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Video-Interview Heinz D. Kurz

Society – Technology – People

Prof. Dr. Heinz D. Kurz, Graz, folgt dem Ansatz des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, weist aber auch auf die spezifischen Chancen und Risiken der Digitalisierung hin. Er erklärt die Verbindung des Prekariats der Vergangenheit mit aktuellen Formen der Digitalisierung. Kurz forscht über die Geschichte des ökonomischen Denkens und hat als Leiter des Graz Schumpeter Centre die ökonomische Theorie weiterentwickelt.

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Society – Technology – People: Theory-Interviews on the relationship between societal and technological change

 

Interview with Prof. Dr. Heinz D. Kurz

This interview was filmed in Graz, AUT, on 14 May 2018. The interviewer was Thomas Leuchtenmüller. It is part of a BIBB-research project on "Polarisierung von Tätigkeiten in der Wirtschaft 4.0 - Fachkräftequalifikationen und Fachkräftebedarf in der digitalisierten Arbeit von morgen“, funded by BMBF.

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Theorieinterviews

 

Where do we find sources for technological change and social division of labour?

Anhaltende technologische und organisatorische Fortschritte - die Betonung liegt auf anhaltend – sind ein Ergebnis der Neuzeit. Das gab es früher so nicht. Es sind Entwicklungen in Europa, in England und Schottland die im 17./18. Jahrhundert eine fundamentale Änderung der Bedingungen für technischen Fortschritt geschaffen haben. Ich rede von der Entwicklung dessen, was Joel Mokyr genannt hat: "Eine Kultur des Wachstums und der Innovation". Das hat es vorher nicht gegeben. Wenn sie sich die Weltgeschichte anschauen werden sie feststellen, dass es dort sporadisch an verschiedenen Stellen mal technologische Änderungen gegeben hat, aber das waren Einzelereignisse und es war keine Kontinuität. Das hat sich geändert. Und die Änderung ist das Ergebnis nicht-intendierter Konsequenzen zweckgerichteten menschlichen Handelns. Also die Leute haben in der damaligen Zeit Institutionen geschaffen, die im Zusammenwirken schließlich eine Kultur der Innovation erzeugt haben. Grundsätzlich gibt es zwei wesentliche Faktoren die dagegensprechen, dass überhaupt Neues erzeugt wird und in die Ökonomie, in die Gesellschaft eingeführt wird. Das ist zum einen der Besitz alten Wissens. Diejenigen, die altes Wissen besitzen erzielen Monopolrenten aufgrund dieses Wissens und sind natürlich dagegen, dass Neuigkeiten einführt werden, die ihr Monopolposition unterminiert. Man kann z.B. feststellen, dass lange Zeit Landwirte, also die Großgrundbesitzer in Europa im 15., 16., 17. Jahrhundert, sich gewehrt haben gegen produktivitätssteigernde Verfahren auf den Böden, weil sie verstanden haben, dass dadurch natürlich die Knappheit ihrer Böden geringer werden würde und dass würde die Grundrente nach unten treiben. Das ist ein Argument, das dafür spricht, dass technischer Fortschritt nicht so ohne weiteres zustande kommt und eingeführt wird. Das zweite Argument ist, dass neues Wissen auf die Dauer und im Durchschnitt nicht geheim gehalten werden kann. Das heißt, es wird von anderen übernommen werden, es wird nachgeahmt werden. Und zweitens, dass neues Wissen nicht rivalisierend im Konsum ist. Das heißt, wir haben es bei neuem Wissen im Allgemeinen um ein quasi öffentliches Gut zu tun. Was ist damit gemeint? Private Güter, denken Sie an eine Wurstsemmel, wenn ich die esse, essen Sie sie nicht. Aber bei einem Bessemer-Verfahren in der Stahlerzeugung kann es die Firma A verwenden, die Firma B genauso - das eine schliesst das andere nicht aus. Solche Güter werden relativ schnell im System insgesamt verfügbar, aber das wirft ein Problem auf, nämlich folgendes: Diejenigen, die die Kosten der Erzeugung des neuen Wissens hatten bekommen nur einen Teil der Erträge – möglicherweise gar nichts. Andere heimsen sie ein. Und das ist natürlich ein Grund, dieses neue Wissen erst gar nicht erst zu erzeugen. Man spricht in dem Zusammenhang von Marktversagen. Reine, auf sich selbst gestellte Märkte sind nicht im Stande ein hinreichendes Maß an technologischem Fortschritt zu realisieren. Und man kann sagen, dass ein wichtiges Moment für technischen Wandel, eine Treiberin par excellence, wenn Sie so wollen, die Konkurrenz ist. Denn die Konkurrenz führt dazu, dass einzelne Firmen, einzelne Akteure sich nicht sicher sein können, dass sie im Markt überleben, wenn der Nachbar, die andere Firma, Neuigkeiten einführt, die die Produktionskosten senken, die also Güter billiger auf den Markt bringen lassen, oder neue Produkte, die bessere Qualitäten aufweisen. Sie könnten also sagen: Die Konkurrenz wirkt wie eine Produktivitäts-Peitsche, wie eine Technische-Fortschrittspeitsche, und das merkt man. Das ist auch in der Literatur recht gut belegt, von früh an. Marx beispielsweise spricht von dem Zwangsgesetz der Konkurrenz, das die Einzelnen dazu zwinge, bei Strafe ihres Untergangs zu innovieren, technische Fortschritte zu realisieren. Und in ganz ähnlicher Weise äußert sich Smith, äußert sich Schumpeter, um da einige wichtige Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler zu nennen.  #00:05:13-7#

