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Schwerpunktthema des diesjährigen Datenreports zum Berufsbildungsbericht sind aktuelle und künftige Passungsprobleme auf dem deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und deren Gründe. Im Rahmen verschiedener Analysen wurde versucht, die in den letzten Jahren zunehmende Disparität zwischen dem Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsstellen und der Nachfrage von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach einer beruflichen Ausbildung oder Beschäftigung genauer zu untersuchen und nach den generellen Rahmenbedingungen und spezifischen Ursachen zu fragen.

Die lange Zeit von der Bildungspolitik und von internationalen Organisationen wie der OECD geforderte Erhöhung der Studierendenzahlen ist infolge der Bildungsexpansion mit steigenden höheren schulischen Abschlüssen auch in Deutschland erreicht worden. Während 1992 nur 30 % der Schulabgänger/ -innen die allgemeinbildende oder berufliche Schule mit einer Studienberechtigung verließen, ist der Anteil der Studienberechtigten an der gleichaltrigen Bevölkerung im Jahr 2013 auf fast 60 % gestiegen (vgl. Kapitel C1.1). Infolge der Bildungsexpansion wird sich auch die Qualifikationsstruktur der erwerbsfähigen Bevölkerung dahin gehend verändern, dass der Anteil der Bevölkerung mit akademischem Grad insgesamt steigt, während die erwerbsfähige Bevölkerung mit einem Berufsabschluss im mittleren Qualifikationssegment vor allem in den gewerblich-technischen Berufen zurückgeht; ein Berufsbereich, der aber insbesondere für die Leistungs- und Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt und insbesondere für den Export einen hohen Stellenwert besitzt.

Verstärkt werden diese Veränderungen in der beruflichen Qualifikationsstruktur der erwerbsfähigen Bevölkerung durch die Rückgänge in der Bevölkerungszahl insgesamt und durch die zunehmende Alterung der deutschen Bevölkerung; beide Entwicklungen werden sich weiter negativ auf die erwerbsfähige Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 65 Jahren auswirken (vgl. Kapitel C1.2). In der nächsten Dekade werden die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen und weder in der Anzahl noch mit ihrem Qualifikationsprofil durch junge Menschen ersetzt werden können. In einem Zeithorizont von bis zu 15 Jahren werden ausschließlich nur höhere Wanderungsgewinne dem Bevölkerungsrückgang entgegenwirken können. Bei einem langfristig unterstellten jährlichen Nettowanderungsgewinn von 200.000 Personen muss von einem Bevölkerungsrückgang von knapp 1,9 % bis 2030 ausgegangen werden.

Qualifikationsspezifisch sind aber noch Potenziale zur Gewinnung von zusätzlichen Fachkräften erkennbar. Junge Menschen ohne Schulabschluss erreichen auch zu mehr als 87 % keinen Berufsabschluss und sind nur zu 47 % erwerbstätig (vgl. Kapitel C1.3). Dies trifft noch stärker bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu, die viermal so häufig ohne Schulabschluss bleiben und ohne Berufsabschluss nur zu 43 % eine Erwerbstätigkeit ausüben. Auf der betrieblichen Seite hat sich auch die Beteiligung der Wirtschaft an der betrieblichen Ausbildung Jugendlicher grundlegend verändert (vgl. Kapitel C1.4): Die früher bestandene enge Verbindung zwischen der Rekrutierung von qualifizierten Fachkräften und der Ausbildung eigener Nachwuchskräfte hat sich deutlich abgeschwächt. Trotz der ökonomisch bedingt stark steigenden Beschäftigtenzahlen nimmt der Bestand an Auszubildenden unter den Beschäftigten seit einigen Jahren immer weiter ab.

Insgesamt hat sich, wie in Kapitel C1 dargestellt, nicht nur das Angebot an Schulabsolventen und -absolventinnen mit höheren Schulabschlüssen – wie es vonseiten der Betriebe und der Wirtschaft seit Jahren gefordert wurde – deutlich erhöht; es existiert auch immer noch ein relativ unverändert hoher Bestand an formal nicht qualifizierten jungen Erwachsenen mit oder ohne Migrationshintergrund, die nach Absolvieren geeigneter Maßnahmen auch für eine betriebliche Ausbildung oder eine qualifizierte Beschäftigung infrage kommen. Gleichzeitig muss aber festgestellt werden, dass trotz stark steigender Beschäftigtenzahlen der Anteil ausbildender Betriebe und der Anteil der Auszubildenden an den Beschäftigten kontinuierlich abnimmt.

Welche Folgen diese Ausgangssituation für die betriebliche Seite des dualen Ausbildungssystems hat und wie sich Passungsprobleme auswirken, wurde im zweiten Kapitel untersucht (vgl. Kapitel C2). Ein wichtiges Ergebnis der Analysen ist, dass die Entwicklung der betrieblichen Ausbildungsbeteiligung zu Unrecht allein auf einen generellen Rückzug der Betriebe aus der betrieblichen Berufsausbildung hinzudeuten scheint. Eine nach Betriebsgrößen differenzierte Betrachtung zeigt z. B., dass sich besonders kleinere Betriebe mit Schwierigkeiten und Passungsproblemen konfrontiert sehen, angebotene Ausbildungsstellen zu besetzen, und zumindest derzeit noch nicht beabsichtigen, sich aus dem betrieblichen Ausbildungsgeschehen zurückzuziehen (vgl. Kapitel C2.1). Für andere Betriebsgrößenklassen ergeben sich zwar auch erste Hinweise auf Passungsprobleme, die zumindest im Jahresvergleich zwischen 2012 und 2013 nicht so gravierend wie bei den Kleinstbetrieben ausfallen (vgl. Kapitel A4.10.1).

