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Der Arbeitsmarkt steht fortwährend vor neuen Herausforderungen, die sich langfristig auch in der Entwicklung von Arbeitsangebot und -nachfrage nach Branchen, Berufen und Qualifikationen zeigen. Dabei können Unterschiede auch zwischen Regionen deutlich werden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben – unter Mitwirkung der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) und des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) – im Rahmen ihrer regelmäßigen Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen (QuBe-Projekt) deshalb auch regionalspezifische Entwicklungstrends bis zum Jahr 2035 modelliert. Die zentralen Befunde der aktuellen Modellrechnungen auf Bundes- bzw. Regionalebene finden sich in Maier u.  a. 2016 und Zika u.  a. 2017. Detaillierte Ergebnisse nach Berufsfeldern, Qualifikationen, Anforderungsniveaus und Regionen können im QuBe-Datenportal  eingesehen und heruntergeladen werden. In diesem Kapitel werden zentrale regionalspezifische Ergebnisse für das Jahr 2035 vorgestellt. Dabei wird ein Vergleich zwischen der QuBe-Basisprojektion, die vom Fortbestehen bisheriger Entwicklungen und Abhängigkeiten ausgeht, und einem Wirtschaft-4.0-Szenario (siehe auch Zika u.  a. 2018), dem eine verstärkte Digitalisierung zugrunde liegt, vorgenommen. 

Methodische Erläuterungen zur Regionalprojektion im QuBe-Projekt

Die BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen (QuBe-Projekt), die in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnologie (FIT) entstanden sind, zeigen anhand von Modellrechnungen, wie sich das Angebot an und die Nachfrage nach Qualifikationen und Berufen langfristig entwickeln können. 

Bei der vorliegenden Regionalprojektion werden auf der Nachfrageseite die 63 Wirtschaftszweige zu 25 Branchen zusammengefasst, eine Aufspaltung des Verarbeitenden Gewerbes wird dabei aber beibehalten (Zika/Maier 2015). Ebenso wird die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften aus den Sonstigen wirtschaftlichen Unternehmensdienstleistern herausgenommen. 

Auf der Berufsseite wurde die Berechnung auf Bundesebene für 50 BIBB-Berufsfelder vorgenommen. Für die Regionalprojektion wurden diese zu 20 Berufshauptfeldern zusammengefasst.

Auch hinsichtlich der Regionalisierungstiefe waren Einschränkungen nötig. So wurden die 16 Bundesländer aufgrund der Problematik geringer Fallzahlen im Mikrozensus zu 6 Regionen zusammengefasst:

  • Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein),
  • Nordrhein-Westfalen,
  • Mitte-West (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland),
  • Baden-Württemberg,
  • Bayern,
  • Ost (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen).

Gerade die Integration der Stadtstaaten in die sie umgebenden Flächenstaaten erweist sich bei einer Gegenüberstellung von Arbeitsangebot und -bedarf nach Berufen als pragmatische Lösung. Neben der Berücksichtigung regionalspezifischer beruflicher Flexibilitätsmatrizen auf der Angebotsseite müssen nämlich auch die berufs- und qualifikationsspezifischen Pendelbewegungen zwischen Arbeitsort und Wohnort berücksichtigt werden, um auf das Angebot an Personen für einen bestimmten Beruf am Ort der Nachfrage (Arbeitsort) schließen zu können. 

Bei der verwendeten Methodik der regionalen Projektionen handelt es sich um einen hybriden Ansatz, der eine Bottom-up-Modellierung mit Top-down-Elementen verbindet. So können einerseits – beispielsweise bei der Bevölkerungs- und Erwerbstätigenprojektion nach Wirtschaftszweigen – regionale Entwicklungen differenziert berücksichtigt werden und andererseits auch die Entwicklungen des Bundes auf die Regionen übertragen werden. Die regional unterschiedlichen Ausgangssituationen werden dabei ebenfalls berücksichtigt. Dies ist beispielsweise bei der Berufsfeldstruktur innerhalb der Wirtschaftszweige oder bei den qualifikations-, alters- und geschlechtsspezifischen Erwerbsquoten der Fall. 

Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter www.QuBe-Projekt.de; alle Ergebnisse sind in dem QuBe-Datenportal (https://www.bibb.de/de/qube_datenportal.php) verfügbar.

