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Rede der Präsidentin der Kulturministerkonferenz Dr. Claudia Bogedan

© Heidi Scherm, BIBB

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Ministerin Wanka,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich außerordentlich, gemeinsam mit Ihnen, sehr verehrte Frau Kollegin Wanka, den Auftakt zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung zu eröffnen. Zehn Jahre vergehen schnell, wenn es um Fragen der Bildung geht, das haben wir heute Morgen schon einmal festgestellt.
Bereits ein Jahr ist vergangen seit der gemeinsamen Bekanntgabe der Dekade. In diesem Jahr haben wir vieles geschafft und ich möchte ganz bewusst von einem Wir sprechen, denn Wir – das sind die Kultusministerkonferenz, das sind die Länder mit ihren vielfältigen inhaltlichen und strukturellen Alphabetisierungsmaßnahmen und das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Zu diesem „Wir“ gehören auch die Partner der Nationalen Dekade.

Das sind

  • der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung,
  • die Bundesagentur für Arbeit,
  • der Deutsche Gewerkschaftsbund,
  • das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung,
  • der Deutsche Städte- und Gemeindebund,
  • der Deutsche Landkreistag,
  • der Deutsche Städtetag,
  • die Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung,
  • der Deutsche Volkshochschulverband,
  • die Katholische Erwachsenenbildung und
  • die Stiftung Lesen.

Ich möchte sie alle erwähnen, denn ohne das gemeinsame Engagement wird es nicht gehen.
Sprache ist für die Aneignung, Reflexion und Weiterentwicklung von Gedanken und Wissen wesentlich und spielt eine zentrale Rolle in Bildungsprozessen. In einer Gesellschaft, die Lernprozesse und Wissen grundlegend auf den Umgang mit schriftlichen Texten stützt, bestimmen sprachliche Fähigkeiten und literale Kompetenzen über die Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Teilhabe, das gilt auch in Zeiten der Digitalisierung.

Wie kann es gleichzeitig sein, dass sich Deutschland als Industriestandort und Land der Dichter und Denker 7,5 Millionen funktionale Analphabeten im erwerbsfähigen Alter leistet? Wie kommen die 4,5 Millionen von ihnen, die erwerbstätig sind, in ihrer Arbeitswelt zurecht?

Warum wird in den Familien und im betrieblichen Umfeld so wenig über diese Situation gesprochen? Auf dem Weg hierher habe ich einigen Menschen erklärt, was ich heute in Berlin mache und es ist mir immer wieder Verblüffung entgegengeschlagen, denn tatsächlich ist das Thema noch nicht breit in der Gesellschaft angekommen, obwohl wie Frau Wanka sagte, viele auch Analphabeten kennen.
Warum also gibt es so wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Lernangeboten für Alphabetisierung und Grundbildung, die wir von den Weiterbildungsträgern landauf und landab anbieten?
Wie kann es sein, dass Menschen, die einen Schulabschluss oder Berufsabschluss erworben haben, im weiteren Berufsleben nicht mehr ausreichend lesen und schreiben können? Geht diese Fähigkeit wieder verloren und wenn ja, was können und müssen wir im Bereich der Weiterbildung unternehmen, um gegenzusteuern?

Diese Fragen stellen sich mir auch als Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen. Sie spiegeln unsere Probleme tatsächlich wider. Bisher gibt es keine hinreichenden Antworten und das ist ein Grund dafür, die 2012 gestartete Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung ab 2016 mit einer Nationalen Dekade fortzuführen.

Zu den Grundsätzen der Dekade gehört es, die Forschung auszubauen und neben den Ursachen für das Entstehen des funktionalen Analphabetismus auch spezifische Ziel- und Berufsgruppen genauer in den Blick zu nehmen.

Die sogenannte „schweigende Mehrheit“ aus dem familiären und betrieblichen Umfeld muss ebenfalls besser identifiziert werden - auch mit dem Ziel, geeignete Formen der Motivation und Ansprache zu entwickeln.

Darüber hinaus muss - zumal angesichts der notwendigen sprachlichen Integration für Flüchtlinge - untersucht werden, ob und wenn ja welche gemeinsamen Konzepte für die Alphabetisierung in Deutsch als Erst- oder Zweitsprache Erfolg haben.

