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Das Wichtigste in Kürze

Berufsorientierung und Berufswahlentscheidungen unterliegen komplexen Einflussfaktoren und erfordern eine mehrdimensionale Betrachtung. Zusammenfassend ist auf folgende Ergebnisse hinzuweisen:

Teil 1: Organisation und Gestaltung von Berufsorientierung über Programme und Maßnahmen:

  • Die Zahl der Programme von Bund und Ländern zur Berufsorientierung ist in den letzten Jahren angestiegen, divergiert zwischen den Bundesländern aber deutlich.
  • Programme zielen vorrangig auf die Begleitung des Berufswahlprozesses und die Feststellung von Kompetenzen und Potenzialen.
  • Inhaltlich fokussieren die Angebote stark auf Beratung sowie individuelle Begleitung und Coaching.
  • Parallel steigen die Bemühungen, die Angebote zur Berufsorientierung zu einem ganzheitlichen und kohärenten Fördersystem auf Länderebene zu konzipieren, wie die Bund-Länder-BA-Vereinbarungen der Initiative Bildungsketten verdeutlichen.
  • Trotz strukturierender Funktion der Vereinbarungen bleibt die landesspezifische Vielfalt der Angebote weiterhin erhalten.
  • In der Regel werden eine Flächendeckung der Berufsorientierung und eine Ausweitung auch für Gymnasien angestrebt. Das impliziert auch eine Verbindung von Berufs- und Studienorientierung.
  • Als bundesweites Programm hat auch das Berufsorientierungsprogramm (BOP) eine wichtige strukturgebende Funktion in der Berufsorientierung.
  • Das BOP entfaltet seine Wirkungen sehr individuell. Besonders positiv wirken sich eine gründliche Vorbereitung und Reflexion der Erfahrungen sowie Aufgabenstellungen mit einem individuell passenden Anforderungsniveau aus.
  • Jungen profitieren tendenziell stärker von den Erfahrungen im BOP als Mädchen.
  • Eine Erweiterung der Zielgruppen erfordert für das BOP perspektivisch auch eine Erweiterung der Ausgestaltungsmöglichkeiten und erfahrbaren (Werk-)Bereiche.

Teil 2: Berufswahlentscheidungen, die Attraktivität von Ausbildungsberufen und Passungsprobleme am Arbeitsmarkt:

  • Die Präferenz für eine duale Ausbildung steht im Zusammenhang mit den subjektiven Erfolgserwartungen der Schülerinnen und Schüler in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt.
  • Die Ansprüche von Jugendlichen an einen Ausbildungsbetrieb haben im Vergleich zum Beginn der 2000er-Jahre zugenommen, insbesondere in Regionen mit günstiger Arbeitsmarktlage und bei höheren Schulabschlüssen.
  • Image und (zugeschriebene) Attraktivität von Ausbildungsberufen beeinflussen die Berufswahlentscheidungen der Jugendlichen, selbst dann, wenn Berufe sehr ähnliche Tätigkeitsprofile aufweisen.
  • Die Einschätzung der Attraktivität von Ausbildungsberufen wird durch die vermuteten Reaktionen Dritter (Eltern und Freunde) beeinflusst, denn der Beruf ist eine wichtige Quelle für soziale Anerkennung und damit für die Entwicklung sozialer Identität.
  • Verdienst, das Ausmaß der zugeschriebenen Geschlechtsadäquanz und die Aussicht, durch einen Beruf nicht „ungebildet“ zu wirken, fördern positive Reaktionen des Umfeldes.
  • In Familien, in den beiden Elternteile Akademiker sind, zeigen sich ähnliche Bewertungen wie in anderen Familien, allerdings mit Abweichungen z. B. hinsichtlich der Einschätzung von Geschlechtsadäquanz. Grundsätzlich bestätigen die vorliegenden Daten die Tendenz zu einer geschlechtsspezifischen Berufswahl.

Fazit und Ausblick

Die ausgewählten Beiträge zur Berufsorientierung und Berufswahlforschung haben verdeutlicht, dass sich der gesellschaftliche Kontext, die Situation auf dem Ausbildungsmarkt und die institutionelle Gestaltung von Berufsorientierung und Berufswahlentscheidungen in den letzten 15 Jahren stark verändert haben und nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. Grundsätzlich haben sich die Chancen für Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt deutlich verbessert. Damit einhergehend sind die Schwierigkeiten von Betrieben gestiegen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Auch zugenommen haben die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt.

Es konnte aufgezeigt werden, dass Berufswahlentscheidungen von Jugendlichen komplexen Einflussfaktoren unterliegen. Neben den Interessen und Fähigkeiten des Individuums spielen auch die beschriebenen Bedingungen des Ausbildungsmarkts und die Attraktivität von Ausbildungsberufen und -betrieben eine wichtige Rolle. Auch Programme und Maßnahmen der Berufsorientierung und die Qualität ihrer Umsetzung nehmen Einfluss auf den Berufsorientierungsprozess und die Entscheidungen der jungen Erwachsenen.

Beschrieben wurde eine große Vielfalt an Angeboten zur Berufsorientierung auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. Daraus resultiert die Herausforderung, diese Angebote in Gesamtkonzepte einzubetten bzw. vor Ort zu koordinieren und zu steuern. Die Bund-Länder-Vereinbarungen der Initiative Bildungsketten, aber auch große Programme wie das BOP unterstützen eine Strukturierung der Maßnahmen und tragen damit zur Verzahnung der Berufsorientierungsaktivitäten vor Ort bei.

