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„In der Wahrnehmung durch andere – der Fremdidentifizierung des Einzelnen – werden Beruf und Person oft tendenziell in eins gesetzt, wird im Beruf ein Indikator dafür gesehen, ‚wer die Person ist‘. Der Beruf wird dann zum Filter, durch den hindurch eine Person wahrgenommen, beurteilt und taxiert wird. An ihn schließen sich Identitätshypothesen an, Stereotype und Images. Auch unter diesem Aspekt bildet der Beruf einen wesentlichen ‚Kristallisationspunkt sozialer Identität‘, muss sich jede Selbstdefinition des Arbeitenden mit den darin enthaltenen Identitätszumutungen auseinandersetzen“
(Gildemeister/Robert 1987, S. 73).

Der Beruf spielt für die soziale Identität des Individuums eine entscheidende Rolle: Schließlich werden Menschen, wie Treiman (1977, S. 1) bereits in den 1970er-Jahren betonte, „über ihre Arbeit erkannt. Es ist deshalb kein Zufall, dass, wenn sich Fremde treffen, das Gespräch mit der Standardfrage eröffnet wird: ‚Welche Arbeit üben Sie aus?‘ Denn diese Information liefert den besten Hinweis auf die Art von Person, die man ist und mit der man es zu tun hat. Sie kennzeichnet eine Person als jemanden, mit dem man rechnen muss oder als jemanden, der getrost ignoriert werden kann, als jemandem, dem Respekt gezollt werden muss oder als jemandem, von dem Respekt erwartet werden kann. Darüber hinaus erlaubt sie zumindest grobe Rückschlüsse auf Einstellungen, Erfahrungen und Lebensstil. Kurz gesagt, berufliche Rollen lokalisieren Individuen im sozialen Raum und schaffen so die Bühne für ihre Interaktion miteinander“.321

Jugendliche, die vor der Berufswahl stehen, wissen in der Regel um die prägende Bedeutung des Berufs für ihre künftige soziale Identität (Gottfredson 1981). Um „richtige“, identitätsförderliche Entscheidungen zu treffen, müssen sie sich somit implizit oder explizit einen Eindruck darüber verschaffen, wie relevante Dritte aus ihrem Umfeld (z. B. Familie und Freunde) auf verschiedene Berufswahlalternativen reagieren könnten. Sind die (tatsächlichen oder die erwarteten) Reaktionen Dritter positiv, dürfen die Jugendlichen mit einer Stärkung ihrer sozialen Identität rechnen, sollten sie diesen Beruf ergreifen. Fallen die Reaktionen negativ aus, droht die Wahl des entsprechenden Berufs dagegen die eigene soziale Position zu schwächen Schaubild C3.2-1.

Theoretische Grundlagen: Selbstkonzept, Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Selbstdarstellung

Die Ausformung des Selbstkonzeptes eines Menschen ist von den Rückmeldungen seines sozialen Umfeldes abhängig (Burke 1980, Mead 1934). Indem sich das Individuum die Reaktionen Dritter auf das eigene Verhalten vergegenwärtigt, schließt es auf die Merkmale und Charakteristika der eigenen Person (Stets/Burke 2003). Die Reaktionen Anderer bilden somit gleichsam einen sozialen Spiegel, in dem das Individuum sich selbst erkennt (Cooley 1902, S. 152).

Aufgrund ihres ausgeprägten Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung ist es den Menschen dabei nicht gleichgültig, wie die Reaktionen Dritter ausfallen. Das Individuum ist vielmehr stark an solchen Reaktionen interessiert, die darauf hindeuten, dass diese Dritten es schätzen. Zeigen diese sich z. B. beeindruckt vom Verhalten des Individuums, so stärkt die damit verbundene Anerkennung nicht nur sein Selbstkonzept, attraktiv zu sein, sondern zugleich auch sein Selbstwertgefühl (Dauenheimer u. a. 2002, Haußer 1983). Umgekehrt verbinden sich negative Reaktionen Dritter auf die eigene Person in der Regel mit Leidgefühlen.

