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Über viele Jahre hinweg wurde in Deutschland in der empirischen Weiterbildungsforschung eine geringere Weiterbildungsbeteiligung von Frauen festgestellt (vgl. z. B. Behringer 1999; Leber 2002). In neueren Erhebungen haben sich die Teilnahmequoten von Männern und Frauen jedoch zunehmend angeglichen. Allerdings wurde seit 1979 auf der Grundlage der regelmäßig durchgeführten Erhebungen des Berichtssystems Weiterbildung und später des AES immer wieder dokumentiert, dass die Unterschiede in der Weiterbildungsbeteiligung von Männern und Frauen auf andere Faktoren als die Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen sind (vgl. z. B. Behringer 1980, S. 153 ff.; Kuper/Unger/Hartmann 2013; Leven u. a. 2013, S. 80). Immer wieder wurde auch mit anderen Erhebungsdaten gezeigt, dass deskriptiv teilweise noch vorhandene Unterschiede – jedenfalls für Deutschland – in multivariaten Analysen verschwinden, wenn für verschiedene Merkmale der beruflichen Lebenssituation (wie Erwerbstätigkeit, Arbeitsvolumen, Branche, Unternehmensgröße, Qualifikation und Einkommen) kontrolliert wird (vgl. z. B. Hubert/Wolf 2007; Krekel/Walden 2007; Leber/Möller 2008). Auch europaweit ergeben sich keine Hinweise auf einen generell schlechteren Zugang von Frauen zum lebenslangen Lernen. Die europäischen Durchschnittswerte in verschiedenen Erhebungen zeigen meist nur geringe Unterschiede in der Aus- und Weiterbildungsbeteiligung von Männern und Frauen. Betrachtet man jedoch einzelne Länder, sind je nach verwendeter Datenquelle abweichende Muster zu erkennen.

Die Teilnahmequoten an Aus- und Weiterbildung sind mit 41 % bzw. 40 % im EU-28-Durchschnitt für Männer und Frauen im AES 2011/2012 nahezu identisch Schaubild C3.3-1. In 13 Ländern ist die Teilnahmequote der Männer höher als die der Frauen. Die Differenz ist jedoch meist gering; größere Unterschiede von mehr als 3 Prozentpunkten zugunsten der Männer sind nur in den Niederlanden, Deutschland, Ungarn und Malta zu verzeichnen. In 15 Ländern liegen die Frauen vorne, darunter 7 Staaten mit einer Differenz der Teilnahmequote von mehr als 3 Prozentpunkten. Insbesondere in den baltischen und skandinavischen Staaten mit Ausnahme Norwegens beteiligen sich deutlich mehr Frauen an Aus- und Weiterbildung als Männer. Auch im Vereinigten Königreich haben die Frauen eine um mehr als 3 Prozentpunkte höhere Teilnahmequote. In der Mehrzahl der Länder sind aber nur geringe Unterschiede feststellbar.

Der europaweite Vergleich der Ergebnisse des AES 2011/2012 mit denen des AES 2007 zeigt, dass die Muster der Aus- und Weiterbildungsbeteiligung nach Geschlecht in dieser Zeit in den meisten Ländern relativ stabil geblieben sind: In den Ländern, in denen es 2007 eine höhere Beteiligung von Männern bzw. Frauen gab, war dies auch 2011/2012 der Fall. Nur in der Slowakei, Portugal und Griechenland nahmen 2011/2012 im Gegensatz zu 2007 mehr Frauen als Männer an Aus- und Weiterbildung teil, in Tschechien haben sich die Teilnahmequoten angeglichen, 2007 lagen hier die Männer noch deutlich vorne. In Deutschland beteiligten sich zu beiden Erhebungszeitpunkten mehr Männer als Frauen an Aus- und Weiterbildung. 2007 lag die Teilnahmequote der Männer bei 48 %, 2011/2012 bei 53 %. Die entsprechenden Werte für Frauen waren 42 % (2007) bzw. 48 % (2011/2012).

