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Ein Großteil der Studienabbrecher/-innen hat vor Studienbeginn keinen Berufsabschluss erworben (Frank/Heister/Walden 2015). Vor allem diese Gruppe wird in jüngerer Zeit als Zielgruppe der dualen Berufsausbildung verstärkt in den Blick genommen. Allerdings ist bislang nur wenig darüber bekannt, welche Chancen, möglicherweise aber auch Risiken ihre Erschließung für die duale Berufsausbildung birgt. Ziel einer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Ende 2014 unter den Berufsbildungsfachleuten des Expertenmonitors Berufliche Bildung durchgeführten Befragung war es daher, hierzu Fachurteile und Stellungnahmen einzuholen. Dafür wurden den Experten und Expertinnen Sets von Fragen und Aussagen zu verschiedenen Aspekten der Gewinnung vorzeitig Exmatrikulierter für die duale Berufsausbildung vorgelegt, die aus verfügbaren Befunden sowie aktuellen Diskussionslinien abgeleitet wurden. Für die Beurteilung standen Antwortskalen mit jeweils 2 positiv und 2 negativ gestuften Kategorien sowie einer neutralen Antwort­alternative zur Verfügung. 

Expertenmonitor Berufliche Bildung

Der Expertenmonitor Berufliche Bildung (kurz: BIBB-Expertenmonitor) ist ein Online-Befragungssystem des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Sein Ziel besteht darin, das Fachurteil von Berufsbildungsfachleuten zu aktuellen berufsbildungspolitischen Fragestellungen einzuholen und in die Diskussion einzuspeisen (vgl. Ehrenthal/Krekel/Ulrich 2004). Die hierfür befragten Fachleute rekrutieren sich aus Personen, die in unterschiedlichen institutionellen Kontexten (u. a. Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Betriebe, Kammern  Tabelle C1.1-1) professionell mit der beruflichen Bildung befasst sind. Zum Befragungszeitpunkt waren im Expertenmonitor rund 1.100 Berufsbildungsfachleute registriert, wobei es sich allerdings um keine repräsentative Auswahl aus allen Berufsbildungsexperten Deutschlands handelt. Davon beteiligten sich 306 Experten und Expertinnen an der Befragung zur Integration von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in die duale Berufsausbildung, was einer Beteiligungsquote von rund 28 % entspricht.

Chancen und Grenzen

Für die Experten und Expertinnen sind Studienab­bre­cher/ -innen nicht nur eine potenziell, sondern eine notwendig zu erschließende Zielgruppe der dualen Berufsausbildung. 4 von 5 der befragten Berufsbildungsfachleute sehen es mit Blick auf die Fachkräftesicherung als unabdingbar an, Studienabbrecher/-innen für die duale Berufsausbildung zu akquirieren; für annähernd drei Viertel der Befragten ist dieser Schritt viel zu lange unterlassen worden Tabelle C1.1-1. Die Erschließung dieser Zielgruppe birgt aber nicht nur Potenziale für die Fachkräftesicherung, sondern darüber hinaus auch Chancen für das System der dualen Berufsausbildung insgesamt. Von den Experten und Expertinnen ist jeder bzw. jede Zweite davon überzeugt, dass die Integration von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in duale Ausbildungsgänge die Attraktivität des Systems der dualen Berufsausbildung insgesamt steigert, aber auch dazu beiträgt, dass Betriebe sich weiterhin in der Ausbildung engagieren. Vor allem aber sehen die Fachleute in der Integration vorzeitig Exmatrikulierter in die duale Berufsausbildung einen wichtigen Beitrag, die Durchlässigkeit in der Berufsbildung in Deutschland zu erhöhen. Diese Ansicht teilen rund 3 von 4 der befragten Berufsbildungsfachleute Tabelle C1.1- 1. Die Betrachtung nach institutioneller Zugehörigkeit zeigt, dass die Potenziale einer vermehrten Gewinnung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen von den einzelnen Expertengruppen recht ähnlich gesehen werden, wohingegen über die mit der Gewinnung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen verbundenen Chancen nicht in allen Expertengruppen gleichermaßen Konsens besteht. So äußern sich Vertreter/-innen der Gewerkschaften diesbezüglich durchgehend (noch) optimistischer als Vertreter/-innen von Arbeitgeberverbänden sowie von Kammern und Betrieben, wohingegen in der Forschung tätige Berufsbildungsexperten und Berufsbildungsexpertinnen die Chancen am ehesten mit Zurückhaltung betrachten Tabelle C1.1-1.

