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Themenradar Duale Berufsausbildung

Initialbefragung zur Relevanz ausgewählter Themen der dualen Berufsausbildung mit dem BIBB-Expertenmonitor Berufliche Bildung

Foto: Fragebogen wird handschriftlich ausgefüllt
© Antonioguillem - fotolia.de

Um aktuelle und zukunftsträchtige Fragestellungen und Themen frühzeitig in ihrer Bedeutung einzustufen bzw. zu identifizieren und in bildungspolitische Entscheidungsprozesse einzubringen, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Berufsbildungsfachleute im Rahmen des BIBB-Expertenmonitors befragt. Dieses neue, umfragebasierte Instrument ermöglicht erste Einschätzungen zu zwölf ausgewählten Themen der dualen Berufsbildung. Künftig soll diese Befragung regelmäßig im Frühjahr eines Jahres durchgeführt und optional um eine Herbstbefragung ergänzt werden.

1 Neues Instrument: Themenradar Duale Berufsausbildung

Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist eng mit den Entwicklungen und Herausforderungen in Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft verknüpft. Das erfordert kontinuierliche Weiterentwicklungen – oft verbunden mit der Frage nach den dabei zu setzenden Prioritäten. Das BIBB sieht es daher als wichtige Aufgabe an, relevante Fragestellungen und Themen frühzeitig zu identifizieren, aufzugreifen und in bildungspolitische Diskussionen und Entscheidungsprozesse um eine zukunftsgerichtete Profilierung der dualen Berufsausbildung einzubringen.

In diesen Prozess will das BIBB gezielt die Perspektiven der unterschiedlichen Interessengruppen und Akteure des Berufsbildungssystems einfließen lassen, um ein möglichst tragfähiges Themenspektrum aufzudecken.

Zu diesem Zweck wurde ein neues, umfragebasiertes Instrument eingeführt: das Themenradar Duale Berufsausbildung. Die Initialbefragung fand im Frühjahr 2017 unter den rund 2.100 Berufsbildungsfachleuten des BIBB-Expertenmonitors Berufliche Bildung (kurz: BIBB-Expertenmonitor, siehe Methodenanhang) statt. Mit der Initialbefragung wurde das Themenradar als neuer Bestandteil des BIBB-Expertenmonitors lanciert, erste Einschätzungen zu ausgewählten Themen eingeholt und weitere wichtige Themen ermittelt.1

Künftig soll das Themenradar regelmäßig im Frühjahr eines Jahres durchgeführt und optional um eine Herbstbefragung ergänzt werden.

2 Erstes Themenradar Duale Berufsausbildung: Gegenstand und Struktur

Aktuell bewegen zahlreiche Themen die Diskussion über die Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung in Deutschland. Zwölf davon wurden für die Initialbefragung des Themenradars Duale Berufsausbildung aufgegriffen, die sich vier Themenfeldern zuordnen lassen (vgl. Übersicht 1). Auf die Struktur der dualen Berufsausbildung beziehen sich vier Themen, drei Themen greifen Flexibilisierungsansätze auf, zwei Themen richten sich auf die Gestaltung und drei Themen auf Querschnittsfragen der dualen Berufsausbildung.2

Ein Gutteil der Themen ist nicht gänzlich neu für die duale Berufsausbildung, einige haben sogar eine lange Tradition. Die Themen werfen aber im Kontext gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen immer wieder neue Fragen auf – und müssen damit ihrerseits fortlaufend hinsichtlich ihres Stellenwertes für die zukünftige Profilierung der dualen Berufsausbildung hinterfragt und neu verortet werden. Als Wegweiser hierfür wurden von den Berufsbildungsfachleuten des BIBB-Expertenmonitors zu jedem Thema zwei Beurteilungen (Doppelratings) eingeholt. Die eine Beurteilung bezog sich auf den Stellenwert, den das Thema nach Expertenmeinung in der Berufsbildungsdiskussion derzeit hat ("Ist-Komponente"). Die andere Beurteilung adressierte den Stellenwert, den das Thema relativ dazu haben sollte ("Soll-Komponente").