QuBe-Datenportal (www.QuBe-Data.de)

Das QuBe-Datenportal ist eine interaktive Datenbankanwendung. Sie veranschaulicht die Ergebnisse der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsprojektionen (QuBe) und zeigt mögliche Entwicklungspfade von Arbeitsangebot und -nachfrage auf. 

Es können sowohl die Ergebnisse der Basisprojektion als auch die des Wirtschaft-4.0-Szenarios, disaggregiert nach Berufsfeldern oder Qualifikationen bzw. Anforderungsniveaus, abgerufen werden. Auf der Angebotsseite wird auf der Personenebene die Zahl der Erwerbspersonen und auf der Stundenebene das Arbeitsvolumenpotenzial ausgewiesen. Auf der Nachfrageseite wird der Bedarf an Erwerbstätigen bzw. der Bedarf an Arbeitsvolumen aufgeführt, der für die Produktion der nachgefragten Güter bzw. die Bereitstellung der nachgefragten Dienstleistungen benötigt wird. Auch ist es möglich, die beiden Arbeitsmarktseiten gegenüberzustellen.

Die Ergebnisse der Datenbank-Abfragen werden in Tabellen, Diagrammen und Karten dargestellt. Sie können in unterschiedlichen Datei-Formaten (SVG, PNG, HTML, CSV) heruntergeladen und weiterverwendet werden.

Die Ausgangslage

Das Ziel des QuBe-Projektes ist es, empirische Trends, Verhaltensweisen und Interdependenzen in einer dynamischen Modellierung fortzuschreiben. Zielvorgaben bzw. Absichtserklärungen sind somit nicht Teil der hier vorgestellten Basisprojektion. Die Ergebnisse zeigen vielmehr, auf welchem Entwicklungspfad wir uns befinden, wenn Trends und Verhaltensweisen der Vergangenheit und Gegenwart fortbestehen. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist deshalb zu beachten, dass die Entwicklungen von Angebot und Nachfrage keine voneinander unabhängigen Größen darstellen. So kann die Arbeitsnachfrage etwa in Form von Lohnanpassungen auf Fachkräfteengpässe reagieren und die Erwerbspersonen können – im Rahmen der mit ihrem erlernten Beruf möglichen Flexibilität – in die entsprechend stärker nachgefragten und besser entlohnten Berufsfelder  wandern.

Im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2017, Kapitel A10.2 wurden die Bundesergebnisse berichtet. In diesem Beitrag werden die Ergebnisse der vierten Projektionswelle des QuBe-Projekts in regionaler Untergliederung dargestellt. Unter Berücksichtigung aktualisierter Datenquellen folgt die Methodik der ersten regionalen Differenzierung der QuBe-Ergebnisse (Zika/Maier 2015). Die 16 Bundesländer werden dabei zu den Regionen Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein), Nordrhein-Westfalen, Mitte-West (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland), Baden-Württemberg, Bayern, Ost (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) zusammengefasst (siehe Erläuterung).

Berufsfelder – Berufshauptfelder

Für die Projektion des zukünftigen Arbeitskräftebedarfs und -angebots sind die Daten aus dem Mikrozensus auf Basis der Klassifikation der Berufe (KldB 2010) für den ausgeübten Beruf und ab 2005 auch für den erlernten Beruf verwendet worden. Der Detaillierungsgrad der Angaben im Mikrozensus zum ausgeübten Beruf bzw. zur Aus- oder Weiterbildungsfachrichtung auf der Basis der Klassifizierung der Berufe ist allerdings für längerfristige Qualifikations- und Arbeitsmarktprojektionen zu feinmaschig. Daher wurde auf der Basis der 144 Berufsgruppen (3-Steller) der KldB 2010 eine Verdichtung zu 50 Berufsfeldern vorgenommen (Tiemann 2016). Zur einfacheren Darstellung werden diese 50 Berufsfelder auf 20 Berufshauptfelder aggregiert.