Vor diesem Hintergrund versuchen Menschen durch das eigene Verhalten aktiv Einfluss darauf zu nehmen, wie die Reaktionen Dritter ausfallen werden. Ein solches Verhalten, auch Eindruckssteuerung bzw. Impression Management genannt (Goffman 2008, Mummendey 2002), verbindet sich mit einer gezielten Selbstdarstellung der eigenen Person. Dabei bevorzugt das Individuum zumeist verborgene, von Dritten nicht unmittelbar zu erkennende Strategien der Eindruckssteuerung, wohlwissend, dass eine allzu offensichtliche Selbstdarstellung von Dritten als „Angeberei“ wahrgenommen werden kann und die eigenen Verhaltensziele (Erzeugung eines positiven Eindrucks) durchkreuzen würde.

Da der Wunsch nach sozialer Anerkennung zu den stärksten immateriellen Bedürfnissen des Menschen zählen dürfte (Eberhard/Matthes/Ulrich 2015, Maslow 1943), werden nahezu alle Handlungsfelder auf ihr Potenzial überprüft, hierüber Selbstdarstellung zu betreiben, um die Wahrscheinlichkeit positiver Reaktionen Dritter auf die eigene Person zu erhöhen (Mummendey 2002). Zu diesen Handlungsfeldern zählt in besonderem Maße die Berufswahl Schaubild C3.2-1.

Schaubild C3.2-1: Mechanismen einer identitätsorientierten Berufswahl

Deshalb ist davon auszugehen, dass Jugendliche solchen Berufen recht konsequent ausweichen, die vermutlich zu negativen Reaktionen Dritter führen. In der Berufswahlforschung werden zunehmend Vermutungen geäußert, dass junge Erwachsene Berufe mit geringem Anerkennungspotenzial oftmals selbst dann als Berufswahloption ausschließen, wenn sie die Tätigkeiten in diesen Berufen durchaus interessant finden (vgl. Matthes 2018, Granato u. a. 2016). Hinter diesen Vermutungen verbirgt sich die Annahme, dass die Bedürfnisse des Menschen hierarchisch organisiert sind und grundlegendere Bedürfnisse – wie das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung – zuerst befriedigt sein müssen, bevor nachgeschaltete Bedürfnisse – wie beispielsweise die Passung zwischen den eigenen beruflichen Interessen und den Tätigkeiten im künftigen Beruf – das Verhalten entscheidend beeinflussen. Prominente Vertreter dieser Annahmen sind im Bereich der allgemeinen Motivationstheorien Abraham Maslow (1943) und im spezifischen Feld der Berufswahltheorien Linda Gottfredson (1981).

Im Folgenden soll die besondere Bedeutung des menschlichen Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung und die daraus folgenden erwarteten Rückmeldungen seines sozialen Umfeldes auf mögliche Berufswahlalternativen anhand einer Stichprobe von knapp 2.000 nordrhein-westfälischen Schülerinnen und Schülern empirisch überprüft und insbesondere in Hinblick auf die Besetzungsprobleme bestimmter dualer Ausbildungsberufe diskutiert werden.

BIBB-Schülerbefragung NRW 2015

Die Untersuchung, durchgeführt als schriftliche Befragung der Schüler/-innen im Klassen- bzw. Kursverband, fand im Frühjahr 2015 und damit zum Ende des 1. bzw. zum Beginn des 2. Halbjahres des Schuljahres 2014/2015 statt. Alle Probanden besuchten die 9. oder 10. Jahrgangsstufe an allgemeinbildenden Schulen in Nordrhein-Westfalen. Schüler/-innen aus Gymnasien waren zu 34% vertreten, aus Realschulen zu 43% und aus Hauptschulen zu 23%. Die Anteile der männlichen und weiblichen Probanden waren nahezu gleich.

Bei der Auswahl der Schulen, realisiert als Klumpenstichprobe, wurde darauf geachtet, dass in den betreffenden Regionen unterschiedliche Ausbildungsmarktverhältnisse herrschten. Die Studie wurde von einer Mitarbeiterin des BIBB geleitet, die diese zugleich als Datenbasis für ihre Dissertation nutzte. Dissertationsthema war wie auch in diesem Kapitel die Frage, warum Berufe nicht gewählt werden (vgl. Matthes 2018). Die Dissertation ist im Rahmen des BIBB-Forschungsprojektes „Bildungsorientierungen und -entscheidungen Jugendlicher im Kontext konkurrierender Bildungsangebote“ entstanden (vgl. Erläuterung in Kapitel C3).

