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Personen, die über keinen formal qualifizierenden Berufsabschluss verfügen, sind auf dem Arbeitsmarkt deutlich benachteiligt (vgl. Schmillen/Stüber 2014, Röttger/Weber/Weber 2017). Aus diesem Grund ist es bildungspolitisch wünschenswert, dass diesen Personen das Nachholen eines Berufsabschlusses gelingt. Dies betrifft vor allem junge Erwachsene, die noch ein langes Berufsleben vor sich haben und noch offen für eine längere Ausbildungsphase sein könnten. Um die Hintergründe zu ermitteln, welche diese Personen von einem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung abgehalten haben und sie auch zukünftig an einer Nachqualifizierung hindern könnten, müssen bildungsrelevante Merkmale der betroffenen Personengruppe identifiziert werden, die sie von denjenigen aus ihrer Altersgruppe mit abgeschlossener Berufsausbildung unterscheiden. Zur Beantwortung dieser Fragestellung werden Daten benötigt, die die Lebens- und Bildungsverläufe junger Erwachsener in ihrer Komplexität abbilden und bildungsrelevante Einflussfaktoren bereitstellen. Eine solche Datenquelle liefert das Nationale Bildungspanel (NEPS, vgl. Erläuterung in Kapitel A8.3), welches es ermöglicht, Bildungswege nachzuzeichnen und auch weitere Entwicklungen abzubilden. An dieser Stelle erfolgen zum einen ein Vergleich der Ausbildungsbiografien junger Erwachsener mit und ohne Berufsabschluss und zum anderen eine Darstellung bildungsrelevanter Einstellungen der Zielgruppe.250

Stichprobe junger Erwachsener ohne Berufsabschluss im Nationalen Bildungspanel – National Educational Panel Study (NEPS)

Die Ergebnisse basieren auf den Daten des Nationalen Bildungspanels (National Educational Panel Study – NEPS): Startkohorte Erwachsene, doi:10.5157/NEPS:SC6:8.0.0.

Für Informationen zum NEPS siehe Erläuterung in Kapitel A8.3 und https://www.lifbi.de/ sowie Blossfeld/Roßbach/von Maurice (2011). Für die hier thematisierte Fragestellung wird auf die Startkohorte 6 zurückgegriffen, für welche, aufbauend auf der ALWA-Studie des IAB251 von 2007, seit 2009 Personen der Geburtsjahrgänge 1944 bis 1986 im Rahmen des NEPS befragt und getestet wurden. Interessierende Variablen sind beispielsweise umfassende soziodemografische Merkmale und Informationen zu Bildungs- und Berufsverläufen und deren Rahmenbedingungen.

An der vierten NEPS-Erhebungswelle, die von Herbst 2011 bis Frühjahr 2012 stattfand, nahmen ca. 14.000 Befragte teil, darunter 3.172 Personen zwischen 25 und 35  Jahren. Von diesen sind 369 (12%) der Gruppe derjenigen zuzuordnen, die (noch) keinen formal qualifizierenden beruflichen Abschluss erworben haben und sich zu diesem Zeitpunkt auch nicht in einer vollqualifizierenden schulischen, beruflichen oder hochschulischen Ausbildung oder einer Bildungsmaßnahme des Übergangsbereichs befanden. Weitere 136 Personen befanden sich zum Befragungszeitpunkt noch in Ausbildung und werden in den folgenden Analysen nicht mitberücksichtigt. Die Vergleichsgruppe bilden somit die verbleibenden 2.667 Personen, die zum Befragungszeitpunkt bereits einen formal qualifizierenden Berufsabschluss erworben haben. 