Trotz solcher Anpassungen am Arbeitsmarkt können Arbeitskräfteengpässe oder -überhänge entstehen. Die in der Projektion ausgewiesenen Ungleichgewichte sind jedoch nicht als unausweichlicher Zustand aufzufassen. Sie sind vielmehr ein expliziter Hinweis auf eventuelle Handlungsnotwendigkeiten und Anpassungsmöglichkeiten, die heute in ihren vollständigen jeweiligen Ausprägungen weder absehbar noch modellierbar sind. Auf der Arbeitsangebotsseite sind hier vor allem das Bildungsverhalten und die berufliche Flexibilität zu nennen, die sich entgegen dem langfristigen Trend entwickeln könnten. Auf der Nachfrageseite könnten Unternehmen beispielsweise kurzfristig mit einer Ausweitung der Arbeitszeit reagieren, da bisherige Untersuchungen zeigen, dass Teilzeitbeschäftigte oft längere Arbeitszeiten präferieren (Zika u. a. 2012; Wanger/Weber 2016). Mit Blick auf die mittel- und langfristige Perspektive können Unternehmer aber auch die Produktionsprozesse umstellen.235 

Für die Stärke des Anpassungsdrucks ist entscheidend, in welchem Teilsegment des Arbeitsmarktes sich Ungleichgewichte ergeben. So wären beispielsweise angespannte Situationen bei den Gastronomieberufen lösbar, indem die angebotene Arbeitszeit besser ausgeschöpft wird, bzw. mehr ungelernte oder fachfremde Arbeitskräfte rekrutiert werden. Kritischer sind Engpässe in Berufen, für deren Ausübung spezielle zertifizierte Kenntnisse benötigt werden (z.  B. im Gesundheitswesen). Hier wären andere Maßnahmen wie qualifizierte Zuwanderung sowie verstärkte Qualifizierung und Weiterbildung des bereits bestehenden Arbeitsangebots als Lösungsstrategien zu nennen. 

Demografische und wirtschaftliche Entwicklung in den Regionen

Entscheidend für regionale Differenzen sind auf der Angebotsseite die Bevölkerungsentwicklung – insbesondere die regional unterschiedliche Zuwanderung aus dem Ausland –, die Bildungsbeteiligung sowie Berufswahl, Erwerbsneigung und berufliche Flexibilität. Auf der Bedarfsseite sind neben der Binnennachfrage, die sich durch die demografische Entwicklung ergibt, vor allem die vorherrschende regionale Wirtschaftsstruktur und ihre internationale Einbindung maßgebend. Sie bestimmt mit ihren langfristigen Entwicklungsperspektiven die Nachfrageentwicklung nach Qualifikationen und Berufen. 

Nach der QuBe-Bevölkerungsprojektion (vgl. BIBB-Datenreport 2017, Kapitel A10.2) wird die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland durch den erfolgten Zuzug von Geflüchteten noch bis zum Jahr 2025 auf rund 83,4  Mio. Personen wachsen. Danach wird sie vor allem wegen der niedrigen Geburtenzahl (Fuchs u. a. 2016) bis zum Jahr 2035 wieder auf 82,1  Mio. Personen sinken. Zu- und Fortzüge führen zudem zu einer relativen Verjüngung der Bevölkerung. Insgesamt wird die Bevölkerung Deutschlands aber weiter altern. 

Da sich Immigranten und Binnenwanderer regional unterschiedlich verteilen, wird sich die Bevölkerung in den Bundesländern nicht gleichmäßig entwickeln. Hier wird unterstellt, dass die Binnenwanderung den Annahmen der 13.  Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung entspricht (Statistisches Bundesamt 2015). Danach wird die Bevölkerung Baden-Württembergs und Bayerns im Jahr 2035 größer sein als 2014, während Ostdeutschland mit -650.000 Personen den größten Rückgang zu verzeichnen hat Tabelle A10.2-1.

Die demografische Entwicklung gibt den Rahmen für das potenzielle Arbeitsangebot in den Regionen vor. Gleichzeitig fragt die Bevölkerung vor Ort aber auch bestimmte Produkte nach und hat dadurch zu einem gewissen Grad Einfluss auf die Nachfrage nach Arbeitskräften. 

Letztlich entscheidend für die Nachfrage nach bestimmten Berufen ist allerdings die bereits in der Vergangenheit gewachsene bzw. die sich künftig entwickelnde Wirtschaftsstruktur. Hierbei sind klare Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland erkennbar Tabelle A10.2-1. So ist – bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen – Land- und Forstwirtschaft, Fischerei aufgrund der geografischen Gegebenheiten (z.  B. Nähe zum Meer, geringere Bevölkerungsdichte) stärker in den nördlichen Flächenstaaten beheimatet, während das verarbeitende Gewerbe im südlichen Teil Deutschlands einen wichtigen Part einnimmt. In den östlichen Bundesländern sind das Baugewerbe und die öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung sowie sonstige wirtschaftliche Unternehmensdienstleister relativ stärker vertreten. 

