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Im Rahmen der Übergangsstudie 2011 untersuchte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die Bildungs- und Berufsverläufe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren (Eberhard u. a. 2013).44 Es handelte sich hierbei um eine Wiederholung der BIBB-Übergangsstudie aus dem Jahr 2006 (vgl. Beicht/Friedrich/Ulrich 2008). Seit der ersten Studie hatten sich die Rahmenbedingungen für die duale Berufsausbildung deutlich geändert, vor allem setzte ein Wandel des Ausbildungsmarktes von einem Anbieter- zu einem Nachfragermarkt ein, und es wurden neue institutionelle Unterstützungssysteme geschaffen (z. B. Berufseinstiegsbegleitung). Ziel der zweiten BIBB-Übergangsstudie war es festzustellen, wie die Übergangsprozesse von der Schule in Ausbildung und Beruf nach diesen Veränderungen verliefen (Eberhard u. a. 2013). 

Anhand der Daten der BIBB-Übergangsstudie 2011 ließ sich unter anderem untersuchen, wie erfolgversprechend inzwischen die Aussichten junger Frauen und Männer mit und ohne Migrationshintergrund sind, einen betrieblichen Ausbildungsplatz oder überhaupt eine vollqualifizierende Ausbildungsmöglichkeit zu finden. Seit Langem ist bekannt, dass sich die Übergangsprozesse von der Schule in die Berufsausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich schwieriger und langwieriger gestalten als für diejenigen ohne Migrationshintergrund (BIBB-Datenreport 2014, 2012, jeweils Kapitel A3.1; siehe auch Überblick in: Beicht 2015). Die größeren Schwierigkeiten junger Migranten und Migrantinnen bei der Ausbildungssuche sind zu einem größeren Teil darauf zurückzuführen, dass sie die Schule im Durchschnitt mit deutlich niedrigeren Schulabschlüssen verlassen. Vom erreichten Schulabschluss hängt nicht nur ab, welche Art von vollqualifizierender Ausbildung angestrebt wird bzw. überhaupt in Betracht kommen kann, sondern auch die Einmündungschancen in betriebliche Ausbildung werden hiervon stark beeinflusst (Beicht/Walden 2014 b). Zudem gibt es aber auch geschlechtsspezifische Unterschiede: So sind die Zugangschancen zu betrieblicher Ausbildung für junge Frauen deutlich schlechter als für junge Männer (Beicht/Walden 2014 a), was Frauen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen betrifft (Beicht/Granato 2010). In diesem Beitrag soll nun differenziert aufgezeigt werden, wie sich die Dauer und Wahrscheinlichkeit des Übergangs in eine betriebliche bzw. vollqualifizierende Ausbildung bei männlichen und weiblichen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sowie mit und ohne Studienberechtigung inzwischen darstellen. 

BIBB-Übergangsstudie 2011

Hierbei handelt es sich – wie bei der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2006 – um eine retrospektive Längsschnitterhebung, in der auf repräsentativer Basis die gesamte Bildungs- und Berufsbiografie von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen detailliert erfasst wurde. In der Übergangsstudie 2011 bildeten Personen der Geburtsjahrgänge 1987 bis 1992 mit Wohnsitz in Deutschland die Zielgruppe (Eberhard u. a. 2013; Eberhard u. a. 2014). Der Erhebungsbogen der Vorgängerstudie wurde weitgehend unverändert übernommen und um aktuelle Fragestellungen ergänzt. Die Befragung wurde von Juli bis September 2011 mittels computergestützter Telefoninterviews durchgeführt. Während für die Vorgängerstudie noch ausschließlich das Telefonfestnetz genutzt wurde, war die Übergangsstudie 2011 als reine Mobilfunkerhebung angelegt, d. h., die Stichprobengewinnung und die Befragung erfolgten über die Mobilfunknetze. Dieser Methodenwechsel war erforderlich, weil viele Personen der Zielgruppe (18- bis 24-Jährige) inzwischen nicht mehr über das Festnetz erreichbar sind. Insgesamt konnten von 5.333 Personen ausreichend vollständige Angaben erzielt werden. Die Erhebungsdaten wurden durch Gewichtung nach zentralen Merkmalen (u. a. Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsjahr) auf Basis des Mikrozensus an die Strukturen der Grundgesamtheit angepasst. 

