X

Sie verwenden einen veralteten Browser, mit dem nicht alle Inhalte von BIBB.de korrekt wiedergegeben werden können. Um unsere Seiten in Aussehen und Funktion in vollem Umfang nutzen können, empfehlen wir Ihnen, einen neueren Browser zu installieren.

Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Die alarmierend hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen europäischen Ländern ist einer der wichtigsten Gründe für das hohe Interesse, das der dualen Berufsbildung in den letzten zwei Jahren entgegengebracht wird. Im BIBB-Datenreport 2012 (Kapitel E1.1, Schaubild E1.1-2) ist die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit in den letzten 20 Jahren in den OECD-Ländern dokumentiert. Es zeigen sich erhebliche Unterschiede sowohl im Hinblick auf das Niveau als auch bei den Entwicklungsverläufen. Aktuelle Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit finden sich in Tabelle E2-1.

In der Diskussion der letzten Monate ist mit Blick auf die Interpretation dieser Daten zu berücksichtigen, dass diese Jugendarbeitslosigkeit aus der Relation der arbeitslosen jungen Menschen (5,6 Mio. in der EU-28) zu allen Erwerbspersonen in dieser Altersgruppe (24,4 Mio.) berechnet wird, wobei die Nichterwerbspersonen (33 Mio.) nicht berücksichtigt sind, die sich überwiegend noch im Bildungssystem befinden. Wird beispielsweise eine Jugendarbeitslosigkeitsquote von 56,3 % für Griechenland gemessen, so bedeutet das nicht, dass über die Hälfte der jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren in Griechenland arbeitslos sind, sondern dass jede zweite Erwerbsperson (d. h. Erwerbstätige und diejenigen, die eine Erwerbstätigkeit anstreben) in dieser Altersgruppe arbeitslos ist Tabelle E2-1 und Erläuterung. Wird auch die Gruppe der Nichterwerbspersonen in die Berechnungen einbezogen und die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen in Relation zur Bevölkerung im gleichen Alter gesetzt, ergeben sich insgesamt niedrigere Anteilswerte: Der EU-Durchschnitt liegt bei 9,7 %; für Spanien (20,6 %), Griechenland (16,1 %) und Portugal (14,3 %) werden die höchsten Anteile an jungen Arbeitslosen in der Altersgruppe ermittelt, während Deutschland mit einem Anteil von 4,1 % auch hier die Rangliste der europäischen Staaten anführt.

Messung von Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich – relative Jugendarbeitslosigkeit

Bei den Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit ist im Hinblick auf Vergleichbarkeit und Aussagekraft Vorsicht geboten: So werden z. B. in Deutschland die Auszubildenden im dualen System zu den Erwerbspersonen gerechnet, da ihre Ausbildungsverhältnisse – anders als bei schulischen Ausbildungen – als Arbeitsverhältnisse gelten. Um z. B. konjunkturelle Effekte zu kontrollieren, muss man die Jugendarbeitslosigkeit des jeweiligen Landes in Relation zur Gesamtarbeitslosigkeit (nach ILO-Definition) setzen. Hierzu sind in Tabelle E2-1 die Arbeitslosenquoten der unter 25-Jährigen den Arbeitslosenquoten der 25- bis 74-Jährigen gegenübergestellt. Der daraus resultierende Quotient (relative Jugendarbeitslosigkeit) zeigt, inwieweit Jugendliche unter den Arbeitslosen in besonderem Maße benachteiligt sind. Trotz einer Erhöhung dieses Quotienten (der im Jahr 2001 noch bei 1,01 gelegen hatte) auf 1,56 im Jahr 2012 sind Jugendliche in Deutschland unter den Arbeitslosen im europäischen Vergleich nach wie vor am geringsten benachteiligt (Rangplatz 1). In Norwegen ist das Risiko für junge Menschen im Vergleich zu den älteren Menschen (bei einer ähnlichen Arbeitslosenquote) hingegen mehr als doppelt so groß wie in Deutschland (Rangplatz 24).