Der aktuelle Stellenwert eines Themas konnte auf einer fünfstufigen Skala mit "gering", "eher gering", "mittel", "eher hoch" oder "hoch" eingestuft werden. Für die Angabe des Stellenwertes, den ein Thema im Vergleich zum aktuellen Status quo haben sollte, stand ebenfalls eine fünfstufige Skala zur Verfügung. Sie reichte von "viel geringer" über die Ausprägungen "geringer", "gleich", "höher" bis zur Antwortmöglichkeit "viel höher". Zusätzlich wurde jeweils die Antwortmöglichkeit "weiß nicht" angeboten.

Im Anschluss an die Doppelratings hatten die Befragten die Möglichkeit, weitere Themen frei zu benennen, die aus ihrer Sicht für eine attraktive und zukunftssichere Weiterentwickllung der dualen Berufsausbildung von Bedeutung sind. Eine Frage zur generellen Zufriedenheit mit dem derzeitigen System der dualen Berufsausbildung bildete den Abschluss der Initialbefragung.

3 Erstes Themenradar Duale Berufsausbildung: Ergebnisse

Von den rund 2.100 im BIBB-Expertenmonitor registrierten Berufsbildungsfachleuten beteiligten sich 660 am ersten Themenradar Duale Berufsausbildung. Davon konnten 607 eindeutig einer Institution zugeordnet werden. Sie bilden bei der nachfolgenden Ergebnisdarstellung jeweils die Bezugsgröße (Prozentuierungsbasis) – und zwar sowohl im Hinblick auf die Einschätzungen zum aktuellen Stellenwert der einzelnen Themen in der Berufsbildungsdiskussion als auch in Bezug auf den Stellenwert, den die einzelnen Themen relativ zum Status quo haben sollten (Methodenanhang).

3.1 Struktur der dualen Berufsausbildung

Dynamiken in der Arbeitswelt erfordern strukturelle Weiterentwicklungen der dualen Berufsausbildung. In welche Richtung sollen diese Entwicklungen gehen? Braucht es in Zukunft stärker spezialisierte Ausbildungsberufe als bislang oder sind vorhandene Ausbildungsberufe zu bündeln? Ist es geboten, neue Ausbildungsberufe zu entwickeln, um aufkommende Wirtschaftssegmente für die duale Berufsausbildung zu erschließen? Und wie verhält es sich mit der Differenzierung der nicht akademischen Berufsbildung in Subsysteme? Die Antworten der Experten und Expertinnen auf diese Fragen fallen differenziert aus (Abbildung 2).

Vergleichsweise einig sind sich die Experten und Expertinnen über die Entwicklung neuer Ausbildungsberufe, die sich an Qualifikationsbedarfen und -anforderungen aufkommender Geschäftsfelder und Wertschöpfungsketten orientieren. Mehr als jede/-r zweite Befragungsteilnehmende stuft das Thema als eines ein, dass momentan (eher) hohe Beachtung im Zusammenhang mit der Zukunftsausrichtung der dualen Berufsausbildung findet. Gleichzeitig vertreten sechs von zehn Experten und Expertinnen die Ansicht, dass der derzeitige Stellenwert nicht ausreicht, der Entwicklung von Ausbildungsberufen, mit denen neue Geschäftsfelder für die duale Berufsausbildung erschlossen werden können, entsprechend (viel) höhere Beachtung geschenkt werden sollte. Umgekehrt sind nur recht wenige Experten und Expertinnen der Ansicht, dass sich die Frage, inwieweit solche Ausbildungsberufe zu schaffen sind, nur (eher) gering im Berufsbildungsdiskurs niederschlägt. Und noch etwas weniger kommen zu dem Schluss, dass diese Frage gegenüber ihrem derzeitigen Stellenwert herabgestuft werden sollte.

Nicht ganz so einheitlich, aber immer noch mit einer deutlich erkennbaren Tendenz in Richtung hoher Relevanz, sind die Positionen der Berufsbildungsfachleute zur Frage einer Bündelung bestehender Ausbildungsberufe zu übergreifenden Berufsbildern. Knapp die Hälfte der Befragungsteilnehmenden ist der Ansicht, dass diese Frage derzeit (eher) intensiv bearbeitet wird, ein weiteres Viertel stuft ihre Bearbeitung als moderat ein. Das übrige Viertel der Befragten nimmt die Themenbearbeitung hingegen als (eher) karg wahr. Geschlossener sind die Positionen zum Stellenwert, den die Bündelung von Ausbildungsberufen haben sollte. Gut jede/-r zweite Befragte spricht sich für eine (eher) stärkere Forcierung dieses Ansatzes aus, nur knapp jede/-r Fünfte plädiert dafür, der Zusammenlegung von Ausbildungsberufen weniger Gewicht zu geben.

