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Lateinamerika-Allianz zu Gast beim BIBB

25.09.2026

Studienbesuch der Allianz für duale Ausbildung Lateinamerika und Karibik verbindet Einblicke in das deutsche Berufsbildungssystem mit internationalem Erfahrungsaustausch.

Der Studienbesuch steht vor dem BIBB Gebäude.

13 Berufsbildungsfachleute aus sieben lateinamerikanischen Ländern nahmen Mitte September an einem vom BIBB organisierten Studienbesuch teil. Es handelte sich dabei um Mitglieder der Allianz für duale Ausbildung in Lateinamerika und der Karibik, die das BIBB im Jahr 2021 mit initiiert hat und seitdem fachlich begleitet. Während der fünf Tage in Bonn und Umgebung standen zentrale Elemente der dualen Berufsbildung und die Frage im Mittelpunkt, welche Impulse sich daraus für unterschiedliche nationale Kontexte gewinnen lassen.

Lernen in beide Richtungen

Bei der offiziellen Begrüßung im BIBB stellte auch Präsidentin Dr. Sandra Garbade diesen Gedanken in den Mittelpunkt: Internationale Zusammenarbeit bedeute mehr als den Austausch von Informationen. Unterschiedliche Erfahrungen sollten zusammengeführt und für gemeinsames Lernen und den gegenseitigen Erfahrungsaustausch genutzt werden. Denn: „Sie sind nicht nur als Besucherinnen und Besucher hier, sondern auch als Expertinnen und Experten mit umfassender institutioneller und beruflicher Erfahrung. Unser fachlicher Austausch kann gute Lösungsansätze für ähnliche Herausforderungen in unseren Ländern unterstützen“, betonte Garbade.

Rebeca ParkerPräsidentin INCAF, El Salvador

"Die duale Berufsausbildung funktioniert, weil sie von einem umfassenden System getragen wird: Unternehmen, die Ausbildungsplätze bereitstellen, koordinierende Einrichtungen, Qualitätsstandards und klar definierte Zuständigkeiten. Durch den Studienbesuch konnte ich diese Struktur in der Praxis kennenlernen und habe verstanden, dass die Herausforderung für El Salvador nicht darin besteht, das deutsche Modell zu kopieren, sondern dessen Prinzipien so anzupassen, dass wir ein eigenes System aufbauen können."

Das duale System aus unterschiedlichen Perspektiven

Das Programm verband Besuche an verschiedenen Lernorten mit fachlichen Inputs von BIBB-Expertinnen und -Experten sowie gemeinsamen Reflexionsphasen. Die Teilnehmenden lernten zum einen die Grundstrukturen des deutschen dualen Systems und die Rolle des BIBB kennen. BIBB-Fachleute gaben vertiefende Informationen zu den Themen Entwicklung und Modernisierung von Ausbildungsordnungen, Finanzierung und Kosten-Nutzen-Analyse betrieblicher Ausbildung, Qualitätssicherung in der Berufsbildung, Ausbildungspersonal und der Plattform Leando sowie zu einem praxisorientierten Forschungsprojekt im Bereich Ausbildungsordnung und Klimaanpassung. Im Rahmen eines interregionalen Forums brachte das BIBB die lateinamerikanischen Gäste in den Austausch mit deutschen Berufsbildungsfachleuten. An fünf Thementischen diskutierten lateinamerikanische und deutsche Fachleute gemeinsam über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Berufsorientierung, die Beteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen an Ausbildung, Demokratie und Inklusion sowie Lernortkooperation.

Besichtigungen und Fachgespräche in zwei Unternehmen (SGL Carbon in Bonn und Bäckerei Welsch in Bad Honnef), einer Überbetrieblichen Ausbildungsstätte (Campus Handwerk der Handwerkskammer Köln) sowie einer Berufsschule (Robert-Wetzlar-Berufskolleg Bonn) sorgten für einen Abgleich zwischen systematischer Einordnung und gelebter Praxis.