Eine andere Kennzahl zur Arbeitslosigkeit von Jugendlichen setzt die Anzahl der arbeitslosen Jugendlichen in ein Verhältnis mit allen Personen (Erwerbs- und Nichterwerbspersonen) in derselben Altersgruppe. Sie gibt damit den Anteil der Arbeitslosen an der Altersgruppe an.

Begonnen hat das verstärkte Interesse der Europäischen Kommission und der Mitgliedsstaaten für duale Berufsbildung angesichts der schlechten Arbeitsmarktsituation für Jugendliche Mitte der 2000er-Jahre. In vielen, insbesondere südeuropäischen Ländern wurde die Situation bemängelt, dass sich an die abgeschlossene Ausbildung eine Phase der Aneinanderreihung von ungeregelten und prekären Beschäftigungsverhältnissen anschließt. Dieses Phänomen wurde mit besonderem Blick auf Hochschulabsolventen als „Generation Praktikum“ diskutiert. In Spanien, Italien, Griechenland und Frankreich wurde diese Diskussion von öffentlichen Jugendprotesten begleitet und z. B. auch von der Vertretung der europäischen Jugendlichen, dem European Youth Forum, aufgenommen.

Während das Phänomen „Generation Praktikum“ in Deutschland in erster Linie für den eng abgegrenzten Bereich von Hochschulabsolventen diskutiert und vielfach überschätzt wurde, spielt das Problem in einigen Ländern eine quantitativ größere Rolle, vor allem auch deswegen, da die Stellen des mittleren Qualifikationsniveaus häufiger als in Deutschland mit Hochschulabsolventen besetzt werden (vgl. BIBB-Datenreport 2011, Kapitel E1).

Die Europäische Kommission richtet ihr Interesse nicht zuletzt auf dieses Thema, weil in vielen europäischen Ländern Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) bei der Unterstützung der Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen und damit für Praktika und Formen dualer Berufsausbildung zum Einsatz gelangen. Hierfür ist seitens der Kommission ein Beratungsportal313 eingerichtet worden, an dem das BIBB beteiligt ist.

Formen von Dualität in der Berufsbildung

Entsprechend war es zunächst die Generaldirektion Beschäftigung der EU-Kommission, die sich auf der Grundlage eines Parlamentsbeschlusses diesem Thema in 2 Überblicksstudien widmete (European Commission u. a. 2012d; European Commission/IKEI 2012c). Im Nachgang der Studien wurde eine öffentliche Konsultation zur Qualität von Praktika (Traineeships/Internships) durchgeführt, die in die Empfehlung eines europäischen Rahmens für Praktika gemündet ist. Davon sind sogenannte „Apprenticeships“ (betriebliche Berufsausbildungsverhältnisse) ausgeschlossen worden, bei denen davon ausgegangen wird, dass bereits eine ausreichende Regelung vorliegt (European Commission 2012). Grundsätzlich ist aber festzustellen, dass beide Formen, insbesondere auch die betriebliche Berufsausbildung, in vielen Ländern vorkommen, nicht nur in den sogenannten dualen Systemen. Um die beiden Konzepte besser voneinander abzugrenzen, ist im Zusammenhang mit der Studie zu Praktika in Europa die folgende idealtypische Gegenüberstellung Tabelle E2-2 entstanden. Es wird deutlich, dass der Begriff „Apprenticeship“ in Bezug auf viele verschiedene Aspekte enger definiert und geregelt ist.

