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Die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit „employability“ der Bevölkerung über den gesamten Lebenslauf hinweg ist eines der zentralen Ziele des europäischen Aktionsprogramms zum Lebenslangen Lernen („Education and Training – ET 2020“; Europäische Kommission 2001a, S. 9). Entsprechend hat Weiterbildung in der politischen Diskussion einen hohen Stellenwert für den Aufbau und Erhalt von Qualifikationen und Kompetenzen einer alternden Erwerbsbevölkerung (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010, S. 135). Mit dem Adult Education Survey (AES) existiert eine umfangreiche Datengrundlage, auf deren Basis differenzierte Analysen der Weiterbildungsbeteiligung nach Personengruppen, Berufsbezug, Lernformen und vielen weiteren Kriterien möglich sind.219

Messung der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung im Adult Education Survey (AES) und in anderen Berichtssystemen

Der AES ist als Erhebung zur Erwachsenenbildung aufgrund einer Verordnung (EG) Nr. 452/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates nunmehr verpflichtend für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Er ist die Ein-Themen-Befragung, die das Lernen Erwachsener derzeit am differenziertesten erfasst. Die Piloterhebung zum AES wurde auf freiwilliger Basis in 29 Ländern zwischen 2006 und 2008 durchgeführt; 2011/2012 fand die erste Regelerhebung in Anwendung der Verordnung (EG) 823/2010 der Kommission statt.

Dabei wurden in den beteiligten Ländern jeweils repräsentative Stichproben der 25- bis 64-Jährigen zu ihren Lernaktivitäten in den letzten 12 Monaten befragt. Die Erfassung der Lernaktivitäten erfolgt nach der Classification of Learning Activities (CLA; Eurostat 2006) getrennt nach formaler Bildung, non-formaler Bildung und informellem Lernen. Zusätzlich werden Informationen zum sozio-demografischen Hintergrund, zur Bildungsbiografie, zu den Themen und den Anbietern von Bildungsmaßnahmen, zu Weiterbildungsbarrieren, Teilnahmemotiven, Kostenübernahme, neuen Lernformen (E-Learning) und Kompetenzen im Bereich der PC-Kenntnisse und Fremdsprachen erfragt. Für die Diskussion des AES im Gesamtkontext der europäischen Statistiken zum Lernen Erwachsener siehe Kapitel C.

Die Erhebung erfolgt „gestützt“, d. h., den Befragten werden verschiedene mögliche Lernaktivitäten und Themen beispielhaft genannt, um die Erinnerung an die Teilnahme anzuregen. Daher liegen die gemessenen Teilnahmequoten des AES deutlich über denen anderer Erhebungen (z. B. dem Mikrozensus), in denen die Weiterbildungsteilnahme ungestützt erfragt wird und bei denen die Weiterbildungsteilnahme nur eine unter vielen Fragen zu anderen Themen ist. Der Berufsbezug der non-formalen Maßnahmen wird im AES über die Frage nach dem subjektiven Zweck der Bildungsteilnahme dargestellt: Wurde hauptsächlich aus beruflichen Gründen oder mehr aus privaten Gründen teilgenommen? Weiter ausdifferenziert wird nach betrieblicher, individueller berufsbezogener und nicht-berufsbezogener Weiterbildung. Im Jahr 2010 fand in Deutschland eine zusätzliche Zwischenerhebung des AES statt, deren Daten hier ebenfalls ausgewertet werden. Von 1979 bis 2007 wurde in Deutschland im dreijährigen Turnus das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) erstellt, in dem die Erhebung beruflicher Weiterbildung nach einem anderen Konzept erfolgte (für die entsprechende Zeitreihe und Erläuterungen zu methodischen Details vgl. BIBB-Datenreport 2010, Kapitel B1.1).

Für eine differenzierte Bildungsberichterstattung ist es von Interesse, die Beteiligung an berufsbezogener von nicht-berufsbezogener Weiterbildung zu trennen, um die Teilnahme an Lernaktivitäten mit beruflichem Kontext und Arbeitsplatzbezug separat beschreiben zu können. In der Tradition der deutschen Bildungsberichterstattung wurde lange Zeit nach allgemeiner und beruflicher Weiterbildung unterschieden, die im Berichtssystem Weiterbildung (BSW) nach einer je eigenen Systematik abgefragt wurden. Diese Unterscheidung lässt sich mit der Datengrundlage des AES nicht mehr in der gleichen Weise abbilden. Der AES unterscheidet sich vom BSW einerseits durch die Zuordnung der abgefragten Lernaktivitäten (formal – nonformal – informell) als auch durch die Abbildung des beruflichen Bezugs der Lernaktivität (für nähere Erläuterungen vgl. Bilger/Kuper 2013b, S. 36 ff.).  