 

Who is driving technological change and social division of labour?

Ich beginne mit den Strukturen. Das eine sind ganz gewiss anreizkompatible Strukturen, wie wir Ökonomen sagen. Damit sind gemeint Gesetze, Regeln, Institutionen und so weiter, die offen sind für das Neue. Wenn sie das nicht haben, wenn sie ein Verbot haben, gewisse Dinge überhaupt einführen zu dürfen, dann ist das von großem Nachteil für das Neue. Das zweite ist: Sie brauchen ein Aus- und Weiterbildungsprogramm, dass das Neue auf einen fruchtbaren Boden fallen lässt oder eine Entsprechung in den Humankapitalien der Leute findet. Und wichtig ist ganz gewiss auch, dass bei technischen Fortschritten, die immer nicht nur Gewinner aufweisen, sondern auch Verlierer. Seit Alters her, dass heißt in der politischen Ökonomie im Grunde seit dem Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts werden diese Fragen diskutiert. Was sind die Mechanismen der Durchsetzung des Neuen? Was wir dort vorgelegt bekommen haben von Adam Smith und anderen sind im Wesentlichen folgende Überlegungen: Das eine ist, in einer Situation, in der Konkurrenz herrscht, gibt es Grund für die einzelne Firma zu innovieren, technische und organisatorische Fortschritte durchzuführen nur um sich dagegen zu wappnen, dass sie von anderen, die das tun, aus dem Markt geworfen wird. Wenn sie erfolgreich ein besseres Produktionsverfahren einführen, in dem Sinne, dass es ihnen die Stückkosten der Erzeugung eines gegebenen Produktes zu senken erlaubt, dann ist es völlig klar, dass sie auf dem Markt, wo sie den gleichen Preis erzielen wie die Konkurrentin, die schlechter produziert -kostenungünstiger, dass sie extra Gewinne machen, höhere Gewinne als die andere Firma. Wenn sie aus diesen höheren Gewinnen den gleichen Prozentsatz investieren um zu wachsen, dann sehen sie sehr schnell, dass die Firma die innoviert schneller wächst als die Andere. Über differenzielles Wachstum schleust sich sukzessive das Neue ein, es diffundiert im System und verdrängt relativ – nicht absolut – das Andere. Das ist ein Mechanismus. Einfach durch unterschiedliche Wachstumsraten der innovierenden Firma gegenüber den statischen Firmen. Der zweite Mechanismus, der eine Rolle spielt ist natürlich der der Imitation – der Nachahmung. Firmen die sehen, dass die Nachbarfirma größere Gewinne lukriert, weil sie eine neue Technologie einführt, werden versuchen, diese andere Firma, die Erfolgreiche, das Pionierunternehmen nachzuahmen. Das kann in verschiedener Art und Weise geschehen. Entweder durch Industriespionage. Das ist kein seltener Fall. Aber auch natürlich durch den Erwerb einer Lizenz das neue Verfahren anzuwenden und ähnliches mehr. In diesem Fall kommt es auch zur Einführung der neuen Technologien bei den Firmen, die selbst nicht die Pioniere waren. Nun ist auch klar, dass häufig Innovationen Kinderkrankheiten aufweisen, dass das erste Auto, das erzeugt worden ist, möglicherweise starke Mängel aufweist und der "Second Mover", wie wir sagen, den Vorteil erreicht. Deswegen werden wir häufig beobachten, dass die Pionierfirma, die, die die erste war, nach einer Zeit pleitegeht, weil sie mit einem Verfahren operiert, dass stark verbesserungsfähig ist. Aber was auch immer der Fall ist: Es wird durch die Konkurrenz ein Antrieb gegeben, um das Neue einzuschleusen, zu verbreitern und schließlich das Alte tendenziell zu verdrängen.  #00:09:18-8#