Auch die Steuerung dualer Berufsbildung wurde aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Mit Thomas Giessler vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Joachim Lapp vom Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) diskutierten die Teilnehmenden, wie unterschiedliche Interessen bei der Gestaltung des deutschen Berufsbildungssystems ausgehandelt werden. Damit zeigte sich auch das Grundprinzip von Berufsbildungssystemen: Nicht allein die Existenz bestimmter Institutionen entscheidet über das Funktionieren dualer Berufsbildung, sondern das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft, Sozialpartnern, Bildungsinstitutionen und weiteren Akteuren.

Edgar OviedoGeschäftsführer INA, Costa Rica

„Es war eine intensive Woche voller wertvoller Informationen über das deutsche duale System. Ich kehre mit zahlreichen Ideen für dringende Verbesserungen an unserem derzeitigen dualen Modell nach Costa Rica zurück – mit dem guten Gefühl, dass wir auf die kollegiale und freundschaftliche Unterstützung des BIBB zählen können.“

Besonderes Interesse an der Rolle der Kammern

Auf besonderes Interesse stieß der Besuch bei der Handwerkskammer zu Köln und ihrem Bildungszentrum. Die Aufgaben der Kammern und die überbetriebliche Ausbildung machten anschaulich, wie Verantwortung, Qualitätssicherung und Unterstützung von Ausbildungsbetrieben im deutschen System institutionell organisiert werden.

Gerade dieser Besuch führte zu intensiven Vergleichen mit den Strukturen in Lateinamerika und der Karibik. Eine verpflichtende Kammerzugehörigkeit wie in Deutschland besteht in den vertretenen Ländern meist nicht. Gleichzeitig gibt es andere institutionelle Lösungen zur Finanzierung und Organisation beruflicher Bildung. So spielen beispielsweise in Brasilien beitragsfinanzierte Berufsbildungsinstitutionen eine wichtige Rolle – allerdings innerhalb eines sehr unterschiedlich ausgestalteten Berufsbildungssystems. 

Auch das Engagement der Unternehmen in Deutschland hat die Teilnehmenden sehr beeindruckt. Die Beteiligung an dualen Ausbildungsmodellen ist in Lateinamerika weit geringer als in Deutschland.

Vom Beobachten zum gemeinsamen Einordnen

Auch dem BIBB und der deutschen Berufsbildung tat der Experten-Blick von außen wieder einmal sehr gut. Auch wenn die Fragen nicht immer neu sind, im Austausch mit den Partnern findet immer auch eine kritische Reflexion statt. Einige der Fragen unserer Gäste: Funktioniert das mit der Durchlässigkeit? Warum ist der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) nicht verrechtlicht? Wie flexibel sind die deutschen Ausbildungen in puncto modulare Konzepte? Haben Jugendliche ausreichend Mitspracherecht? Entsprechend lebendig und auf Augenhöhe gestaltete sich der Austausch. Im Laufe der Woche entwickelte sich zunehmend eine gemeinsame Vergleichsperspektive: Nach dem Kennenlernen der verschiedenen Elemente des deutschen Systems konnten die Teilnehmenden miteinander diskutieren, welche Funktionen auch in ihren Ländern erfüllt werden müssen – und mit welchen zum Teil ganz anderen Lösungen dies dort geschieht.