Formale – non-formale – informelle Bildung

Unter die formale Bildung fallen alle „regulären Bildungsgänge“, d. h. bei Erwachsenen der sog. „zweite Bildungsweg“, Umschulungen und Aufstiegsfortbildungen, die zu einem anerkannten Abschluss führen (Kuper u. a. 2013b, S. 250). Nonformale Bildung umfasst hingegen Kurse oder Lehrgänge, kurzzeitige Bildungs- oder Weiterbildungsveranstaltungen, Schulungen am Arbeitsplatz oder Privatunterricht in der Freizeit (Bilger/Kuper 2013a, S. 27). Informelles Lernen umschließt alle übrigen Lernaktivitäten, die vom Individuum bewusst und zielgerichtet (intentional) unternommen werden und ohne institutionalisierte Lehrer-Lerner-Beziehungen stattfinden (Kuwan/Seidel 2013, S. 264). Dies ist das Verständnis des AES; andere Erhebungen weichen in ihren Definitionen zum Teil davon ab.

Unter dem Begriff „Weiterbildung“ werden in der Berichterstattung zum deutschen AES nunmehr alle Maßnahmen der non-formalen Bildung gefasst. Ein Hintergrund für diese Abgrenzung ist, dass es im AES schwierig ist, zwischen wiederaufgenommener formaler Bildung und formaler Erstausbildung zu unterscheiden, die ja auch erst später im Erwachsenenalter stattfinden kann. Da zudem die non-formalen Aktivitäten das Gros aller Weiterbildungsmaßnahmen darstellen und die quantitativen Effekte einer Einrechnung der formalen Bildung in die Teilnahmequoten für Weiterbildung gering sind220, erscheint die Beschränkung auf non-formale Bildung hier vertretbar.

Im AES wird anhand der vorliegenden Informationen eine Dreigliederung der Weiterbildungsaktivitäten nach den Sektoren betriebliche, individuelle berufsbezogene und nicht-berufsbezogene Weiterbildung vorgenommen, die erstmals mit den Daten von 2007 dargestellt wurde (v. Rosenbladt/Bilger 2008, S. 75) und mit den Daten von 2010 mit einer leicht modifizierten Definition fortgeführt wurde (v. Rosenbladt/Bilger 2011a, S. 35 ff./). Im AES 2012 erfolgte erneut eine Veränderung der Definition dergestalt, dass die Informationsbasis für die Zuordnung von Lernaktivitäten zu einer der 3 Kategorien erweitert wurde. 

Betriebliche – individuelle berufsbezogene – nicht-berufsbezogene Weiterbildung

Als betriebliche Weiterbildung gelten im deutschen AES Lernaktivitäten, die ganz oder überwiegend in der bezahlten Arbeitszeit bzw. einer bezahlten Freistellung stattfinden und/oder für die der Arbeitgeber ganz oder anteilig direkte Kosten, wie Kursgebühren oder Kosten für Lehrmaterialien, übernommen hat (z. B. Spanischkurs für Mitarbeiter/-innen, die ins Ausland gehen sollen, während der Arbeitszeit).221 Als individuelle berufsbezogene Weiterbildung werden solche Lernaktivitäten eingeordnet, die nicht unter die betriebliche Weiterbildung fallen, aber von den Individuen „hauptsächlich aus beruflichen Gründen“ wahrgenommen wurden (z. B. Spanischkurs in der Freizeit ohne relevante Kostenbeteiligung des Arbeitgebers, wenn der/die Teilnehmende damit einen beruflichen Zweck verbindet). Nicht-berufsbezogene Weiterbildung sind solche Aktivitäten, die nicht betrieblich im o. g. Sinne sind und nach Auskunft des/der Befragten „mehr aus privaten Gründen“ belegt wurden (z. B. Spanischkurs in der Freizeit, wenn der/die Teilnehmende dies aus privaten Gründen, z. B. Urlaub, lernt).222 Der Anteil an Weiterbildungsaktivitäten, die gemäß dieser Definition betrieblich waren, ist im Zeitverlauf gestiegen. Während im AES 2010 59 % aller non-formalen Lernaktivitäten der betrieblichen Weiterbildung, 23 % der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung und 18 % der nicht-berufsbezogenen Weiterbildung zuzuordnen waren, sind es 2012 mit der vergleichbaren Definition 64 % der Aktivitäten, die zur betrieblichen Weiterbildung zählen, sowie jeweils 18 % für individuelle berufsbezogene und nicht-berufsbezogene Weiterbildung (Bilger/Kuper 2013b, S. 45).