Schulabschluss und Suche nach betrieblicher bzw. vollqualifizierender Ausbildung

Die Betrachtung des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung beginnt mit dem Zeitpunkt, an dem die Jugendlichen ihre gesamte – zwischenzeitlich nicht unterbrochene – Schullaufbahn in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen beendet haben.45 Die Einbeziehung der beruflichen Schulen ist deshalb wichtig, weil inzwischen ein nicht unbedeutender Anteil der Jugendlichen direkt nach Verlassen der allgemeinbildenden Schule in eine berufliche Schule, d. h. eine Fachoberschule, ein Fachgymnasium oder eine teilqualifizierende Berufsfachschule, wechseln, um dort noch einen höherwertigen Schulabschluss zu erwerben.46 Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen unmittelbar nach der allgemeinbildenden Schule signifikant häufiger eine solche berufliche Schule als diejenigen ohne Migrationshintergrund (15 % vs. 11 %).47 Junge Migrantinnen setzen dabei etwas häufiger als junge Migranten ihren Schulbesuch noch in einer beruflichen Schule fort, ebenso Frauen ohne Migrationshintergrund öfter als Männer ohne Migrationshintergrund Tabelle A3.2-1.

Am Ende der Schullaufbahn verfügen Jugendliche mit Migrationshintergrund mit 41 % signifikant häufiger über maximal einen Hauptschulabschluss als diejenigen ohne Migrationshintergrund mit 27 %. Einen mittleren Schulabschluss erwerben Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas seltener als diejenigen ohne Migrationshintergrund (35 % vs. 37 %). Eine Studienberechtigung wird bei Vorliegen eines Migrationshintergrunds signifikant seltener erreicht (25 % vs. 37 %). Junge Frauen mit und ohne Migrationshintergrund verlassen die Schule erheblich häufiger mit einer Studienberechtigung als die jeweiligen jungen Männer Tabelle A3.2-1. Junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund beenden die Schullaufbahn dagegen wesentlich öfter mit maximal einem Hauptschulabschluss als die weiblichen Vergleichsgruppen.  

Migrationshintergrund

Der Migrationshintergrund wird in der BIBB-Übergangsstudie 2011 wie folgt indirekt definiert: Wenn ein Jugendlicher die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und im Kindesalter als Sprache ausschließlich Deutsch erlernt hat und außerdem Vater und Mutter in Deutschland geboren sind, wird kein Migrationshintergrund angenommen; trifft mindestens eine dieser Bedingungen nicht zu, wird von einem Migrationshintergrund ausgegangen.

Am Ende der Schullaufbahn strebt insgesamt gesehen ein gleich hoher Anteil der Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund – jeweils 56 % – eine betriebliche Berufsausbildung an Tabelle A3.2-2. Allerdings gibt es zwischen beiden Gruppen deutliche Unterschiede je nach erreichtem Schulabschluss: Bei maximal einem mittleren Abschluss beabsichtigen Jugendliche mit Migrationshintergrund signifikant seltener eine betriebliche Ausbildung als diejenigen ohne Migrationshintergrund (64 % vs. 73 %).48 Bei Vorliegen einer Studienberechtigung suchen sie dagegen signifikant häufiger nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz (32 % vs. 25 %). Das Interesse an betrieblicher Ausbildung unterscheidet sich zudem zwischen Frauen und Männern: Liegt maximal ein mittlerer Schulabschluss vor, gibt es bei jungen Männern mit und ohne Migrationshintergrund eine deutlich stärkere Neigung zu einer betrieblichen Ausbildung als bei den jeweiligen jungen Frauen. Bei einer Studienberechtigung streben umgekehrt Frauen mit und ohne Migrationshintergrund öfter eine betriebliche Ausbildung an als die vergleichbaren jungen Männer.

Die Suche nach einer Ausbildungsmöglichkeit in einem Schulberuf oder in einer Beamtenlaufbahn hat bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund mit insgesamt 26 % bzw. 23 % eine erheblich geringere Bedeutung. Nicht-studienberechtigte Frauen mit und ohne Migrationshintergrund neigen am stärksten zu dieser Ausbildungsform (jeweils 36 %), studienberechtigte Männer mit und ohne Migrationshintergrund dagegen am wenigsten (jeweils 14 %) Tabelle A3.2-2

Bei Vorliegen einer Studienberechtigung streben Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas öfter ein Hochschulstudium an als diejenigen ohne Migrationshintergrund (64 % vs. 60 %). Studienberechtigte Migrantinnen suchen am häufigsten einen Studienplatz (67 %), deutlich mehr als vergleichbare Frauen ohne Migrationshintergrund (61 %) sowie studienberechtigte Männer mit und ohne Migrationshintergrund (jeweils 60 %).

