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„Berufliche Bildung nicht abwerten!“

Eine Bildungspraxis, die sich strikt an humanistischen Idealen orientiert und berufliche Bildung nicht abwertet: Dafür trat der Münchner Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin bei einem Vortrag im BIBB ein.

„Wir brauchen eine konsequent humane Bildungspraxis, die sich vom Gedanken der unmittelbaren Verwertbarkeit löst.“ Mit diesen Worten fasste der Münchner Philosophie-Professor Dr. Julian Nida-Rümelin bei einem engagierten Vortrag als Gast im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn seine Überlegungen zu einem veränderten Denken in Erziehung und Ausbildung zusammen. Ausgegangen war der ehemalige Kulturstaatsminister von seiner These, dass es den Bildungsreformen in Deutschland, die er als „Bildungsreformitis“ bezeichnete, an einer kulturellen Leitidee fehle. Klar sprach er sich gegen eine Bildung aus, die den Menschen einseitig auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und die Persönlichkeitsbildung vernachlässigt.

Nida-Rümelin monierte zudem, dass im deutschen Bildungssystem die physischen, sozialen, ethischen und ästhetischen Dimensionen der Persönlichkeitsbildung zu kurz kämen. Es diene auch nicht einer humanen Gesellschaft, die Ausbildungsberufe abzuwerten und die akademischen Berufe aufzuwerten. „Wir brauchen auch in Zukunft die Vielfalt, das ganze Spektrum der Möglichkeiten!“, betonte er. Nur so seien individuelle Bildungsbiografien möglich.

In der öffentlichen Debatte komme oft auch zu kurz, wie sehr berufsständische Traditionen für den Reichtum der deutschen Berufswelt gesorgt hätten. „Und die Digitalisierung der Arbeitswelt verlangt keineswegs nach einer Akademisierung. Im Gegenteil: Die Digitalisierung spricht für eine Stärkung des dualen Systems.“ Nach Ansicht Nida-Rümelins wäre es ein kapitaler Fehler, das duale System beruflicher Bildung, das gegenwärtig auch im Ausland zu kopieren versucht werde, in Deutschland zu marginalisieren, indem ein Maß an Akademisierung forciert werde, das nur für Bildungssysteme ohne die Säule beruflicher Bildung sinnvoll sei.

Falsch sei es, hierzulande für mehr Studierende einzutreten aufgrund der Vergleiche des deutschen Bildungssystems etwa mit den Systemen in den USA oder in Frankreich. „Die Amerikaner sagen selber, dass ein Studium in unserem Sinn erst mit dem Master beginnt.“ Eigene Erfahrungen als Gast-Professor in den USA haben Nida-Rümelin darin bestätigt. Den Preis, den Frankreich für seine große Zahl an Hochschulzugangsberechtigten zahle, sei eine hohe Abbrecherquote. „Und das britische System, das manche für vorbildlich halten, führt zu einer etwa doppelt so hohen Jugendarbeitslosigkeit wie bei uns.“

Das von ihm favorisierte Bildungsverständnis habe humanistische Wurzeln, sagte der Philosophie-Professor. „Ein Bildungssystem ist umso besser, je mehr es dem Einzelnen ermöglicht, das Eigene zu finden.“ Wesentlich sei es dabei, dass der Mensch lerne, ein Leben frei und verantwortlich zu führen.

In seinem Buch „Philosophie einer humanen Bildung“, auf das Nida-Rümelin an dieser Stelle verwies, nennt er als die zentralen Bildungsziele eines erneuerten Humanismus: die Fähigkeit, vernünftige, wohlbegründete Überzeugungen auszubilden; die Fähigkeit zu einer autonomen Lebensgestaltung; und die Fähigkeit, Verantwortung wahrzunehmen. Insgesamt gehe es darum, sich von Gründen leiten zu lassen. Bildung leiste im Übrigen nur dann einen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft, wenn sie geprägt sei von Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensformen, Kulturen, sozialen und geografischen Herkünften.

In einer kurzen Replik verwies der Präsident des BIBB, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, der auch in Nida-Rümelins Vortrag eingeführt hatte, unter anderem auf das Instrument des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR), der bereits den Ansatz enthalte, auch persönliche Entwicklungen des Einzelnen deutlich zu machen. Zuvor hatte Esser auf die zumal im Ausland geschätzten Merkmale des dualen Systems aufmerksam gemacht, etwa die Tatsache, dass in diesen Breiten der Produktionsort auch zum Bildungsort werde.

In der anschließenden internen Diskussionsrunde mit der Leitungsebene des BIBB standen das Thema Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung sowie Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der beruflichen Bildung im Vordergrund.