Erweiterung der Informationsbasis

Infolge einer veränderten Vorgabe im Manual des europäischen AES wurden 2012 die Zuordnungsregeln von Weiterbildungsaktivitäten zu den 3 Sektoren verändert, indem die Informationsbasis für die Zuordnung erweitert wurde. Neben Erwerbstätigen wurden auch Personen in betrieblicher Ausbildung nach der zeitlichen Verortung der Weiterbildungsaktivität gefragt, die Nachfragen zur Kostenübernahme des Arbeitgebers wurden detaillierter, und es wurden auch zukünftige Arbeitgeber einbezogen (Bilger/Kuper 2013b, S. 38 ff.). In der Folge wird nach dieser Definition ein höherer Anteil von Weiterbildungsaktivitäten als betrieblich klassifiziert (2012: 69 %), entsprechend weniger Aktivitäten werden als individuell berufsbezogen gewertet (13 %). Auf die Einordnung nicht-berufsbezogener Weiterbildungsaktivitäten wirkt sich diese Erweiterung der Informationsbasis nur unterhalb der Ein-Prozent-Schwelle aus (Bilger/Kuper 2013b, S. 41).

In den folgenden Darstellungen werden alle Werte für die betriebliche und individuelle berufsbezogene Weiterbildung für 2012 in 2 Varianten berichtet: zum einen nach der Definition von 2010, um einen Trendvergleich zu ermöglichen, zum anderen nach der neuen Definition mit erweiterter Informationsbasis von 2012 (2012-erw.). Berufsbezogene Weiterbildung insgesamt wird hier definiert als Teilnahme einer Person an mindestens einer Weiterbildungsaktivität in einem der beiden Sektoren. Diese Wahl des Begriffs berufsbezogen soll auch deutlich machen, dass hier nunmehr ein anderer Ausschnitt des Lernens Erwachsener dargestellt wird als bei der beruflichen Weiterbildung nach BSW. Diese Gesamtquote berufsbezogener Weiterbildung ist von der Änderung der Informationsbasis nur marginal betroffen.

Teilnahme an berufsbezogener Weiterbildung

Die Teilnahmequote ist der zentrale Indikator für die Beteiligung der erwerbsfähigen Bevölkerung an berufsbezogener Weiterbildung. Die Teilnahmequoten werden für die 25- bis 64-jährige Bevölkerung als Annäherung an die erwerbsfähige Bevölkerung im Erwachsenenalter ausgewiesen. Auch in der europäischen Berichterstattung und der internationalen Berichterstattung der OECD wird auf diese Altersgruppe Bezug genommen, um so näherungsweise die Weiterbildungsaktivitäten und nicht die Erstausbildung zu erfassen (vgl. Kapitel C).

Teilnahmequote an berufsbezogener Weiterbildung

Die Teilnahmequote gibt den Anteil der Teilnehmer/-innen an allen befragten Personen wieder, die in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens an einer Maßnahme teilgenommen haben, die der berufsbezogenen Weiterbildung zuzurechnen ist: Dies sind non-formale Bildungsmaßnahmen der betrieblichen oder individuellen berufsbezogenen Bildung. Diese werden für 2012 in 2 Definitionsvarianten dargestellt: im Trendvergleich definiert wie 2010 und auf Basis der erweiterten Informationsbasis, die ab 2012 gilt (in Tabelle B1.1-1 bezeichnet mit „2012-erw.“).