Tische in U-Form, ca. 15 Personen sitzen an Tischen in U-Form.
Bei der offiziellen Begrüßung durch die Präsidentin des BIBB, Dr. Sandra Garbade
Personengruppe vor dem BIBB-Gebäude, ein Schild mit der Aufschrift „bibb“
Willkommen am BIBB! Gruppenfoto am ersten Tag mit der Präsidentin.
Besuchergruppe mit roten Westen und Helmen stehen vor jungem Mann mit schwarzem T-Shirt, der vor einer Maschine steht und der Gruppe etwas erklärt.
Besuch bei der SGL Carbon in Bonn-Mehlem: Ausbilder Michael Schreiner gibt Einblicke in die firmeneigene Lehrwerkstatt.
15 Personen in Warnwesten und mit Helmen stehen vor einer Werbewand mit der Aufschrift „sgl carbon“.
Gruppenbild bei SGL Carbon in Bonn-Mehlem, einem Unternehmen mit 800 Mitarbeitenden und 25 Auszubildenen. Hauptprodukte sind Anwendungen für die Halbleiter-, Solar-, und LED-Industrie sowie Pumpenbauteile und Lager für Autos.
Eine Frau und ein Mann sitzen an Laptops, der Mann macht erklärende Gesten
Alexander Graf (BIBB) erklärt Aufgaben, Rolle und Anforderungen an Ausbildungspersonal in Deutschland und stellt die Plattform „Leando“ vor.
Personengruppe vor Schulgebäude, Schild mit der Aufschrift Robert-Wetzlar-Berufskolleg der Stadt Bonn, UNESCO-Projekt-Schule
Besuch am Robert-Wetzlar-Berufskolleg. Hier wird unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Erziehung und Soziales sowie Gastronomie, Freizeit und Tourismus ausgebildet.
5 Personen stehen mit Handys um einen Tisch herum, vor ihnen sitzen zwei Schülerinnen mit einem Tablet.
Beim Besuch am Robert-Wetzlar-Berufskolleg in Bonn erwartete die lateinamerikanischen Gäste ein buntes Informationsprogramm, unter anderem ein digitales Quiz über die Schule.
Gruppenbild. In der Mitte halten zwei Personen einen Schal mit der Aufschrift „Costa Rica“
Gruppenbild mit angehenden Erzieherinnen und Erziehern, die am Robert-Wetzlar-Berufskolleg ihre Ausbildung machen.
Gruppe steht vor Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift „Campus Handwerk“
Besuch beim Campus Handwerk der Handwerkskammer Köln. Begleitet von Bastian Hermanns (Abteilungsleiter Handwerk International) lernt die Gruppe die überbetrieblichen Lehrwerkstätten für Bauberufe kennen.
Personengruppe in großer Halle mit Maschinen und Geräten
Im AusbildungsCampus findet die überbetriebliche Lehrunterweisung (ÜLU) der Handwerkskammer zu Köln statt. Diese Halle widmet sich der Holzverarbeitung.
Drei Frauen betrachten Auszubildende beim Legen eines Biberschwanzdachs.
Einblicke in die überbetriebliche Lehrunterweisung für Dachdeckerinnen und Dachdecker im AusbildungsCampus der HwK Köln.
Konferenzraum mit ca. 13 Personen, vorne sitzen zwei Männer vor einer PowerPoint-Präsentation.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Dialog: Thomas Giessler (DGB) und Joachim Lapp (KWB) geben Einblicke in ihre Arbeit, unter anderem im BIBB-Hauptausschuss.
Sitzkreis mit zehn Personen, im Hintergrund stehen Pinnwände mit vielen Grafiken und anderen ausgedruckten Folien.
Interregionaler Austausch: In fünf wechselnden Gruppen diskutierten lateinamerikanische und deutsche Fachleute gemeinsam über aktuelle Themen der Berufsbildung – hier moderiert Julia Olesen (BIBB) den Austausch zum Thema Lernortkooperation.
Sitzkreis mit zehn Personen, im Hintergrund stehen einem Plakat und einigen beschrifteten Metaplankarten.
Im Bereich Berufsorientierung gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber mindestens so viele Unterschiede zwischen Deutschland und den einzelnen Ländern in Lateinamerika zu entdecken.
Konferenzraum mit rund 15 Personen, vorne sitzt ein Mann vor einer Präsentation mit dem Titel „Costs and benefits of dual VET“.
Eine zentrale Frage der Teilnehmenden: Wie überzeugen wir Unternehmen, Ausbildungsplätze anzubieten? Dr. Felix Wenzelmann (BIBB) erläutert die Kosten und Nutzen betrieblicher Ausbildung in Deutschland.
Personengruppe vor einem Backofen, einige von ihnen halten Bäckereitüten in der Hand.
Im Familienbetrieb der Bäckerei Welsch in Bad Honnef stellten Fritz und Felix Welsch die Ausbildungspraxis eines mittelständischen Unternehmens vor.
Personengruppe auf Aussichtsterrasse. Im Hintergrund ein Fluss, Wälder und Siedlungen.
Zum Abschluss der fünftägigen Studienreise noch kurz den wunderschönen Blick auf Rhein und Siebengebirge genießen.