Während die betriebliche Berufsausbildung (Apprenticeship) in der Regel auf einen beruflichen Abschluss abzielt, kann ein Praktikum (Traineeship) sehr viele verschiedene Funktionen erfüllen. Als kleinster gemeinsamer Nenner geht es in der Regel darum, dass Praxiserfahrung dokumentiert wird. Beim Begriff Praktikum ist nicht festgelegt, auf welcher Ebene des Bildungssystems dieses stattfindet. Praktika reichen von Berufsorientierungspraktika in der Sekundarstufe bis zu Praktika im Hochschulbereich oder sogar nach Abschluss des Studiums. Während es für Praktikanten auch aus diesem Grund teilweise gar keine oder nur sehr wenige und verschiedene Minimalregelungen hinsichtlich des Status und der Entlohnung gibt, gelten Auszubildende in der Berufsausbildung als Arbeitnehmer/-innen und sind entsprechend reguliert. Duale Berufsausbildungsverhältnisse gibt es in der Regel auf der Ebene des Sekundarschulbereichs, teilweise auch als Teil postsekundärer Bildungsgänge. In einigen Ausnahmen wird der Begriff sogar für duale Formen der Hochschulbildung mit betrieblichem Ausbildungsvertrag genutzt (z. B. in Italien und Frankreich). Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Formen und Typen der systematischen Integration betrieblichen Lernens in die Berufsbildung vorgestellt.

Tabelle E2-1: Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit und relative Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich

Tabelle E2-2: Betriebliche Berufsausbildung (Apprenticeship) und Praktika (Traineeship)

Apprenticeship – betriebliche Berufsausbildung

„Apprenticeships“, also geregelte betriebliche Berufsausbildungsverhältnisse, gibt es in vielen Ländern, z. B. auch in den USA und Kanada. Häufig sind diese im postsekundären Bildungssegment oder in der Weiterbildung angesiedelt. Sie sind teilweise nur betrieblich und teilweise sozialpartnerschaftlich gesteuert und kontrolliert und sehen als betriebliche „Aufstiegsfortbildung“ Lernen „on the Job“ und „off the Job“ vor, also alternierendes Lernen während des Arbeitsprozesses und begleitenden Unterricht. Ein wesentlicher Unterschied zur deutschen dualen Berufsausbildung ist z. B. das Alter der Auszubildenden, das im Regelfall zwischen 25 und 39 Jahren liegt. Diese Programme werden in den USA und in Kanada bundesweit über das Arbeitsministerium geregelt. In Kanada werden sie dem Bildungsbereich der „Adult Education“, also der Erwachsenenbildung, zugerechnet.

Ein anderer Staat, in dem „Apprenticeships“ noch verbreiteter sind, aber auch nicht dem Sekundarschulwesen zugeordnet werden, ist Australien Schaubild E2-2. Hier findet die ausgebaute duale Berufsausbildung in Form von „Apprenticeships und Traineeships“ statt, die aber dem postsekundären Bildungssegment zugeordnet werden (Grollmann/Smith 2007).

In einigen Ländern existiert eine der deutschen dualen Berufsausbildung ähnliche Form der Berufsausbildung nur in einigen wenigen Berufen (z. B. in Frankreich Schaubild E2-1 und Schaubild E2-2, Italien [Südtirol] und Belgien [deutschsprachiger Teil Ostbelgiens] als regionale Besonderheit).

Systeme dualer Berufsausbildung

Die betriebliche Berufsausbildung, integriert in die Sekundarstufe II des Bildungssystems, mit hoher quantitativer Bedeutung und kombiniert mit einem spezifischen Beschäftigtenstatus (betrieblicher Ausbildungsvertrag), ist international betrachtet eine Ausnahmeerscheinung. Die Länder, die über ein solches ausgebautes „duales System“ verfügen, sind Deutschland, Dänemark, Österreich und die Schweiz. Das quantitative Gewicht dieser Form der Berufsbildung variiert allerdings auch zwischen diesen Systemen Schaubild E2-1 und Schaubild E2-2.