Trotz unterschiedlich zunehmender Passungsprobleme scheinen Betriebe derzeit aber noch nicht ausreichend bereit zu sein, nachhaltigere Lösungsansätze bei der Rekrutierung neuer Auszubildender in Betracht zu ziehen. Besonders in Bezug auf informationell verursachte Mismatchprobleme praktizieren Betriebe bei Besetzungsschwierigkeiten eher traditionelle Rekrutierungsstrategien und greifen auf vorhandene Informationsnetzwerke und Vermittlungsinstitutionen zurück, anstatt Verfahren zu nutzen, mit denen potenzielle Ausbildungsinteressenten und spezielle Bewerbergruppen gezielter angesprochen und deren Qualifikationen und Kompetenzen besser eingeschätzt werden könnten (vgl. Kapitel C2.2). Allerdings scheint ein Teil der Betriebe die Zeichen der Zeit verstanden zu haben und ihre Strategien zur Lösung von Mismatchproblemen allmählich neu auszurichten. Hierzu gehört – wenn auch noch nicht im erforderlichen Maße  – die Öffnung der Ausbildung für Bewerbergruppen, die relativ gesehen in der Vergangenheit aufgrund ihrer schulischen Vorbildung deutlich schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz hatten (vgl. Kapitel  C2.3).

Eine erhöhte betriebliche Bereitschaft, in Ausbildung zu investieren, könnte regionale und berufliche Passungsprobleme zumindest abschwächen. Derzeit ist ein Teil der Betriebe noch immer nicht bereit, bei schwierigen regionalen Ausgangsbedingungen (d. h. Angebotsüberhänge oder betriebliche Ausbildungsangebote, die nicht die beruflichen Interessen der Ausbildungsstellenbewerber/ -innen vor Ort zu treffen scheinen) signifikant stärkere investive und finanzielle Anreize für Jugendliche zu setzen (vgl. Kapitel C2.4). Aber nicht nur auf Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsstellen reagieren Betriebe mittlerweile anders als früher, auch bei den vorzeitigen Lösungen von Ausbildungsverträgen, die angesichts der hohen Lösungsquoten für Betriebe ein zentrales Passungsproblem und Investitionsrisiko darstellen, ergeben sich Veränderungen im betrieblichen Handeln (vgl. Kapitel C2.5). Der Ausbau von unterstützenden Maßnahmen kann für Betriebe und Jugendliche ein wichtiges Instrument zur Vermeidung von vorzeitig gelösten Ausbildungsverträgen und damit verbundenen Folgeproblemen darstellen. Ein weiteres Beispiel für gelungene Lösungsstrategien sind die erhöhten betrieblichen Übernahmequoten von Auszubildenden (vgl. Kapitel C2.6), um künftige Fachkräfteengpässe zu verhindern oder abzumildern.

Diese aktuellen Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt haben möglicherweise auch mittel- und langfristige Auswirkungen auf die Passung von Fachkräftenachfrage und -angebot. So ist zu vermuten, dass gegenwärtige Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen in bestimmten Berufen mittelfristig zu Fachkräfteengpässen auf dem Arbeitsmarkt in genau diesen Berufen führen können (vgl. Kapitel C3.1). Qualifikationsspezifisch gibt es bereits jetzt eine Kongruenz zwischen Passungsproblemen auf dem Ausbildungsmarkt und Rekrutierungsschwierigkeiten bei der Besetzung von sozialversicherungspflichtigen Stellen. Dies gilt allgemein für den mittleren Qualifikationsbereich, ist aber nicht für alle Berufe gleich bedeutsam (vgl. Kapitel C3.2).

Verstärkt wird diese Entwicklung, wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und sich die geringere Bedeutung einer vollqualifizierenden Berufsausbildung im Vergleich zu einer akademischen Ausbildung unter den jüngeren Generationen fortsetzt. Während das akademische Arbeitskräfteangebot langfristig den Bedarf zu übersteigen droht, wird auf dem mittleren Qualifikationsbereich der Rückgang in nahezu allen Berufen auftreten. Erwerbspersonen ohne formal qualifizierenden Berufsabschluss werden eher unterbeschäftigt sein (vgl. Kapitel C3.3).

Wenn die von den Erwerbspersonen zur Verfügung gestellten Arbeitsstunden auch tatsächlich abgerufen und weiterhin ein positives Zuwanderungssaldo bestehen würden dann könnte der wirtschaftliche Bedarf an Arbeitskräften in vielen Berufen noch bis zum Jahr 2030 befriedigt werden. Möglich ist dies in den „Verkaufsberufen (Einzelhandel)“, in den „Berufen in der Körperpflege“, und sogar in den „Bauberufen, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“ gibt es noch Potenziale. Aber dort, wo bereits jetzt keine Ausbildungsplätze besetzt werden können, werden die Engpässe nur durch fachfremde Erwerbspersonen zu decken sein. Und dies gilt auch für die „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“, aber auch für die „Techniker/ -innen“, „Verkaufsberufe (Einzelhandel)“ und in den „Gesundheitsberufen ohne Approbation“, hier vor allem für die Pflegeberufe (vgl. Kapitel C3.4).

(Robert Helmrich, Klaus Troltsch)