiengang sowohl im ausbildungs- als auch im praxisintegrierenden Format an. Die Studierenden in diesen Studiengängen unterscheiden sich dabei nur darin, welche Art von Vertrag sie mit dem Unternehmen haben (Ausbildungs- oder Praktikumsvertrag) und ob sie am Schluss den Berufsabschluss im Rahmen der sogenannten Externenprüfung (vgl. Kapitel A5.7).

Datenbank AusbildungPlus

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bietet mit dem Fachportal „AusbildungPlus“ Informationen rund um die Themen duale Studiengänge und Zusatzqualifikationen. Das Portal befindet sich seit 2015 in alleiniger Trägerschaft des BIBB. Kernstück ist eine Datenbank, in der bundesweit Angebote von Hochschulen und kooperierenden Unternehmen/Praxiseinrichtungen erfasst werden. Gegenwärtig sind in der Datenbank 1.592 duale Studiengänge und ca. 2.300 Zusatzqualifikationen registriert. „AusbildungPlus“ bietet die umfassendsten Informationen sowohl über das bestehende Angebot an dualen Studiengängen als auch Zusatzqualifikationen im Bereich der Erstausbildung.

Die erfassten Daten basieren auf freiwilligen Angaben der Anbieter, daher kann nicht von einer Vollständigkeit der Datenlage ausgegangen werden. Jedoch sind die Daten als Indikator für die Entwicklungen des dualen Studiums zu sehen. 

Schaubild A6.3-1: Erfasste Modelle dualer Studiengänge für die Erstausbildung von 2011 bis 2016 (in %)

Praxisbeispiel – Duales Studium in Mischform (ausbildungsintegrierend/praxisintegrierend: Studiengang „Luftfahrttechnik“)

Mit dem Studiengang „Luftfahrttechnik“153  wird an der Technischen Hochschule Ingolstadt ein Studium angeboten, das an den aktuellsten Entwicklungen und Forschungsthemen der Luftfahrt ausgerichtet ist und sich durch eine enge Vernetzung mit Wirtschaft und Forschung auszeichnet. Gegenstand der Luftfahrttechnik ist die Entwicklung, der Bau, die Ausrüstung und der Betrieb von Flugzeugen. Mit seiner Spezialisierung in den Bereichen Wartung und Systemintegra­tion vermittelt der Studiengang fundierte theoretische und praktische Kenntnisse und schließt damit eine Lücke in der Luftfahrttechnikausbildung in Deutschland. Der Studiengang wird sowohl ausbildungsintegrierend (Verbundstudium) als auch praxisintegrierend (Studium mit vertiefter Praxis) angeboten. Im Verbundstudium wird die Ausbildung parallel zum Hochschulstudium absolviert. Von Anfang des Studiums bis zum erfolgreichen Bestehen der Berufsschulprüfung werden die Praxisphasen im Kooperationsbetrieb absolviert. Das Verbundstudium führt zu einem Doppelabschluss (Bachelor und Berufsausbildung). Erlangt wird ein Hochschulabschluss als Bachelor of Arts (B. A.), Bachelor of Engineering (B. Eng.) oder Bachelor of Science (B. Sc.). Das Studium umfasst eine Dauer von 4,5 Jahren. Beim Studium mit vertiefter Praxis wird keine Ausbildung absolviert, sondern es finden Praxisphasen im kooperierenden Unternehmen statt. Dabei erfolgt eine enge Verzahnung zu den Lehrinhalten an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Erlangt wird ein Hochschulabschluss als B. A., B. Eng. oder B. Sc. Dieses praxisintegrierende Format dauert 3,5 Jahre. 

Anbieter

Von den insgesamt 1.592 dualen Studiengängen in der Erstausbildung wird ein Teil von Universitäten angeboten, im Jahr 2016 waren insgesamt 69 Angebote Tabelle A6.3-1 verortet. Dennoch bleiben duale Studiengänge für die Erstausbildung eine Domäne der Fachhochschulen. 2016 sind insgesamt 1.100 Angebote den Fachhochschulen zugeordnet. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) bietet 211 duale Studiengänge an. Knapp dahinter rangieren die Berufsakade­mien mit 186 erfassten Angeboten.

Betrachtet man die Organisationsform der Hochschule Schaubild A6.3-2, so werden duale Studiengänge in der Erstausbildung überwiegend an staatlichen Hochschulen und Akademien angeboten. Private Anbieter sind aber nach wie vor ein wichtiger Faktor: Wenn man die DHBW unberücksichtigt lässt, wird immerhin jeder 4.  Studiengang privat angeboten, bei den Berufsakade­mien sind es sogar mehr als die Hälfte.

Tabelle A6.3-1: Zahlenmäßige Entwicklung dualer Studiengänge 2004 bis 2016 nach Anbietern

Fachrichtungen

Das Gesamtangebot an dualen Studiengängen wird weiterhin am stärksten von den Ingenieurwissenschaften (38 %) und den Wirtschaftswissenschaften (34 %) (Tabelle A6.3-2 und Schaubild A6.3-3) geprägt. Die Ingenieurwissenschaften setzen sich aus den Studiengängen Ingenieurwesen allgemein, Bauingenieurwesen, Maschinenbau/Verfahrenstechnik sowie Wirtschaftsingenieurwesen zusammen.

