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Eine wichtige Voraussetzung dafür, das Potenzial von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen für die duale Berufsausbildung erschließen zu können, besteht darin, dass Betriebe der Ausbildung dieser Zielgruppe aufgeschlossen gegenüberstehen. Um dies in Erfahrung zu bringen, hat das BIBB Anfang 2015 eine Befragung ausbildender Betriebe durchgeführt. Erfragt wurde, in welchen Berufen des Systems der dualen Berufsausbildung Betriebe bereits Erfahrungen mit der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen haben und/oder grundsätzlich bereit wären, junge Menschen dieser Gruppe auszubilden. Ferner wurde ermittelt, wie Betriebe verschiedenen aktuell diskutierten Ansätzen gegenüberstehen, die die Attraktivität der dualen Berufsausbildung für Studienabbrecher/-innen erhöhen sollen. Zur Bewertung dieser Frage stand eine fünfstufige Antwortskala (mit 2 positiv und 2 negativ gestuften Kategorien sowie einer neutralen Kategorie) zur Verfügung. Durchgeführt wurde die Befragung mit dem Referenz-Betriebs-System des BIBB. 

Referenz-Betriebs-System

Das Referenz-Betriebs-System (RBS) ist ein Befragungssystem des BIBB, das dazu dient, zu Fragestellungen der beruflichen Aus- und Weiterbildung, zu deren Beantwortung die Einschätzungen der betrieblichen Praxis notwendig sind, zeitnah Betriebsbefragungen durchführen zu können. Zu diesem Zweck umfasst das RBS einen Pool von ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben unterschied­licher Größen und Branchen aus dem gesamten Bundesgebiet. Zum Befragungszeitpunkt waren 1.421 Betriebe im Pool des RBS gelistet. Von diesen beteiligten sich 716  Betriebe an der Befragung zur Ausbildung von Studienab­brechern und -abbrecherinnen, darunter 569  Betriebe, die in Berufen des dualen Systems ausbilden. Die Daten dieser Betriebe können zur Anpassung an die Struktur der Ausbildungsbetriebe in Deutschland nach Betriebsgrößenklassen und Branchen gewichtet werden und sind Grundlage der nachfolgenden Darstellungen. 

Erfahrungen der Betriebe in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen

Knapp jeder dritte befragte Betrieb gab an, Studienab­brecher/-innen bereits in dualen Ausbildungsberufen auszubilden oder ausgebildet zu haben. Nach Strukturmerkmalen betrachtet zeigen sich allerdings deut­liche Unterscheide Schaubild C1.2-1. Diese treten am klarsten bei einer Differenzierung nach Betriebsgrößenklassen zutage: Mit steigender Betriebsgröße nimmt der Anteil an Betrieben mit Erfahrungen in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen deutlich zu; von knapp 30 % bei Kleinbetrieben mit bis zu 19  Beschäftigten auf annähernd 60 % bei Großbetrieben mit 100 und mehr Beschäftigten. Von den Großbetrieben hat also ein gut doppelt so großer Anteil Erfahrungen in der Ausbildung von Studien­abbrechern und Studienabbrecherinnen als von den Kleinbetrieben.

Auch die Kammerzugehörigkeit geht mit Unterschieden einher. Von den Betrieben mit IHK-Mitgliedschaft berichtete ein deutlich größerer Anteil (41 %), Ausbildungserfahrungen mit Studienabbrechern und Studienab­brecherinnen zu haben, als von Betrieben mit anderer Kammerzugehörigkeit (Betriebe mit Handwerkskammermitgliedschaft 25 %; Betriebe mit Mitgliedschaft in anderen Kammern 24 %).

Bei einer branchenbezogenen Betrachtung erweisen sich Betriebe und Einrichtungen des öffentlichen Dienstes und des Gesundheits- und Sozialwesens sowie Betriebe aus dem Bereich der unternehmens­nahen Dienstleistungen als diejenigen mit den größten Anteilen an in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen erfahrenen Betrieben (49 % bzw. 41 %). Der geringste Anteil ist bei Betrieben des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes zu verzeichnen (19 %).

Die Berufe, in denen Betriebe Studienabbrecher/-innen ausbilden oder bereits ausgebildet haben, decken ein breites Spektrum aus kaufmännischen, technischen, handwerklichen und dienstleistungsbezogenen Ausbildungsberufen ab. Überwiegend handelt es sich dabei allerdings nicht um Ausbildungsberufe, in denen Besetzungsprobleme bestehen, sondern die durch Versorgungsprobleme gekennzeichnet sind. Dieses Ergebnis unterstreicht damit die von Berufsbildungsexperten und Berufsbildungsexpertinnen geäußerte Annahme, dass bereits heute wenig nachgefragte Ausbildungsberufe kaum von der Erschließung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen für die duale Berufsausbildung profitieren würden (vgl. Kapitel C1.1).