Wie aus Kapitel A11.2 hervorgeht, unterscheiden sich junge Erwachsene mit und ohne Berufsabschluss in ihrem Bildungshintergrund dergestalt, dass nicht formal Qualifizierte (nfQ) im Durchschnitt über eine niedrigere Bildung und häufiger über keinerlei Schulabschluss verfügen. Dies mag mit ursächlich dafür sein, dass diese Gruppe häufiger eine oder auch mehrere Maßnahmen im Übergangsbereich besucht hat, wie Schaubild A11.4-1 für die hier verwendete Stichprobe aus dem Jahr 2012 zeigt. Außerdem ist der Anteil derjenigen, die eine solche Maßnahme vorzeitig beendeten, unter den nfQ doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe. Auch fällt auf, dass nicht wenige in dieser Gruppe erst gar keine Ausbildung begonnen hatten; einige nahmen auch ausschließlich an Lehrgängen der IHK o.  Ä. teil.

Schaubild A11.4-1: Teilnahme an Berufsvorbereitung und Ausbildung (in %)

Unter allen Befragten, die eine Ausbildung begonnen hatten, berichteten fast dreimal so viele nfQ von einer Unterbrechung ihrer ersten Ausbildungsepisode wie in der Gruppe der Personen mit Berufsabschluss, auch wenn dieser Wert in beiden Gruppen im einstelligen Bereich blieb. Von zwei Dritteln der nfQ, die irgendwann eine Ausbildung begonnen hatten, liegen Informationen zur Art der Ausbildung vor Schaubild A11.4-2. Am häufigsten wurde von diesen nfQ eine duale Ausbildung begonnen, gefolgt von einem Universitätsstudium.251 

Schaubild A11.4-2: Art der begonnenen Ausbildung von Personen ohne Berufsabschluss (nfQ) (in %)

In beiden Gruppen lassen sich jedoch auch Bemühungen um eine Nach- oder Höherqualifizierung feststellen. Von 2012 bis zur aktuell vorliegenden achten Befragungswelle (2015/2016) haben einige der Teilnehmer/-innen ihre formale Qualifikation verbessert252: Von 25 Personen aus der Gruppe der nfQ ist bekannt, dass sie zwischenzeitlich einen Berufsabschluss erworben haben, dadurch konnten 2 Personen, die vorher keinen Schulabschluss innehatten, auch einen Schulabschluss nachholen. Von den Personen der Vergleichsgruppe, die ursprünglich über einen Hauptschulabschluss verfügten, haben 34 Personen zwischenzeitlich einen weiteren Schulabschluss erworben. 100 weitere Personen aus dieser Gruppe (4% der Stichprobe) haben zwischenzeitlich einen (Fach-) Hochschulabschluss erworben.

Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine (weitere) Qualifizierung kommt den bildungsbezogenen Einstellungen und Motiven einer Person zu. Beim Vergleich der Personen mit und ohne Berufsabschluss253 zeigte sich etwa, dass sich nfQ vom Erwerb eines Abschlusses vor allem ein höheres Einkommen und eine höhere Arbeitsplatzsicherheit (bzw. die arbeitslosen Personen in dieser Gruppe Vorteile für das Finden einer Stelle) versprachen. Auch in Bezug auf nicht abschlussorientierte Kurse schätzten sie, vermutlich aufgrund ihrer schwächeren Position auf dem Arbeitsmarkt, deren Wichtigkeit für den beruflichen beziehungsweise Arbeitsmarkterfolg wie die Arbeitsplatzsicherheit oder einen beruflichen Aufstieg höher ein als Personen mit Berufsabschluss.

Trotz dieser erwarteten positiven Effekte war der Anteil derjenigen, die tatsächlich einen Kursbesuch planten, in der Gruppe derjenigen ohne Berufsabschluss deutlich geringer als in der Vergleichsgruppe. Dies schien zum einen in den erwarteten Kosten, die von diesen Personen häufiger als zu hoch bewertet wurden, als auch im mangelnden Wissen über Kursangebote begründet zu liegen Schaubild A11.4-3. Zu hohe Kosten und mangelnde Informationen wurden auch in Bezug auf den Erwerb eines Abschlusses von dieser Gruppe häufiger genannt als von Personen mit Berufsabschluss. Aber auch die Wahrscheinlichkeit, einen Abschluss erfolgreich erwerben zu können, wurde nur von der Hälfte der Personen ohne Berufsabschluss als (eher) gut eingeschätzt.