Interessant wäre die Analyse der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Intensität der Aus- und Weiterbildung und in den verschiedenen Segmenten des Lernens Erwachsener; Eurostat hat die dazu erforderlichen Daten derzeit jedoch noch nicht veröffentlicht, und der europäische Mikrodatensatz des AES 2011/2012 ist noch nicht der Forschung zugänglich gemacht worden.296 Auswertungen auf der Grundlage des deutschen AES zeigen deutliche Unterschiede in der Weiterbildungsbeteiligung je nach Art der Weiterbildung. Berücksichtigt man nur non-formale Weiterbildungsmaßnahmen und differenziert zwischen betrieblicher Weiterbildung, individuell berufsbezogener Weiterbildung und nicht-berufsbezogener Weiterbildung (vgl. zur Abgrenzung der Segmente Bilger/Kuper 2013b), so ist die Teilnahmequote von Männern in der betrieblichen Weiterbildung deutlich höher als die der Frauen, dagegen ist der Anteil weiterbildungsaktiver Frauen in der nicht-berufsbezogenen Weiterbildung höher. In multivariaten Analysen verschwindet bei der betrieblichen non-formalen Weiterbildung die Wirkung der Geschlechtszugehörigkeit, wenn Merkmale der Erwerbssituation kontrolliert werden. Bei der individuell berufsbezogenen Weiterbildung wie bei der nicht-berufsbezogenen non-formalen Weiterbildung zeigen sich in den multivariaten Analysen dagegen höhere Teilnahmechancen für Frauen (Kuper/Unger/Hartmann 2013).

Schaubild C3.3-1: Beteiligung an formaler und non-formaler Aus- und Weiterbildung nach Geschlecht (in %, AES 2011/2012)

Verwendet man die Daten des LFS 2011, entsteht ein etwas anderes Bild der Beteiligung von Frauen und Männern an Aus- und Weiterbildung. Im europäischen Durchschnitt haben hier im Gegensatz zum AES 2011/2012 Frauen eine höhere Teilnahmequote als Männer (9,5 % zu 8,1 %) Tabelle C3.3-1. Auch in fast allen Ländern beteiligen sich Frauen häufiger als Männer an Aus- und Weiterbildung. Nur in 2 Staaten (Schweiz und Luxemburg) gibt es deutlich höhere Teilnahmequoten der Männer (Differenz 1 Prozentpunkt oder höher), aber 15 Länder mit deutlich höheren Teilnahmequoten der Frauen. AES und LFS kommen also zu sehr unterschiedlichen Aussagen hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Beteiligung am lebenslangen Lernen.

Im Zeitverlauf297 gibt es nach den Ergebnissen des LFS zwar Unterschiede in der Höhe der Differenz der Teilnahmequoten von Männern und Frauen, die Richtung der Differenz bleibt aber abgesehen von wenigen Ausnahmen in einzelnen Jahren in den verschiedenen Ländern erhalten. In Deutschland gibt es nach den Ergebnissen des LFS nur geringe geschlechtsspezifische Unterschiede beim lebenslangen Lernen; 7,9 % der Männer und 7,7 % der Frauen beteiligten sich 2011 in den letzten 4 Wochen vor der Befragung an Aus- und Weiterbildung.

Auch CVTS liefert Informationen zum geschlechtsspezifischen Zugang zu Weiterbildung, allerdings begrenzt auf betriebliche Weiterbildung (vgl. Kapitel C1). Daher sind hier auch nur Erwerbstätige einbezogen, und entsprechend der Grundgesamtheit von CVTS nur in Unternehmen mit 10 und mehr Beschäftigten und in ausgewählten Branchen. Die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen ist anders als die der Männer; nach wie vor arbeiten mehr Frauen als Männer in Deutschland wie in anderen Ländern in Teilzeit, weil sie die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Familienangehörigen übernehmen, und nach wie vor unterbrechen mehr Frauen als Männer die Erwerbstätigkeit für längere Zeit ganz. Dies lässt eine tendenziell geringere Beteiligung der Frauen an betrieblicher Weiterbildung erwarten, weil dies die Zeit verringert, die für Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung stehen könnte, aber auch den Anreiz für die Unternehmen reduzieren könnte, Frauen an Weiterbildung zu beteiligen, weil der spätere Nutzen geringer ist und bei langer Familienphase ganz ausbleiben könnte. Daneben spielen jedoch noch andere geschlechtsspezifische Unterschiede der Erwerbstätigkeit eine Rolle, vor allem die berufliche Stellung und die Qualifikationsanforderungen der Tätigkeit.

