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Über Erfolg und Misserfolg von bildungspolitischen Maßnahmen zur Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungswegen und zur Verbesserung der Attraktivität der betrieblichen Ausbildung haben neben Jugendlichen Betriebe und Unternehmen ein entscheidendes Wort mitzureden. Zu diesem speziellen Forschungsbereich liegen allerdings nur wenige Untersuchungsergebnisse vor, auch wenn das „Thema Durchlässigkeit nicht erst seit einigen Jahren wieder verstärkt auf der bildungspolitischen Agenda steht, sondern die Bildungspolitik seit den 1960er-Jahren begleitet“ (vgl. Frank/Heister/Walden 2015, S. 15). Auch im Rahmen der „Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015–2018“ wird diesem Thema ein hoher Stellenwert zugewiesen. Das betrifft die bereits seit Längerem angestoßenen Maßnahmen u. a. zur Förderung der Durchlässigkeit von der beruflichen in die hochschulische Bildung, mehr aber noch die erst seit wenigen Jahren verstärkten Bemühungen um mehr Durchlässigkeit von hochschulischen in berufliche Bildungswege. Um diese Informationslücke zu schließen, wurde in der fünften Erhebungswelle des BIBB-Qualifizierungspanels im Jahr 2015 das Thema „Durchlässigkeit von Bildungs­wegen und Erhöhung der Attraktivität der betrieblichen Ausbildung“ aufgenommen.

Hierfür wurden auf Grundlage vorliegender Studien, Literarturübersichten und Expertisen verschiedene Antwortvorgaben zu ausgewählten Schnittstellen und Übergangsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Berufsbildungssegmenten entwickelt. Im Einzelnen handelt es sich um

  • den erleichterten Übergang von einer betrieblichen Ausbildung in ein Studium durch Anerkennung von Ausbildungsinhalten,
  • den erleichterten Übergang von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in eine betriebliche Ausbildung durch Anerkennung von Studienleistungen,
  • den erleichterten Übergang von einer vollzeitschulischen Ausbildung in eine betriebliche Ausbildung durch Anerkennung schulisch erworbener Ausbildungsinhalte,
  • die Bereitstellung von vielfältigeren Angeboten zum dualen Studium, das eine betriebliche Ausbildung mit einem Studium unmittelbar verbindet, und um
  • die Verbesserung von Aufstiegschancen nach der betrieblichen Ausbildung durch ein geeignetes Angebot an entsprechenden Fortbildungen.

Um zu ermitteln, welcher Ansatz aus betrieblicher Sicht am geeignetsten ist, die Durchlässigkeit im Berufsbildungs­system und damit die Attraktivität der betrieblichen Ausbildung zu verbessern, wurden die Betriebe darum gebeten, die fünf ausgewählten Ansätze in eine Rangfolge zu bringen. Dabei sollten die Betriebe besonders beachten, dass die in einem Bildungsweg erworbenen Fachkenntnisse und Leistungen im neuen Bildungs­weg anerkannt werden sollen. Zugleich sollte die Ein­schätzung nicht mit Bezug auf den eigenen Betrieb, sondern allgemein erfolgen.

BIBB-Qualifizierungspanel

Das BIBB-Betriebspanel zu Qualifizierung und Kompetenzentwicklung (BIBB-Qualifizierungspanel) ist eine seit 2011 jährlich durchgeführte Wiederholungsbefragung, mit der repräsentative Längsschnittdaten zum Qualifizierungsgeschehen in Betrieben erhoben werden (vgl. www.bibb.de/qp). Seit 2014 nehmen 3.500 Betriebe an den jährlichen Befragungen teil. Das jedes Jahr wiederkehrende Erhebungsprogramm umfasst Fragen zum betrieblichen Human Ressource Management und zu betrieblichen Handlungsfeldern wie Aus-, Weiterbildung und Rekrutierung. Daneben werden jährliche Schwerpunktbefragungen zu aktuellen bildungspolitischen und wissenschaftlichen Fragestellungen durchgeführt.

