Hinsichtlich der Outputqualität gibt das Berufsbildungsgesetz mit der "beruflichen Handlungsfähigkeit" ein oberstes Qualitätsziel vor, aus dem im vorliegenden Modell ein umfassender Bildungsanspruch abgeleitet und über verschiedene Kriterien operationalisiert wurde (vgl. Übersicht 3). Demnach soll Ausbildung nicht nur die wichtigsten Inhalte und Arbeitstechniken des Berufes vermitteln, sondern beispielsweise auch zur Weiterbildung anregen und Interesse an politischen und wirtschaftlichen Fragen wecken. Diese umfassende Zielvorstellung wurde in Anlehnung an das Modell des Berufsausbildungserfolgs von JUNGKUNZ (1995) entwickelt.
Insgesamt musste bei der Auswahl der Kriterien darauf geachtet werden, dass sie über alle 15 untersuchten Berufe hinweg von den Auszubildenden beurteilt werden konnten. Somit sind weder Qualitätskriterien vertreten, die lediglich für einzelne Berufe wichtig sind, noch solche, die von den Auszubildenden nicht unmittelbar erfahren und somit bewertet werden können.
Input- und Prozessqualität
Im Folgenden wird die Ausrichtung und Gliederung des Modells im Bereich der Input- und Prozessqualität erläutert und begründet (vgl. Übersichten 1 und 2). Hierbei wird deutlich, welche Forderungen das Qualitätsmodell durch die Auswahl der Qualitätskriterien an eine "gute duale Ausbildung" stellt.
Bezogen auf die betrieblichen Ausbildungsbedingungen, die den Untersuchungsschwerpunkt bilden, beinhaltet das Qualitätsmodell vier Qualitätsbereiche:
Im Hinblick auf eine gute Organisation ist zu gewährleisten, dass die Abläufe der Ausbildung trotz des nicht immer vorhersehbaren Betriebsalltags geplant und eingehalten werden.04 Diese Planung darf allerdings nicht starr sein, sondern muss flexibel an die Kompetenzentwicklung und Lernbedürfnisse der Auszubildenden angepasst werden. Daher ist es wichtig, dass regelmäßig mündliche und schriftliche Rückmeldungen von den Auszubildenden zum Ausbildungsverlauf eingeholt werden (vgl. BRESS 2003).
Bezüglich der materiellen Bedingungen sollten Betriebe gewährleisten, dass die Räumlichkeiten für Auszubildende in einem guten Zustand sind und für die Ausbildung moderne Werkzeuge und technische Ausstattungen genutzt werden.05 Weiterhin wird auch die Bereitstellung von aktuellen Büchern, Lernmaterialien und -medien als qualitätsförderlich erachtet (vgl. FOGOLIN/ ZINKE 2005).
Der Qualitätsbereich Inhalte und Methoden ist sehr komplex und wurde daher nochmals in drei Unterbereiche aufgeteilt: Im Unterbereich Lernen im Arbeitsprozess geht es um die Frage, ob Auszubildende bereits mit Arbeitsanforderungen konfrontiert werden, die sie später als ausgebildete Fachkräfte erfüllen müssen. Hintergrund ist, dass ein zentraler Qualitätsvorteil dualer gegenüber rein schulischen Ausbildungen darin besteht, dass Auszubildende in der betrieblichen Ausbildung mit echten Kunden- und Arbeitsaufträgen betraut werden können. Geschieht dies, eignen sich Auszubildende nicht nur die Fachkompetenzen, sondern auch die Sozialkompetenzen an, die notwendig sind, um Aufgaben im komplexen Betriebsgeschehen bewältigen zu können (vgl. DEHNBOSTEL 2007).
Daher sollten Auszubildende möglichst in realen Geschäftsprozessen der Betriebe tätig sein und hier auch in vielseitige und komplexe Aufgaben eingebunden werden. Die ihnen übertragenen Arbeiten sollten sie eigenständig planen, durchführen und kontrollieren. Auch sollten sie lernen, sich fehlendes Wissen, das sie zur Bewältigung der Aufgaben benötigen, selbstständig über Bücher oder PC-Programme anzueignen.
Lernförderlich sind diese hohen Ansprüche allerdings nur, wenn gleichzeitig ein positives Lernklima im Betrieb herrscht. Die Auszubildenden müssen genügend Zeit haben, um Aufgaben ausprobieren und umsetzen zu können. Fehler, die bei den ersten Versuchen auftreten, müssen toleriert werden, um lernhemmende Angst zu vermeiden. Zudem ist es wichtig, dass die Auszubildenden sich gegenseitig unterstützen und das Gefühl haben, von den übrigen Beschäftigten respektvoll behandelt zu werden (vgl. FRACKMANN/TÄRRE 2009, S. 83-101).
Im Rahmen der BBiG-Novellierung wurde die Möglichkeit geschaffen, Auslandsaufenthalte in die Ausbildung zu integrieren (vgl. § 2 Abs. 3 BBiG). Weiterhin können Auszubildende bereits während der Ausbildung Zusatzqualifikationen erwerben, die über das eigentliche Ausbildungsberufsbild hinausgehen (vgl. http://www.ausbildungplus.de/). Im Unterbereich Zusatzangebote wird erhoben, inwiefern diese Auslandsaufenthalte und Zusatzqualifikationen in der Ausbildungspraxis bereits etabliert sind.