Den Schülerinnen und Schülern waren jeweils 10 Berufe mit der Frage vorgegeben worden, wie gut sie sich vorstellen könnten, später einmal selbst im jeweiligen Beruf zu arbeiten (mögliche Antwortalternativen: „gar nicht gut“, „eher nicht gut“, „teils/teils“, „eher gut“, „sehr gut“). Zu den Berufen zählten die 4 dualen Ausbildungsberufe Bäcker/-in, Friseur/-in, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Kraftfahrzeugmechatroniker/-in, die 3 Pflegeberufe Altenpfleger/-in, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in, Gesundheits- und Krankenpfleger/-in sowie die beiden akademischen Berufe Arzt/Ärztin und Lehrer/-in (zu den Auswahllogiken siehe Matthes 2018).

Neben der eigenen Einstellung gegenüber dem jeweiligen Beruf sollten die Schüler/-innen für jeden der 10 Berufe mitteilen, wie gut sie damit vermutlich bei Dritten aus ihrem sozialen Umfeld ankommen würden („gar nicht gut“, „eher nicht gut“, „eher gut“, „sehr gut“, „weiß nicht“). Dabei wurde unterschieden zwischen den erwarteten Reaktionen der Freunde und der Familie. Alle Antworten wurden der Anschaulichkeit halber so kodiert, dass Mittelwerte und sonstige Verteilungskenngrößen auf Perzentilskalen zwischen 0 („gar nicht gut“) und 100 („sehr gut“) variieren. Die Antworten „weiß nicht“ wurden dabei ausgeschlossen.

Vermutete Reaktionen des sozialen Umfeldes und die Neigung, den Beruf zu ergreifen

Da jeder Proband/jede Probandin 10 Berufe bewerten sollte, ließen sich intrapersonale Korrelationen zwischen der eigenen Neigung hin zum jeweiligen Beruf und den vermuteten Reaktionen der Freunde und der Familie berechnen. Die intrapersonalen Zusammenhänge wurden im Rahmen eines sogenannten Within-Regressionsmodells ermittelt (vgl. Allison 2009, Brüderl 2010). Die Ergebnisse der Berechnungen finden sich in Tabelle C3.2-1. Neben den in Spalte 1 berichteten Werten für die Befragten insgesamt finden sich auch Differenzierungen zwischen Jugendlichen, deren Elternteile beide Akademiker sind (Spalte 2), und denjenigen, bei denen dies nicht der Fall ist (Spalte 3). Dies geschah, um potenzielle Milieuabhängigkeiten kontrollieren zu können (vgl. dazu Matthes 2018, Mischler 2018).

Tabelle C3.2-1: Statistische Abhängigkeit der Neigung zu den 10 Berufen von den erwarteten Reaktionen Dritter

Wie nun anhand der Regressionskoeffizienten ablesbar ist, zeigen sich die erwarteten Einflüsse. So steigt die Neigung (die ‚Vorstellbarkeit‘), später einmal selbst im jeweiligen Beruf zu arbeiten, um 0,4 Prozentpunkte, wenn die vermutete Reaktion der Freunde um einen Prozentpunkt positiver ausfällt (Spalte 1). Reagiert die Familie ebenfalls um einen Prozentpunkt positiver, so steigt die Neigung nochmals um 0,2 Prozentpunkte (ebd.). Die Einflüsse der Reaktionen Dritter sind sowohl bei Schülerinnen und Schülern zu erkennen, deren Elternteile beide Akademiker sind (Spalte 2), als auch bei den befragten Jugendlichen, bei denen dies nicht der Fall ist (Spalte 3).

Leider konnte im Rahmen der hier vorgenommenen Auswertungen nicht für das jeweilige Tätigkeitsinteresse der Jugendlichen am Beruf kontrolliert werden. Entsprechende Fragen wurden im Kontext der BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 nur im Zusammenhang mit den Pflegeberufen gestellt. Aus Auswertungen speziell zu diesen Berufen (Matthes 2018) und anderen Untersuchungen ist aber bekannt, dass den vermuteten Reaktionen des sozialen Umfeldes ein eigenständiger Effekt auf die Berufswahlneigung zukommt. Dieser besteht auch dann, wenn das eigene Interesse an den Tätigkeiten im jeweiligen Beruf Berücksichtigung findet (Granato u. a. 2016). Dabei kommt den Reaktionen Dritter oft auch eine moderierende Funktion dafür zu, wie sich das Interesse an der Tätigkeit auf die Neigung auswirkt, diesen Beruf zu erlernen: Wenn die erwarteten Reaktionen Dritter negativ ausfallen, wirkt sich ein größeres Interesse an der Tätigkeit nicht so stark auf die Neigung aus, den Beruf zu ergreifen, wie wenn die vermuteten Reaktionen Dritter positiv sind (Gottfredson 2004, Matthes 2018).