Weitere Formen dualisierter Berufsbildung – kooperative Berufsbildung, alternierende Ausbildung

Sehr häufig trifft man auf dieser Ebene des Bildungssystems z. B. das Modell der „Co-operative Education“, z. B. in den nordamerikanischen Community Colleges. Die Kooperation ist hier eine Zusammenarbeit, die vor Ort zwischen Unternehmen und Bildungsanbietern (College, Universität) initiiert wird und nicht durch irgendeine Form bundesweit regulierter und institutionalisierter Dualität vorgegeben ist. Anreiz ist z. B. der Wettbewerb mit anderen Anbietern ähnlicher Ausbildungsgänge und die Intention, die Arbeitsmarktnähe der eigenen Programme zu demonstrieren bzw. die praktische Relevanz der Ausbildung nachvollziehbar zu erhöhen. Weitere Anreize können sich für die Institutionen aufgrund finanzieller Vorteile durch Zuwendungen aus der Wirtschaft oder lokaler Steuergelder ergeben. Ein Ausbildungsvertrag zwischen Betrieb und Auszubildenden liegt in der Regel nicht vor (Grollmann/Lewis 2004).

In verschiedenen Berufsbildungssystemen findet man auch die Koexistenz einer dualen Berufsausbildung (betriebliche Berufsausbildung als Teil des Bildungssystems) mit einer schulischen Berufsbildung, die längere Praxisphasen, also z. B. Schülerpraktika, einbezieht. Die alternierende Ausbildung („Alternance“) entspricht diesem Modell: Phasen von Blockunterricht in der Schule wechseln sich mit unterschiedlich langen Phasen betrieblicher Praktika ab. Diese Form dualen Lernens findet man sowohl in der dualen Berufsausbildung wie auch in stärker schulisch ausgerichteten Berufsbildungssystemen, etwa in Frankreich oder Finnland. Insgesamt nehmen die Menge und die Dauer solcher Praktika in der Sekundarstufe I/II in Europa zu. Da diese Arrangements häufig auf besonderem Engagement auf der lokalen Ebene beruhen, gibt es nur wenig zuverlässige und gesicherte Daten über diese Form der Kooperation.

Bezieht man also auch Praktika während der Berufsbildung in die Analyse dualer Berufsbildungspraxis mit ein, so ist Dualität ein sehr weit verbreitetes Merkmal. Im Prinzip stellen das ungeregelte oder nur teilweise geregelte Praktikum auf der einen Seite und die geregelte betriebliche Berufsausbildung auf der anderen Seite die Pole eines Kontinuums verschiedener Ausprägung von Dualität dar. Ein entscheidender Unterschied ist der Status der/des Lernenden als Beschäftigte/-r auf der einen und Schüler/-in oder Student/-in auf der anderen Seite. Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist die Art und Weise und das Ausmaß der Integration betrieblichen Lernens in das Sekundarschulsystem.

Internationale Vergleichsdaten zur dualen Formen der Berufsbildung

Schaubild E2-1 weist den Anteil arbeitsbasierten Lernens an der Berufsbildung im Sekundarbereich II aus. Frankreich und die Tschechische Republik sind typische vollzeitschulische Berufsbildungssysteme, in denen aber auch betriebliches Lernen einen Teil des Curriculums darstellt. Der praktische Anteil liegt aber weit unter dem Anteil in den Systemen dualer Berufsausbildung in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz. Das OECD-Konzept für „Combined school and work-based programmes“ sieht einen Anteil von mindestens 25 % betriebsbasierter Ausbildung vor, damit Bildungsgänge dieser Kategorie zugeordnet werden können.

Combined school and work-based programmes nach OECD-Messkonzept

In kombinierten schul- und arbeitsbasierten Bildungsgängen werden Unterricht und Unterweisung zwischen der Schule und dem Arbeitsplatz aufgeteilt. Häufig findet die Unterweisung hauptsächlich am Arbeitsplatz statt. Bildungsgänge werden als kombinierte schul- und arbeitsbasierte Bildungsgänge klassifiziert, wenn weniger als 75 % des Programms im Rahmen einer schulischen Umgebung oder als Fernlernen stattfinden. Bildungsgänge, bei denen mehr als 90 % am Arbeitsplatz stattfinden, werden ausgeschlossen. Kombinierte schul- und arbeitsbasierte Bildungsgänge sind solche, in denen beide Elemente Teil eines integrierten formalen Ausbildungsgangs sind (Organisation for Economic Co-operation and Development, Education at a Glance 2013; Übersetzung aus dem Glossar durch den Autor).