Zwar wird in der Integration von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in die duale Berufsausbildung von den Experten und Expertinnen prinzipiell Potenzial gesehen, Fachkräfteengpässen entgegenzuwirken, allerdings sind die Berufsbildungsfachleute auch der Ansicht, dass dieses Potenzial nicht in allen Ausbildungsberufen gleichermaßen zum Tragen kommen wird. Vielmehr gehen sie mehrheitlich davon aus, dass gerade die bereits heute unter Nachfrageproblemen leidenden Berufe kaum von der neuen Zielgruppe werden profitieren können. Als besonders gering sehen die Berufsbildungsfachleute die Chancen an, Studienabbrecher/-innen für eine Ausbildung in Reinigungs-, Hotel- und Gaststätten- sowie Körperpflegeberufen zu gewinnen. Demgegenüber sehen sie sehr gute Chancen bei informations- und kommunikationstechnologischen Berufen, aber auch bei Bank-, Versicherungs- und Büroberufen. Insofern wundert es nicht, dass die Experten und Expertinnen die Erschließung von Studien­abbrechern und Studienabbrecherinnen mit Blick auf den Fachkräftebedarf zwar für notwendig ansehen, jeder bzw. jede Zweite von ihnen aber zugleich der Ansicht ist, dass sich hierdurch allein ein Fachkräftemangel nicht verhindern lässt Tabelle C1.1-1.

Negative Auswirkungen der Bemühungen um Stu­dien­abbrecher/-innen auf die Chancen anderer ausbildungs­interessierter Jugendlicher, Zugang zur dualen Berufs­aus­bildung zu finden, befürchten nur kleinere Teile der Fachleute. Jeweils ein Viertel sieht die Gefahr, dass weniger leistungsstarke Jugendliche durch die Bemühungen um Studienabbrecher/-innen das Nachsehen haben und sich insgesamt die Anforderungen an Ausbildungsplatzbewerber/-innen verschärfen werden. Ein Fünftel hält Konkurrenzbeziehungen zwischen Studien­abbrechern und Studienabbrecherinnen und
studienberechtigten Schulabsolventen und Schulabsolventinnen für durchaus möglich. Vor allem Vertreter /-innen von Gewerkschaften, aber auch Fachleute aus Betrieben sehen diese Risiken, am seltensten werden sie von Fachleuten aus Arbeitgeberverbänden und Kammern für möglich gehalten Tabelle C1.1-1.

Herausforderungen bei der Gewinnung von Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen für die duale Berufsausbildung

Die befragten Berufsbildungsfachleute sind mit 86 % nahezu geschlossen der Ansicht, dass die duale Berufsausbildung Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen viele attraktive Möglichkeiten bietet, einen Berufsabschluss zu erwerben. Allerdings indizieren Verbleibstudien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) eine von 1994 bis 2008 rückläufige Tendenz bei den Übergängen dieser Gruppe in eine Berufsausbildung (u. a. Heublein 2015; Isleib 2015).303 Das lässt vermuten, dass die vermehrte Gewinnung von Studienabbrechern und Studienab­brecherinnen für die duale Berufsausbildung mit Herausforderungen verbunden sein dürfte.

Aus Sicht der befragten Experten und Expertinnen be­stehen solche Herausforderungen sowohl aufseiten von Betrieben als auch aufseiten von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen, wobei die auf beiden Seiten bestehende Hauptschwierigkeit in der wechselseitigen Kontaktaufnahme gesehen wird. Knapp drei Viertel der Berufsbildungsfachleute sind der Ansicht, dass es Betriebe vor eine Herausforderung stellt, mit ausbildungsinte­ressierten Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in Kontakt zu kommen. Den umgekehrten Fall, also die Kontaktaufnahme eines Studienabbrechers oder einer Studienabbrecherin zu einem Betrieb, der an der Ausbildung dieser jungen Menschen interessiert ist, erachten mehr als die Hälfte der Experten und Expertinnen als herausfordernd Tabelle C1.1-2. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Bezug auf die Verbreitung von Informationen über Ausbildungsangebote durch Betriebe bzw. die Gewinnung von Informationen über die sich im dualen System bietenden Qualifizierungsmöglichkeiten durch Studienabbrecher/-innen. Die Experten und Expertinnen sehen auch hierin Herausforderungen, die allerdings erneut stärker aufseiten der Betriebe als aufseiten der Studienabbrecher/-innen verortet werden. Zugleich gehen die Einschätzungen zwischen den Expertengruppen deutlich auseinander, wobei die Vertreter/-innen aus Betrieben sowohl die von Betrieben bei der Gewinnung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen zu bewältigenden Aufgaben als auch die von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen bei der Suche nach einer dualen Berufsausbildung zu bewältigenden Aufgaben von allen Expertengruppen jeweils am seltensten als Herausforderung einstufen Tabelle C1.1-2.