Dahinter folgen die Fachrichtungen Informatik (12 %) sowie Soziales, Pflege, Erziehung und Gesundheit (11 %). Das Fächerspektrum erweitert sich langsam über diese Disziplinen hinaus. 6 % der Angebote entfallen auf „sonstige“ Studienbereiche, darunter fallen z. B. Architektur, Mathematik, Raumplanung und Verkehrstechnik/Nautik.

Schaubild A6.3-2: Anzahl dualer Studiengänge nach Anbieter und Organisationsform 2016

Tabelle A6.3-2: Fachrichtungen dualer Studiengänge von 2004 bis 2016

Ein besonderes Format stellen triale Studienangebote dar. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass parallel eine (duale) Berufsausbildung, ein Hochschulstudium (zumeist Bachelor) sowie eine Aufstiegsfortbildung (Meister, Techniker) absolviert werden. Diese Angebote sind i. d. R. auf 4,5 oder 5 Jahre angelegt und vorwiegend im Handwerk zu finden. 

Schaubild A6.3-3: Fachrichtungen dualer Studiengänge in der Erstausbildung 2016 (in %)

Praxisbeispiel – Triales Studium: Studiengang „Handwerksmanagement – Betriebswirtschaftslehre“

Das Studium an der Hochschule Niederrhein ist zunächst ausschließlich in Kombination mit einer Berufsausbildung zum Tischler oder zum Elektroniker möglich.154 An der Aufnahme von weiteren Ausbildungsberufen wird derzeit noch gearbeitet. Die Studierenden erwerben 3 Abschlüsse in nur einem Studiengang und entwickeln sich somit zu Spezialistinnen bzw. Spezialisten im Gewerk bei gleichzeitiger Beherrschung umfangreicher betriebswirtschaftlicher Kenntnisse: Gesellenbrief, Meisterbrief und der Bachelorgrad (B. A.). 

Regionale Verteilung

Bayern ist seit 2014 das angebotsstärkste Bundesland mit 321 registrierten dualen Studiengängen in der Datenbank Tabelle A6.3-3. Nordrhein-Westfalen folgt mit 311  Angeboten auf Platz 2, dahinter ist Baden-Württemberg mit 275 Angeboten gelistet. Kaum Aktivitäten auf diesem Gebiet sind in Mecklenburg-Vorpommern (19) und dem Saarland (17) zu verzeichnen.

Studierende und Kooperationspartner

Die Zahl der dual Studierenden wird aktuell auf ca. 100.000 beziffert, im Vergleich zu 2015 ist das ein Zuwachs von ca. 5.000 Studierenden Tabelle A6.3-4. Die Hochschulen gaben über 47.000 Kooperationsunternehmen an, die das duale Studium unterstützen, wobei jeder Standort eines Konzerns als separater Anbieter gezählt wird. Für einen Teil der Studiengänge sind keine konkreten Unternehmen benannt, oder es wurde nur eine durchschnittliche Anzahl der Kooperationspartner angegeben, z. B. weil diese jährlich variieren. 

Tabelle A6.3-3: Regionale Verteilung dualer Studiengänge 2004 bis 2016

Tabelle A6.3-4: Entwicklung von Kooperationsunternehmen und Studierendenzahlen in dualen Studiengängen von 2004 bis 2016

Ausblick

Neben der bereits dargelegten Empfehlung im Rahmen der aktuellen Diskussion um die Entwicklung dualer Studiengänge, begleitende Formate zukünftig nicht mehr als „dual“ zu akkreditieren oder zu bewerben (vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung 2016 – Hauptausschuss, S. 2), sind weitere inhaltliche Herausforderungen in diesem Bereich zu benennen.

Dabei wird zum einen insbesondere das unterschiedliche Verständnis von Dualität zu problematisieren sein. Der BIBB-Hauptausschuss arbeitet derzeit an der Herausstellung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Dualitätsverständnis zwischen akademischer und beruf­licher Bildung. Ein zweiter Punkt aus Sicht der beruflichen Bildung betrifft die Auseinandersetzung hinsichtlich der qualitativen (Aus-)Gestaltung des betrieblichen Teils dualer Studiengänge und Lernortkooperationen; dabei geht es um die Entwicklung tragfähiger Konzepte für die Theorie-Praxis-Verzahnung.

Die künftigen Arbeitsschwerpunkte von „AusbildungPlus“ betreffen insbesondere die Erhöhung der Validität der Datenauswertungen, um den zunehmenden Anfragen aus Wissenschaft und Politik qualitativ gerecht zu werden. Dazu gehören auch Überlegungen hinsichtlich der fachlichen Überarbeitung von bestehenden und des Ausbaus von neuen Kategorien in der Datenbank. Verbunden ist damit die Stärkung der Forschungsperspektive.

(Silvia Hofmann)