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Die Effekte der bereits heute von den Jugendlichen praktizierten Mobilität auf die regionalen Ausbildungsmarktlagen sind also beträchtlich. Allerdings scheinen sie immer noch nicht auszureichen. Denn immerhin gab es 2016 in 5 Arbeitsagenturbezirken (Annaberg-Buchholz, Passau, Schwandorf, Greifswald, Regensburg) am Ende des Berichtsjahres (30. September) deutliche Angebotsüberschüsse (ANR > 110), während in 56 Bezirken merkliche Nachfrageüberschüsse existierten (ANR < 90). Weitere Marktausgleiche durch mehr Mobilität wären also zumindest rechnerisch möglich gewesen.

Die Mobilitätsbereitschaft der Jugendlichen scheint allerdings begrenzt zu sein. In der BA-BIBB-Bewerberbefragung 2016 – befragt wurden Jugendliche, die 2016 bei Arbeitsagenturen oder den Jobcentern in gemeinsamer Trägerschaft (JCgE) als Bewerber/-in gemeldet waren200  – berichteten nur 6,3% der Bewerber/-innen mit Hauptschulabschluss, sich im Umkreis von 50 km und mehr beworben zu haben Tabelle A8.2.2-1. Lediglich bei den studienberechtigten Bewerbern und Bewerberinnen erreichte der Anteil der Mobilitätsbereiten mit 30,4% ein beträchtliches Ausmaß.

Wäre somit nicht eine weitere Förderung der regionalen Mobilitätsbereitschaft zweckmäßig? Die Frage ist ungeachtet der weiterhin existierenden regionalen Marktungleichgewichte nicht leicht zu beantworten. Denn die regionalen Ausbildungsmärkte und ihre Disparitäten werden durch wachsende berufliche Passungsprobleme überlagert (Granato u. a. 2018, Ulrich 2016). Entscheidende Ursachen hierfür sind der starke Einbruch an Ausbildungsplatznachfragern/-nachfragerinnen mit Hauptschulabschluss in den letzten Jahren sowie der ebenso deutliche Zuwachs an studienberechtigten Ausbildungsplatznachfragern/-nachfragerinnen (Haverkamp 2016, Ulrich 2016). Diese Entwicklungen führten in Verbindung mit der starken beruflichen Segmentierung auf dem Ausbildungsmarkt dazu, dass unbesetzte Plätze verstärkt in Berufen zu finden sind, in denen den Betrieben gegebenenfalls bereits ein Hauptschulabschluss genügt (2017 bei 61,3% aller 48.900 unbesetzten Plätze; vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017c, dortige Tabelle im Anhang).

Unter den erfolglosen Ausbildungsplatznachfragern/-nachfragerinnen nimmt dagegen der Anteil der Studienberechtigten stetig zu. 2017 lag er bereits bei 28,4% und übertraf damit den Anteil der Bewerber/-innen mit Hauptschulabschluss unter den Erfolglosen, der nur noch 27,6% betrug (Matthes u. a. 2017b). Ein durchgreifender Abbau der Passungsprobleme hängt somit zunehmend davon ab, dass Ausbildungsplatznachfrager/-innen mit höheren Schulabschlüssen stärker als bislang auf Berufe zugehen, die grundsätzlich auch Jugendlichen mit Hauptschulabschluss offenstehen (Granato u. a. 2018).

Dies gilt grundsätzlich auch für mobilitätsbereite Jugendliche, denn auch in den Regionen mit Angebotsüberschüssen sind von den Besetzungsproblemen verstärkt typische „Hauptschülerberufe“ betroffen. Potenzielle zusätzliche Maßnahmen zur Steigerung der regionalen Mobilitätsmotivation stehen nun vor 2 Problemen: Auf der einen Seite dürften – dies zeigen die großen Unterschiede im bereits heute praktizierten Mobilitätsverhalten der Ausbildungsstellenbewerber/-innen 2016 in Abhängigkeit von ihrem Schulabschluss Tabelle A8.2.2-1 – vor allem Jugendliche mit höherem Schulabschlüssen zu einer weiteren Steigerung ihrer beruflichen Mobilität zu bewegen sein. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich gerade diese Jugendlichen mit hoher schulischer Vorbildung in den Zielregionen typischen „Hauptschülerberufen“ zuwenden werden (vgl. Granato/Milde/Ulrich 2018). Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie groß der Nutzen spezifischer Maßnahmen zur Förderung der Mobilität von Bewerbern/ Bewerberinnen mit Hauptschulabschluss sein kann, wenn selbst in den Regionen mit im Schnitt schwierigeren Ausbildungsmarktlagen und Angebotsdefiziten Ausbildungsplätze in typischen „Hauptschülerberufen“ unbesetzt bleiben.

Tabelle A8.2.2-1: Ausmaß überregionaler Bewerbungen bei Jugendlichen, die 2016 bei Arbeitsagenturen oder den Jobcentern in gemeinsamer Trägerschaft (JCgE) als Ausbildungsstellenbewerber/ -bewerberinnen gemeldet waren

Insofern kommt dem Abbau der von Jugendlichen wahrgenommenen Attraktivitätsunterschiede zwischen den Berufen eine Schlüsselstellung zu, um die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt auch durch mehr regionale Mobilität wirksam zu verringern. Regionale Mobilität würde in diesem Fall berufsunspezifischer wirken. Sie wäre damit auch mit höherer Wahrscheinlichkeit für diejenigen Berufe von Vorteil, die in Regionen mit allgemeinem Nachfragemangel gegenwärtig besonders stark von Besetzungsproblemen betroffen sind.

(Stephanie Matthes, Joachim Gerd Ulrich)