X

Sie verwenden einen veralteten Browser, mit dem nicht alle Inhalte von BIBB.de korrekt wiedergegeben werden können. Um unsere Seiten in Aussehen und Funktion in vollem Umfang nutzen können, empfehlen wir Ihnen, einen neueren Browser zu installieren.

Das Berufskonzept im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Anforderungen und technischen Veränderungen

Ein Ausbildungsberuf ist ein strukturierter Bildungsgang des (Berufs-)Bildungssystems auf der Grundlage von praxisrelevanten Arbeits- und Geschäftsprozessen, in dem nach §1 BBiG „die für die Ausübung einer qualifizierten Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten“ vermittelt werden. Der Ausbildungsberuf in seiner heutigen Form soll nicht nur fachlich qualifizieren, sondern ist zugleich ein wichtiges pädagogisches Grundprinzip und bildungspolitisches Ordnungsregulativ (Hackel/Mpangara 2017). Daher müssen bei der Weiterentwicklung dieses Konzepts die Bildungs- und die Erwerbsperspektive gleichermaßen reflektiert und hinsichtlich der Wechselwirkungen beurteilt werden. Als Kern des dualen Systems leistet das Berufskonzept an der Schnittstelle zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem einen beachtlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität und Integration sowie für die wirtschaftliche Produktivität. 

In diesem Spannungsfeld sieht sich das Konzept derzeit einigen Anforderungen ausgesetzt, die eine dynamische Weiterentwicklung notwendig machen, ohne die Orientierung am Ausbildungsberuf grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr erscheint das Konzept des Ausbildungsberufs mit seiner Orientierung an einer breiten beruflichen Grundbildung auch für die zukünftige Weiterentwicklung der beruflichen Bildung in Deutschland zielführend (Hackel/Mpangara 2017).

In der aktuellen berufsbildungspolitischen Diskussion sind die Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und höhere Berufsbildung besonders hervorzuheben:

Das Thema Nachhaltigkeit ist ein Beispiel dafür, wie ein gesellschafts- und bildungspolitisches Metathema Veränderungswirksamkeit entfaltet und durch das politische Commitment der Bundesregierung, im Rahmen des UNESCO-Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung42, einen partizipativen Beteiligungsprozess über alle Bildungsbereiche hinweg in Gang gesetzt hat. Im Rahmen der nationalen Plattform waren im Fachforum „berufliche Bildung“ Repräsentanten aller politischen Akteure im Feld des dualen Ausbildungssystems vertreten. In diesem Kontext wurde am 20. Juni 2017 der Nationale Aktionsplan vorgestellt, der Ziele und Maßnahmen für eine nachhaltige Umsetzung enthält (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2017). Diese sollen auch auf eine stärkere Verankerung der Bildung für nachhaltige Entwicklung auf der Ebene der Ordnungsmittel Wirksamkeit entfalten. Im Rahmen erster Analysen wurde deutlich, dass die berufsspezifischen Formulierungen in den Ordnungsmitteln bereits jetzt in verschiedenen Berufsbildern Hinweise auf nachhaltiges Handeln beinhalten. Es wurde vereinbart, diesen Aspekt bei der Erarbeitung von Ordnungsmitteln stärker zu thematisieren und das Ausbildungspersonal durch die Entwicklung von Informationsmaterial und die Bereitstellung von Lehr-Lern-Angeboten zu sensibilisieren und bei der Umsetzung im Ausbildungsprozess zu unterstützen. Daneben wurde auch vereinbart zu prüfen, ob die seit 1997 gültige Standardberufsbildposition Umweltschutz im Sinne einer konsensfähigen Definition von Nachhaltigkeit in der Beruflichen Bildung aktualisiert werden sollte. Außerdem ist zu evaluieren, inwieweit die aktuellen berufsbildungspolitischen Themenstellungen neue Anforderungen an die Ausbildereignungsverordnung stellen.