Im Jahr 2007 nahmen insgesamt fast zwei Fünftel der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung mindestens an einer berufsbezogenen Weiterbildungsmaßnahme teil (39 %) Tabelle B1.1-1. Im AES 2010 fiel die Teilnahmequote an berufsbezogener Weiterbildung auf 36 %. Eine Erklärung für diesen Rückgang ist die Wirtschaftskrise im Jahr 2009, auf das sich die Beteiligungsinformationen des AES 2010 hauptsächlich beziehen (v. Rosenbladt/Bilger 2011a, S. 27 f.). Für diese Begründung spricht, dass sich der Rückgang in der betrieblichen Weiterbildung stärker auswirkt als in der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung. Im AES 2012 stieg die Beteiligung auf über zwei Fünftel (42 %) an.223

Dieser Anstieg ist vor allem auf eine Erhöhung der Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung zurückzuführen: Im Trendvergleich stieg die Teilnahmequote von 2010 auf 2012 um 7 Prozentpunkte auf 35 %, nach der neuen Berechnungsweise (erweiterte Informationsbasis) sogar auf 37 %. Die Teilnahmequote an der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung ist dagegen im Trendverlauf gesunken; nach der neuen Berechnung (erweiterte Informationsbasis) liegt sie bei 8 %. Das Niveau der Beteiligung ist in der betrieblichen Weiterbildung deutlich höher als in der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung: Der Zugang zu berufsbezogener Weiterbildung erfolgt also in vielen Fällen über den Betrieb. Damit dient ein großer Teil der berufsbezogenen Weiterbildung der Weiterqualifizierung bzw. Kompetenzerweiterung zur Deckung eines Bedarfs im aktuellen Arbeitszusammenhang und wird deshalb vom Betrieb gefördert. Dies impliziert jedoch auch, dass Erwerbstätige von vornherein deutlich größere Chancen haben, sich beruflich weiterzubilden, als Personen, die aktuell nicht erwerbstätig sind.

Die Zahlen zeigen, dass Betriebe einen zunehmenden Beitrag zur Weiterbildung von Individuen leisten und dass dieser Beitrag in der Vergangenheit unterschätzt wurde. Allerdings leisten auch die Individuen in nicht unerheblichem Umfang Eigenbeiträge als Kofinanzierung in Form von Geld oder Freizeit: Im AES 2012 waren 17 % aller Weiterbildungsaktivitäten zwischen (zukünftigem) Arbeitgeber und Individuum in diesem Sinne kofinanziert (Behringer/Bilger/Schönfeld 2013, S. 144).

Der Vergleich zwischen alten und neuen Ländern zeigt sowohl für betriebliche als auch für individuelle berufsbezogene Weiterbildung 2007 und 2012 eine höhere Beteiligung in den neuen Ländern Tabelle B1.1-1. Lediglich im Jahr 2010 lag die Beteiligung unter der der alten Länder bzw. gleichauf, was auf die spezifische wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland und der dortigen Betriebe zurückgeführt wurde (vgl. v. Rosenbladt/Bilger 2011a, S. 30). Die Ost-West-Differenz ist 2012 ausgeprägt zugunsten der neuen Länder und bleibt für die betriebliche Weiterbildung in der multivariaten Analyse unter Kontrolle von soziodemografischen Merkmalen, Unternehmensgröße und Branche bestehen (vgl. Kuper/Unger/Hartmann 2013, S. 102).

Die Teilnahmequote im Sektor der nicht-berufsbezogenen Weiterbildung lag 2012 deutschlandweit in der hier betrachteten Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen bei 11 % (2007: 9 %, 2010: 10 %) und ist damit kontinuierlich leicht angestiegen. Ein Vergleich der Teilnahmequote in der allgemeinen Weiterbildung in weiter zurückliegenden Jahren ist aufgrund der unterschiedlichen Messkonzepte nicht möglich (für die Darstellung der Kategorien beruflicher Weiterbildung und allgemeiner Weiterbildung im BSW vgl. v. Rosenbladt/Bilger 2008, S. 36 und S. 39).

Tabelle B1.1-1: Teilnahmequoten an berufsbezogener Weiterbildung nach verschiedenen Differenzierungsmerkmalen 2007 bis 2012 (in %)

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Geschlecht

Frauen beteiligen sich weniger an berufsbezogener Weiterbildung als Männer Tabelle B1.1-1. Im Jahr 2012 sind zwar die Teilnahmequoten gegenüber 2010 gemäß dem Gesamttrend wieder angestiegen, der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist jedoch auch gewachsen – er beträgt im Trendvergleich 8 Prozentpunkte und bei Betrachtung der erweiterten Informationsbasis 9 Prozentpunkte. Die Differenzierung zwischen betrieblicher und individueller berufsbezogener Weiterbildung zeigt, dass Männer deutlich höhere Teilnahmequoten in der betrieblichen Weiterbildung aufweisen als Frauen, wobei der Abstand im Zeitverlauf gewachsen ist. Frauen nehmen hingegen mehr an individueller berufsbezogener Weiterbildung teil. Die Beteiligung hat im Zeitverlauf bei den Frauen stagniert, bei den Männern abgenommen; die erweiterte Informationsbasis zeigt methodenbedingt noch geringere Werte. Diese geschlechtsspezifischen Muster hängen eng mit Erwerbstätigkeitsmustern von Männern und Frauen zusammen (siehe nächster Abschnitt).