Tabelle A10.2-1: Regionale Besonderheiten im Vergleich zur bundesdeutschen Struktur

Auch weitere regionale Besonderheiten schlagen sich in der branchenspezifischen Beschäftigung nieder. So haben die Hafenstädte Bremen und Hamburg sowie Hessen mit der Region Rhein-Main wegen guten Anbindungen an den Frankfurter Flughafen, an Autobahnen, Schienen oder Wasserwege einen Schwerpunkt in Verkehr und Lagerei. In Hessen spielen zudem durch den Bankensektor die Finanz- und Versicherungsdienstleister eine besondere Rolle. Berlin weist einen hohen Erwerbstätigenanteil im Dienstleistungsbereich auf. Mecklenburg-Vorpommern zeichnet sich durch eine größere Bedeutung des Gastgewerbes aus (Mönnig/Wolter 2015). Sachsen hat im Bereich des verarbeitenden Gewerbes (z.  B. Fahrzeugbau) Beschäftigungsschwerpunkte aufgebaut.

Entsprechend der regionalspezifischen Ausgangssituationen werden sich die einzelnen Regionen unterschiedlich entwickeln. In den beiden südlichen Regionen Baden-Württemberg und Bayern wird das verarbeitende Gewerbe auch noch im Jahr 2035 der Motor der Wertschöpfung sein, obwohl auch in diesen beiden Ländern der wirtschaftliche Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen weiter voranschreiten wird. Auch künftig werden hohe Beschäftigungsanteile in der Region Nord in der Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Verkehr und Lagerei sowie im Fahrzeugbau zu finden sein, in der Region Mitte-West im Finanz- und Versicherungswesen sowie Verkehr und Lagerei und in der Region Ost im Tourismus und im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen. In Nordrhein-Westfalen ist dagegen ein weiterer kontinuierlicher Abbau der Schwerindustrie bei gleichzeitiger Zunahme der unternehmensnahen Dienstleistungen und Fortschrittstechnologien zu erwarten. Im Folgenden werden zunächst die Ergebnisse der QuBe-Basisprojektion dargestellt. Anschließend wird die mögliche Entwicklung vor dem Hintergrund einer zunehmenden Digitalisierung skizziert.

Arbeitskräftesituation nach Berufshauptfeldern in den Regionen – QuBe-Basisprojektion

Tabelle A10.2-2 führt für das Jahr 2035 die Zahlen des Arbeitsangebotes (Zahl der Erwerbspersonen) und der Nachfrage (Bedarf an Erwerbstätigen) für die 20 Berufshauptfelder entsprechend der QuBe-Basisprojektion bundesweit und regional auf. Betrachtet man zunächst die gesamtdeutsche Entwicklung, so zeigt sich, dass mit rund 708.000 Personen insbesondere „Büro- und kaufmännische Dienstleistungsberufe“ den größten Arbeitskräfteüberhang aufweisen. Darüber hinaus wird aber auch in akademisch geprägten Berufen wie den „Lehrenden Berufen“ und den „IT- und naturwissenschaftlichen Berufen“ das Arbeitskräfteangebot den Bedarf deutlich übersteigen. Demgegenüber lassen sich beim Berufshauptfeld „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“ auf Bundesebene Arbeitskräfteengpässe verzeichnen. Dabei handelt es sich um ein Berufshauptfeld, das über den eigenen Bedarf hinaus ausbildet und aufgrund einer höheren Abwanderung von Arbeitskräften in andere Berufsfelder den Bedarf von Arbeitskräften unter dieser Voraussetzung langfristig nicht decken kann (vgl. BIBB-Datenreport 2017, Kapitel A10.2.2). Auch zeigen sich Engpässe in Berufshauptfeldern mit hohen Anteilen von An- und Ungelernten wie bei den „Reinigungs- und Entsorgungsberufen“, den „Verkehrs-, Lager- und Transportberufen“, aber auch bei den „Gastronomieberufen“. Mit einer Arbeitskräftelücke von etwa 238.000 Personen sind die „Gesundheitsberufe“ am stärksten betroffen. 