In der Tschechischen Republik findet dieser praktische Teil in der Regel in speziellen schulischen Ausbildungswerkstätten statt und nicht in Betrieben. Der schulische Teil wird um Praktika ergänzt (Refernet Czech Republic 2012). In Frankreich werden 12 % der betrieblichen Berufsausbildung zugerechnet (Centre d’analyse stratégique 2013; European Commission/IKEI 2012); die weiteren 33 % können aber durchaus auch Betriebspraktika enthalten.

Eine hohe quantitative Bedeutung hat das arbeitsbasierte Lernen in den Systemen der dualen Berufsausbildung in Deutschland, Dänemark und der Schweiz. Österreich fällt hier mit einem verhältnismäßig geringen Anteil auf, was auf die stark ausgebaute schulische Berufsbildung mit der Möglichkeit zur Doppelqualifikation (Berufsbildung und Hochschulzugangsberechtigung/Berufsmatura) zurückzuführen ist.

In allen Fällen dualer Berufsausbildung ist aber die praktische Ausbildung im Betrieb der Regelfall und die Unterweisung in schulischen Ausbildungseinrichtungen eine Ausnahme. In Schaubild E2-1 sind außerdem Kanada und Australien aufgenommen. Kanada verfügt über eine kaum nennenswert ausgebildete Berufsbildung in der Sekundarstufe II (Grollmann/Wilson 2002). Entsprechend wird auch keine duale Berufsbildung ausgewiesen. Australien dagegen weist einen Anteil von 49 % für die Berufsausbildung aus. In den OECD-Daten wird allerdings für Australien der Anteil dualer Berufsbildung nicht angegeben. Typischerweise findet die Berufsbildung mit betrieblichen Anteilen im Anschluss an die Sekundarstufe II statt und wird der Weiterbildung zugerechnet (vgl. Steedman 2010). Daher ist es sinnvoll, sich die betriebliche Berufsausbildung auch als Anteil der Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt anzuschauen (vgl. z. B. Robinson 2001) Schaubild E2-2. Zieht man diesen Indikator in Betracht, dann rückt Australien durchaus ins Interesse, denn hier ist diese Quote fast ebenso hoch wie in Deutschland (Australien 4,0 % und Deutschland 4,2 % im Jahr 2008). In der internationalen Bildungsstatistik der OECD oder der UNESCO wird diese beachtliche Größenordnung jedoch nicht abgebildet.

Ausbildungsquote im internationalen Vergleich

In Deutschland wird die Ausbildungsquote als Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten berechnet (vgl. Kapitel A4.10.1). Da es hinsichtlich der Organisation von Beschäftigungsverhältnissen große nationale Unterschiede gibt, wurden für den internationalen Vergleich die Ausbildungsquoten auf Grundlage der Erwerbstätigen (Nenner) berechnet. Die Angaben zu den Erwerbstätigen stammen von der ILO; die Angaben zu den betrieblichen Ausbildungsverhältnissen (Zähler) basieren auf den Angaben der nationalen Ausbildungsstatistiken. Hinter den genannten Apprenticeships verbergen sich sehr unterschiedliche konkrete Regelungen und Arrangements der Inhalte und Formen.

Schaubild E2-1: Anteil der Schüler/ -innen im Sekundarbereich II in berufsbildenden und allgemeinbildenden Bildungsgängen im europäischen und internationalen Vergleich 2011 (in %)

Schaubild E2-2: Anteil der Auszubildenden an den Erwerbstätigen (Ausbildungsquoten) im internationalen Vergleich (in %)

Länderbeispiele für die Gestaltung betriebsintegrierter und dualer Berufsausbildung

Anhand wichtiger Kernmerkmale werden Beispiele für die unterschiedliche Ausgestaltung dualer Berufsausbildungspraxis vorgestellt. Besondere Merkmale werden erläuternd für jedes Land hervorgehoben.