 

Which consequences will arise from technological change?

Der Mensch operiert seit geraumer Zeit mit Hilfsmitteln – mit produzierten Produktionsmitteln - die er, mehr oder weniger gut, kontrolliert hat. Seien es Ackerbaugeräte oder was auch immer. Der Wissenschaftler mit Rechnern, mit Computern schließlich und so weiter. Die nehmen Einfluss auf die Art und Weise wie wir arbeiten. Mit neuen Technologien ist es so, dass einige dieser Geräte tatsächlich von einer Qualität sind, dass sie Sie kontrollieren und nicht mehr Sie die Geräte. Das wird eine fundamental neue Situation herbeiführen. Natürlich: Die Produktivität des Einzelnen wird in vielen Bereichen sehr, sehr stark steigen. Das heißt, sie werden technologische Fortschritte erleben in Bereichen, die uns natürlich sehr wert sind. Denken sie nur an die Medizin, die Krankenvorsorge und dergleichen. Denken sie an die Behandlung in Krankenhäusern und ähnlichem mehr. Was man sagen kann ist, dass der jetzige technische Fortschritt charakterisiert ist durch eine Zusammenführung bis Verschmelzung von drei Sphären. Und das haben wir bisher nicht so kennengelernt. Das ist auf der einen Seite natürlich die physikalische Sphäre. Das ist auf der anderen Seite die biologische und es ist die digitale. Und sie haben eben diese cyberphysikalischen Systeme, wo Software und Hardware gekoppelt sind, kommunizieren miteinander. Sie können heute in der ganzen Welt verkaufen und kaufen, sie können Produktionsprozesse zerlegen, zerspalten und Einzelteile in Deutschland, andere in China produzieren lassen. Das hängt sehr eng zusammen mit dem Umstand, dass im Lauf der Zeit die Transportkosten sehr stark gesunken sind und von daher ein "Unbundling", eine "Entbündelung" der Wertschöpfungsketten erfolgt ist. Also sie bekommen im Grunde genommen eine Internationalisierung der Produktion und gegebenenfalls auch eine sehr sehr schnelle Veränderbarkeit der Produktion. Die Flexibilität wird zunehmen. Ganz gewiss kann man sagen, dass was dort langfristig passieren wird sehr davon abhängen wird, ob die Maschine ein Arbeitsmittel des Menschen bleibt und sozusagen Anhängsel des Menschen, oder umgekehrt der Mensch zum Anhängsel der Maschine. Und ich vermute, dass die Waagschale auf Dauer und im Durchschnitt in die letzte Richtung weist. Das heißt der Mensch wird seine Hoheit, seine Gestaltungsfähigkeit, vielfach - nicht überall, aber vielfach - einbüßen und wird nach dem Takt der Maschine operieren müssen. Das scheint mir der Fall zu sein, jedenfalls in jenen Berufen, wo das Wissen kodifizierbar ist, wo geringe Fähigkeiten benötigt werden, die leicht von Maschinen übernommen werden können. Man darf nicht vor der Tatsache die Augen verschließen, dass die künstliche Intelligenz immer stärker auch in einen Bereich der qualifizierten Arbeitskräfte hineingeht. Unter anderem deshalb, weil wir in letzter Zeit beobachten konnten, dass es zu einer Lohnspreizung gekommen ist. Die weniger qualifizierten Arbeitskräfte haben sogar Reallohn-Rücknahmen zu verzeichnen gehabt, während die sehr qualifizierten sehr stark steigende Einkommen aufgewiesen haben. Nun, wer Kostenminimierung betreibt, der wird sich möglicherweise den Kopf zerbrechen, ob er mit Maschinen nicht die sehr gut bezahlten Arbeitskräfte auch des unteren bis mittleren Managements ablösen kann. Das wir künstliche Intelligenz haben, das heißt Maschinen, die selbst im Stande sind zu lernen, und zwar zu lernen, während sie produzieren, und die niemals schlafen - und Sie sehen schon, wenn das der Fall ist, wenn sie Artificial Intelligence haben und wenn die sich weiter dramatisch entwickeln sollte, wie sie es getan hat, dann bekommen sie eine Situation, wo der Mensch, möglicherweise bis auf wenige Ausnahmen, überhaupt nicht mehr wettbewerbsfähig ist gegenüber Maschinen. Es kommt zu dem technologischen