Bei den Ergebnissen ist insgesamt zu beachten, dass viele Jugendliche nicht nur eine, sondern mehrere Ausbildungsformen gleichzeitig in Erwägung gezogen haben. Allerdings beabsichtigen nicht alle Jugendlichen am Ende ihrer Schullaufbahn die unmittelbare Aufnahme einer vollqualifizierenden Ausbildung. Insgesamt suchen Jugendliche mit Migrationshintergrund bei Schulbeendigung signifikant seltener nach einer Ausbildungsmöglichkeit als diejenigen ohne Migrationshintergrund (75 % vs. 80 %). Bei ihnen zeigen sich jedoch – anders als bei denjenigen ohne Migrationshintergrund – starke Unterschiede je nach erreichtem Schulabschluss: Während bei Nichtstudienberechtigten mit Migrationshintergrund erheblich seltener Suchaktivitäten zu verzeichnen sind als in der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (71 % vs. 80 %)49, ist dies bei Vorliegen einer Studienberechtigung umgekehrt. Studienberechtigte mit Migrationshintergrund wollen am Ende ihrer Schullaufbahn signifikant häufiger eine vollqualifizierende Ausbildung aufnehmen als vergleichbare Jugendliche ohne Migrationshintergrund (85 % vs. 80 %). Am stärksten streben studienberechtigte Frauen mit Migrationshintergrund eine vollqualifizierende Ausbildung an (87 %), und zwar noch deutlich mehr als vergleichbare Männer mit Migrationshintergrund (82 %). 

Tabelle A 3.2-1: Schulabschluss und zuletzt besuchte Schulart der Jugendlichen am Ende ihrer Schullaufbahn nach Geschlecht und Migrationshintergrund (Anteile in %)

Tabelle A 3.2-2: Suche nach vollqualifizierender Ausbildung am Ende der Schullaufbahn nach Geschlecht und Migrationshintergrund (Anteile in %)

Übergang in betriebliche Berufsausbildung

Von allen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die am Ende ihrer Schullaufbahn einen betrieblichen Ausbildungsplatz suchen, münden schätzungsweise 39 % innerhalb von 3 Monaten in eine solche Ausbildung ein, nach rund einem Jahr (14 Monaten) beträgt der Anteil 55 %, nach 2 Jahren (26 Monaten) 66 % und nach 3  Jahren (38 Monaten) 69 %.50 Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil der Einmündungen in betriebliche Ausbildung nach 3 Monaten bei 54 %, nach einem Jahr bei 70 %, nach 2 Jahren bei 76 % und nach 3  Jahren bei 80 %. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind die Übergangsverläufe damit signifikant günstiger als bei denjenigen mit Migrationshintergrund.51 Wird allerdings nach dem Schulabschluss differenziert, so zeigen sich deutlich schlechtere Übergangsverläufe ausschließlich für nicht-studienberechtigte Jugendliche mit Migrationshintergrund: Von ihnen nehmen 66 % innerhalb von 3 Jahren eine betriebliche Ausbildung auf, gegenüber 79 % der vergleichbaren Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Liegt eine Studienberechtigung vor, gelingt Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Einmündung in betriebliche Ausbildung wesentlich besser, und zwar noch etwas besser als denjenigen ohne Migrationshintergrund. So beginnen 91 % der Studienberechtigten mit Migrationshintergrund bei entsprechenden Suchaktivitäten innerhalb von 3 Jahren eine betriebliche Ausbildung, in der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund sind es 88 %.