Wesentlich durchmischter sind die Ansichten zur Entwicklung stärker spezialisierter Ausbildungsberufe. So ist ein Drittel der Befragten der Ansicht, diesem Sachverhalt komme derzeit (eher) hohe Aufmerksamkeit zu, ein weiteres Drittel stuft sie als moderat und das übrige Drittel als (eher) gering ein. Ähnlich heterogen sind auch die Meinungen dazu, wie Fragen stärker spezialisierter Berufsbilder im Berufsbildungsdiskurs verortet sein sollten. Hier ist zwar eine gewisse Tendenz dahin gehend zu erkennen, am Status quo entweder nicht zu rühren oder Aufmerksamkeit vom Thema abzuziehen. Es gibt aber auch eine gut ein Viertel der Befragungsteilnehmenden umfassende Gruppe, die dafür plädiert, dass weitere Spezialisierungen stärker als bislang Eingang in den Prozess einer zukunftsgerichteten Profilierung der dualen Berufsausbildung finden müssten.

Die Integration vollzeitschulischer und dualer Berufsbildungsgänge in ein gemeinsames Berufsbildungssystem stellt sich als dasjenige der vier aufgegriffenen strukturbezogenen Themen heraus, das die Berufsbildungsdebatte aus Expertensicht derzeit am wenigsten prägt. Mit gut vier von zehn Experten und Expertinnen ist die größte Gruppe der Befragten der Ansicht, dass diese grundlegend strukturverändernde Frage (eher) untergeordnet debattiert wird; jede/-r Vierte stuft den Stellenwert dieser Frage als moderat ein, jede/-r Dritte als (eher) beachtlich. Spiegelbildlich dazu verteilen sich die Ansichten über die der Angelegenheit eigentlich angemessene Relevanz. Vier von zehn Experten und Expertinnen halten es für geboten, die Zusammenführung der beiden berufsqualifizierenden (Teil-)System mit mehr Nachdruck als derzeit in der Berufsbildungsdiskussion einzubringen, ein Viertel der Berufsbildungsfachleute hält die Intensität, mit der hierauf bezogene Fragen momentan erörtert werden, für genau angemessen, ein Drittel für zu hoch.

3.2 Flexibilisierung in der dualen Berufsausbildung

In den letzten Jahren ist die Flexibilisierung der dualen Berufsausbildung deutlich vorangetrieben worden, um den Bedarfen von jungen Menschen und Betrieben Rechnung zu tragen. So ist mit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) im Jahr 2005 unter anderem die Teilzeitberufsausbildung rechtlich verankert worden.3 Dieses Modell steht derzeit in erster Linie jungen Elternteilen und jungen Menschen mit pflegebedürftigen Familienangehörigen offen, um ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Berufsausbildung zu ermöglichen (vgl. u.a. PUHLMANN 2015). Im Zuge der BBiG-Novellierung wurde ebenfalls die Möglichkeit neu in das Gesetz aufgenommen, dass Teile der Berufsausbildung im Ausland absolviert werden können4; dadurch soll vor allem der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft Rechnung getragen werden. Nicht zuletzt wurde mit der BBiG-Novellierung die Kooperation zwischen Betrieben bei der Durchführung der Ausbildung gestärkt5, indem sich der Fokus vom Ausgleich von Ausbildungsmängeln einzelner Ausbildungsbetriebe auf das Bergen der Potenziale betriebliche Ausbildungspartnerschaften für eine attraktive und qualitativ hochwertige Ausbildung verlagert hat (vgl. u. a. BAHL/EBBINGHAUS 2017).

Bei aller Unterschiedlichkeit haben die drei Flexibilisierungsansätze gemeinsam, dass sie in der Praxis bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen. Und welchen Stellenwert haben die Ansätze in der aktuellen Berufsbildungsdiskussion? In dieser Frage sind sich die befragten Berufsbildungsfachleute recht uneins (Abbildung 3). Zu jedem der drei Flexibilisierungsansätze wird die aktuell geführte Berufsbildungsdiskussion von annähernd gleich großen Befragtengruppen als (eher) intensiv, als moderat und als (eher) verhalten wahrgenommen.