Singularitätspunkt. Das heißt, eine Situation, wo Maschinen, in jedweder Beziehung im Extremfall, in jedem Punkt, dem Menschen überlegen sind. Die neuen Technologien, von denen wir sprechen, bedienen sich auch neuer wirtschaftlicher Umsetzungsformen. Die Plattformwirtschaft. eBay, in China alibaba, aber auch natürlich facebook, google und so weiter. Und was sie dort haben ist, dass diese Plattformfirmen umso effektiver werden, je mehr Daten sie verarbeitet haben. Es ist eine Form des Datenkapitalismus, die man sich deutlich vor Augen führen sollte. Daten sind einerseits modernes Geld neben dem existenten Geld. Weil selbst, wenn sie es nicht merken, wenn sie im Internet surfen zahlen sie mit der Verfügbarkeit ihrer Daten. Die Firmen lernen. Diese Algorithmen, die Maschinen lernen von ihren Daten. Sie sind immer besser im Stande ihre Präferenzen abzugreifen. Sie wissen, wann sie gewisse Güter kaufen wollen, wann gegebenenfalls sie einen Krankheitsfall haben werden wegen implantierter Microchips und des Internets. Aber das heißt, dass die Firma, die einmal die Nase vorne hat, die die größte Menge an Daten verarbeitet hat, die wird kaum mehr einholbar sein. Das heißt sie wird zu einem gigantischen Monopol. Sie halten sich nicht an das Arbeitsrecht, das existente, an die Gewerbeordnung – sie sind footloose. Das heißt, sie siedeln sich an dort, wo die Steuern, die sie zu zahlen haben am niedrigsten sind. Diese großen Firmen zahlen zum Teil keine Steuern, machen riesige Gewinne und das ist eine Bedrohung im Grunde genommen auch der nationalen Souveränität und natürlich auch der Budgethoheit der einzelnen Regierungen. Denn wenn die Steuereinnahmen schwinden aber zugleich die Probleme, die erzeugt wurden über technologische Arbeitslosigkeit und ähnliches mehr, die der Staat zu bewältigen hat, dann sehen sie sofort:  Das Budgetdefizit wird einem aufgedrückt, ohne dass man etwas dafür kann. Durch die technologische Entwicklung. Ich glaub, was man sagen kann im Bezug auf die Arbeitnehmervertretung: Sie wird es schwer haben wegen der Erosion ihrer Basis. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad scheint abzunehmen und gerade bei diesen Cloudworkern, die sozusagen temporäre Jobs annehmen in der Gig-Economy ist der sehr gering. Das heißt, sie werden dort nicht mehr, gegebenenfalls auch aufgrund geringer Bezahlung, sich einen Gewerkschaftsbeitrag gar nicht mehr leisten können oder wollen. Das heißt, die Arbeitnehmervertretung ist in Schwierigkeiten. Aber auch die Firmen und ihre Vertretungen haben Schwierigkeiten. Wenn sie eine Firmenpopulation haben, wo nur noch einige wenige sehr, sehr Große sind, die im Grunde Macht haben über den Rest - Wen kümmert der Rest? Also der Rest müsste sich zusammen tun, auch im Sinne einer Kontrolle der ganz, ganz Großen, damit eine Vertretung der Firmen, der Unternehmungen allgemein in verschiedenen Branchen und so weiter überhaupt noch Platz greift. Das heißt, hier gibt es, glaube ich, einen Grund, dass sich in der Gesellschaft viele in der Tat diesen riesigen Monopolen nicht mehr länger bereit sind auszusetzen. Die Entwicklungen, die sich ergeben werden, werden sehr buntscheckig sein. Es gibt sozusagen lovely jobs, die man gerne unternimmt, wo man kreativ ist. Kreativität ist dann ein großes Asset, das in der Zukunft gebraucht werden wird, wo man auch kommunikationsfähig ist, wo man Kenntnisse hat über einen engen Bereich hinweg, denn das wird gefragt sein. Also, das gibt es, lovely jobs, Leute, die das sehr, sehr gerne mögen, die gerne vor ihrem Computer sitzen oder mit diesen Technologien operieren. Aber es gibt auch lousy jobs. Solche, die im Grunde genommen das Arbeitsvermögen reduzieren und einen zu einem billigen Handlanger machen. Was in dem Kontext zu erwähnen ist, ist, dass es zu einer Wiederkehr des Verlagssystems kommt. Das ist bereits der