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Erwerbsstatus

Tabelle B1.1-1 zeigt die Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Erwerbsstatus. Die höchste Beteiligungsquote in der betrieblichen Weiterbildung weisen aktuell Vollzeit-erwerbstätige auf, von denen 2012 mehr als die Hälfte (54 %) in den 12 Monaten vor der Befragung wenigstens an einer Maßnahme der berufsbezogenen Weiterbildung teilgenommen haben. In Teilzeit Erwerbstätige haben sich 2012 zu 46 % an berufsbezogener Weiterbildung beteiligt. Arbeitslose waren zu 22 %, Personen in Ausbildung mit 35 % an berufsbezogener Weiterbildung beteiligt, sonstige Nichterwerbstätige (Hausfrauen/-männer, Rentner/-innen, Wehr-/Zivildienstleistende, Personen in Elternzeit und Sonstige) zu jeweils 10 %. Die Teilnahmequoten liegen für alle Erwerbsstatusgruppen mit Ausnahme der Arbeitslosen auf einem deutlich höheren Niveau als 2010. Dies ist plausibel, da die Arbeitslosen kaum von betrieblicher Weiterbildung profitieren224, der Hauptanstieg der Beteiligung aber dort zu verzeichnen ist. Die Beteiligung in der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung verharrte hingegen auf ähnlichem Niveau, bei den Vollzeiterwerbstätigen liegt die Beteiligung unter dem Niveau der Vorjahre. Man kann vermuten, dass eine Vollzeiterwerbstätigkeit einer Beteiligung an individueller berufsbezogener Weiterbildung Grenzen setzt, und dass bei Vorliegen eines betrieblichen Angebotes individuelles Engagement subjektiv weniger notwendig erscheinen könnte.

Die unterschiedlichen Teilnahmequoten von Männern und Frauen hängen eng mit der unterschiedlichen Einbindung ins Erwerbsleben zusammen. Vergleicht man die Weiterbildungsteilnahme nur von vollzeiterwerbstätigen Frauen und Männern, so liegt die Teilnahmequote von Frauen an betrieblicher Weiterbildung nach neuer Berechnung (erweiterte Informationsbasis) mit 48 % nur knapp unter der Beteiligung der Männer (49 %). Die insgesamt geringere Teilnahmequote der Frauen an berufsbezogener Weiterbildung ist also vermittelt über den Unterschied in der Erwerbsbeteiligung. In multivariaten Analysen verschwindet der Geschlechtseffekt, wenn der Erwerbsstatus kontrolliert wird (vgl. Kuper/Unger/Hartmann 2013, S. 98).

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Altersgruppen

Wie auch mit Daten des BSW für die berufliche Weiterbildung gezeigt wurde, sind die 35- bis 49-Jährigen die weiterbildungsaktivste Altersgruppe; dies gilt auch für die hier dargestellte berufsbezogene Weiterbildung, in der sich knapp die Hälfte (47 %) an berufsbezogener Weiterbildung beteiligen Tabelle B1.1-1. Im Jahr 2012 war die Beteiligung der 25- bis 34-Jährigen jedoch anders als in den Vorjahren mit 45 % nur unwesentlich geringer als die der nächstälteren Gruppe. In der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung liegt die Beteiligung der Altersgruppen weniger stark auseinander als in der betrieblichen Weiterbildung, die Beteiligung hat über die Jahre stagniert mit sinkender Tendenz.

Die jüngste Altersgruppe, die im AES erfasst wird, sind die 18- bis 24-Jährigen. Ihre Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung insgesamt liegt 2012 (nach beiden Berechnungsweisen ermittelt) bei 33 %. Die Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung liegt im Trendvergleich bei 17 %, bei erweiterter Informationsbasis bei 23 %. An individueller berufsbezogener Weiterbildung beteiligte sich diese Altersgruppe zu 19 % (Trendvergleich) bzw. 12 % (erweiterte Informationsbasis). Bei dieser jüngsten Altersgruppe liegt im Gegensatz zu den anderen Gruppen das Teilnahmeniveau an betrieblicher Weiterbildung 2012 noch unter dem Niveau von 2007, während es bei der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung darüber liegt (vgl. Leven u. a. 2013, S. 84).

