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Die Mobilität von Jugendlichen kann dazu beitragen, regionale Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt zu mindern. Sie kann jedoch auch dazu führen, dass in Regionen mit einem aus Sicht der Jugendlichen attraktiven Angebot deutlich mehr Ausbildungsstellenbewerber/-innen aktiv sind, als aus dieser Region stammen. Sofern sich die einheimischen Bewerber/-innen nicht im selben Ausmaß mobilitätsbereit zeigen wie die Ausbildungsinteressierten von außerhalb, können sich die Verhältnisse auf dem Ausbildungsmarkt in Folge von Mobilität somit auch verschlechtern.

Amtliche Informationen zur Mobilität von Jugendlichen im Zusammenhang mit ihrer Berufsausbildung lassen sich aus der Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) gewinnen (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016h, Sonderauswertung zum Stichtag 31. Dezember 2015). Die Statistik gibt darüber Auskunft, wo Auszubildende wohnen und wo ihre Ausbildungsstätten liegen. Auf dieser Basis werden im Folgenden Pendlerbewegungen nachgezeichnet.

Mobilität zwischen den Regionen

Zum Stichtag 31. Dezember 2015 waren rund 364.400 der 1.573.600 Ausbildungsplätze179, die Ende 2015 von der Bundesagentur für Arbeit bundesweit registriert wurden, von Personen (Einpendlern) besetzt, die nicht in der betreffenden Region (Arbeitsagenturbezirk)180 lebten, sondern von außerhalb stammten. Dazu zählten auch rund 2.500 Personen, die ihren Wohnsitz im Ausland hatten und sich in Deutschland ausbilden ließen.

Die sogenannte Einpendlerquote, der Anteil der Ausbildungsplätze in den Regionen, der von Auswärtigen besetzt wurde, lag im bundesweiten Schnitt bei 22,2 %. Dieser Wert variierte zwischen den Regionen jedoch beträchtlich Schaubild A8.2-1 links. Die niedrigste Quote wurde wie bereits im Jahr zuvor im Arbeitsagenturbezirk Aachen-Düren (Nordrhein-Westfalen) gemessen. Nur 6,6 % der dortigen Ausbildungsplätze wurden von jungen Menschen genutzt, die nicht in diesem Arbeitsagenturbezirk wohnen. Sehr niedrig fielen die Einpendlerquoten auch in den Regionen Lörrach (Baden-Württemberg, 7,3 %), Saarland (7,7 %), Trier (Rheinland-Pfalz, 7,8 %), Emden-Leer (Niedersachsen, 7,9 %) und Passau (Bayern, 7,9 %) aus. Bei all diesen Regionen handelt es sich um periphere Gebiete, die an das Ausland und/oder an das Meer grenzen. Besonders hohe Einpendlerquoten wurden dagegen im hessischen Frankfurt/Main (61,5 %), im nordrhein-westfälischen Düsseldorf (58,4 %) und im baden-württembergischen Mannheim (55,9 %) beobachtet: Jeweils mehr als die Hälfte der dort eingestellten Auszubildenden stammte hier von außerhalb.

Spiegelbildlich zum Ausmaß des Einpendelns verhalten sich die Auspendlerzahlen: Zum Stichtag 31. Dezember 2015 absolvierten rund 364.400 der 1.573.600 von der BA registrierten Auszubildenden ihre Ausbildung nicht in der Region, in der sie wohnen, sondern in einem anderen Arbeitsagenturbezirk. Im Schnitt betrug die Auspendlerquote 24,7 %. Auch dieser Wert variierte stark zwischen den Regionen Schaubild A8.2-1 rechts. Am niedrigsten war die Auspendlerquote im Arbeitsagenturbezirk Saarland, wo nur 5,7 % aller dort wohnenden Auszubildenden außerhalb dieser Region ausgebildet wurden. Niedrige Quoten mit Werten unter 10 % wurden zudem im rheinland-pfälzischen Trier (9,1 %), im baden-württembergischen Freiburg (9,3 %), in Flensburg (Schleswig-Holstein, 9,4 %) und im niedersächsischen Hannover (9,5 %) vermeldet. Sehr hoch fielen die Auspendlerquoten dagegen in den nordrhein-westfälischen Arbeitsagenturbezirken Gelsenkirchen (48,6 %) und Mettmann (46,6 %) sowie im bayerischen Freising (46,4 %) aus.

