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Ausgehend vom vorhandenen individuellen Bildungs- und Qualifizierungsniveau (vgl. Kapitel C2.1), der individuellen Bildungs- und Erwerbsorientierung sowie ihrer Altersstruktur haben Geflüchtete, die in den letzten Jahren nach Deutschland zugewandert sind, ein hohes Qualifizierungspotenzial und einen hohen Qualifizierungsbedarf. Gleichzeitig besteht ein erheblicher gesellschaftlicher Qualifikationsbedarf, d. h. Bedarfe an qualifizierten Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland. Hieraus lassen sich erste Hinweise zum Qualifizierungsbedarf von Geflüchteten ziehen.315

Hohe Bildungs- und Erwerbsorientierung

Über die Hälfte der erwachsenen Geflüchteten, die seit 2013 zugewandert sind, hat mindestens 10 Jahre eine allgemeinbildende Schule im Herkunftsland besucht (55 %) und dort einen schulischen Abschluss erworben (54 %). Rund ein Fünftel bis ein Drittel verfügt über maximal einen Grundschulbesuch, davon haben rd. 10 % aller Geflüchteten keine formale Bildungseinrichtung besucht. Rund jede/-r Fünfte verfügt über einen beruflichen (6 %) oder hochschulischen (13 %) Abschluss aus dem Herkunftsland; rd. 80 % verfügen – trotz zum Teil langjähriger Erwerbstätigkeit – über keinen beruflichen Abschluss (Romiti u. a. 2016; Vallizadeh u. a. 2016). Dabei haben Geflüchtete, die seit 2013 nach Deutschland zugezogen sind, eine hohe Bildungsorientierung im Hinblick auf schulische und berufliche Abschlüsse. Knapp die Hälfte der erwachsenen Geflüchteten strebt (vielleicht oder sicher) einen schulischen Abschluss in Deutschland an (46 %) und 2 von 3 einen beruflichen oder hochschulischen Abschluss (66 %). Eine besonders hohe Bildungsmotivation zeigt sich bei Geflüchteten mit einem dauerhaften Bleibewunsch und bei jüngeren Geflüchteten: Junge Erwachsene (18 bis 25 Jahre) sind überproportional an einem schulischen (65 %) bzw. an einem beruflichen Bildungsabschluss (84 %), die 26- bis 35-Jährigen vorrangig an einem beruflichen Bildungsabschluss in Deutschland interessiert (69 %; schulischer Abschluss 43 %) (Romiti u. a. 2016).316

Geflüchtete sind über alle Bildungsgruppen hinweg stark bildungsorientiert. Einen schulischen bzw. beruflichen Abschluss in Deutschland möchte mehr als die Hälfte bzw. rund zwei Drittel der Geflüchteten ohne Schulabschluss (57 % bzw. 62 %) oder ohne Beteiligung an beruflicher Bildung im Herkunftsland (54 % bzw. 64 %) erreichen (Romiti u. a. 2016).

Gleichzeitig besteht bei Geflüchteten eine hohe Erwerbs­orientierung. Von den Nichterwerbstätigen plant die große Mehrheit (78 %), in Deutschland ganz sicher eine Erwerbsarbeit aufzunehmen, weitere 15 % wahrscheinlich (Vallizadeh u. a. 2016). Beides, eine hohe Bildungsorientierung gepaart mit einer hohen Erwerbsorientierung, gekoppelt an das Motiv der wirtschaftlichen Unabhängigkeit, um keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen, bestätigen auch andere Studien zu Geflüchteten, die aktuell nach Deutschland gekommen sind, wie auch die Befunde zu Flüchtlingen früherer Kohorten (Brücker u. a. 2016a; Worbs/Bund 2016).

Hoher Qualifizierungsbedarf

Bei aller Unterschiedlichkeit der Herkunftsländer und der Bildungsvoraussetzungen von Geflüchteten, die vor dem Jahr 2000 bzw. in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, sowie der veränderten gesetzlichen Grundlagen und der Weiterentwicklung der Angebote zur Integration in Ausbildung und Erwerbs­arbeit in Deutschland (vgl. Kapitel C3) weisen die Erfahrungen mit dem Verlauf des Qualifizierungserwerbs und der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten früherer Kohorten in Deutschland auf den besonderen Qualifizierungsbedarf der Geflüchteten hin, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Damals wie heute sind Geflüchtete deutlich jünger als die Bevölkerung in Deutschland und haben eine hohe Bildungs- und Erwerbsmotivation. Und heute wie damals sind über zwei Drittel der erwachsenen Geflüchteten bereits im Herkunftsland erwerbstätig gewesen. Gleichzeitig besaßen rd. 70 % (1990er-Jahre) bzw. 80 % (seit 2013 zugewandert) beim Zuzug nach Deutschland keinen beruflichen Abschluss aus dem Herkunftsland (Fendel/Romiti 2016; Romiti u. a. 2016; Vallizadeh u. a. 2016). Bei den Geflüchteten früherer Kohorten und bei denen, die seit 2013 eingewandert sind, verläuft der Integrationsprozess in den Arbeitsmarkt (bisher) ähnlich, sodass im dritten Jahr nach Zuzug rund 30 % erwerbstätig sind (Bundesagentur für Arbeit 2016; Brücker/Schewe/Sirries 2016; Romiti u. a. 2016; vgl. Kapitel C2.1 und Kapitel C2.2). „Eine derartige Quote entspricht in etwa den Erfahrungen mit früheren Wellen der Flüchtlingsmigration“ (Brücker/Schewe/Sirries 2016, S. 20). „Damit entspricht der Integrationsverlauf ungefähr dem, der auch für andere Geflüchtete bereits seit den 1990er-Jahren in Deutschland beobachtet wurde“ (Brücker/Rother/Schupp 2016, S. 90).