Die vermuteten Reaktionen Dritter helfen somit insbesondere zu verstehen, warum Berufe nicht gewählt werden (Eberhard/Matthes/Ulrich 2015). Deshalb sind sie auch von besonderer Bedeutung bei der Frage, warum Ausbildungsplätze in bestimmten Berufen zu größeren Anteilen nicht mehr besetzt werden (Granato/Milde/Ulrich 2018, Ulrich 2016).

Berufe, bei denen positive Reaktionen des sozialen Umfeldes vermutet werden

Auf welche Berufe reagieren nun die Freunde und die Familie überdurchschnittlich positiv und auf welche eher negativ? Die Ergebnisse finden sich in Schaubild C3.2-2. Demnach kämen die Jugendlichen aus ihrer Sicht bei ihren Familien besonders gut mit den beiden akademischen Berufen Lehrer/-in und Arzt/Ärztin an und am schlechtesten mit den 3 Handwerksberufen Friseur/-in, Bäcker/-in und KFZ-Mechatroniker/-in. Gerade bei Letzterem sind jedoch erhebliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen festzustellen, auf die im Folgenden noch eingegangen wird. Der Beruf Kaufmann/-frau im Einzelhandel führt aus der Perspektive der Jugendlichen von den 4 hier berücksichtigten dualen Ausbildungsberufen zu überdurchschnittlich positiven Rückmeldungen.

Bei ihren Freunden ist das Reaktionsmuster nach dem Eindruck der Jugendlichen ähnlich; nur lösen hier die Berufe Lehrer/-in und Altenpfleger/-in seltener als bei den Eltern positive Rückmeldungen aus. Dadurch rückt der Beruf „Kaufmann/-frau im Einzelhandel“ auf den 2.  Rangplatz und der Beruf „KFZ-Mechatroniker/-in“ vom drittletzten auf den 7. Rangplatz.


Schaubild C3.2-2: Vermutete Reaktionen des sozialen Umfeldes bei Wahl des entsprechenden Berufs (Skala: 0-100)

Berufsmerkmale, die vermutlich positive Reaktionen des sozialen Umfeldes fördern

Damit eröffnet sich die Frage, an welchen beruflichen Aspekten sich die Freunde und die Familie bei ihren Rückmeldungen orientieren könnten. Um hierauf eine Antwort zu finden, wurden verschiedene berufliche Merkmale wie der (von den Befragten vermutete) Verdienst322, der Anteil der Personen mit Hauptschulabschluss und mit Studienberechtigung im entsprechenden Bildungsgang (Ausbildung/Studium) sowie das Ausmaß der Geschlechtsadäquanz323 mit den vermuteten Reaktionen der Freunde und Familie in Beziehung gesetzt. Entsprechende Ergebnisse hierzu finden sich in Tabelle C3.2-2 und Tabelle C3.2-3.

Demnach reagieren die Freunde mit umso positiveren Rückmeldungen, je weniger Personen mit Hauptschulabschluss den Beruf erlernen, je größer die Verdienstmöglichkeiten und je typischer der Beruf für das Geschlecht des jeweiligen Jugendlichen ist. Dass möglichst viele Studienberechtigte den Beruf erlernen, führt nur bei Jugendlichen, deren Eltern Akademiker sind (und die selber mehrheitlich ein Gymnasium besuchen), dazu, dass die erwarteten Reaktionen auf eine entsprechende Berufswahl signifikant positiver ausfallen Tabelle C3.2-2 (mittlere Spalte). Hier zeigt sich der bereits aus anderen Studien bekannte Einfluss der Herkunft auf die Bildungsansprüche des sozialen Umfeldes der Jugendlichen, der offenbar auch die eigenen Freunde einschließt (vgl. Mischler 2018).