In vielen Regionen differieren die Ein- und Auspendlerzahlen und kompensieren sich somit nicht gegenseitig. Besonders deutlich blieb die Einpendlerquote hinter der Auspendlerquote im nordrhein-westfälischen Brühl (um 19,7 Prozentpunkte), im bayerischen Freising (19,2  Prozentpunkte) und im niedersächsischen Lüneburg-Uelzen (um 19,1 Prozentpunkte) zurück. Die Ausbildungsmärkte dieser Regionen werden durch Mobilität also entlastet – sofern man die Perspektive der Jugendlichen und ihrer Ausbildungsmarktchancen einnimmt. Umgekehrt lag die Einpendlerquote merklich höher als die Auspendlerquote in Frankfurt/Main (um 35,8 Prozentpunkte), in Düsseldorf (um 32,5  Prozentpunkte) und in München (um 27,7  Prozentpunkte). In diesen Regionen nimmt der Wettbewerb der Jugendlichen um die vorhandenen Ausbildungsplätze durch Mobilität stark zu.

 

Schaubild A8.2-1: Aus- und Einpendlerquoten zum Stichtag 31.12.2015

Schaubild A8.2-2: Die regionale Ein- und Auspendlerquote in Abhängigkeit vom Ausmaß des basalen Versorgungsgrades in der Region mit Ausbildungsplätzen

Indem ermittelt wird, wie viele Ausbildungsplätze in der Region rechnerisch für die dort lebenden Auszubildenden zur Verfügung stehen (gleich ob Letztere hier auch ausgebildet werden oder ob sie auspendeln), lässt sich der basale Versorgungsgrad in der Region bestimmen.181 Dieser Indikator gibt näherungsweise Auskunft, wie die Versorgungsverhältnisse mit Ausbildungsplätzen in der Region ausfallen würden, gäbe es keine ausbildungsbedingte Mobilität. Zugleich liefert der Indikator Hinweise, unter welchen Bedingungen und in welchem Ausmaß Mobilitätsverhalten stimuliert wird Schaubild A8.2-2.

So verharrt die Einpendlerquote in einer Region so lange auf unterdurchschnittlichem Niveau, wie rechnerisch nicht deutlich mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen als in dieser Region leben. Ist dies jedoch der Fall, steigt die Einpendlerquote stark an. Mit der Auspendlerquote verhält es sich umgekehrt. Sie ist relativ hoch, solange die Zahl der Ausbildungsplätze in Relation zur Zahl der in der Region lebenden Auszubildenden nicht ausreicht. Sobald der basale Versorgungsgrad rechnerisch ausreichend ist, fällt sie auf ein unterdurchschnittliches Niveau Schaubild A8.2-2.

Dass die Auspendlerquote in den Regionen mit Spitzenwerten im basalen Versorgungsgrad wieder höher ausfällt, ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass gerade diese Regionen auch von auswärtigen Ausbildungsinteressierten sehr stark nachgefragt werden (es also in diesen Regionen sehr viele Einpendler gibt). Die Ausbildungsmarktlagen können sich hier deshalb in einem Maße verschlechtern, dass sich die einheimischen Jugendlichen gezwungen sehen, selbst zu pendeln, um sich eine Ausbildungsmöglichkeit zu erschließen.

 

Tabelle A8.2-1: Zahlen und Indikatoren zur länderübergreifenden Mobilität von Auszubildenden (Stichtag: 31. Dezember 2015)

Mobilität zwischen den Ländern

Die in den vorausgegangenen Abschnitten für die Regionen durchgeführten Berechnungen lassen sich auf die Ebene der Bundesländer übertragen. Mobilitätskriterium ist in diesem Fall aber nicht die Aufnahme der Ausbildung in einem anderen Arbeitsagenturbezirk, sondern in einem anderen Bundesland. Demnach wohnten rund 106.400 der 1.573.600 Beschäftigten, die am 31.  Dezember 2015 von der Bundesagentur für Arbeit als Auszubildende registriert wurden, nicht in dem Bundesland, in dem ihr Ausbildungsbetrieb angesiedelt war (vgl. Spalte  4 in Tabelle A8.2-1).