Anders sieht es bei der Wertung des Status quo aus. Diesen stufen jeweils nur kleinere Gruppen der befragten Berufsbildungsfachleute als (eher) zu hoch ein, plädieren also dafür, dass die Themen weniger Raum als derzeit in der Berufsbildungsdiskussion einnehmen sollten. Die Mehrheit vertritt hingegen die gegenteilige Position, indem sie sich dafür ausspricht, die Potenziale der Flexibilisierungsansätze energischer als bislang für eine Profilstärkung der dualen Berufsausbildung zu nutzen.

3.3 Gestaltung der dualen Berufsausbildung

Die große Heterogenität der Auszubildenden – etwa in Bezug auf ihre Schulbildung oder ihren kulturellen Hintergrund – stellt hohe Anforderungen an das betriebliche Ausbildungspersonal. Diese Entwicklung hat zu verschiedenen Bestrebungen um eine stärkere Professionalisierung von Ausbildern, Ausbilderinnen und ausbildenden Fachkräften geführt, unter anderem in Form der Wiedereinsetzung und Novellierung der Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO; vgl. u.a. ULMER/GUTSCHOW 2013). In der betrieblichen Ausbildung brauchen Ausbildende aber nicht nur Qualifikationen, um ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nachzukommen, den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs zu sichern. Gefordert ist auch ihre Motivation. Diese wird oft dadurch auf die Probe gestellt, dass Ausbildungstätigkeiten in Betrieben wenig gesehen und anerkannt werden (vgl. u.a. BAHL 2011). Braucht es daher eine Stärkung der Position von Ausbildern, Ausbilderinnen und ausbildenden Fachkräften?

Das Votum der Experten und Expertinnen fällt hier sehr eindeutig aus. Zwar sind die Meinungen zum aktuellen Diskussionsstand um die Position des betrieblichen Ausbildungspersonals eher geteilt (Abbildung 4). Für ein Drittel der Befragten ist diese Frage derzeit im Berufsbildungsdiskurs (eher) gut vertreten, ein weiteres gutes Drittel sieht ihren Stellenwert als moderat an, das letzte knappe Drittel ist hingegen der Ansicht, dass die Stellung der in der Ausbildung engagierten Beschäftigten derzeit kaum eine Rolle unter den Zukunftsfragen der dualen Berufsausbildung spielt. Auffallend hoher Konsens besteht aber darüber, welche Aufmerksamkeit Belangen des betrieblichen Ausbildungspersonals zuteilwerden sollte. Vier von fünf Berufsbildungsfachleuten votieren dafür, ihnen einen (deutlich) prominenteren Platz auf der Berufsbildungsagenda zuzuweisen. Fast alle übrigen wollen den derzeitigen Status quo beibehalten. Nur vereinzelt finden sich Stimmen, dass die Frage zur Position des betrieblichen Ausbildungspersonals derzeit einen zu großen Raum im Berufsbildungsdiskurs einnimmt.

Die zweite den Gestaltungsaspekten zugeordnete Frage betrifft die Weiterentwicklung von Unterrichtsmodellen der berufsbildenden Schulen. Die stark rückläufigen Auszubildendenzahlen haben die Struktur der Berufsschullandschaft durch Schließungen und Zusammenlegungen von Schulstandorten verändert. In der Folge haben Auszubildende – je nach Region und Beruf – mitunter lange Anfahrtswege zur Berufsschule oder benötigen vor Ort Übernachtungsmöglichkeiten. Ist es damit an der Zeit, intensiver als bisher über onlinebasierten Berufsschulunterricht als eine Alternative zum Präsenzunterricht nachzudenken?

In dieser Frage besteht unter den Berufsbildungsfachleuten weniger Konsens. Zugleich verhalten sich die Beurteilungen zum derzeitigen und relativ dazu anzustrebenden Stellenwert der Entwicklung onlinegestützter Unterrichtsmodelle für die Berufsschule nahezu spiegelbildlich (Abbildung 4). So zählt das Thema nach Ansicht der Hälfte der Experten und Expertinnen derzeit zu den (eher) randständigen. Annähernd gleich viele beurteilen die Entwicklung solcher Modelle als eine Aufgabe, die im Vergleich zum Ist-Stand (viel) mehr ins Gewicht fallen sollte.