Dem Qualitätsbereich Eignung und Verhalten der Ausbilder/-innen kommt eine besondere Bedeutung zu. Dies zeigt sich auch daran, dass die 2003 ausgesetzte Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) im August 2009 in einer überarbeiteten Form wieder eingesetzt wird.06 In diesem Qualitätsbereich geht es einerseits um die Bewertung der fachlichen und der pädagogischen Eignung der betrieblichen Ausbilder/-innen. Eine gute Eignung kommt aber andererseits nur zum Tragen, wenn die Ausbilder/-innen im Arbeitsalltag tatsächlich präsent sind: So sollten die Auszubildenden durchgängig einen Ansprechpartner haben, der sich die Zeit nimmt, ihre Arbeitsergebnisse mit ihnen zu besprechen. Auch sollten die Ausbilder/-innen vor allem am Anfang der Ausbildung für die Arbeiten der Auszubildenden mit die Verantwortung tragen, damit diese sich nicht überfordert fühlen.
- Berufsschulischer Kontext
Der Ausbildungserfolg hängt auch wesentlich von einem gelungenen Zusammenspiel der dualen Partner ab. Da sich die Untersuchung der Input- und Prozessqualität jedoch hauptsächlich auf die betrieblichen Ausbildungsbedingungen beziehen sollte, konnten im Qualitätsmodell nur die wichtigsten Aspekte der schulischen Ausbildungsqualität berücksichtigt werden. Dies geschieht in den drei Qualitätsbereichen "materielle Bedingungen" (Werkzeuge, technische Ausstattung und Räumlichkeiten der Schulen), "Eignung und Präsenz der Lehrer/-innen" und "Lernklima" (hier das Klassenklima).07
- Kontext Kooperation der Lernorte
Die Dualität der Ausbildungen ist als gelungen einzuschätzen, wenn die Auszubildenden Betrieb und Berufsschule als Lernorte erleben, die gemeinsam Bedingungen schaffen, unter denen sie sich die komplexen Wissens- und Handlungsgebiete ihrer Berufe erschließen können (vgl. HOPPE/FREDE/MAHRIN 2005). Optimalerweise sollten berufsschulische Inhalte in den Betrieben angewendet und betriebliche Arbeiten in der Berufsschule theoretisch aufgearbeitet werden. Gestärkt werden kann dieser Zusammenhang, wenn Betriebe und Berufsschulen lernortübergreifende Projekte durchführen.
- Kontext zusätzliche jugendspezifische Aspekte
Die hier einbezogenen Kriterien thematisieren zum einen die Vereinbarkeit der Ausbildung mit den Freizeitinteressen der Jugendlichen. Zum anderen geht es um die Frage, wie die in der Ausbildung gezahlte Vergütung von den Jugendlichen empfunden wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Aspekte aus der Perspektive der Auszubildenden eine Bedeutung für die Ausbildungsqualität besitzen (vgl. BUSCHBECK/KREWERTH 2004).
Outputqualität
Abschließend soll auf die Outputqualität innerhalb des Qualitätsmodells eingegangen werden, die in Anlehnung an JUNG-KUNZ (1995) fünf Zieldimensionen umfasst. Am differenziertesten wurde bei der durchgeführten Umfrage die berufsbezogene Dimension erfasst (vgl. Übersicht 3). Demnach sollen in der Ausbildung alle wichtigen Inhalte und Arbeitstechniken des Berufes vermittelt werden, der Auszubildende nach der Ausbildung auch in anderen Betrieben oder Arbeitsgebieten des Berufs tätig sein können und die Grundlage für berufliche Selbstständigkeit geschaffen werden. Darüber hinaus sollen die Abschlussprüfung der Ausbildung und das Abschlusszeugnis der Berufsschule gut ausfallen, was als Indikator dafür angesehen werden kann, dass wichtige Aspekte der beruflichen Handlungsfähigkeit erreicht wurden.
Zusätzlich soll der Auszubildende nach der Ausbildung auch die betriebsspezifischen Anforderungen erfüllen können und vom Betrieb möglichst ein Übernahmeangebot erhalten (betriebsbezogene Dimension). Darüber hinaus soll bereits die Ausbildung das Interesse an kontinuierlicher Weiterbildung anregen (weiterbildungsbezogene Dimension), dazu befähigen selbstständig im Leben zurechtzukommen und dem Auszubildenden das Gefühl sozialer Integration vermitteln (persönlichkeitsbezogene Dimension). Schließlich sollte die Ausbildung auch Interesse an politischen und wirtschaftlichen Fragen wecken (gesellschaftsbezogene Dimension).
Bewertung der Qualitätskriterien im Fragebogen
Das vorgestellte Qualitätsmodell bildete die Basis für den in der Auszubildendenbefragung verwendeten Fragebogen. Anhand der Kriterien für die Input- und Prozessqualität bewerteten die Auszubildenden, wie stark die einzelnen Qualitätsaspekte in ihrer Ausbildung tatsächlich umgesetzt werden. Die Bewertungsskala umfasste sechs Stufen und reichte von "trifft in meiner Ausbildung sehr stark zu" (1) bis "trifft in meiner Ausbildung gar nicht zu" (6). Sie orientierte sich damit an den Schulnoten, einem den Jugendlichen vertrauten Beurteilungssystem. Im Hinblick auf die Outputqualität sollten die Auszubildenden einschätzen, für wie wahrscheinlich sie es hielten, dass die unterschiedlichen Ziele der Ausbildung in ihrer Ausbildung auch tatsächlich erreicht werden. Die Bewertungsskala war ebenfalls sechsstufig, von "wird wahrscheinlich völlig erreicht" (1) bis "wird wahrscheinlich gar nicht erreicht" (6).