Fall. Das Verlagssystem war ja eine Angelegenheit, wo ein Unternehmer beispielsweise den Webern in Schlesien Baumwolle gegeben hat, die sie dann verwebt haben zu Hause mit ihren Handwebstühlen. Mit der Einführung neuer Webstühle sind die völlig ausgemustert worden. Was wir jetzt erleben ist eine um sich greifende Gig-Economy. Jobs, die an einem Tag oder an zwei Tagen erledigt werden können und dann verliert man den Job wieder. Also es ist gewissermaßen die Heraufkunft des digitalen Tagelöhnertums. Prekariat in größerem Umfang. Keine gewerkschaftliche Organisation, keine Sozialversicherung, keine Krankenversicherung und ähnliches mehr. Sie sind zurückgeworfen auf sich, sind Scheinselbstständiger oder -selbstständige. Ich glaube, dass längerfristig vor allem gewisse Tätigkeiten eingespart werden, die Arbeitsplätze selbst möglicherweise, zum Teil jedenfalls, erhaltbar sind. Wenn man sich bezüglich des Tätigkeitsprofils anpasst. Das verlangt widerum den Ausbildungssektor natürlich. Aber das es schon zu merklichen Einsparungen kommen kann. Das ist ein negativer Effekt, wenn man so will, der den positiven Effekt einer steigenden Gütermenge und einer billigeren Verfügbarkeit dieser Güter gegenübersteht. Aber es gibt natürlich viele, viele andere Effekte. Wenn, wie wir wissen, die neuen Technologien es ermöglichen das Monitoring von Menschen im Beruf aber auch jenseits des Berufs, die Überwachung viel, viel stärker zu gestalten, als es bisher der Fall ist, dann kann man sagen bedroht das individuelle Freiheitsrechte. Die Entwicklung in China, die ja im Grunde darauf aus ist, den Menschen von früh bis spät unter Kontrolle zu haben und dann auch zu beurteilen mit Bezug auf Verfügbarkeit von Reisen oder ähnlichem mehr, das ist, glaube ich, eine bedrohliche Angelegenheit. Kurzum: Der jetzige technische Fortschritt weist Charakteristika auf, die an Big Brother gemahnen. An einen Kontrollstaat, an einen Überwachungsstaat - und das ist eine riesige Gefahr, denke ich. Die sollte man nicht unterschätzen. Ich darf vielleicht bei dieser Gelegenheit hinweisen auf ein Werk eines wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreisträgers, Angus Deaton, der in den USA untersucht hat die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie auf verschiedene Bereiche der Wirtschaft. Insbesondere auf das Wohlempfinden weißer, im mittleren Alter befindlicher Amerikaner. Und was er festgestellt hat ist, dass dort sich eine große Eintrübung hat verzeichnen lassen, eine Verbitterung, ein Leiden unter den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. Die haben dazu geführt, dass die Obesität angestiegen ist, die Leute sind dicker geworden, der Drogenkonsum hat zugenommen, der Alkoholkonsum hat zugenommen, Familienzerwürfnisse sind in größerem Umfang zu verzeichnen gewesen und das hat geführt zu dem, was man dort nennt: Death of Dispair – Verzweiflungstod. Das heißt, mittlerweile sinkt unter anderem die Lebenserwartung, die ja lange Zeit durch den technischen Fortschritt mit gestiegen ist – das hat man als Positivum gewertet – sinkt sie vor dem Hintergrund neuerer Entwicklungen. Also die negativen Effekte sind gewaltig und es ist natürlich auch klar, dass in diesen Gruppierungen Trump und ähnliche Leute einen großen Rückhalt haben. Das heißt, der technische Fortschritt ändert nicht nur die Wirtschaftswelt, nicht nur die technische Welt, er ändert die Gesellschaft, er ändert die Kultur, er ändert die Politik. Also wir reden eigentlich von der Co-Evolution all dieser Systeme mit der Technik gewissermaßen als der Haupttriebkraft. Und diesbezüglich glaube ich, um ein Abdriften der Gesellschaft in popularistische Politiken zu verhindern, die dann häufig natürlich möglicherweise kriegerische Tendenzen aufweisen, ist dafür Sorge zu tragen, dass ein inklusives Programm gefahren wird. #00:23:21-2#