Qualifikationsbedarfe auf dem Arbeitsmarkt

Betriebliche Qualifikationsbedarfe sind u. a. von der nahenden Verrentung geburtenstarker Jahrgänge und den Herausforderungen der (künftigen) Nachwuchs­sicherung geprägt (Maier u. a. 2016). Engpässe werden ab 2025 vorrangig auf dem berufsfachlichen Arbeitsmarkt erwartet, d. h. weniger im akademischen Bereich als bei Fachkräften mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und hier insbesondere bei den Pflege- und Gesundheitsberufen (ohne Approbation), aber auch im Bereich der Bau- und Metallberufe bzw. in den technischen Berufen (vgl. Kapitel A10.2). Die 4. Welle der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen weist darauf hin, dass das Bevölkerungswachstum – und das derzeitige Bildungs- und Erwerbsverhalten – nicht ausreicht, um Engpässe in diesen Tätigkeitsfeldern zu vermeiden (Maier u. a. 2016; vgl. Kapitel A10.2). Hingegen bestehen für Personen ohne Berufsabschluss vergleichsweise geringe Aussichten auf eine (kontinuierliche) Beteiligung an Erwerbsarbeit.

Großes Qualifizierungspotenzial, hoher Qualifizierungs­bedarf und erheblicher Qualifikationsbedarf

Die dargelegten Befunde weisen darauf hin, dass bei der Gruppe der in den letzten Jahren eingereisten Geflüchteten neben dem großen Bildungspotenzial ein erheblicher Bedarf an (nachholender) (schulischer und beruflicher) Bildung besteht. Angesichts ihrer hohen Bildungs- und Erwerbsorientierung, des großen Anteils Jüngerer und der Heterogenität ihrer Bildungsvoraussetzungen auf der einen Seite sowie des mittelfristig steigenden Bedarfs an berufsfachlich qualifiziertem Personal und der prognostizierten Engpässe in einigen Berufsfeldern auf der anderen Seite sind weiterhin erhebliche Bildungsinvestitionen erforderlich, um das Bildungsniveau zu steigern (Brücker u. a. 2016). Der Erfolg der Integration wird „maßgeblich davon abhängen, inwieweit es gelingt, Spracherwerb, Bildung und Ausbildung sowie berufsqualifizierende Maßnahmen mit einer schnellen Arbeitsmarktintegration zu verbinden“. „Insofern“ bedarf es hierfür „flexibler Programme“ (Brücker/Schewe/Sirries 2016, S.  20). Andernfalls könnte sich die Teilhabe an schulischer und abschlussbezogener beruflicher Bildung sowie die Arbeitsmarktintegration der jüngst nach Deutschland gekommenen Geflüchteten so entwickeln wie die der vor dem Jahr 2000 zugezogenen Geflüchteten. Wenn „die Integration der jüngst nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge weiter dem vergangenen Pfad entspricht, wird es weitere 5 Jahre dauern, bis rund die Hälfte der Flüchtlinge eine Beschäftigung aufgenommen hat“ (Brücker u. a. 2016, S. 20). Existierende Regelinstrumente und bereits neu geschaffene Maßnahmen sind wichtige erste Schritte. Darüber hinaus bedarf es (vgl. Kapitel C3) erheblicher langfristiger Anstrengungen, um den Integrationserfolg zu sichern. Benötigt werden neben Spracherwerb und der Vermittlung schulischer bzw. beruflicher Grundkenntnisse für rd. ein Fünftel bis ein Drittel der erwachsenen Geflüchteten, die im Herkunftsland keine oder maximal eine Grundschule besucht haben, weiterhin flexible, breit und langfristig angelegte Angebote der allgemeinen und beruflichen Sprachaneignung, der beruflichen (Vor-)Bildung, der Ausbildung (vgl. Kapitel C3) und Ausbildungsbegleitung sowie der Nachqualifizierung bzw. Anpassungsqualifizierung und Hochschulbildung (Granato u. a. 2016).

(Mona Granato)

  • 315

    Zur Nachfrage nach beruflicher Ausbildung (BBiG/HwO) der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen unter den Geflüchteten vgl. Kapitel C5.

  • 316

    Schulisches Bildungsziel ist dabei für jede/-n dritte/-n Geflüchtete/-n mit Bildungsorientierung der Abschluss einer Fachoberschule oder das Abitur (35 %) bzw. im beruflichen Bereich der Abschluss einer (Fach-)Hochschule (35 %) (Romiti u. a. 2016).