Schaubild C1.2-1: Anteil der Betriebe mit Erfahrungen in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen an allen befragten Betrieben (in %)

Aufgeschlossenheit unerfahrener Betriebe gegenüber der Ausbildung von Studien­abbrechern und Studienabbrecherinnen

Betriebe, die bislang keine Ausbildungsverträge mit Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen abgeschlossen haben, stehen der Zielgruppe mehrheitlich aufgeschlossen gegenüber: Für drei Viertel von ihnen käme es prinzipiell infrage, Studienabbrecher/-innen in einem, mehreren oder allen der von ihnen angebotenen Ausbildungsberufe zu qualifizieren. Das übrige Viertel benannte hingegen keinen Beruf, in dem die Ausbildung dieser Personengruppe in Betracht käme.304

Nach Strukturmerkmalen betrachtet lassen sich vor allem zwischen Betrieben aus unterschiedlichen Branchen Unterschiede erkennen Schaubild C1.2-2. Hier zeigen sich die unerfahrenen Betriebe aus dem produzierenden und verarbeitenden Gewerbe gegenüber der Ausbildung von Studienabbrechern und -abbrecherinnen besonders aufgeschlossen (80 %). Der mit 60 % niedrigste Anteil aufgeschlossener unter den unerfahrenen Betrieben findet sich im öffentlichen Dienst sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Damit ist die Aufgeschlossenheit unerfahrener Betriebe in der Branche am höchsten, in der bislang der geringste Anteil an Betrieben Erfahrungen mit der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen hat, und in dem Bereich am niedrigsten, der den höchsten Anteil an Betrieben mit Erfahrungen in der Ausbildung dieses Personenkreises zu verzeichnen hat.

Die Auswertung nach Betriebsgröße ergibt einen mit zunehmender Betriebsgröße ansteigenden Anteil aufgeschlossener unter den unerfahrenen Betrieben, mit einer Differenz von 12 Prozentpunkten zwischen Klein- und Großbetrieben. Demgegenüber signalisieren unerfahrene Betriebe unterschiedlicher Kammerzugehörigkeit zu annähernd gleichen Anteilen, dass die Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen grundsätzlich infrage käme.

Die Berufe, in denen die unerfahrenen, aber aufgeschlossenen Betriebe Studienabbrecher/-innen ausbilden würden, sind sehr vielfältig. Sie zeigen zum einen deutliche Überschneidungen mit den Ausbildungsberufen, für die erfahrene Betriebe bereits Studienabbrecher/-innen als Auszubildende eingestellt haben. Zum anderen handelt es sich um eine Reihe von Ausbildungsberufen mit weniger günstigen Nachfragebedingungen, darunter verschiedene Berufe aus dem Handwerk sowie dem Hotel- und Gaststättengewerbe.

Eine Erklärung dafür, dass viele Betriebe bislang keine Ausbildungsverträge mit Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen abgeschlossen haben, obwohl dies für sie grundsätzlich infrage käme, bieten die Antworten dieser Betriebe auf Fragen zum Schwierigkeitsgrad der Anbahnung von Ausbildungsverhältnissen mit diesem Personenkreis. Zur besseren Einordnung werden die Antworten der unerfahrenen, aber aufgeschlossenen Betriebe auf diese Fragen nachfolgend den Antworten der in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen bereits erfahrenen Betriebe gegenübergestellt.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass erfahrene und unerfahrene, aber aufgeschlossene Betriebe die Anbahnung von Ausbildungsverhältnissen mit Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen in unterschiedlichem Maße als herausfordernd ansehen Schaubild C1.2-3. Sehr deutlich zeigt sich dies in Bezug auf die Frage, wie sie Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen die Attraktivität einer dualen Berufsausbildung nahebringen und ihnen ansprechende Ausbildungsmodelle anbieten können. Knapp ein Viertel der Betriebe mit Erfahrungen in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen sieht diese beiden Aspekte als (eher) schwierig an, von etwa doppelt so vielen werden sie hingegen als (eher) leicht zu realisieren eingestuft. Das umgekehrte Verhältnis zeigt sich bei Betrieben, die Studienabbrecher/-innen grundsätzlich ausbilden würden, bislang aber noch keine Ausbildungsverhältnisse mit ihnen abschließen konnten. Jeder Vierte von ihnen ist der Ansicht, dass es (eher) keine Schwierigkeiten bereiten sollte, Studienabbrecher/-innen von der Attraktivität einer dualen Berufsausbildung zu überzeugen bzw. ihnen ansprechende Ausbildungsmodelle zu unterbreiten. Knapp jeder Zweite ist allerdings der gegenteiligen Ansicht, sieht beide Aspekte also als schwierig zu bewältigende Aufgaben an.