Dieser Herkunftseffekt lässt sich auch bei den vermuteten Reaktionen der Familie finden Tabelle C3.2-3 (mittlere Spalte). Auch in anderer Hinsicht ähneln die Ergebnisse den zuvor beschriebenen Resultaten zum Einfluss der erwarteten positiven Reaktionen der Freunde. So sind ein niedriger Anteil von Personen mit Hauptschulabschluss im entsprechenden Bildungsgang, ein hoher Verdienst und ein Bildungsgang/Beruf, der für das Geschlecht des jeweiligen Jugendlichen typisch ist, auch für die vermutete Zustimmung der Familie wichtig. Dabei spielt aus Sicht der befragten Jugendlichen die Geschlechtsadäquanz bei den Familien, in denen beide Eltern Akademiker sind, zwar auch eine signifikante Rolle, doch ist dieser Effekt nicht so stark ausgeprägt wie bei den anderen Familien (vgl. dazu auch Eberhard/Matthes/Ulrich 2015).

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für die Einstellung der Jugendlichen gegenüber den hier untersuchten Berufen? Schaubild C3.2-3 gibt wieder, welche Berufe bei den Jugendlichen eher eine überdurchschnittliche und welche eher eine unterdurchschnittliche Präferenz besitzen. Dabei wird wiederum zwischen Jugendlichen mit und ohne Akademikereltern unterschieden.

Tabelle C3.2-2: Berufsmerkmale und ihr statistischer Einfluss auf die Erwartung positiver Reaktionen der Freunde auf eine bestimmte Berufswahl

Tabelle C3.2-3: Berufsmerkmale und ihr statistischer Einfluss auf die Erwartung positiver Reaktionen der Familie auf eine bestimmte Berufswahl

Schaubild C3.2-3: Neigung der Jugendlichen, den jeweiligen Beruf später einmal auszuüben (Skala: 0-100)

Demnach ist die Präferenz der Jugendlichen zu den Berufen Friseur/-in, Bäcker/-in und Altenpfleger/-in am geringsten, am höchsten dagegen, zumindest bei den Jugendlichen ohne Akademikereltern, zum Beruf Einzelhandelskaufmann/-frau. Bei Jugendlichen mit Akademikereltern ist dies anders; hier ist – wenn auch bei diesen Jugendlichen der Beruf Einzelhandelskaufmann/-frau überdurchschnittlich gut abschneidet – der Arztberuf mit Abstand am attraktivsten. Zudem zählt bei ihnen auch der Lehrerberuf zu den deutlich überdurchschnittlich attraktiven Berufsbildern.

Dass der Beruf KFZ-Mechatroniker/-in insgesamt eher unterdurchschnittlich abschneidet, ist allein auf die starke Aversion der weiblichen Jugendlichen zurückzuführen, die sich bei diesem Beruf noch deutlich seltener als beim Beruf Bäcker/-in oder Friseur/-in vorstellen können, ihn auszuüben (Durchschnittswert auf der Perzentilskala: 11,3). Dagegen zählt der Beruf KFZ-Mechatroniker/-in bei den männlichen Jugendlichen zusammen mit den Berufen Einzelhandelskaufmann/-frau und Arzt/Ärztin zu den attraktivsten (Durchschnittswert auf der Perzentilskala: 42,8; diese Berechnungen sind nicht im Schaubild ausgewiesen). Die Tendenz zu einer geschlechtsspezifischen Berufswahl zeigt sich somit auch in dieser Studie.

Angesichts der beschränkten Anzahl von Berufen und der in die Untersuchung einbezogenen potenziellen Einflussgrößen sind die hier berichteten Ergebnisse aus der NRW-Schülerbefragung mit Vorsicht zu interpretieren. Die Ergebnisse passen jedoch zu den Resultaten anderer Studien, die sich mit der Bedeutung sozialer Identitätsbedürfnisse für die Berufswahl beschäftigen. Soziale Anerkennung zu erfahren, stellt auch bei der Berufswahl ein zentrales Motiv dar. Dass dabei eine geschlechtstypische Berufswahl immer noch eine Rolle spielt, wie beispielsweise Linda Gottfredson annahm (Gottfredson 1981, Gottfredson 2004), lässt sich auch hier anhand der aus Sicht der Jugendlichen sehr unterschiedlichen Reaktionen in Abhängigkeit vom eigenen Geschlecht, etwa beim Beruf KFZ-Mechatroniker/-in, belegen (vgl. auch Eberhard/Matthes/Ulrich 2015).