Wird der Übergang in betriebliche Berufsausbildung getrennt nach Frauen und Männern mit und ohne Migrationshintergrund betrachtet, zeigen sich große Unterschiede in den Verläufen Schaubild A3.2-1. Insgesamt gelingt es jungen Männern ohne Migrationshintergrund am häufigsten, innerhalb von 3 Jahren eine betriebliche Ausbildung aufzunehmen (83 %). Junge Frauen ohne Migrationshintergrund (74 %) und junge Männer mit Migrationshintergrund (72 %) sind demgegenüber bei ihrer Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz deutlich weniger erfolgreich, am seltensten haben junge Frauen mit Migrationshintergrund entsprechenden Erfolg (64 %). Damit sind die Übergangsverläufe sowohl für Migranten im Vergleich zu Männern ohne Migrationshintergrund als auch für Migrantinnen im Vergleich zu Frauen ohne Migrationshintergrund signifikant schlechter.52 Ein ähnliches Bild – mit allerdings noch etwas größeren Abweichungen – ergibt sich, wenn ausschließlich die nicht-studienberechtigten Jugendlichen betrachtet werden: In dieser Gruppe beträgt die innerhalb von drei Jahren erreichte Einmündungsquote in betriebliche Ausbildung für junge Männer ohne Migrationshintergrund 84 %, für junge Frauen mit Migrationshintergrund dagegen lediglich 60 %.53

Schaubild A 3.2-1: Wahrscheinlichkeit und Dauer des Übergangs in betriebliche Berufsausbildung bei Jugendlichen, die am Ende ihrer Schullaufbahn eine betriebliche Ausbildungsstelle suchten, nach Geschlecht und Migrationshintergrund (in %)

Übergang in vollqualifizierende Ausbildung bei entsprechenden Suchaktivitäten am Ende der Schullaufbahn

Die Betrachtung wird nun erweitert auf alle Jugendlichen, die bei Beendigung ihrer Schullaufbahn nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz, einer Ausbildungsmöglichkeit in einem Schulberuf (einschließlich Beamtenlaufbahn) oder einem Studienplatz gesucht haben. Von den betreffenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund münden insgesamt schätzungsweise 82 % innerhalb von 3 Jahren in eine dieser vollqualifizierenden Ausbildungsformen54 ein, bei denjenigen ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil mit 91 % signifikant höher. Der Einmündungserfolg fällt bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund allerdings nur dann erheblich geringer aus, wenn sie über keine Studienberechtigung verfügen. Von den Nichtstudienberechtigten mit Migrationshintergrund nehmen 77 % innerhalb von 3 Jahren eine vollqualifizierende Ausbildung auf, gegenüber 89 % der vergleichbaren Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Bei Studienberechtigten gibt es dagegen zwischen denjenigen mit und denjenigen ohne Migrationshintergrund nur eine kleine Abweichung der Übergangsquoten (95 % vs. 97 %). 

Bei einer geschlechtsspezifischen Differenzierung zeigt sich, dass sowohl männliche als auch weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund insgesamt deutlich weniger erfolgreich bei der Suche nach einer vollqualifizierenden Ausbildungsmöglichkeit sind als Frauen und Männer ohne Migrationshintergrund Schaubild A3.2-2. Von den männlichen Migranten münden insgesamt 82 % innerhalb von 3 Jahren nach Schulende in vollqualifizierende Ausbildung ein, gegenüber 90 % der Männer ohne Migrationshintergrund. Bei Migrantinnen beträgt der entsprechende Anteil insgesamt ebenfalls 82 %, bei Frauen ohne Migrationshintergrund 92 %. Ähnlich fallen die Unterschiede in der Gruppe der nicht-studienberechtigten Jugendlichen aus: Hier nehmen 78 % der Migranten eine vollqualifizierende Ausbildung auf, aber 89 % der Männer ohne Migrationshintergrund. Von den nicht-studienberechtigten Frauen mit Migrationshintergrund beginnen 75 % eine vollqualifizierende Ausbildung, von denjenigen ohne Migrationshintergrund sind es 88 %. Ein völlig anderes Bild ergibt sich in der Gruppe der Studienberechtigten: Dort erreichen Migranten mit 94 % und Migrantinnen mit 95 % ebenso hohe Übergangsquoten in vollqualifizierende Ausbildung wie Männer ohne Migrationshintergrund (95 %). Am besten schneiden studienberechtigte Frauen ohne Migrationshintergrund ab, von ihnen münden 98 % bei entsprechenden Suchaktivitäten innerhalb von 3 Jahren in vollqualifizierende Ausbildung ein. 