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Migrationshintergrund

Migrantinnen und Migranten gehören zu den Problemgruppen des Arbeitsmarktes, da sie häufig gering qualifiziert sind oder nur über in Deutschland nicht anerkannte Qualifikationen verfügen. Eine Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung könnte diese Defizite ausgleichen helfen. Die in Tabelle B1.1-1 dargestellten Teilnahmequoten nach Migrationshintergrund müssen vorsichtig interpretiert werden, da sie die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund tendenziell überschätzen. Da die Befragung des AES in deutscher Sprache durchgeführt wird, haben nur Personen mit ausreichend deutschen Sprachkenntnissen, also eine positiv selektierte Gruppe, an der Befragung teilgenommen; zudem stellen mangelnde Sprachkenntnisse der (in der Regel deutschen) Unterrichtssprache per se ein Hindernis für die Beteiligung an Weiterbildung dar (vgl. Leven u. a. 2013, S. 92).

Definition des Migrationshintergrundes

Die Einteilung der Befragten nach Migrationshintergrund erfolgt im AES 2010 und 2012 anhand der Kriterien Staatsangehörigkeit und Muttersprache. Folgende Kategorien werden unterschieden:

  • Deutsche ohne Migrationshintergrund: Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die in ihrer Kindheit zuerst die deutsche Sprache erlernten,
  • Deutsche mit Migrationshintergrund: Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die in ihrer Kindheit zuerst eine andere als die deutsche Sprache erlernten,
  • Ausländer: Personen mit einer anderen als der deutschen Staatsangehörigkeit (vgl. Leven u. a. 2013, S. 90).225

 

Die Befunde machen deutlich, dass ein Anstieg der Teilnahmequote über die Zeit in der berufsbezogenen Weiterbildung insgesamt nur bei Deutschen ohne Migrationshintergrund zu beobachten ist Tabelle B1.1-1. Sowohl Deutsche mit Migrationshintergrund als auch Ausländerinnen und Ausländer beteiligten sich 2012 nur auf dem Niveau von 2007 an berufsbezogener Weiterbildung, wobei die Beteiligung der Deutschen mit Migrationshintergrund mit 28 % über der der Ausländerinnen und Ausländer liegt (24 %). Die Differenzierung nach Weiterbildungssegmenten zeigt leichte Verschiebungen zwischen den Segmenten, die allerdings wegen der geringen Fallzahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind.

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach Schulabschluss

Neben der Erwerbssituation ist der Schulabschluss einer Person einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Teilnahme an Weiterbildung, der auch bei Kontrolle anderer Merkmale in multivariaten Analysen seinen Einfluss behält (siehe Kuper/Unger/Hartmann 2013, S. 97): Je höher der Schulabschluss einer Person, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich an Weiterbildung beteiligt. Dieses Bild zeigt sich auch für die berufsbezogene Weiterbildung mit den aktuellen Daten des AES Tabelle B1.1-1.

Kategorisierung der Schulabschlüsse

Folgende Einstufung der Befragten nach Schulabschlüssen wurde vorgenommen:

  • Niedriger Schulabschluss: Hauptschulabschluss und darunter
  • Mittlerer Schulabschluss: mittlere Reife, POS 10. Klasse u. Ä.
  • Hoher Schulabschluss: Abitur, Fachhochschulreife, EOS 12. Klasse u. Ä.

Personen, die noch Schüler/-in waren oder keine Angabe gemacht haben, wurden aus der Analyse ausgeschlossen.

Grundsätzlich zeigt die Betrachtung der Teilnahmequoten an berufsbezogener Weiterbildung jeweils einen deutlichen Abstand zwischen den niedrigsten Teilnahmequoten der Personen mit niedriger Schulbildung zu solchen mit mittlerer Schulbildung und von dort wieder zu Personen mit Abitur, Fachhochschulreife oder einem gleichwertigen Abschluss. Dieser findet sich auch bei Betrachtung der Einzelsegmente betriebliche und individuelle berufsbezogene Weiterbildung. Im Zeitverlauf konnten jedoch Personen mit niedriger Schulbildung insgesamt und in allen Teilbereichen eine ähnliche Erhöhung der Teilnahmequote verzeichnen wie die höher qualifizierten Gruppen. In der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung hat ihre Teilnahme im Gegensatz zu Rückgängen bei den höheren Schulabschlussgruppen stagniert.