Die Auswahl der Betriebe erfolgt über eine disproportional geschichtete Zufallsstichprobe aus der Grundgesamtheit aller Betriebe mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Daten werden über computergestützte persönlich-mündliche Interviews (CAPI) erhoben (vgl. Gerhards u. a. 2015; Gerhards/Mohr/Troltsch 2012). Die vorliegende Analyse verwendet die Befragungsdaten der Erhebungswelle 2015. 

Einschätzungen der Durchlässigkeit zwischen Bildungswegen im Einzelnen

Als besonders förderlich zur Attraktivitätssteigerung der betrieblichen Ausbildung sehen Betriebe die Möglichkeit an, die Aufstiegschancen der Ausbildungsabsolventen und -absolventinnen zu verbessern und ihnen geeignete Angebote zur beruflichen Fortbildung und Karriere zu machen. Diese Möglichkeit zur attraktivitätssteigernden Erhöhung der Durchlässigkeit in höhere berufliche Positionen steht bei 32,7 % der befragten Betriebe an erster Stelle Schaubild C1.3-1. Rechnet man noch die Betriebe dazu, die diese Möglichkeit mit 26,7 % an die zweite Stelle gesetzt haben, so geht die Mehrheit der Betriebe von einer positiven Wirkung entsprechender Maßnahmen auf die Attraktivität der betrieblichen Ausbildung aus. Nur etwa jeder neunte Betrieb sieht in dieser Möglichkeit keine attraktivitätssteigernden Effekte.

Offensichtlich positiv eingestellt sind Betriebe gegenüber der Alternative, Jugendlichen eine betriebliche Ausbildung zu ermöglichen, die vorher eine vollzeitschulische Berufsausbildung absolviert haben. Gut jeder vierte  Betrieb setzt diese Form der Verbindung zweier Bildungswege an die erste Stelle unter den fünf vorgegebenen Alternativen (27,4 %). Zu vermuten ist, dass auf Basis der in Berufsschulen erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen bessere Möglichkeiten zur Vermittlung von Praxiskenntnissen bestehen, von denen Betriebe unmittelbar profitieren könnten.

Im Durchschnitt aller betrieblichen Einschätzungen wird dem dualen Studium ein ähnlich hoher Stellenwert wie den beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten zugewiesen. Hier setzt mit 22,2 % gut jeder fünfte Betrieb die Kombination aus betrieblicher Ausbildung mit parallel zu absolvierendem Studium auf den ersten Rang. Allerdings beurteilen schon zwei von fünf Betrieben (insgesamt 40,6 %) diese Möglichkeit nur noch als letzte bzw. vorletzte Alternative zur Verbesserung der Durchlässigkeit im Berufsbildungssystem und zur Erhöhung der Attraktivität der betrieb­lichen Ausbildung.

Im Gegensatz zu den in der Öffentlichkeit häufig dis­kutierten Möglichkeiten zur Verbindung beruflicher und akademischer Ausbildungswege stehen Betriebe der Öffnung der Hochschulen für dual ausgebildete Fachkräfte eher reserviert gegenüber. Nur noch jeder achte Betrieb (12,7 %) sieht dies als beste und nur jeder vierte Betrieb (24,1 %) als zweitbeste Möglichkeit zur Attraktivitätssteigerung. Bei der Mehrheit der Betriebe rangiert diese Alternative auf den hinteren Plätzen. Dies ist insofern erstaunlich, da diese Möglichkeit in Bildungspolitik und -wissenschaft als besonders förderlich zur Stabilisierung des dualen Ausbildungssystems angesehen wird.

Als relativ unattraktiv sehen Betriebe im Durchschnitt die Alternative an, Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen die Aufnahme einer betrieblichen Ausbildung zu ermöglichen. Nur 4,7 % setzen diese Alternative an die erste Stelle ihrer Einschätzungen, jeder dritte Betrieb (33,7 %) platziert diese Form von Durchlässigkeit an letzter Stelle. Insgesamt scheint die Mehrheit der Betriebe dem Beitrag dieses Ansatzes zur Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung – zumindest im Vergleich zu den anderen Alternativen, Bildungswege untereinander zu verzahnen – also eher skeptisch gegenüberzustehen.