Die länderübergreifende Mobilität führt insbesondere in den Stadtstaaten dazu, dass höhere Anteile der dort verfügbaren Ausbildungsplätze nicht von eigenen Landesbewohnern/-bewohnerinnen besetzt sind (vgl. Spalte 7), so in Bremen (39,6 %), Hamburg (32,8 %) und Berlin (19,7 %). Zwar gibt es in den Stadtstaaten auch in nennenswertem Maße dort wohnende Jugendliche, die ihre Ausbildung außerhalb ihres eigenen Bundeslandes absolvieren (Bremen 16,6 %, Hamburg 12,9 %, Berlin 9,6 %; vgl. Spalte 8). Doch liegen diese Anteile deutlich unter den Einpendlerquoten (Spalte 9).

Entlastung der Ausbildungsmärkte durch Mobilität – hier wiederum aus der Perspektive der Jugendlichen – erfahren insbesondere die Länder Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Hier fallen die Einpendlerquoten deutlich niedriger als die Auspendlerquoten aus.

Zum Verhältnis von faktischer Mobilität und Mobilitätsbereitschaft

Bei der Interpretation der aus den amtlichen Daten gewonnenen Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass die Mobilität, die in der BA-Beschäftigtenstatistik sichtbar wird, lediglich die erfolgreich realisierte Mobilität in den Fällen widerspiegelt, in denen die jungen Menschen im Zuge der auswärtigen Aufnahme einer Ausbildung ihren Hauptwohnsitz nicht verlegen. Bei Einschluss dieser Personen würde die erfolgreich realisierte Mobilität nochmals höher ausfallen, ohne dass diese Größe anhand von amtlichen Daten quantifizierbar wäre.

Noch höher als die erfolgreich realisierte Mobilität ist die faktisch aktivierte Mobilitätsbereitschaft anzusetzen, gemessen an der ebenfalls nicht bekannten Zahl von ausbildungsinteressierten Jugendlichen, die sich mit oder ohne Erfolg überregional bewerben. Diese Zahl wird wiederum von der Zahl der Personen mit latenter Mobilitätsbereitschaft übertroffen, die all jene Personen umfasst, die bereit sind, bei „Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche auch Ausbildungsplatzangebote außerhalb der Heimat­region in Betracht zu ziehen und sich gegebenen­falls auch auf diese Angebote zu bewerben“ (Ulrich/Ehrenthal/Häfner 2006, S. 101).

Die Mobilitätsbereitschaft der Jugendlichen ist somit deutlich größer, als sich in den hier berichteten Zahlen zur faktischen Mobilität niederzuschlagen vermag (vgl. dazu z. B. auch Technopolis Group 2015).

(Stephanie Matthes, Joachim Gerd Ulrich)

 

  • 179

    In dieser Zahl sind auch Ausbildungsplätze außerhalb des dualen Berufsausbildungssystems enthalten. Die Zahl der Auszubildenden auf Ausbildungsplätzen nach BBiG/HwO umfasste zum 31. Dezember 2015 1.337.004 Personen (Statistisches Bundesamt 2016e), vgl. Kapitel A5.2.

  • 180

    Mit „Regionen“ sind hier in der Regel Arbeitsagenturbezirke gemeint. Ausnahmen: Die 3 Arbeitsagenturbezirke Berlins sind zu einer regionalen Einheit zusammengefasst und bilden somit eine Region. Dasselbe gilt für ausländische Wohnorte, die hier rechnerisch unter der einen Region „Ausland bzw. keine Angabe“ geführt werden.

  • 181

    Vgl. hierzu ausführlicher BIBB-Datenreport 2016, Kapitel A3.2.1