Schlussfolgerungen für die Besetzbarkeit von dualen Berufsausbildungsangeboten

Im Rahmen der Berufswahltheorie von Linda Gottfredson spielt neben der Geschlechtsadäquanz das Prestige eine wesentliche Rolle für die durch den Beruf vermittelte soziale Identität. Die hier berichteten Ergebnisse aus der BIBB-Schülerbefragung NRW 2015 deuten auf zwei Aspekte hin, die für das Prestige eine zentrale Rolle spielen dürften. Der erste Aspekt besteht darin, über den Beruf als einkommensstark (reich) wahrgenommen zu werden, und der zweite darin, aufgrund des erlernten bzw. ausgeübten Berufs als gebildet eingeschätzt zu werden.

Dabei liefern die vorliegenden Ergebnisse auch Hinweise dafür, wie Jugendliche den Eindruck, gebildet zu wirken, mithilfe ihrer Berufswahl erzeugen können: offenbar dadurch, dass jene Berufe aus dem Kreis der grundsätzlich in Frage kommenden Berufe ausgeschlossen werden, in denen das schulische Bildungsniveau als nicht sehr hoch eingeschätzt wird. Für die befragten Jugendlichen insgesamt scheint es dabei weniger darum zu gehen, in Berufen ausgebildet zu werden, in denen der Anteil der Studienberechtigten hoch ist (dies ist offenbar nur für Jugendliche aus Akademikerfamilien bedeutsam, zumal sie überwiegend selbst Gymnasien besuchen). Vielmehr scheint es darauf anzukommen, nicht ungebildet zu wirken, was offenbar heißt, nicht in Berufen zu arbeiten, in denen der Anteil von Personen mit Hauptschulabschluss besonders hoch ist. Demnach geht es insbesondere darum, nicht in typischen „Hauptschülerberufen“ ausgebildet zu werden.

Dieses Ergebnis ist insofern für die Besetzbarkeit von dualen Berufsausbildungsangeboten von besonderer Relevanz, als die relativ größten Besetzungsprobleme in typischen „Hauptschülerberufen“ bestehen (vgl. Kapitel  A1.1). Forciert wurde diese Entwicklung insbesondere dadurch, dass der Anteil der Absolventinnen und Absolventen aus allgemeinbildenden Schulen mit Hauptschulabschluss in den letzten 10 Jahren stark eingebrochen ist (von 228.600 in 2007 auf 139.200 in 2016), während der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten stark angestiegen ist (von 259.200 auf 297.200; vgl. Statistisches Bundesamt 2017b). Dies führte auch zu einer veränderten schulischen Vorbildung der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz nachfragen. Studienberechtigte sind hier inzwischen stärker vertreten als Jugendliche mit Hauptschulabschluss; dies gilt sogar für die Gruppe der erfolglosen Ausbildungsplatznachfrager/-innen (Granato/Milde/Ulrich 2018).

Die besondere Herausforderung bei der Bekämpfung von Besetzungsproblemen besteht somit darin, den bisherigen „Hauptschülerberufen“ verstärkte Aufmerksamkeit bei den heute im Schnitt deutlich höher gebildeten Nachfragenden zu verschaffen und dabei gleichzeitig ihre oben geschilderten Anerkennungs- und Identitätsbedürfnisse zu berücksichtigen.

(Mona Granato, Stephanie Matthes, Joachim Gerd Ulrich)

  • 331

    Übersetzung durch die Verfasser; der Originaltext lautet: „Men are known by their work. It is no accident that when strangers meet, a standard opening gambit is the question, “What sort of work do you do?”, for this information provides the best single clue to the sort of person one is. It marks a person as “someone to be reckoned with” or as one who can be safely ignored, one to whom deference is due or from whom deference can be expected. Moreover, it permits at least crude inferences regarding attitudes, experiences, and style of life. In short, occupational roles locate individuals in social space, thereby setting the stage for their interaction with one another.“

  • 332

    Hier transformiert auf einer Perzentilskala von 0 „sehr niedrig“ bis 100 „sehr hoch“. 

  • 333

    Berechnet wie folgt: Je höher im entsprechenden Bildungsgang (Ausbildung, Studium) der Anteil der Personen mit demselben Geschlecht wie das des jeweils befragten Probanden ausfällt, desto höher ist auch die Geschlechtsadäquanz.