Dänemark

Dänemark verfügt über ein duales Berufsbildungssystem. Besonderheiten in Dänemark sind die Umlagefinanzierung der dualen Berufsausbildung und die besondere Stellung der Schulen. Die dänischen Berufsschulen integrieren die Funktionen der Kammern, der überbetrieblichen Ausbildungsstätten und der Berufsschulen. Sie sind zentrale Anlaufstellen für die Umsetzung und Steuerung beruflicher Bildung auf regionaler Ebene. Jeder Betrieb in Dänemark zahlt in Abhängigkeit von seiner Beschäftigtenzahl in einen Berufsausbildungsfonds ein. Es bestehen insgesamt 4 Möglichkeiten des Ausbildungsvertrages: ein „normaler“ Ausbildungsvertrag mit einem Betrieb in einem dualen Ausbildungsverhältnis, ein Vertrag mit einem Betrieb bereits vor Aufnahme der beruflichen Grundbildung, kürzere Verträge bei verschiedenen Betrieben und ein Vertrag mit der Schule als Ersatz für einen betrieblichen Ausbildungsvertrag (Buske/Grollmann 2010).

Frankreich

Seit den 1980er-Jahren haben sich die Lehrlingsausbildungsverträge (Apprentissage) in Frankreich aufgrund verschiedener Reformen verdoppelt. Eine weitere Reform ist für 2014 vorgesehen. Eine französische Besonderheit ist die Möglichkeit, die Lehrlingsausbildung auch im Rahmen von akademischen Ausbildungsprogrammen und mit entsprechenden Abschlüssen zu absolvieren. Allerdings findet der Großteil der Lehrlingsausbildung auf niedrigeren Qualifikationsebenen statt. Überdies gibt es jenseits des in das Bildungssystem integrierten betrieblichen Ausbildungsvertrages einen kürzeren sogenannten Professionalisierungsvertrag, der in das System der beruflichen Weiterbildung integriert ist. Die für das Ausbildungsverhältnis gezahlten Löhne orientieren sich am Minimallohn und steigen graduell mit dem Alter der Auszubildenden. Auch in Frankreich existiert eine Ausbildungsabgabe, die von den Betrieben direkt an eine Bildungsinstitution gezahlt wird. Betriebliche Ausbildungsverhältnisse werden überdies von den Regionalbehörden finanziell subventioniert (Centre d’analyse stratégique 2013; European Commission/IKEI 2012; Steedman 2010).

Australien

Duale Ausbildungsverhältnisse in Australien haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Die klassische betriebliche Ausbildung („Apprenticeship“), so wie sie in den Handwerksberufen traditionell existierte, ist auf andere Bereiche wie Dienstleistungen ausgedehnt worden. Traditionelle Apprenticeship-Verträge in den klassischen handwerklichen und Produktionsberufen wurden durch sogenannte „Traineeships“ ergänzt, bei denen ebenfalls ein Ausbildungsvertrag mit einem Betrieb existiert. Diese Traineeships sind aber kürzer (ca. 2 Jahre). Auszubildende im australischen System haben in der Regel ihre Pflichtschulzeit bereits absolviert. Die schulische Unterweisung findet in der Regel in sogenannten Further Education Colleges, also im postsekundären Bereich (TAFE), statt. Es werden finanzielle Fördergelder an Betriebe und an Auszubildende gezahlt (Robinson 2001; Steedman 2010).