Tabelle C1.1-1: Chancen und Grenzen der Gewinnung von Studienabbrechern und -abbrecherinnen für die duale Berufsausbildung aus Expertensicht (Angaben in %)1

Tabelle C1.1-2: Herausforderungen für Betriebe bei der Gewinnung von Studienabbrechern und -abbrecherinnen sowie für Studienabbrecher und -abbrecherinnen bei der Suche nach einer dualen Berufsausbildung aus Expertensicht (Angaben in %)1

Ausgestaltung von Ansätzen zur Gewinnung von Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen für die duale Berufsausbildung

Anknüpfend an die von den Experten und Expertinnen vermuteten Herausforderungen, mit denen Betriebe sowie Studienabbrecher/-innen auf dem Weg zueinander konfrontiert sind, betonen die Berufsbildungsfachleute die Bedeutung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Für nahezu alle Fachleute (94 %) bildet die Beratung von Studienabbrechern und Studienabbreche­rinnen über duale Ausbildungsmöglichkeiten einen elementaren Bestandteil von Ansätzen zur (besseren) Erschließung der Zielgruppe. Dies ist auch weitgehender Konsens innerhalb der einzelnen Expertengruppen Tabelle C1.1-3. Auch der Hilfestellung bei der Vermittlung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen an Betriebe messen die Experten und Expertinnen großes Gewicht bei. Für 3 von 4 Berufsbildungsfachleuten sollten Ansätze diese Leistung vorsehen. Allerdings zeigt sich auch, dass genau Vertreter/-innen derjenigen institutio­nellen Gruppierung, der solche Vermittlungsangebote zugutekämen – nämlich die Betriebe –, dieser Form der Unterstützung zurückhaltender gegenüberstehen als die übrigen Expertengruppen Tabelle C1.1-3.

Ansätzen, die Studienabbrecher/-innen über spezielle Ausbildungskonzepte für eine duale Berufsausbildung zu gewinnen suchen, stehen die Berufsbildungsfachleute weniger einheitlich gegenüber. Mit Blick auf den Berufsschulunterricht findet eine Befreiung von Studien­abbrechern und Studienabbrecherinnen von diesem eher Anklang als ihre Beschulung in eigens eingerichteten Berufsschulklassen. Allerdings gehen die Meinungen der Expertengruppen zur Frage der Beschulung relativ stark auseinander. Während unter Vertretern und Vertreterinnen aus Forschungs- und Hochschuleinrichtungen die Befreiung vom Berufsschulunterricht am meisten Zustimmung findet, trifft sie bei Fachleuten der Arbeitgeberverbände auf die geringste. Bei den Vertretern und Vertreterinnen von Schulen und Gewerkschaften findet die Einrichtung spezieller Berufsschulklassen für Studienabbrecher/-innen kaum Befürworter, bei Fachleuten aus Betrieben mit einem von vieren mit am häufigsten Tabelle C1.1-3. Vergleichbar durchmischt sind die Einstellungen gegenüber Ansätzen, die eine Verzahnung oder Verknüpfung von Aus- und Fortbildung vorsehen. Besonders zurückhaltend stehen diesen Optionen dabei Vertreter/-innen der Betriebe gegenüber.

Tabelle C1.1-3: Anteil der Experten und Expertinnen, die sich für bestimmte Ausgestaltungsaspekte von Ansätzen zur Gewinnung von Studienabbrechern und -abbrecherinnen für die duale Berufsausbildung aussprechen (Angaben in %)1

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    Aktuellere Daten und Analysen lagen zum Zeitpunkt der Berichtlegung noch nicht vor.