Tabelle A10.2-2: Erwerbstätige und Erwerbspersonen in der jeweiligen Region im Jahr 2035 - Personen in Tausend

Auf regionaler Ebene kann festgestellt werden, dass neben der unterschiedlichen demografischen Entwicklung vor allem die vorherrschenden Branchenstrukturen zu unterschiedlicher beruflicher Spezialisierung führen. So wird auch die künftige Nachfrage nach Berufen von der regionalen Wirtschaftsstruktur mitbestimmt. 

Während sich für Nordrhein-Westfalen und für die Region Mitte-West im Vergleich zur beruflichen Arbeitsmarktsituation im Bund keine größeren Auffälligkeiten zeigen, gibt es in anderen Regionen auch Ausreißer. So stechen in der Region Nord die im Vergleich zum Bund größeren Rekrutierungsschwierigkeiten für die „Rohstoffgewinnenden Berufe“, für die „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“ sowie für die „Maschinen und Anlagen steuernde und wartende Berufe“ ins Auge. Auf der anderen Seite zeigen die Modellergebnisse für das Jahr 2035 in der Region Nord ein höheres Überangebot bei den „Sicherheits- und Wachberufen“ sowie bei den „Sozialen Berufen“. 

Während in Baden-Württemberg vor allem bei den „Sozialen Berufen“ und den niedrig entlohnten Dienstleistungsberufen jeweils größere Engpässe als im Bund erwartet werden, gilt das in Bayern vor allem für die „Gesundheitsberufe“ und die „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“. In beiden Bundesländern ist weiterhin das relativ hohe Überangebot bei den „Rohstoff gewinnenden Berufen“ auffallend, was vor allem an der mangelnden Nachfrage liegt. Langfristige Engpässe in „Technischen Berufen“, wie sie auf Bundesebene ersichtlich werden, sind in Süddeutschland hingegen weniger ausgeprägt. Das liegt unter anderem daran, dass der örtliche Bedarf in den produktionsstarken Gebieten auch in der Vergangenheit relativ hoch war. Deshalb wurde zum einen mehr in diesen Berufen ausgebildet, zum anderen findet aber im Vergleich zu anderen Regionen auch eine geringere Abwanderung in andere Berufe statt.

In der Region Ost zeigen sich im Vergleich zum Bund die größten Unterschiede. Hier ergeben sich höhere Engpässe vor allem bei den Berufen, die üblicherweise vom Produzierenden Gewerbe nachgefragt werden, während sich mit Ausnahme der „Lehrenden Berufe“ und der „Gastronomieberufe“ bei den Dienstleistungsberufen tendenziell ein höheres Überangebot als im Bund ergibt. Die größeren Engpässe bei den produzierenden Berufen könnten damit zusammenhängen, dass in der Vergangenheit viele Personen mit einer technischen Ausbildung aufgrund mangelnder Arbeitsmarktperspektiven vor Ort weggezogen sind und langfristig auch aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Sollte eine langfristige Nachfrage nach Berufen im Bereich „Metall-, Anlagenbau, Blechkonstruktion, Installation, Montierer, Elektroberufe“, „Maschinen- und Anlagen steuernde und wartende Berufe“ sowie bei „Sonstigen be-, verarbeitenden und instand setzenden Berufen“ bestehen, so müssten Jüngere wieder verstärkt für eine Ausbildung in diesen Bereichen gewonnen werden. Ostdeutschland ist zudem die einzige Region, in der das Arbeitsangebot in den Gesundheitsberufen noch über dem Bedarf liegt. Allerdings berücksichtigt die Berechnung keine Unterschiede zwischen Stadt und Land, die bekanntermaßen nicht gleichmäßig mit Gesundheitsdienstleistungen versorgt sind. Des Weiteren ist zu beachten, dass hinter diesem Ergebnis für die Region Ost durchaus heterogene Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern stehen können.