Der durch die Digitalisierung hervorgerufene technologische Wandel verstärkt die Diskussion um Anpassungsbedarfe der Ordnungsmittel und Ordnungsstrukturen. Ausbildungsordnungen zeichnen sich durch einen hohen Abstraktionsgrad und eine gewisse Technikoffenheit aus. So werden zum Beispiel in den Ordnungsmitteln keine spezialisierten Verfahren genannt, sondern Formulierungen verwendet, unter die sich unterschiedliche Verfahren einordnen lassen. Hierdurch können veränderte Qualifizierungsbedarfe eine Zeitlang durch Veränderungen der Ausbildungs- und Prüfungspraxis vor Ort aufgegriffen werden. Die Entscheidung, ob ein grundlegender Änderungsbedarf vorliegt, wird auf der Grundlage des sozialpartnerschaftlichen Dialogs getroffen. Dieser kann von ordnungsbezogenen Forschungsprojekten und Evaluationen unterstützt werden. Auch im Rahmen der Initiative Berufsbildung 4.0 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung werden hier derzeit in unterschiedlichen Berufsfeldern und Branchen Analysen durchgeführt. Die Ergebnisse hieraus werden im Jahr 2018 vorliegen. In weiteren Berufsfeldern, z. B. E-Commerce, IT, Metall, Elektro, wurde die Adaption der Berufsbilder an die veränderten Bedingungen bereits angestoßen. Daneben sind grundsätzliche Überlegungen zur Strukturierung von Berufen, zur Gestaltung von Prüfungen, aber auch zur systematischen Dauerbeobachtung des Feldes notwendig, um flexibler auf die steigende Veränderungsdynamik reagieren zu können.

Durch die fortschreitende Digitalisierung erfährt die betriebliche Weiterbildung vermehrt Aufmerksamkeit in der bildungspolitischen Diskussion. Auch im Zusammenhang mit dem vielfach konstatierten Akademisierungstrend werden bildungspolitisch von vielen Seiten Konzepte für eine „höhere Berufsbildung“ gefordert, um das System der beruflichen Aus- und Fortbildung attraktiver zu gestalten und der Anforderung nach lebensbegleitendem Lernen nachzukommen. Offen ist bislang, durch welche Maßnahmen das System der beruflichen Aufstiegsfortbildung gestärkt und erweitert werden sollte, um in der wachsenden Konkurrenz mit der Hochschulbildung an Attraktivität zu gewinnen. Für den strukturellen Erhalt des dualen Systems und damit einer arbeitsmarktrelevanten beruflichen Bildung für Schulabgänger/-innen aller Schulformen ist es von enormer Bedeutung, eine attraktive Alternative zum Studium anbieten zu können. Der Trend zur Akademisierung birgt die Gefahr, dass rückläufige Ausbildungszahlen Probleme für ein flächendeckendes Berufsschulangebot mit sich bringen und Betriebe sich seltener für eine betriebliche Ausbildung entscheiden könnten. Hier gilt es, durch eine Stärkung der Berufsschulen und Aktivitäten zur Förderung des Bekanntheitsgrades des dualen Systems und der hiermit verbundenen beruflichen Entwicklungs- und Weiterqualifizierungsmöglichkeiten Akzente zu setzen. Da es bei der Entwicklung von Karrierepfaden nicht zuletzt auf das Rekrutierungsverhalten der Betriebe ankommt, gilt es auch, das duale System wieder stärker in den Fokus von Personalverantwortlichen in den Betrieben zu rücken. 

Die angeführten Beispiele verdeutlichen, dass das Konzept des Ausbildungsberufs im Spannungsfeld zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem steht und daher Aspekte aus beiden Bereichen berücksichtigen und integrieren muss. Die jeweiligen Wechselwirkungen auf die beiden Systeme und zwischen unterschiedlichen Teilsystemen des Bildungssystems müssen bei der Gestaltung von Berufsbildern und bei der Veränderung von Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. 

(Monika Hackel)