Sie hören schon heraus, der Ausbau der Forschung gehört zu einem von vier Schwerpunkten der Nationalen Dekade.

Wir benötigen wissenschaftlich fundierte Grundlagen und Ansätze, um erfolgreicher gegen das Massenphänomen angehen zu können. Daneben werden weitere Handlungsempfehlungen in den Dekadengrundsätzen festgelegt, die von der Kultusministerkonferenz im Oktober diesen Jahres in Bremen beschlossen wurden.

Es geht zweitens darum, die Lese- und Schreibkompetenzen sowie das Grundbildungsniveau Erwachsener in Deutschland nachhaltig zu erhöhen:
Vor allem durch eine höhere Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen.
Wenn auch Erwachsene an der Bildungsexpansion in Deutschland teilhaben sollen, muss die Weiterbildung als Baustein innerhalb der Bildungskette ernst genommen werden. Schließlich ist jeder und jede, die nicht ordentlich lesen und schreiben können, von der Teilhabe in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ausgeschlossen. Damit meine ich nicht nur die Möglichkeit, sich beruflich weiter zu qualifizieren. Es geht auch um den verbesserten Umgang mit Schriftsprache in der Alltagswelt, wenn zum Beispiel die Anleitung zum Aufbau eines Regals umzusetzen ist oder das Beispiel mit der Speisekarte, welches wir eben gehört haben.

Derzeit - und das bedaure ich persönlich sehr – zählen Alphabetisierung und Grundbildung eher nicht zu den bildungspolitischen Top-Themen, die öffentlich die größte Aufmerksamkeit erregen. Dabei bin ich der Auffassung, dass zentrale Aspekte beispielsweise einer Bildung in der digitalen Welt und die Ziele der Nationalen Alphadekade gut miteinander kombinierbar sind. Aber dazu komme ich später noch einmal.
Als Zielgruppe werden wir uns aus Gründen der Vergleichbarkeit auch in den kommenden Jahren auf Erwachsene mit Deutsch als Muttersprache und auf länger in Deutschland lebende Migrantinnen und Migranten konzentrieren.

Auf mittlere Sicht sollen Geflüchtete ebenfalls adressiert werden, die zurzeit durch das BAMF oder schulische Maßnahmen unterstützt werden.

Die gelegten Grundstrukturen müssen in den kommenden zehn Jahren gefestigt, Netzwerke weiter ausgebaut, innovative Maßnahmen durchgeführt und neue Partner gewonnen werden.

Aufbauend auf den Ergebnissen und Erfahrungen der Nationalen Strategie haben sich Bund, Länder und die bisherigen Partner als drittes Ziel darauf geeinigt, das Personal von Weiterbildungsanbietern zu professionalisieren und – in engem Zusammenhang dazu viertens – Lernangebote zu erweitern.
Dazu zählt dann auch der Flüchtlingsbereich. Deshalb stehen die Binnendifferenzierung und der Umgang mit Heterogenität ganz oben bei den Fähigkeiten, über die Lehrkräfte verfügen müssen. Zudem sind neben speziellen fachlichen und didaktischen Kenntnissen auch (sozial)pädagogische Kompetenzen notwendig.
Die IQB-Studie hat vor kurzem erneut bestätigt, dass nach wie vor ein größerer Teil der Jugendlichen lediglich auf dem Niveau der Grundschule lesen und schreiben kann. Das kann uns nicht zufrieden stellen.
Wir benötigen deshalb weitere Befunde über die Ursachen und das Entstehen funktionalen Analphabetismus, um auch in der Weiterbildung gegenzusteuern und präventiv arbeiten zu können.
Auf den Punkt gebracht: Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht, aber noch immer nicht genug. Denn nach wie vor gelten 14,5 Prozent der Jugendlichen als leseschwach. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Es waren 23 Prozent der Fünfzehnjährigen, die sich zu Beginn des Jahrtausends unterhalb der Pisa-Kompetenzstufe II befanden.

Die Lernangebote habe ich bereits im Zusammenhang mit dem Professionalisierungsgedanken angesprochen. Ihnen widmet das Grundsatzpapier einen weiteren Schwerpunkt.

Und das ist 2016 auch deswegen besonders spannend, weil die Lernangebote durch neue Formen des selbstorganisierten und digitalen Lernens erweitert werden sollen.