Entwicklung der Berufshauptfelder in den Regionen – Wirtschaft-4.0-Szenario

In Tabelle A10.2-3 werden die Verhältnisse von Arbeitskräftebedarf und -angebot der Basisprojektion denen des Wirtschaft 4.0-Szenarios  gegenübergestellt, um konkrete Unterschiede zwischen beiden Ansätzen ausmachen zu können (siehe auch Zika u. a. 2018). Im Wirtschaft-4.0-Szenario (Wolter u. a. 2016) wird eine beschleunigte Digitalisierung der Wirtschaft unterstellt. Hingegen nimmt man bei der Basisprojektion an, dass sich der technische Fortschritt bis zum Ende der Projektion im Jahr 2035 am bisherigen Entwicklungspfad orientieren wird. In der Tabelle weisen einerseits negative prozentuale Anteile auf einen Arbeitskräfteengpass (Erwerbspersonen < Erwerbstätige) im jeweiligen Berufshauptfeld bzw. der jeweiligen Region hin, andererseits kennzeichnen positive prozentuale Anteile einen Arbeitskräfteüberhang (Erwerbspersonen > Erwerbstätige).

Szenario „Wirtschaft 4.0“

Das Wirtschaft-4.0-Szenario geht der Fragestellung nach, welche Auswirkungen eine intensivere und schnellere Digitalisierung der Gesamtwirtschaft auf den deutschen Arbeitsmarkt hat. Hierzu werden (1) höhere Investitionen in Ausrüstungen, (2) Investitionen in den Breitbandausbau, (3) Kosten- und Gewinnstrukturen der Unternehmen, (4) eine veränderte Nachfragestruktur nach Berufen und Anforderungen sowie (5) eine steigende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen berücksichtigt (Wolter u.  a. 2016).

Tabelle A10.2-3: Arbeitskraftüberhänge und -engpässe in der jeweiligen Region im Jahr 2035 (in %)

Der Einsatz neuer Technologien ist aufgrund von Automatisierungsprozessen oftmals mit Beschäftigungsverlusten in bestimmten Berufsfeldern verbunden (Wolter u. a. 2016). Diese Entwicklung aufgreifend zeigt sich innerhalb der Branchen um „Metall-, Anlagenbau, Blechkonstruktion, Installation, Montierer, Elektroberufe“ sowie „Maschinen- und Anlagen steuernde und wartende Berufe“, dass die vergleichsweise geringen Arbeitskräfteüberhänge in der Basisprojektion ein starkes Wachstum im Wirtschaft-4.0-Szenario erfahren. Eine ähnliche Dynamik lässt sich bei den „Büro-, kaufmännischen Dienstleistungsberufen“ feststellen. Die vorhandenen Disparitäten zwischen Erwerbspersonen und Erwerbstätigen werden bei einem Wirtschaft-4.0-Szenario vergrößert. Umgekehrt besteht ein erhöhter Bedarf an „IT- und naturwissenschaftlichen Berufen“, was sich durch einen geringer werdenden Überhang gegenüber der Basisprojektion bemerkbar macht. Eine solche Entwicklung ist als eine Angleichung des Verhältnisses zwischen Arbeitskräftebedarf und Arbeitskräftenachfrage zu sehen. Diesen Prozess machen die „Technischen Berufe“ in gespiegelter Form durch, indem sich hiesige Engpässe in leichte Überhange verwandeln. Dem gegenüber stehen die „Gesundheitsberufe“, in denen – mit Ausnahme der Ost-Region – Arbeitskräfteengpässe überwiegen und auch weiterhin wachsen werden.

Absolut betrachtet sind überwiegend die produzierenden Berufe vom Wandel zur Wirtschaft 4.0 betroffen, aber auch „Büro-, kaufmännische Dienstleistungsberufe“. Gemäß den Annahmen einer schnelleren Digitalisierung werden viele Tätigkeiten in diesen Bereichen wegfallen, da sie aufgrund technischer Gegebenheiten in ihrer bisherigen Form nicht mehr ausgeübt werden müssen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass zwar Arbeitsplätze nach Branchen und Berufen verschwinden werden, allerdings entstehen anderswo neue Arbeitsplätze. Gewissermaßen wird dadurch eine „neue“ Arbeitswelt geschaffen, die anders sein wird; dies wird jedoch nicht zwangsläufig auf Kosten der Arbeitnehmer gehen. Darüber hinaus kann die Digitalisierung auch ein Weg sein, drohende Ungleichgewichte zu beheben. So ergeben sich z. B. bei den „Technischen Berufen“ im QuBe-Basisszenario aufgrund des demografischen Wandels Engpässe, die beim Wirtschaft-4.0-Senario hingegen zu leichten Überhängen führen. 