Unterschiede in der Beteiligung an berufsbezogener Weiterbildung nach beruflichem Abschluss

Ähnlich wie beim Schulabschluss unterscheiden sich die Teilnahmequoten auch nach dem höchsten beruflichen Abschluss. Hier schlägt sich der Umstand nieder, dass in Deutschland generell ein enger Zusammenhang zwischen allgemeinen und beruflichen Bildungsabschlüssen besteht. Tabelle B1.1-1 belegt, wie mit zunehmender Qualifikation die Teilnahmequote steigt.

2012 ist in der betrieblichen Weiterbildung erstmals kein Unterschied im Teilnahmeniveau zwischen Personen mit Meister- oder anderem Fachschulabschluss und Personen mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss zu beobachten. In der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung zeigt sich ein deutlicher Abstand, während die Beteiligungsquoten der Personen ohne Berufsausbildung und mit einem beruflichen Abschluss wie 2010 nah beieinander liegen. Wie beim Schulabschluss hat die Benachteiligung der geringer qualifizierten Gruppen 2012 nicht zugenommen.

Zusammenfassend lässt sich für die Teilnahme an non-formaler berufsbezogener Weiterbildung festhalten, dass die Teilnahmequoten insgesamt und bezogen auf die meisten der betrachteten Teilgruppen zwischen 2007 und 2010 leicht zurückgegangen und 2012 über das Niveau von 2007 hinaus angestiegen sind. Das Gesamtbild wird maßgeblich durch einen Anstieg der betrieblichen Weiterbildung geprägt; die Beteiligung an individueller berufsbezogener Weiterbildung stagnierte. Die festgestellten gruppenspezifischen Unterschiede entsprechen den bekannten Mustern sozialer Ungleichheit in der Weiterbildungsbeteiligung. Kapitel C dieses Datenreports bietet einen umfassenden Überblick über Ungleichheit in der Weiterbildungsbeteiligung nach Alter, Bildungsstand und Geschlecht im europäischen Vergleich (vgl. C3).

Informelle berufsbezogene Weiterbildung

Schon seit einigen Jahren steht das informelle Lernen auf der bildungspolitischen Agenda. Informelles Lernen gilt als passende Antwort auf den „… schnellen Wandel von Arbeitsanforderungen in wissensbasierten Tätigkeiten, der allein mit berufsorientierten Erstausbildungskonzepten oder formalen Bildungsinterventionen nicht zu bewältigen ist“ (Severing 2010, S. 149). Auch angesichts der selektiven Beteiligungsmuster an formalisierten Lernformen wurde bereits 2001 „… die Anerkennung und Förderung des informellen Lernens als ein zentraler Ansatz zur Einbeziehung der bisher Bildungsbenachteiligten in ein nachhaltiges lebenslanges Lernen aller“ (Dohmen 2001) gesehen. Besonderes Interesse finden in den letzten Jahren Verfahren zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen (vgl. Kuwan/Seidel 2013, S. 264). In diesem Kontext sind auch die Beteiligungsquoten an verschiedenen Formen informellen Lernens und deren Messung für Forschung und Bildungspolitik interessant.

In der Definition des AES gelten als informelles Lernen „… Lernaktivitäten ohne institutionalisierte Lehrer-Lerner-Beziehungen, die als bewusstes und zielgerichtetes (intentionales) Lernen erfolgen, aber weder als formales noch als nonformales Lernen klassifiziert werden können“ (Kuwan/Seidel 2013, S. 264). Beispiele sind das Lernen von Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen, das Lesen von Büchern/Fachzeitschriften, gezielte Nutzung von PC oder Internet sowie Wissenssendungen im Fernsehen, Radio oder auf Video/DVD o. Ä. (Kuwan/Seidel 2013, S. 266).

In den letzten Jahren gab es unterschiedliche Konzepte zur Erfassung des informellen Lernens im AES 2007, AES 2010 und AES 2012. Unterschiede der Erhebungsinstrumente bestanden u. a. im Ausmaß der Unterstützung der Erinnerung (z. B. durch Nennung der o. g. Beispiele) und in der Möglichkeit der Differenzierung des informellen Lernens nach berufsbezogen und nicht-berufsbezogen. Daher sind über die letzten Jahre keine Trendaussagen möglich (Kuwan/Seidel 2013, S. 266 ff.).