3.4 Querschnittsthemen zur dualen Berufsausbildung

Schließlich hat das Themenradar Duale Berufsausbildung mit der "Digitalisierung der Arbeit", der "Förderung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung" und der "Realisierung einer Ausbildungsgarantie für alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen" noch drei Querschnittsthemen mit unterschiedlich langer Tradition in den Blick genommen.

Die "Digitalisierung der Arbeit" stellt dabei nicht nur das jüngste, sondern auch das derzeit diskussionsintensivste Thema dar (Abbildung 5). Für drei Viertel der Befragten sind Fragen rund um die Digitalisierung derzeit in der Berufsbildungsdiskussion (sehr) präsent. Dass dasselbe auch auf die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sowie auf die Umsetzung einer Ausbildungsgarantie zutrifft, sagen mit einem Drittel bzw. einem Viertel deutlich weniger Berufsbildungsfachleute. Vielmehr ist die jeweils (knapp) größte Gruppe vom Gegenteil überzeugt, also davon, dass es sich um Themen handelt, die derzeit (eher) aus der Berufsbildungsdiskussion ausgeblendet werden.

Trotz der unterschiedlichen Einschätzungen des derzeitigen Stellenwertes der drei Querschnittsthemen im Diskurs um eine zukunftsfähige Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung fallen die Positionen dazu, ob und in welche Richtung sich etwas gegenüber dem Status quo verändern sollte, recht eindeutig aus. Alle drei Themen sollten nach Auffassung der Mehrheit der Experten und Expertinnen – die sich auf knapp bis gut zwei Drittel beläuft – (noch) entschiedener als bislang bei der Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung aufgegriffen werden. Die konträre Position vertreten mit Blick auf die Digitalisierung nur vereinzelte Experten und Expertinnen; in Bezug auf das Verhältnis von akademischer und beruflicher Bildung sowie die Realisierung einer Ausbildungsgarantie sprechen sich mit knapp einem Zehntel bzw. knapp einem Fünftel etwas größere Gruppen dafür aus, den derzeitigen Status quo der Diskussion herabzusetzen. Die übrigen Befragten halten es für angeraten, den bisherigen Stellenwert der Themen beizubehalten.

3.5 Gesamtbild – Präsenz und Tendenz

Zu welchem Gesamtbild fügen sich die Einschätzungen der Experten und Expertinnen zum Stellenwert, den die zwölf ausgewählten Themen in der Berufsbildungsdiskussion aktuell haben und im Vergleich dazu haben sollten? Oder anders gefragt: Wie sind die Themen aus Expertensicht zu gewichten, um die duale Berufsausbildung für die Zukunft zu stärken? Hinweise darauf liefern die in Abbildung 6 abgetragenen Kennwerte zur aktuellen Präsenz ("Ist") und gewünschten Tendenz ("Soll") der Themen.

Der Kennwert Präsenz ist die Differenz (der Saldo) des Prozentanteils der Experten und Expertinnen, die den aktuellen Stellenwert eines Themas in der Berufsbildungsdiskussion als (eher) hoch einschätzen, und dem Prozentanteil der Experten und Expertinnen, die den aktuellen Stellenwert als (eher) gering beurteilen ("Ist").

Analog ist der Kennwert Tendenz die Differenz (der Saldo) des Prozentanteils der Experten und Expertinnen, die für einen (viel) höheren Stellenwert eines Themas in der Berufsbildungsdiskussion plädieren, und dem Prozentanteil an Experten und Expertinnen, die sich für einen (viel) geringeren Stellenwert aussprechen ("Soll").

Der (mögliche) Wertebereich beider Kennwerte reicht von −100 bis +100.