Trotzdem äußerten die nfQ häufiger als die Vergleichsgruppe den Wunsch, einen (weiteren) Abschluss zu erwerben Schaubild A11.4-4. Während Personen, die bereits über einen Berufsabschluss verfügten, dabei am häufigsten einen Studienabschluss anpeilten, strebten Personen ohne Berufsabschluss am ehesten einen Schulabschluss an, gefolgt vom Wunsch nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung.

Die Eigeninitiative in Bezug auf Weiterbildungsaktivitäten unterschied sich allerdings deutlich zwischen den Gruppen Schaubild A11.4-4. Aus eigenem Antrieb hatten sich in der Gruppe ohne Berufsabschluss innerhalb der letzten 12 Monate vor der Befragung lediglich ein gutes Drittel über Kursangebote und knapp 20% über den Erwerb von Abschlüssen informiert, während dies etwas mehr als die Hälfte bzw. 28% der Personen mit Berufsabschluss getan hatten. Personen ohne Berufsabschluss wurden aber auch deutlich seltener von Dritten auf Kursangebote aufmerksam gemacht. Bezüglich informeller Weiterbildungsaktivitäten zeigt sich, dass Personen ohne Berufsabschluss in allen Befragungswellen deutlich seltener angaben, zu beruflichen oder privaten Zwecken Kongresse und Fachvorträge besucht und Fachliteratur gelesen zu haben.

Schaubild A11.4-3: Potenzielle Weiterbildungshemmnisse (Zustimmung in %)

Schaubild A11.4-4: Informationsbeschaffung bezüglich Weiterbildung (in %)

Fazit

Der dargestellte Vergleich von jungen Erwachsenen mit und ohne Berufsabschluss zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich ihrer Ausbildungsbiografien. So sind diese bei nfQ häufiger von nicht vollqualifizierenden Bildungsmaßnahmen und Abbrüchen gekennzeichnet und ein nicht unbedeutender Teil begibt sich erst gar nicht in eine vollqualifizierende Ausbildung. Die mit diesen Umständen einhergehende ungünstigere Erwerbssituation ist möglicherweise einer der Gründe, weshalb diese Personen aber auch die Notwendigkeit von Nach- oder Weiterqualifizierung sehen. Andererseits zeigt sich, dass bei Personen ohne Berufsabschluss mit Schwierigkeiten hinsichtlich des Zugangs in entsprechende Maßnahmen zu rechnen ist, etwa bezüglich finanzieller Aspekte und des Wissens über Möglichkeiten der Qualifizierung. Die anstehenden weiteren Befragungswellen des NEPS werden es ermöglichen, Prozesse der Nachqualifizierung weiterzuverfolgen, deren Auswirkungen auf die Erwerbssituation zu dokumentieren und weitere Einflussfaktoren auf diese Prozesse zu identifizieren.

(Annalisa Schnitzler, Julia Raecke)


  • 250

    Im Rahmen des durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Pilotprojekts „NEPS-BB“ wertet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) kontinuierlich die Daten des NEPS in Hinblick auf berufsbildungspolitische Fragestellungen aus. Ziel des Projekts ist es unter anderem, die Situation und die Potenziale junger Erwachsener ohne Berufsabschluss zu untersuchen.

  • 251

    Siehe: http://fdz.iab.de/de/FDZ_Individual_Data/ALWA.aspx#ALWA

  • 252

    Da nicht für alle Teilnehmer/-innen aktuelle Informationen aus der letzten Befragungswelle vorliegen, handelt es sich bei den berichteten Abschlüssen um Mindestangaben.

  • 253

    Aufgrund einer Filterführung in der NEPS-Befragung liegen die Auskünfte zu diesen Merkmalen jeweils nur für einen Teil (ein Drittel bis zwei Drittel) der Stichprobe vor.