Tabelle C3.3-1: Beteiligung an formaler und nonformaler Aus- und Weiterbildung nach Geschlecht (in %, LFS 2011)

Im europäischen Durchschnitt sind im Jahr 2010 Männer mit 39 % häufiger an betrieblicher Weiterbildung beteiligt als Frauen (36 %) Schaubild C3.3-2. Auch in der Mehrzahl der Länder zeigt sich eine höhere Beteiligung der Männer. In 17 Ländern weisen sie höhere Teilnahmequoten auf, in 10 Ländern betragen die Unterschiede 3 Prozentpunkte und mehr. Besonders große Unterschiede zugunsten der Männer gibt es in Tschechien (+10 Prozentpunkte), der Slowakei (+8 Prozentpunkte) und in Deutschland (+6 Prozentpunkte), aber auch in Frankreich und Österreich (jeweils +5 Prozentpunkte) sowie in Belgien, Spanien und den Niederlanden (jeweils +4 Prozentpunkte) sind die Abstände relativ groß. Bereits 2005 zeigten sich in 6 dieser 8 Länder deutlich höhere Teilnahmequoten für Männer. Höhere Teilnahmequoten für Frauen wurden 2010 in 7 Ländern gemessen. Insbesondere in Malta (+11 Prozentpunkte), im Vereinigten Königreich (+5 Prozentpunkte) und in Kroatien (+4 Prozentpunkte) werden Frauen häufiger an betrieblicher Weiterbildung beteiligt.

Die Muster der Weiterbildungsbeteiligung sind auch nach den CVTS-Daten weitgehend stabil. In Dänemark, Estland, Spanien und Luxemburg wiesen Frauen 2005 noch eine höhere Teilnahmequote als Männer auf, 2010 war dies umgekehrt. In Zypern lagen 2005 Frauen und Männer gleichauf, 2010 liegen die Frauen mit 3 Prozentpunkten vorne.

Je nach verwendeter Datenquelle ergibt sich jeweils ein etwas anderes Bild der Beteiligung von Frauen und Männern am lebenslangen Lernen. Während sich nach dem AES die Beteiligung als relativ ausgeglichen dargestellt, weist der LFS deutliche Vorteile für Frauen aus, bei CVTS mit Bezug auf die betriebliche Weiterbildung der Beschäftigten liegen jedoch die Männer vorne. Die unterschiedlichen Definitionen und Abgrenzungen sowie die methodischen Besonderheiten der 3 Datenquellen schlagen sich nicht nur in Niveau-Unterschieden der gemessenen Beteiligung nieder, sondern vermitteln auch teilweise ein unterschiedliches Bild bezüglich der Einbeziehung verschiedener Bevölkerungsgruppen. Dennoch gibt es einige Länder, in denen in allen 3 Datenquellen höhere Teilnahmequoten für Frauen ausgewiesen werden. Hierzu zählen Lettland, Slowenien, Finnland und das Vereinigte Königreich. In Dänemark, Estland und Litauen weisen AES und LFS jeweils höhere Quoten für Frauen aus, in CVTS liegen Männer und Frauen ungefähr gleichauf. Für diese Länder kann also mit einiger Sicherheit die Aussage getroffen werden, dass Frauen häufiger an Aus- und Weiterbildung teilnehmen oder es zumindest keine Hinweise auf eine geringere Beteiligung der Frauen gibt. Umgekehrt gibt es mit Luxemburg nur ein Land, in dem Männer in allen 3 Datenquellen höhere Teilnahmequoten haben. In Bulgarien, Deutschland und den Niederlanden liegen sie bei AES und CVTS vorne, im LFS gibt es keine großen Unterschiede. In Rumänien ergeben sich nach allen 3 Datenquellen kaum Unterschiede in der Aus- und Weiterbildungsbeteiligung von Männern und Frauen. Für die anderen Länder lassen sich keine eindeutigen Aussagen darüber treffen, ob Männer oder Frauen häufiger Zugang zum lebenslangen Lernen haben.

Schaubild C3.3-2: Anteil der Teilnehmenden an betrieblichen Weiterbildungskursen 2010 nach Geschlecht (in % der Beschäftigten in allen Unternehmen)

  • 296

    Auch eine europaweit vergleichende Analyse der geschlechtsspezifischen Unterschiede für Erwerbstätige oder Erwerbspersonen ist derzeit noch nicht möglich, weil die hierfür erforderlichen Tabellen von Eurostat noch nicht veröffentlicht wurden.

  • 297

    Betrachtet wurden die Jahre 2005 bis 2012.