Übergang in vollqualifizierende Ausbildung unabhängig von Suchaktivitäten am Ende der Schullaufbahn

Wie vorne ausgeführt, strebt ein kleinerer Teil der Jugendlichen bei Beendigung der Schullaufbahn keine vollqualifizierende Ausbildung an. Dies bedeutet nicht, dass die betreffenden Jugendlichen auf eine Ausbildung völlig verzichten wollen. Einige benötigen z. B. noch eine Orientierungsphase und absolvieren zunächst einmal ein Praktikum, leisten ein freiwilliges soziales Jahr oder haben einen längeren Auslandsaufenthalt; sie beginnen dann erst später, nach einer vollqualifizierenden Ausbildungsmöglichkeit zu suchen. Daher sollen nun für alle Jugendlichen – unabhängig von ihren Suchaktivitäten bei Verlassen der Schule – die Übergänge in Ausbildung für den Zeitraum von 3 Jahren nach Schullaufbahnende betrachtet werden. Insgesamt gesehen münden schätzungsweise 76 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in dieser Zeitspanne in eine vollqualifizierende Ausbildung ein, bei denjenigen ohne Migrationshintergrund ist der Anteil mit 87 % signifikant höher. Die Unterschiede betreffen allerdings wiederum fast ausschließlich die Jugendlichen, die maximal einen mittleren Schulabschluss erreicht haben. So nehmen Nichtstudienberechtigte mit Migrationshintergrund mit 71 % erheblich seltener eine vollqualifizierende Ausbildung auf als die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund mit 83 %. Bei Studienberechtigten mit Migrationshintergrund liegt die Übergangsquote dagegen nur etwas niedriger als bei denjenigen ohne Migrationshintergrund (94 % vs. 96 %).  

Schaubild A 3.2-2: Wahrscheinlichkeit und Dauer des Übergangs in vollqualifizierende Ausbildung einschließlich Studium bei Jugendlichen, die am Ende ihrer Schullaufbahn einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchten, nach Geschlecht und Migrationshintergrun

Wird zwischen Frauen und Männern mit und ohne Migrationshintergrund differenziert, zeigen sich sehr ähnliche Übergangsverläufe wie in der vorherigen Betrachtung, die sich ausschließlich auf die Jugendlichen mit Suchaktivitäten bezog. Allerdings bewegen sich die Einmündungsquoten in vollqualifizierende Ausbildung nun auf einem niedrigeren Niveau Schaubild A3.2-3. Insgesamt beginnen 75 % der Migranten innerhalb von 3 Jahren nach Schulbeendigung eine vollqualifizierende Ausbildung, gegenüber 86 % der Männer ohne Migrationshintergrund. Von den Migrantinnen münden 77 % ein, von den Frauen ohne Migrationshintergrund sind es 88 %. Vor allem bei nicht-studienberechtigten Jugendlichen liegen die Übergangsquoten nun deutlich niedriger: Sie betragen 72 % bei Migranten und 84 % bei Männern ohne Migrationshintergrund sowie 69 % bei Migrantinnen und 82 % bei Frauen ohne Migrationshintergrund. Dies deutet darauf hin, dass nicht-studienberechtigte Jugendliche, die bei Verlassen der Schule (noch) keine Ausbildungsmöglichkeit gesucht haben, teilweise entsprechend verzögerte Übergänge haben, teilweise aber wohl auch später keine Ausbildung anstreben. Bei Vorliegen einer Studienberechtigung ist dies anders: Junge Frauen und Männer mit und ohne Migrationshintergrund münden auch dann, wenn sie zunächst keinen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen, zu sehr hohen Anteilen innerhalb von 3 Jahren ein. Von den studienberechtigten Migranten beginnen 91 % eine vollqualifizierende Ausbildung und von den vergleichbaren Männern ohne Migrationshintergrund 93 %. Die Übergangsquote der studienberechtigten Migrantinnen liegt bei 95 %, die der studienberechtigten Frauen ohne Migrationshintergrund bei 97 %. 

Schaubild A 3.2-3: Wahrscheinlichkeit und Dauer des Übergangs in vollqualifizierende Ausbildung einschließlich Studium bei allen Jugendlichen (unabhängig von Suchaktivitäten) nach Geschlecht und Migrationshintergrund (in %)