Hier kommen nun endlich die digitalen Möglichkeiten ins Spiel und es ist nur klug, beide Anliegen miteinander zu verknüpfen.

An dieser Stelle möchte ich von einem Projekt mit Bremer Beteiligung berichten, dass mich stark beeindruckt hat – der sogenannte ichMOOC. MOOCs sind offene Onlinekurse, früher hätte man eher gesagt: Fernlehrkurse, die in der Regel bislang im Universitätsbereich genutzt worden sind. Der Kurs, den ich hier vorstellen möchte, ist ein VHS-Kurs von der Volkshochschule in Bremen mit anderen Partnern in Hamburg umgesetzt und in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Lübeck, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hat.

Dieser „ichMOOC“, der hier angesprochen wurde, wies nach seinem Start im Frühjahr 2015 schnell 1.500 Teilnehmende aus, eine Zahl, die jedes herkömmliche Weiterbildungsformat sprengt.
Das Besondere an diesem Angebot: Lernen findet in zwei Online-Formaten und zwar über Videos und Foren statt.

Darüber hinaus können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sogenannten MOOCbars treffen, in denen es Begleitveranstaltungen für das Lernen in Präsenz gibt.

Die „Bars“ werden an 50 Standorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien angeboten. Hier treffen sich MOOC-Teilnehmende und diskutieren zu Live-Expertenvorträgen über einzelne Inhalte des Kurses.

Stellvertretend für den besonderen Erfolg dieser Kooperation wurde Nina Oberländer aus Bremen mit dem „ichMOOC“ für den Weiterbildungspreis 2016 nominiert.

Insofern stellt sich die Frage, wie sich die Lernangebote noch stärker an den konkreten Bedarfslagen erwachsener funktionaler Analphabeten orientieren können.

Nach den bisherigen Erfahrungen und Ergebnissen der Nationalen Strategie scheint die arbeitsplatzorientierte Grundbildung besonders erfolgreich zu sein. So manches Projekt von Bund und Ländern zeigt, dass es viel Sinn macht, die funktionalen Analphabeten direkt im Betrieb anzusprechen, sie vielleicht sogar dort zu unterrichten und ihnen so vor allem die Möglichkeit zu geben, das Gelernte direkt am nächsten Tag anzuwenden. Das nützt Lernern und Betrieben gleichermaßen.

Hier bietet sich eine weitere Verbindung mit Grundbildung an und das insbesondere für Menschen, die nicht erwerbstätig sind, z.B. zu den Themen Gesundheit, Ernährung, Sport, Politik oder Finanzen. Es gilt, konkrete Lernangebote für konkrete Zielgruppen zu gestalten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten digitaler Medien einem großen Teilnehmerkreis zugänglich zu machen. Es gilt auch, diese Lernangebote so zu gestalten, dass sie im Alltag einen konkreten Nutzen bringen. Nur so bringen wir die Erwachsenen dazu, die Lernangebote auch wahrzunehmen.

Hier benötigt die Nationale Dekade die Unterstützung weiterer Partner, denn zum Beispiel über Krankenkassen und Sportvereine besteht die Möglichkeit, weitere Personengruppen gezielt anzusprechen.
Ich habe mit Genugtuung gehört, dass das Arbeitsprogramm zur Nationalen Dekade den Aufbau einer Produktdatenbank anstrebt, die neben den Ergebnissen von Publikationen oder Tagungen auch Unterrichtsmaterial für bestimmte Zielgruppen enthalten soll. Das ist ein wichtiger Beitrag, um den gemeinsamen Austausch zu stärken.

Zur Stärkung gehört aber auch die Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit. Das reicht von prominenten Botschaftern und Botschafterinnen, die sich der Alphabetisierung und Grundbildung annehmen über Kinospots bis hin zum Austausch über Portale und Plattformen, auf denen funktionale Analphabeten ebenso wie Dozentinnen und Dozenten Informationen abgreifen können.

Auch hier sind innovative Lösungen gefragt, denn der Zugang eines Menschen, für den Lesen und Schreiben eine Hürde darstellen, zu Smartphone, PC oder zu einer Plattform, stellt sich als ebenso schwierig dar.

Öffentlichkeitsarbeit bedeutet deshalb auch, dass in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ein Umdenken einsetzen muss: in Behörden, Unternehmen oder Vereinen.