Kanada

Auch in Kanada wird als „Apprenticeship“ ein vertraglich geregeltes Ausbildungsverhältnis zwischen einem Betrieb und einem Arbeitnehmer verstanden.314 Jede der kanadischen Provinzen regelt diese Form der Ausbildung selbst. Allerdings gibt es eine bundesweite Anerkennung von Ausbildungsprogrammen (red seal = rotes Siegel). In der Regel finden drei Viertel des Lernens am Arbeitsplatz und ein Viertel im Rahmen von begleitendem Unterricht statt. Die duale Ausbildung findet nach Absolvierung der Pflichtschulausbildung (12 Jahre) statt. Bildungsträger sind in der Regel die sogenannten Community Colleges oder ähnliche Institutionen des postsekundären Bildungswesens. Die Ausbildung im Rahmen von Apprenticeships findet in erster Linie in Produktions- und Handwerksberufen statt. Betriebe bekommen steuerliche Vergünstigungen, wenn sie Ausbildungsverhältnisse anbieten. Individuen können finanzielle Zuwendung vom Bund bekommen, wenn sie sich in einer bestimmten Phase ihrer dualen Ausbildung befinden, um damit Anreize für den Abschluss der Ausbildung zu geben. Auch Betriebe werden teilweise in der Ausbildung mit finanziellen Mitteln unterstützt (Grollmann/Wilson 2002).

Resümee

Die betriebliche und die duale Berufsausbildung erfreuen sich international einer sehr großen Aufmerksamkeit. Sie werden als ein wesentliches Mittel gesehen, Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen. Viele Staaten sind daher damit beschäftigt, Reformpläne umzusetzen und zu erarbeiten, in denen die Berufsausbildung stärker auf betrieblicher Ebene erfolgt. Auch die OECD wendet sich zunehmend dem Thema der betrieblichen Berufsbildung zu. Allerdings sind die Spielarten von Dualität in der Berufsbildung vielfältig. Sie umspannen ein Kontinuum von weitestgehend ungeregelten Praktikumsverhältnissen bis hin zu Formen der geregelten betrieblichen Berufsausbildung innerhalb eines ausgebauten dualen Berufsbildungssystems. Typische Formen der Integration von Betrieben in die Berufsbildung sind die betriebliche Berufsausbildung („Apprenticeship“, Lehrlingsausbildung), die kooperative Berufsbildung (Co-operative Education) und die alternierende Ausbildung (Alternance).

Nur im ersten Fall beruht die Berufsausbildung auch auf einem vertraglich geregelten Ausbildungsverhältnis mit einem Betrieb. Ein solches betriebliches, vertraglich geregeltes Ausbildungsverhältnis ist von solchen Formen der Dualität zu unterscheiden, in denen arbeitsbasiertes Lernen im Rahmen des Schülerstatus während der schulischen Berufsbildung stattfindet. Zu den betrieblichen und den schulischen Formen dualer Berufsbildung sind Daten vorgestellt worden, die aufzeigen, dass dualisierte Formen der Berufsbildung auch in vielen Ländern existieren, die gemeinhin nicht als duale Berufsausbildungssysteme klassifiziert werden.

Deutschland mit seinem System der dualen Berufsausbildung, in dem ein betriebliches, vertraglich geregeltes Ausbildungsverhältnis in das formale Berufsbildungssystem integriert ist, steht international gesehen mit der Schweiz und Österreich allerdings gesondert da. Dänemark, das üblicherweise auch den dualen Berufsausbildungssystemen zugerechnet wird, verfügt über eine wesentlich geringere betriebliche Ausbildungsbeteiligung und stellt damit innerhalb der dualen Berufsausbildungssysteme eine Besonderheit dar.

Insbesondere die Integration einer starken betrieblichen Ausbildungsbeteiligung in Kombination mit einem vertraglich geregelten Ausbildungsverhältnis dürfte ein Garant für eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit sein. Aus diesem Grund ist das „duale Prinzip“ oder die Dualität, die man in fast allen Berufsbildungsgängen der Welt findet, deutlich von geregelten, vertraglich basierten betrieblichen Ausbildungsverhältnissen zu unterscheiden. Auf der anderen Seite zeigen die hier vorgestellten Daten, dass es hinsichtlich der Etablierung des dualen Prinzips als wesentliches Qualitätsmerkmal beruflicher Bildung weltweit eine größere Homogenität gibt, als man zunächst annehmen würde.

(Philipp Grollmann, Robert Helmrich)