Fazit

Junge Migranten und Migrantinnen beenden ihre Schullaufbahn im Durchschnitt mit deutlich niedrigeren Schulabschlüssen als junge Frauen und Männer ohne Migrationshintergrund. Dabei erreichen junge Männer in beiden Gruppen häufiger maximal einen Hauptschulabschluss und erwerben seltener eine Studienberechtigung als junge Frauen. Für die Gruppe der nicht-studienberechtigten Jugendlichen stellt die betriebliche Berufsausbildung die bedeutendste Ausbildungsform dar. Nicht-studienberechtigte Migranten und Migrantinnen streben jedoch am Ende ihrer Schullaufbahn erheblich seltener eine betriebliche Ausbildung an als vergleichbare Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Frauen sind dabei jeweils deutlich weniger an betrieblicher Ausbildung, dafür aber stärker an einer Ausbildung in Schulberufen interessiert als junge Männer. Der Erfolg bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz ist für nicht-studienberechtigte Jugendliche mit Migrationshintergrund wesentlich geringer als für diejenigen ohne Migrationshintergrund. In beiden Gruppen gelingt der Übergang in betriebliche Ausbildung jungen Männern besser als jungen Frauen. Durch die schulische Ausbildung wird für junge Frauen allerdings weitgehend ein Ausgleich erreicht. Die Übergangsquoten nicht-studienberechtigter Frauen sind daher bei Einbeziehung aller vollqualifizierenden Ausbildungsformen kaum niedriger als bei vergleichbaren Männern. Die großen Unterschiede im Übergangserfolg zwischen nicht-studienberechtigten Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bleiben dabei jedoch weitgehend bestehen. 

Die Situation stellt sich in der Gruppe der studienberechtigten Jugendlichen völlig anders dar. Jugendliche mit Migrationshintergrund streben, wenn sie über eine Studienberechtigung verfügen, häufiger eine betriebliche Ausbildung an als diejenigen ohne Migrationshintergrund; dies trifft sowohl auf Migranten als auch auf Migrantinnen zu. Bei der Suche nach einer betrieblichen Ausbildungsstelle sind Studienberechtigte mit Migrationshintergrund fast so erfolgreich wie diejenigen ohne Migrationshintergrund. Werden alle vollqualifizierenden Ausbildungsformen betrachtet, liegen die Übergangsquoten der Studienberechtigten sehr hoch, bei jungen Frauen mit und ohne Migrationshintergrund sogar noch etwas höher als bei vergleichbaren jungen Männern. 

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass insbesondere die schlechteren schulischen Voraussetzungen der jungen Migranten und Migrantinnen ihren Übergang in betriebliche Ausbildung hemmen und für sie generell die Aufnahme einer vollqualifizierenden Ausbildung erschweren. Überproportional viele Jugendliche mit Migrationshintergrund erwerben keinen Schulabschluss oder einen Hauptschulabschluss. In diesen Fällen sind die Übergangschancen in duale Berufsausbildung relativ gering, und alternative Ausbildungsmöglichkeiten gibt es nicht, da diese in der Regel höhere Schulabschlüsse verlangen. Aber auch für junge Migranten und Migrantinnen mit mittlerem Schulabschluss sind die Übergangschancen in betriebliche Ausbildung nicht so gut wie für vergleichbare Jugendliche ohne Migrationshintergrund.

Aus einer Vielzahl von Studien ist bekannt, dass sich die schlechteren Übergangschancen nicht-studienberechtigter Migranten und Migrantinnen allerdings nicht allein mit ihren niedrigeren schulischen Qualifikationen erklären lassen (siehe Überblick in: Beicht 2015). Eine Reihe weiterer Faktoren spielen eine Rolle, insbesondere die ungünstigere soziale Herkunft der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Beicht/Walden 2014 b). Jedoch sind ihre Einmündungschancen selbst unter insgesamt gleichen Bedingungen (gleiche schulische Voraussetzungen, gleiche soziale Herkunft, gleiches Suchverhalten und gleiche Ausbildungsmarktlage) niedriger als die von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Dies bedeutet, dass es nicht nur an den schlechteren Ausgangsvoraussetzungen liegt, sondern es weitere Benachteiligungen gibt, die mit dem Merkmal „Migrationshintergrund“ verbunden sind.55 Eine große Herausforderung für die nächsten Jahre ist es daher, wirksame Strategien zu entwickeln, um den Übergang von nicht-studienberechtigten Migranten und Migrantinnen in duale Ausbildung zu verbessern.

(Ursula Beicht) 

  • 44

    Die BIBB-Übergangsstudie 2011 wurde ebenso wie die Vorgängerstudie von 2006 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell gefördert. Der Ereignis- und Querschnittdatensatz ist über das Forschungsdatenzentrum des BIBB erhältlich (Eberhard u. a. 2014, doi:10.7803/202.11.1.1.10). 