Die berufliche Orientierung ist formal Auftrag der allgemeinbildenden Schulen. An fast allen Schulformen ist inzwischen bundesweit die Erstellung und Umsetzung von Berufsorientierungskonzepten obligatorisch. Schulen können sich dabei an den vorliegenden Rahmenkonzeptionen und Vereinbarungen orientieren und von langjährigen Erfahrungen profitieren. „Gute“ Berufsorientierung kombiniert eigene Angebote mit denen externer Bildungsträger und Kooperationspartner und geht weit über die Zusammenarbeit mit der örtlichen Berufsberatung hinaus. Kooperiert wird mit Akteuren wie Betrieben, der regionalen Arbeitsförderung, Jugendhilfe- und Bildungsträgern oder den zuständigen Stellen. 

Schulen und Lehrkräfte brauchen diese Partner und die außerschulischen Lernorte zur fachlichen Unterstützung und Ergänzung des im schulischen Rahmen möglichen Angebots und als notwendige Ressource zur Umsetzung des Auftrags Berufsorientierung. Zum einen sind betriebliche oder werkbezogene Erfahrungen für die Schülerinnen und Schüler von großer Bedeutung, um die eigene Berufswahlentscheidung zu reflektieren. Zum anderen können Schulen Rahmenbedingungen, Ausstattung und Expertise für einige berufsorientierende Inhalte naturgemäß nicht selbst zur Verfügung stellen. Dafür müssen sowohl die Regelangebote der Bundesagentur für Arbeit und Programme als auch (lokale) Berufsorientierungsmaßnahmen ergänzend genutzt werden. Zudem gilt es zu gewährleisten, Schulen mit dieser Gesamtaufgabe nicht zu überfordern und nicht den Druck, der auf ökonomischer Seite besteht (Fachkräftesicherung, Besetzungsprobleme), auf die Schulen, die Lehrkräfte und die Jugendlichen zu projizieren. 

Gleichzeitig wurde aufgezeigt, dass der sich wandelnde Arbeitsmarkt, das Image von Berufen und die Einschätzungen Dritter großen Einfluss auf die Berufsorientierung von Jugendlichen haben und in den Bildungsangeboten zur Berufsorientierung nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Gerade der Einfluss von (vermuteten) Reaktionen durch Eltern, Familie und Freunde sollte nicht unterschätzt werden, denn der Beruf ist eine wichtige Quelle für soziale Anerkennung und damit für die Entwicklung sozialer Identität. So ist es beispielsweise ein zentrales Ziel des stark subjektorientierten Ansatzes im BOP, die individuellen Fähigkeiten und Interessen der Jugendlichen herauszuarbeiten und zu reflektieren und damit zur Entwicklung von Berufswahlkompetenz beizutragen. Wenn dabei aber das Bedürfnis der Jugendlichen nach sozialer Anerkennung, die Rolle von Familie und Freunden in diesem Kontext und die wahrgenommene Attraktivität eines Ausbildungsberufs unberücksichtigt bleiben, wird die Teilnahme am BOP für die finale Berufswahlentscheidung möglicherweise ohne Auswirkung bleiben. Demnach sollten sich diese Aspekte auch in den Bildungsangeboten als Bestandteil wiederfinden und vor allem in der individuellen Begleitung und Reflexion mit den Jugendlichen thematisiert werden. Hingegen liegt die Verantwortung für die Attraktivität und Qualität sowie die Arbeit am Image der Ausbildungsberufe in der Verantwortung der Wirtschaft selbst.

Auf der Seite der Bildungsangebote für die Jugendlichen liegt eine zentrale Herausforderung darin, die Standardinstrumente der Berufsorientierung so zu gestalten, dass sie an die individuellen Voraussetzungen und Bedarfe der Jugendlichen anpassbar sind. Zudem sollte neben der Standardisierung auch eine Angebots-Vielfalt zugelassen werden, die notwendig ist, um auf verschiedene, individuelle Bedarfe sowie auf sich wandelnde Entwicklungen zu reagieren. Die Freiheiten zur Ausgestaltung vor Ort sollten möglichst hoch sein, um auf solche individuellen Bedarfe eingehen zu können. Zu viel Standardisierung und formale Vorgaben behindern die konzeptionelle und pädagogische Kreativität und Beweglichkeit. Und: Die Angebote vor Ort müssen nicht nur formal strukturiert, sondern auch für die Jugendlichen nachvollziehbar inhaltlich verzahnt werden. Dafür müssen die beteiligten Akteure eng zusammenarbeiten und die Jugendlichen prozesshaft unterstützen. Zudem sind Berufsorientierungsprozesse keine Einbahnstraße. Auch Korrekturen von Entscheidungen, Veränderungen in den Präferenzen oder Wechsel in den Biografieverläufen der Individuen sollten akzeptiert und Jugendliche auf den Umgang damit vorbereitet werden. 

Zur Bewältigung dieser komplexen Herausforderungen ist es unerlässlich die pädagogischen Fachkräfte gut darin zu schulen, Angebote binnendifferenziert zu gestalten, die Jugendlichen kommunikativ im Prozess zu begleiten und flexibel mit erforderlichen Anpassungen umzugehen. Auch um eine inklusive Ausrichtung sicherzustellen, braucht es eine möglichst ausdifferenzierte individuelle Förderung. „Ungleiches ungleich behandeln“ ist das Schlagwort, um mehr Teilhabe oder Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und möglichst allen ein passendes (Berufsorientierungs-)Angebot zu bieten und so Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen.

(Frank Neises, Carolin Kunert)