Schaubild C1.3-1: Rangfolge von möglichen Übergängen zwischen Bildungswegen unter Anerkennung erworbener Fachkenntnisse zur Attraktivitätssteigerung der betrieblichen Ausbildung aus Sicht von Betrieben (in %)

Einschätzungen nach Betriebsgrößenklassen

Insgesamt herrscht große Einigkeit unter den Betrieben mit Beschäftigtenzahlen unter 20 in der Einschätzung der verschiedenen Varianten an Durchlässigkeit Schaubild C1.3-2. Diese Kleinbetriebe liegen in ihren Bewertungen fast vollständig im Durchschnitt aller Betriebe, da sie in der Grundgesamtheit die Mehrheit aller Betriebe repräsentieren.

Anders verhält es sich bei kleineren mittelständischen Betrieben mit Beschäftigtenzahlen zwischen 20 und 99. Diese Betriebe sehen im Vergleich zum Durchschnitt eher Alternativen wie die Aufnahme von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen (+3,6 Prozentpunkte) oder das Angebot an Studiengängen in Kombination mit einer betrieblichen Ausbildung (+2,1 Prozentpunkte) als förderlich für die Attraktivität der dualen Ausbildung an. Verbesserte Übergangsmöglichkeiten von einer vollzeitschulischen in eine betriebliche Berufsausbildung (-6,3  Prozentpunkte) und die Förderung von Übergängen in ein Fach- oder Hochschulstudium (-3,1 Prozentpunkte) werden im Vergleich zum Durchschnitt als weniger relevant angesehen. Die Förderung betriebsinterner Aufstiege durch berufliche Fortbildung bewerten diese Betriebe ähnlich hoch wie die Kleinbetriebe.

Größere mittelständische Betriebe (100 bis 199 Beschäf­tigte) priorisieren überdurchschnittlich häufig als Mög­­lichkeit die Verbesserung der betrieblichen Aufstiegsmöglichkeiten für dual ausgebildete Nachwuchskräfte (+4,8  Prozentpunkte). Die Aufnahme von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen als Auszubildende liegt mit 4,7 Prozentpunkten deutlich über dem Durchschnitt. Ausgesprochen negativ mit -12,9 Prozentpunkten fällt dagegen die Einschätzung zum Übergang von einer vollzeitschulischen in eine betriebliche Ausbildung aus.

In ähnlicher Weise äußern sich Großbetriebe mit 200 und mehr Beschäftigten.

Schaubild C1.3-2: Unterschiede in den prioritären Einschätzungen ( jeweils 1. Priorität) zur Durchlässigkeit und Attraktivitätssteigerung nach Betriebsgrößenklassen gemessen am Durchschnitt aller Betriebseinschätzungen (Abweichungen in Prozentpunkten)

Fazit

Insgesamt ergibt sich anders als vielfach diskutiert eine sehr differenzierte Einschätzung von Betrieben und Unternehmen zur Verbesserung der Durchlässigkeit und Attraktivität der betrieblichen Ausbildung. In besonderer Weise hervorzuheben ist die Tatsache, dass aus betrieblicher Sicht besonders Alternativen hoch eingestuft werden, bei denen Ausbildungsabsolventen und Ausbildungsabsolventinnen den Betrieb nicht in Richtung Hochschule verlassen und somit dem Betrieb als Fachkraft verloren gehen; sie entscheiden sich vielmehr für die Art von Durchlässigkeit, bei der die berufliche Bindung an den Betrieb bestehen bleibt.

In der Konsequenz sollte bildungspolitisch gesehen eine verbesserte fachliche Verzahnung

  • zwischen betrieblicher Ausbildung, darauf aufbauenden Weiterbildungsmöglichkeiten und insbesondere daran anknüpfenden Aufstiegsfortbildungen,
  • zwischen vollzeitschulischer Ausbildung und Stu­dium und
  • zwischen betrieblicher Ausbildung und Studium

unterstützt werden.

Dass sich der Wechsel von der Hochschule in die duale Berufsausbildung hier nicht einreiht, verweist darauf, dass Betriebe diesen Ansatz – zumindest noch nicht – als Instrument zur Verbesserung der Durchlässigkeit und Attraktivität der betrieblichen Ausbildung einordnen.

(Klaus Troltsch)