  • 45

    In den bisherigen Studien wurde der Übergang Schule – Berufsausbildung meistens bereits ab dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule betrachtet (vgl. z. B. Beicht/Friedrich/Ulrich 2008; Eberhard u. a. 2013). 

  • 46

    Der Schullaufbahn wurde daher der Besuch aller beruflichen Vollzeitschulen, in denen allgemeinbildende Schulabschlüsse nachgeholt werden konnten, zugerechnet, sofern dieser im unmittelbaren Anschluss an die allgemeinbildende Schule erfolgte. Die Teilnahme an teilqualifizierenden Bildungsgängen an beruflichen Schulen, in denen kein höherwertiger Schulabschluss erreicht werden konnte, wurde nicht der Schullaufbahn, sondern der Übergangsphase von der Schule in die Berufsausbildung zugerechnet.

  • 47

    Hier und im Folgenden ist, wenn Unterschiede bei Verteilungen als signifikant bezeichnet werden, jeweils ein zweiseitiger Chi-Quadrat-Test nach Pearson durchgeführt worden.

  • 48

    Eine signifikant geringere Neigung nicht-studienberechtigter Migranten und Mi­grantinnen zu einer betrieblichen Ausbildung zeigt sich auch in einer multi­variaten Analyse (logistische Regression), in der gleichzeitig Merkmale der sozialen Herkunft (Bildung der Eltern, beruflicher Status des Vaters), die schulischen Voraussetzungen (Schulabschluss, Schulnoten, zuletzt besuchte Schulart) sowie das Geschlecht der Jugendlichen berücksichtigt wurden (Beicht/Walden 2014b). In entsprechenden nach Geschlecht getrennten multivariaten Analysen lässt sich eine signifikant geringere Neigung zu betrieblicher Ausbildung sowohl für nicht-studienberechtigte Migranten als auch für nicht-studienberechtigte Migrantinnen nachweisen. 

  • 49

    Auch in einer multivariaten Analyse (logistische Regression) zeigt sich für nicht-studienberechtigte Migranten und Migrantinnen eine gegenüber der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund signifikant geringere Neigung zu einer vollqualifizierenden Ausbildung (vgl. Beicht/Walden 2014b). In nach Männern und Frauen getrennten multivariaten Analysen lässt sich eine solche signifikant geringere Neigung sowohl für nicht-studienberechtigte Migranten als auch für nicht-studienberechtigte Migrantinnen nachweisen. 

  • 50

    Der Anteil der Einmündungen wurde hier und im Folgenden nach dem Kaplan-Meier-Verfahren geschätzt. Der Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass auch sogenannte rechtszensierte Fälle, d.h. in denen Jugendliche zum Befragungszeitpunkt die Schullaufbahn noch nicht seit 3 Jahren beendet hatten, in die Analyse einbezogen werden konnten. Der Beobachtungszeitraum ist wegen der üblichen zeitlichen Lücke von 1 bis 2 Monaten zwischen Schulende und Beginn einer Berufsausbildung auf 38 Monate – und nicht auf genau 36 Monate – festgesetzt worden. 

  • 51

    Der Unterschied ist nach allen 3 bei Kaplan-Meier-Schätzungen gängigen Testverfahren (Log Rank, Breslow, Tarone-Ware) hochsignifikant. 

  • 52

    Bei Männern mit Migrationshintergrund nähert sich die Verlaufskurve zwar ins­besondere nach 2 Jahren derjenigen der Männer ohne Migrationshintergrund an, es bleibt jedoch weiterhin ein erheblicher Unterschied bestehen.  

  • 53

    Für die Gruppe der Studienberechtigten war eine nach Geschlecht und Migrationshintergrund differenzierte Kaplan-Meier-Schätzung aufgrund zu geringer Fallzahlen nicht möglich.

  • 54 Darüber hinaus ist hier auch die außerbetriebliche oder schulische Ausbildung in BBiG/HwO-Berufen einbezogen.
  • 55

    Worauf diese genau zurückzuführen sind, ist bisher nicht bekannt und kann anhand der Daten der Übergangsstudie 2011 nicht geklärt werden. Vieles deutet darauf hin, dass die näheren Gründe für diese Nachteile von jungen Migranten und Migrantinnen in den Auswahlprozessen der Betriebe bei der Vergabe ihrer Ausbildungsplätze zu suchen sind. An dieser Stelle besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.