Ein Erfolgsmodell auf dem Prüfstand
Neuer Bericht zur Entwicklung der dualen Berufsausbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
22/2026 | Bonn, 30.06.2026
Die duale Berufsausbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt international als Erfolgsmodell. Ein aktualisierter Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) und 3s Research & Consulting in Österreich sowie dem Schweizerischen Observatorium für die Berufsbildung OBS EHB an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung EHB zeigt nun: Trotz vieler Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die Entwicklungen in den drei Ländern deutlich.
So ist in Deutschland die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich stärker zurückgegangen als in Österreich und der Schweiz. 2024 lag sie in Deutschland um 22,1 Prozentpunkte unter dem Wert von 2004. In Österreich fiel der Rückgang etwa halb so stark aus, während die Schweiz im selben Zeitraum einen leichten Anstieg um fünf Prozentpunkte verzeichnete. Auch der Anteil eines Altersjahrgangs, der eine duale Ausbildung beginnt, ist in Deutschland gesunken und lag 2024 bei 52,9 Prozent. In Österreich betrug die Quote 33,6 Prozent, in der Schweiz 75,6 Prozent.
Die Unterschiede hängen unter anderem mit der demografischen Entwicklung zusammen. Während die Zahl der 15-Jährigen in Deutschland im betrachteten Zeitraum um 19,4 Prozentpunkte zurückging, fiel der Rückgang in Österreich mit 9,8 Prozentpunkten moderater aus. In der Schweiz stieg die Zahl der 15-Jährigen dagegen um 3,6 Prozentpunkte. Hinzu kommen Unterschiede in den Bildungssystemen: In Deutschland münden viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz zunächst in das „Übergangssystem“ ein. Österreich dagegen verfügt über eine stärker ausgebaute rein schulische Berufsbildung, während die Schweiz durch besonders effiziente Übergänge von der Schule in die Ausbildung geprägt ist.
Auch beim Frauenanteil zeigen sich deutliche Unterschiede. In Deutschland sank der Anteil der Frauen unter den Ausbildungsanfängerinnen und -anfängern zwischen 2004 und 2024 um 5,3 Prozentpunkte auf 34,8 Prozent. In Österreich lag er 2024 bei 32,5 Prozent, in der Schweiz bei 41,3 Prozent. In beiden Nachbarländern blieb der Anteil im Vergleich zu 2004 weitgehend stabil. Der höhere Frauenanteil in der Schweiz ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Sozial- und Gesundheitsberufe dort stärker in das duale Ausbildungssystem integriert sind. In Deutschland erfolgt die Ausbildung in den Bereichen Gesundheit, Erziehung und Soziales überwiegend außerhalb des dualen Systems.
Ein weiterer Befund betrifft die zunehmende Internationalisierung der dualen Ausbildung. Der Anteil ausländischer Auszubildender ist in allen drei Ländern zwischen 2010 und 2024 deutlich gestiegen. In Deutschland erhöhte er sich um 7,3 Prozentpunkte auf 12,4 Prozent, in Österreich um neun Prozentpunkte auf 16,2 Prozent und in der Schweiz um 8,4 Prozentpunkte auf 24,8 Prozent. Die stärkere Einmündung junger Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in die duale Ausbildung leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Integration und kann zugleich helfen, Fachkräftelücken zu schließen.
Der jetzt vorliegende zweite Bericht ergänzt die erste Veröffentlichung aus dem Jahr 2024. Ziel des Forschungsprojekts ist es, eine regelmäßige, datenbasierte Beobachtung der dualen Berufsbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH-Region) zu etablieren. Dies ist anspruchsvoll, da Begrifflichkeiten, Definitionen, Klassifikationen und Messmethoden zwischen den Ländern variieren. Die Ergebnisse sind daher stets im jeweiligen institutionellen und demografischen Kontext zu interpretieren. Gerade darin liegt der Mehrwert des Monitorings: Es macht Entwicklungen länderübergreifend sichtbar und hilft, Unterschiede zwischen den dualen Ausbildungssystemen besser einzuordnen.
Weitere Informationen:
https://lit.bibb.de/vufind/Record/DS-785036
Kontakt:
Daniel Neff; neff@bibb.de
Jörg Markowitsch; markowitsch@3s.co.at
Prof. Dr. Lukas Graf; lukas.graf@ehb.swiss
Bei Abdruck Belegexemplar erbeten.