Mit ausbildungsinteressierten Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen zunächst einmal in Kontakt zu kommen wird insgesamt als eine (eher) schwer zu nehmende Hürde angesehen, wenngleich auch hier der Anteil der unerfahrenen, aber aufgeschlossenen Betriebe, die hierin eine Herausforderung sehen, größer ist als unter den erfahrenen Betrieben.

Ansätze zur Attraktivitätssteigerung einer dualen Berufsausbildung für Studienabbrecher/-innen

Die von den Betrieben signalisierten Schwierigkeiten bei der Anbahnung von Ausbildungsverhältnissen mit Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen spiegeln sich darin wider, dass besondere Programme und Maßnahmen, die auf die Gewinnung dieser Gruppe für die duale Berufsausbildung zielen, mehrheitlich befürwortet werden. Gut jeder zweite erfahrene wie unerfahrene, aber aufgeschlossene Betrieb spricht sich für solche Programme aus, jeweils ein Drittel hält sie für (eher) entbehrlich, die übrigen Betriebe sind in dieser Frage unentschlossen.

Aktuelle Überlegungen, wodurch sich eine duale Berufsausbildung für die Zielgruppe attraktiver gestalten ließe, finden bei den Betrieben allerdings nur bedingt Anklang Schaubild C1.2-4. Besonders kritisch stehen sie einer Befreiung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen vom Berufsschulunterricht gegenüber. 89 % der in der Ausbildung von Studienabbrechern und Studien­abbrecherinnen erfahrenen und 85 % der unerfahrenen, aber aufgeschlossenen Betriebe halten einen solchen Vorstoß für (sehr) schlecht. Die Einrichtung separater Berufsschulklassen für Studienabbrecher/-innen halten jeweils um die 30 % für einen (sehr) guten Ansatz, bei jeweils über der Hälfte der Betriebe beider Gruppen findet die Überlegung allerdings keinen Anklang.

Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen zu ermöglichen, die Ausbildungszeit über das derzeit geltende Maß hinaus zu verkürzen (vgl. Erläuterung in Kapitel C 3.1), wird ebenfalls nur von geringeren Teilen der Betriebe befürwortet, von größeren Teilen hingegen abgelehnt. Größere Meinungsunterschiede zwischen erfahrenen und aufgeschlossenen Betrieben zeigen sich in Bezug auf die Frage, ob erbrachte Studienleistungen Teile der Ausbildungsabschlussprüfung ersetzen können sollten. Von den erfahrenen Betrieben halten zwei Drittel dies für keinen guten Vorschlag, jeder Siebte spricht sich dafür aus. Von den aufgeschlossenen Betrieben lehnt die Hälfte eine Gleichstellung von Studien- und Prüfungsleistungen ab, knapp ein Drittel befürwortet sie. Die Überlegung, an die Ausbildung unmittelbar eine Fortbildungsprüfung anschließen zu können, stößt sowohl bei den erfahrenen wie bei den aufgeschlossenen Betrieben auf geteiltes Echo.

(Margit Ebbinghaus, Julia Gei, Bettina Milde)

Schaubild C1.2-2: Anteil der Betriebe, für die die Ausbildung von Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen grundsätzlich infrage käme, an allen in der Ausbildung dieser Zielgruppe unerfahrenen Betrieben (in %)

Schaubild C1.2-3: Beurteilung der Schwierigkeit, Ausbildungsverhältnisse mit Studienabbrechern und Studienabbrecherinnen anzubahnen, nach Erfahrungen mit der Zielgruppe (in %)1

Schaubild C1.2-4: Betriebliche Beurteilung von Ansätzen zur Attraktivitätssteigerung einer dualen Berufsausbildung für Studienabbrecher/-innen (in %)1

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    Zu diesen Betrieben, die hier nicht in die weiteren Betrachtungen einbezogen werden, siehe Ebbinghaus 2016.