Danach wird die Berufsbildungsdiskussion aus Expertensicht derzeit vor allem von Fragen dominiert, die sich aus der Digitalisierung der Arbeit ergeben. Diese Fragen scheinen so viel Aufmerksamkeit zu absorbieren, dass vielen anderen Themen derzeit allenfalls moderate Beachtung geschenkt wird oder werden kann. Dass hier veränderte Akzentuierungen erforderlich sind, um die duale Berufsausbildung umfassend für die Zukunft zu wappnen, verdeutlichen die Tendenzwerte. Die hohe Priorität, mit der die Herausforderungen und Chancen des digitalen Wandels für die duale Berufsausbildung zu durchleuchten sind, wird hierdurch zwar nicht auf den Prüfstand gestellt. Im Gegenteil: Aus Expertensicht wird hierauf – vermutlich forciert durch das enorme Tempo, mit dem die Digitalisierung voranschreitet – zukünftig eher noch mehr Augenmerk gelegt werden müssen (Abbildung 6). Daneben gilt es aber auch, andere Facetten der dualen Berufsausbildung zu stärken, und zwar den Befunden zufolge in erster Linie solche, die das Potenzial haben, die duale Berufsausbildung als "Marke" zu profilieren: auf der einen Seite durch die Weiterentwicklung beruflicher Strukturen in Richtung breit angelegter Berufsprofile, indem neue Berufe entlang von Wertschöpfungsketten entwickelt und bestehende Berufe zusammengeführt werden. Dass breit angelegte Berufsbilder nach Expertenmeinung den zukünftigen Kern des dualen Berufssystems bilden sollten, wird noch dadurch weiter unterstrichen, dass die Entwicklung stärker spezialisierter Ausbildungsberufe dasjenige der mit dem Radar ausgeloteten Themen ist, das am ehesten zurückgestellt werden sollte. Auf der anderen Seite durch eine Weiterentwicklung der betrieblichen Ausbildungsstrukturen, wozu ein Ausbau von Ausbildungsallianzen, in denen Betriebe ihre Ausbildungskompetenzen und -ressourcen strategisch bündeln, und mehr noch eine Aufwertung der Ausbilderrolle in Betrieben gehört.

Aus Expertensicht ist demnach die Schärfung und Akzentuierung der bestehenden Strukturen der dualen Berufsausbildung stärker als bislang voranzutreiben, um der dualen Berufsausbildung ein zukunftsfähiges Profil zu geben. Nuancierungen innerhalb der bestehenden Strukturen durch Auslandsaufenthalte und Teilzeitberufsausbildung sind dabei zwar auch nicht aus dem Blick zu verlieren, scheinen den grundlegenden Strukturfragen aber eher nachgeordnet zu sein.

Mehr ein "traditionell gesetztes" und weniger ein in der Diskussion um die zukünftige Ausrichtung der dualen Berufsausbildung forcierter zu verfolgendes Thema stellen Überlegungen zu umfangreicheren Strukturveränderungen, wie sie mit einer Zusammenführung vollzeitschulischer und dualer Berufsbildungsgänge zu einem Gesamtsystem einhergingen, dar.

Noch einmal anders zusammengefasst, scheint die Ausrichtung, die die Berufsbildungsdiskussion aus Expertensicht nehmen sollte, einer übergeordneten Frage zu folgen: Welche Strukturen braucht es auf Ordnungsebene und in der Folge auf Betriebsebene für eine duale Berufsausbildung 4.0?

So lässt sich die Präferenz für eine Entspezialisierung von Berufen damit in Zusammenhang bringen, dass die im Zuge der Digitalisierung voranschreitenden, weit über den einzelnen Arbeitsplatz hinausgehenden Vernetzungen zunehmend übergeordnete Kompetenzen erfordern, die auf größere Zusammenhänge ausgerichtet sind. Breit angelegte Berufsprofile bereiten aber gerade kleinen und mittleren Betrieben – und damit der großen Mehrheit der ausbildenden Betriebe – oft Probleme, sie vollständig in Eigenregie zu vermitteln; ein Umstand, der ihrer ohnehin verhaltenen Attraktivität bei Jugendlichen nicht zuträglich sein dürfte. Eine Lösung könnte hier in der Bündelung von Ressourcen bestehen; einerseits um die Marktposition von kleinen und mittleren Ausbildungsbetrieben zu stärken, anderseits um ihnen weiterhin eigene Ausbildung zu ermöglichen resp. ihre Ausbildungsbeteiligung aufrechtzuerhalten. Kooperationen in der Ausbildung erfordern allerdings auch Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse zwischen den Partnern – und damit "sichtbare" Ausbilder/-innen.