2012 wurde eine gestützte Fragetechnik verwendet, in der die o. g. Lernwege explizit genannt wurden, sowie eine Differenzierung nach beruflichen und privaten Gründen und nach zeitlicher Verortung der Lernaktivität in der Arbeitszeit oder Freizeit eingeführt. Die Teilnahmequote der 25- bis 64-Jährigen am informellen Lernen insgesamt liegt bei 47 %. Betrachtet man nur die Teilnahmequote an informellen Lernaktivitäten, die „mehr aus beruflichen Gründen“ durchgeführt wurden, so ergibt sich für diese Altersgruppe eine Teilnahmequote von 24 % (Berechnungen basieren auf Informationen zu maximal 2 informellen Lernaktivitäten pro Person). Dabei ist zu berücksichtigen, dass Schulungen am Arbeitsplatz zur nonformalen Bildung gezählt werden, sodass das Ausmaß der informellen Lernaktivitäten am Arbeitsplatz mit dieser Zahl eher unterschätzt wird (Kuwan/Seidel 2013, S. 265). Von den informellen Lernaktivitäten, die die betrachtete Altersgruppe mehr aus beruflichen Gründen durchgeführt hat, fanden 24 % in der Arbeitszeit, 25 % in etwa zu gleichen Teilen in Arbeits- und Freizeit sowie 50 % in der Freizeit statt (Rundungsdifferenzen).

Für ein vollständiges Bild der berufsbezogenen Bildungsaktivitäten Erwachsener muss das informelle Lernen in Zukunft einbezogen werden; eine angemessene Datengrundlage dazu, die einen Trendvergleich ermöglicht, wäre wünschenswert.

(Elisabeth Reichart, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung)

  • 219

    Im Beitrag werden die im BIBB-Datenreport 2012, Kapitel B1.1 dargestellten Ergebnisse fortgeschrieben. Die Ergebnisse für 2012 basieren auf eigenen Berechnungen mit den AES-Daten 2012 (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2014a).

  • 220

    Bei Einrechnung der formalen Bildung in eine Gesamtteilnahmequote an Weiterbildung betrug der Unterschied mit den Daten des AES 2010 2 Prozentpunkte; dies hängt auch damit zusammen, dass Personen, die formale Bildung besuchen, häufig gleichzeitig auch an non-formaler Bildung teilnehmen (v. Rosenbladt/Bilger 2011b, S. 211 f.). 

  • 221

    Im AES 2007 ist das Zusatzkriterium für die Abgrenzung der betrieblichen Weiterbildung nicht die betriebliche Finanzierung, sondern die betriebliche Anordnung der Maßnahme (v. Rosenbladt/Bilger 2008, S. 74 f.). Die in diesem Beitrag dargestellten Werte nutzen für 2007 die jahresspezifische Definition, da eine einheitliche Berechnung aufgrund der Unterschiede in der Erhebungstechnik nicht möglich ist. 

  • 222

    Das Beispiel „Spanischkurs“ wurde bewusst gewählt, um die Wirkung der neuen Definitionskriterien zu verdeutlichen. Wie bei jeder Definition gibt es auch hier Unschärfebereiche (z. B. Bildungsurlaub; von Rosenbladt/Gnahs 2011, S. 125 f.). 

  • 223

    Dieses Muster des Gesamttrends wird bei der Differenzierung nach Einzelmerkmalen nicht mehr kommentiert, es sei denn, das beobachtete Muster weicht von diesem Gesamttrend ab.  

  • 224

    Dass Arbeitslose und sonstige Nichterwerbstätige auch vereinzelt an betrieblicher Weiterbildung teilgenommen haben, ist überwiegend der Tatsache geschuldet, dass hier der aktuelle Erwerbsstatus berichtet wird, die Weiterbildungsaktivitäten aber bis zu 12 Monate vorher und damit ggf. in Erwerbstätigkeit stattgefunden haben können. 

  • 225

    In der publizierten Auswertung des AES 2007 wurde eine andere Einteilung nach Staatsangehörigkeit und Herkunftsland vorgenommen (vgl. TNS Infratest Sozialforschung 2007); die hier dargestellten Auswertungen benutzen für alle Erhebungsjahre einheitlich die AES-Definition von 2010 und 2012.