 

How are drivers and consequences of technological change connected?

Die Arbeitsteilung einerseits innerhalb von Firmen, zweitens zwischen Firmen in einer Region oder einem Land und drittens natürlich die internationale Arbeitsteilung.  Ich beginne mit Letzterer. Die internationale Arbeitsteilung, das kann man jetzt schon sagen, ist wegen des Prozesses des Unbundling, der Entbündelung der Wertschöpfungsketten massiv auf dem Vormarsch. Das heißt, es wird noch stärker als früher zu einer Globalisierung kommen, wo tatsächlich Arbeitsteilung zwischen Regionen und möglicherweise weit auseinanderliegenden Regionen, der Fall sein wird. Bei geringen Transportkosten ist es kein Problem, dass sie gewisse Vorprodukte aus China dann nach Europa bringen. Und wie sie wissen sind die Chinesen mit einer der ganz großen Innovationen beschäftigt: "One Belt, One Road" der neuen Seidenstraße. Also einer quer durch den ganzen eurasischen und europäischen Raum gezogenen Eisenbahn, andockend an gewissen Stellen, wo Erdöle und Erdgase in großem Umfang jüngst gefunden worden sind – wo also die Knappheit dieser Rohstoffe aktuell überhaupt kein Thema mehr ist – also das wird ein großes Thema sein. Die Globalisierung wird voranschreiten. Es sei denn es kommt zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zu einem neuen kalten Krieg. Das kann man aktuell nicht ausschließen. Dann natürlich die Arbeitsteilung innerhalb von Regionen innerhalb eines Landes. Auch das wird, denke ich, zunehmen. Sie werden insbesondere wissensbasierte und wissenserzeugende Zentren haben - noch stärker als früher – die relativ an Gewicht gewinnen werden zu Anderen und sie werden natürlich innerhalb von Firmen und zwischen Firmen auch eine sehr viel stärkere Arbeitsteilung bekommen nach Maßgabe des Qualifikationsprofils der Leute. Die Zunahme von Scheinselbstständigkeit, die Gig-Economy, das Verlagssystem, führt zu einer sehr starken Zersplitterung auf dem Arbeitsmarkt, zu Einzelkämpfern, die versuchen, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und im Allgemeinen, das ist zu befürchten, nicht sehr erfolgreich sein werden. Sie sind insofern anders, als der heutige technische Fortschritt Superstar-Firmen erzeugt, die im Grunde genommen nicht mehr gefährdet werden können. Wegen des endogenen Lernprozesses der Maschinen, der Algorithmen. Einmal die Schnauze vorne, sozusagen, immer die Schnauze vorne. Und das bedeutet, dass die nicht mehr bestreitbar sind in ihrer Monopolposition. Früher konnten sie das. Da hatten sie ein Monopol, aber sie konnten durch technische Neuerungen selber das Monopol gefährden. Das ist heute in weit geringerem Umfang der Fall. Früher hatten sie auch viel stärker den Fall der freien Konkurrenz, wo viele Firmen miteinander konkurriert haben, und wenn schon nicht national, so international. Aber heute haben sie ein Situation, wo jedenfalls auf bedeutenden Bereichen einige Firmen, fünf, sechs, sieben weltweit das Sagen haben. #00:26:55-8#