Generell kann in beiden Szenarien eine zunehmende Akademisierung des Arbeitsangebotes beobachtet werden. Künftig werden dem Arbeitsmarkt somit mehr Personen mit höheren Bildungsabschlüssen zur Verfügung stehen als bisher, was sich an den Arbeitskräfteüberhängen in den Berufshauptfeldern „IT und naturwissenschaftliche Berufe“, „Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe“ sowie „Lehrende Berufe“ beobachten lässt.

Fazit und Ausblick

Die Befunde der QuBe-Basisprojektion basieren auf Methoden, die ihre Informationen aus bisherigen Entwicklungen beziehen. Es wurden explizit keine Annahmen im Hinblick auf wünschenswerte Konstellationen in der Zukunft getroffen und darauf, was dafür zu tun wäre. In der Projektion erscheinende Engpässe oder Überhänge sind deshalb nicht als unausweichlicher Tatbestand aufzufassen. Die Persistenz bisheriger regionaler Wirtschaftsschwerpunkte zeigt sich deshalb auch in einer langfristigen Arbeitsmarktbilanzierung nach Berufen: 

  • Verstärkte Ausbildungsbemühungen aufgrund entsprechender Branchenschwerpunkte in der Region verringern entsprechende Arbeitskräfteengpässe. So z. B. in den „Technischen Berufen“ in Süddeutschland oder den „Gesundheitsberufen“ in Ostdeutschland.
  • Flächendeckende Engpässe sind vor allem in den Berufshauptfeldern „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“ und mit Ausnahme von Ostdeutschland auch in den „Gesundheitsberufen“ ersichtlich.
  • Deutliche Überhänge sind in den „Büro-, kaufmännischen Dienstleistungsberufen“ und „Lehrenden Berufen“ zu beobachten. Dabei ist die Projektion für die Region Ost in zweifacher Hinsicht hervorzuheben: Einerseits ist der relative Arbeitskräfteüberhang in den „Büro-, kaufmännischen Dienstleistungsberufen“ deutschlandweit am höchsten, andererseits fällt der Überhang der „Lehrenden Berufe“ vergleichsweise am geringsten aus. 

Erweitert man die hier dargestellte Zukunftsprojektion um die Annahmen eines Wirtschaft-4.0-Szenarios, ergeben sich folgende Möglichkeiten:

  • Automatisierungsprozesse und neue Technologien führen flächendeckend zu Arbeitskräfteüberhängen in den Berufshauptfeldern „Metall-, Anlagenbau, Blechkonstruktion, Installation, Montierer, Elektroberufe“, „Maschinen- und Anlagen steuernde und wartende Berufe“, und „Büro-, kaufmännische Dienstleistungsberufe“. Mit Ausnahme von letzteren wurden für die Region Ost in der Basisprojektion der beiden Berufshauptfelder Arbeitskräfteengpässe projiziert.
  • Eine zunehmende Digitalisierung führt somit auch zu einer Angleichung der Arbeitskräfteverhältnisse, so z.  B. bei „Technischen Berufen“ und „IT und naturwissenschaftlichen Berufen“. 
  • Wirtschaft 4.0 fördert prioritär eine Verschiebung der Beschäftigtenstruktur und führt nicht zwingend zum Wegfall von Arbeitsplätzen.

Auf Basis der aktuellen Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen für Gesamtdeutschland konnten regionalspezifische Unterschiede, Trends und Passungsprobleme festgestellt werden. So führen unterschiedliche Branchenschwerpunkte zu Überhängen an einem Ort, zeitgleich aber auch zu Engpässen an anderer Stelle. Nimmt man die fortschreitende Digitalisierung als alternative Entwicklung hinzu, so zeigt sich, dass sich Chancen und Risiken ebenbürtig gegenüberstehen: Einige Tätigkeiten fallen weg, andere nehmen zu. Letztlich entscheidend ist, wie nachhaltig ein möglicher Übergang zu einer Wirtschaft 4.0 gestaltet wird bzw. wie schnell man sich von der Basisprojektion entfernt.

(Dennis Deden, Tobias Maier, Gerd Zika – Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung)


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    Eine solche einschneidende Produktionsumstellung und deren Folgen für den Arbeitsmarkt werden aktuell unter dem Stichwort „Wirtschaft 4.0“ diskutiert (Wolter u. a. 2016).