Und damit komme ich zu einem weiteren bedeutsamen Handlungsfeld der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung: es geht darum die aufgebauten Strukturen weiterzuentwickeln und zu verbreitern, vielleicht sind auch neue Netzwerke und Ideen zu entwickeln.

An dieser Stelle möchte ich aus dem Land Berlin berichten, der Stadt, in der der heute der Auftakt der Alpha-Dekade stattfindet. Berlin hat 2015 eine Senatsstrategie für Alphabetisierung und Grundbildung ins Leben gerufen, in der neben der Ausweitung von Lernangeboten zum Erlernen der Schriftsprache für Erwachsene und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit auch das Ziel gehört, den Zugang von Menschen, die kaum lesen und schreiben können, zu staatlichen Dienstleistungen zu erleichtern.

Natürlich, erwachsene Menschen können – mit gutem Grund – nicht gezwungen werden, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Deshalb ist es sehr schwierig – lesen und schreiben kann man nicht verordnen und zu motivieren, diesen Schritt zu gehen bedarf eines hohen Maßes an Fingerspitzengefühl.

Für uns ist deshalb Grundbildung weit über Alphabetisierung hinaus eine Voraussetzung für die Beteiligung an politischen Prozessen und für gesellschaftliches Engagement. Erwachsene Menschen, die nicht oder nur wenig lesen und schreiben können, beteiligen sich in aller Regel nicht an Wahlen und nehmen auch andere Möglichkeiten des gesellschaftlichen Engagements nur wenig wahr. Das kann uns alle nicht zufrieden stimmen.

So viel zum Blick nach vorn und den identifizierten Handlungsfeldern der Nationalen Dekade als Fortsetzung und Verstetigung der Nationalen Strategie, in der Bund, Länder und Partner von 2012 bis jetzt erfolgreich zusammengewirkt haben.

Natürlich gehört es auch zu einer Eröffnungsrede, einen Blick zurück zu richten. Bereits seit 2011 haben die Länder jährlich zusätzliche finanzielle Mittel aus den ohnehin engen Länderhaushalten eingesetzt, um die Ziele der Nationalen Strategie zu unterstützen.

Darüber hinaus haben die Länder seit 2012 Koordinationsstellen eingerichtet. Ihr vordringliches Ziel ist es, den länderinternen und länderübergreifenden Austausch zu fördern. Zusätzlich soll über diesen Weg die Kooperation mit dem Bund, den Sozialpartnern und zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt werden.

Im Sommer wurde ein Wissenschaftlicher Beirat berufen und wir schätzen es sehr, dass unser Handeln nun von wissenschaftlicher Seite beleuchtet und reflektiert wird. Dem Beirat gehören zehn namhafte Professorinnen und Professoren an, einige habe ich schon hier im Raum gesehen.

Als Präsidentin der Kultusministerkonferenz möchte ich mich für das Engagement der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Gremium herzlich bedanken. Der wissenschaftliche Blick von außen war und ist wichtig und wenn es um die Entwicklung eines Arbeitsprogramms für die Nationale Dekade geht, unverzichtbar.

Das Arbeitsprogramm stellt das Herzstück der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung dar. Es konkretisiert die im Grundsatzpapier festgelegten Ziele und Handlungsfelder für Bund und Länder sowie die beteiligten Partner. Es wird kontinuierlich fortgeschrieben und an Erfordernisse oder Veränderungen angepasst.

Alle Akteure werden im Rahmen eines abgestuften Prozesses ihre Maßnahmen und Aktionen beschreiben, Verantwortlichkeiten und Koordinationspartner definieren sowie auf einer Zeitachse Meilensteine und Angebote festlegen.

Das wird auf aufwändiger, aber lohnenswerter Prozess. Ein Prozess, der alle Beteiligten einbeziehen wird. Und darauf kommt es an, denn wenn sich eines seit 2012 gezeigt hat, dann ist es dies: Ein Erfolg wird nur möglich sein, wenn wir gemeinsam agieren und alle an einem Strang ziehen: Bund und Länder mit den Partnern, den Akteuren und der Wissenschaft.

Ich bin mir sicher, dass wir so sehr viel erreichen, damit wir 2026 sagen können: Wir haben es zusammen geschafft, Bund, Länder mit den vielen, wie ich hoffe, auch neuen Partnern.

Vielen Dank!