 

What measures can be taken to steer technological change?

Nun, wie kann man da herangehen? Es gibt schon wirtschaftspolitische Maßnahmen, um sie da und dort stärker zu kontrollieren. Eine ist beispielsweise, dass bei Plattformfirmen nicht mehr der Ort der Konzernzentrale der Steuerort ist. Sondern der Ort, wo das Geschäft getätigt wird. Wenn sie hier in Deutschland beispielsweise bei Amazon ein Buch kaufen, dann zahlen sie die deutsche Steuer und nicht die in Irland oder sonstwo. Das ist eine Möglichkeit. Eine zweite Möglichkeit ist, dass sie die in der Tat viel stärker besteuern, als es bisher der Fall ist. Was man heute sagen kann ist, dass es Freiheitsgefährder gibt, mächtiger noch als die meisten Nationalstaaten und das sind riesengroße Superstar-Firmen, Monopole, nicht kontrollierbar mit einer Machtfülle, wie wir sie bisher nicht gesehen haben. Das heißt, hier muss der Staat sozusagen seine alte Aufgabe der Sicherstellung individueller Freiheitsrechte aufs Neue wahrnehmen und das kann er nur, indem er diese Superstar-Firmen unter Kontrolle bekommt.

Informationen zum Video

Interview aufgenommen am 14.05.2018 in Graz

Interviewer: Thomas Leuchtenmüller

Kamera, Ton: Olaf Kuzniar

Team vor Ort: Robert Helmrich, Olaf Kuzniar, Thomas Leuchtenmüller, Michael Tiemann

Produktion: überRot GmbH

Der Inhalt steht unter der Creative Commons-Lizenz 4.0 International CC BY-NC-ND 4.0 (mehr dazu bei www.bibb.de/cc-lizenz).

Artificial Intelligence and Its Implications for Income Distribution and Unemployment

Korinek, Anton; Stiglitz, Joseph E. | In: Agrawal, Ajay K.; Gans, Joshua; Goldfarb, Anton. (Hrsg.): The Economics of Artificial Intelligence: An Agenda. Cambridge | 2019

(erscheint in Kürze)

Mortality and Morbidity in the 21st Century

Case, Anne; Deaton, Angus | In: Brookings Papers on Economic Activity, S. 397-476 | 2017

Culture of Growth: The Origins of the Modern Economy

Mokyr, Joel | Princeton, New Jersey | 2016

Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation

Autor, David H. | In: Journal of Economic Perspectives 29, S. 3–30 | 2015

General Purpose Technologies: Engines of Growth?

Bresnahan, Timothy; Trajtenberg, Manuel | In: Journal of Econometrics 65, S. 83-108 | 1995

Riding a new wave of innovations. A long-term view at the current process of creative destruction

Kurz, Heinz D. et al. | In: Wirtschaft und Gesellschaft 44, S. 545-583 | 2018

Technical progress and the diffusion of innovations: Classical and Schumpeterian perspectives

Kurz, Heinz D. | In: Frontiers of Economics in China 12, S. 418-449 | 2017

Theory of Production: A Long-Period Analysis

Kurz, Heinz D.; Salvadori, Neri | Cambridge | 1995

Chips und Jobs. Zu den Beschäftigungswirkungen des Einsatzes programmgesteuerter Arbeitsmittel

Kurz, Heinz D.; Kalmbach, Peter | Marburg | 1992