3.6 Weitere wichtige Themen

Aus Expertensicht sind noch eine Reihe weiterer Fragen und Aufgaben anzugehen, um die duale Berufsausbildung für die Zukunft zu wappnen. Das geht aus den von den Experten und Expertinnen selbst eingebrachten Themen hervor.

Die Experten und Expertinnen waren eingeladen, in einem Freitextfeld weitere Themen zu benennen, die aus ihrer Sicht für die Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung wichtig sind. Rund 12 Prozent der Befragungsteilnehmenden (n=85) machten von diesem Angebot Gebrauch.

Ein Teil der Nennungen nimmt Vertiefungen der zuvor zur Diskussion gestellten Themen vor. So wurde beispielsweise in Anknüpfung an das Querschnittsthema "Digitalisierung der Arbeit" die Berücksichtigung der damit einhergehenden Veränderungen und Anforderungen in bestimmten Berufsbereichen oder Wirtschaftssegmenten herausgestellt oder in Anknüpfung an die Frage einer "stärkeren Position des betrieblichen Ausbildungspersonals" eine Auseinandersetzung mit Rolle und Position von Berufsschule und Berufsschullehrenden eingebracht. Viele Angaben erweiterten aber auch das vordefinierte Themenspektrum. Verschiedene Nennungen setzten sich mit der Integration von bestimmten Zielgruppen (Frauen, Personen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung, Leistungsschwache etc.) auseinander. Weitere wiederholt vorgebrachte Themen betreffen unter anderem die Ausbildungsqualität, die Förderung von Lernortkooperationen, die Stärkung der Ausbildungsbereitschaft von Klein- und Mittelbetrieben sowie die Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung im Vergleich zu anderen Bildungswegen.

Insgesamt beziehen sich damit auch die von den Experten und Experten frei eingebrachten Themen vorrangig auf eine Strukturschärfung und Profilierung der dualen Berufsausbildung als "Marke".

3.7 Zufriedenheit mit dem System der dualen Berufsausbildung

Zum Abschluss der Befragung wurden die Experten und Expertinnen gebeten anzugeben, wie zufrieden sie insgesamt mit dem derzeitigen System der dualen Berufsausbildung sind. Das resultierende Bild ist eindeutig (Abbildung 7): Rund 94 Prozent der Befragungsteilnehmenden äußerten sich mit dem aktuellen System der dualen Berufsausbildung eher bis sehr zufrieden. Lediglich sechs Prozent der Experten und Expertinnen gaben an, eher unzufrieden oder unzufrieden zu sein. Der Extremwert der Negativskala (sehr unzufrieden) fand keine Verwendung.

4 Erstes Themenradar Duale Berufsausbildung: Fazit

Das erste Themenradar Duale Berufsausbildung wurde von den Berufsbildungsfachleuten des Expertenmonitors gut angenommen. Vertreter/-innen aller für die duale Berufsausbildung relevanten Interessengruppen, die im Expertenmonitor vertreten sind, haben Positionen und Perspektiven in das Radar eingespeist. Es ist folglich gelungen, mit dem Radar ein bewusst breit aufgestelltes Instrument einzuführen, um relevante Themen der dualen Berufsausbildung aufzuspüren.

Ebenso bewusst wurde in der Initialbefragung nur ein begrenztes Spektrum an Themen zur Diskussion gestellt. Gleichwohl konnten bereits auf dieser Basis Signale zu relevanten Schwerpunktsetzungen bei der Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung geortet werden.

Die hohe Bereitschaft der Befragungsteilnehmenden, selbst weitere wichtige Themen zu benennen, unterstreicht, dass die Sicherung der Zukunftsfähigkeit der dualen Berufsausbildung als gemeinsame Aufgabe verstanden wird. Gleichzeitig verdeutlicht die resultierende Themenbreite den hohen Anspruchsgehalt dieser Aufgabe.

Aus der Vielfalt der Nennungen gilt es nun, übergreifende Kernthemen zu extrahieren, in das nächste Themenradar einzuspeisen und von den Experten und Expertinnen hinsichtlich ihrer Wertigkeit für die zukünftige Profilschärfung der dualen Berufsausbildung verorten zu lassen.

Spannend wird es sein, künftig nicht nur das Spektrum relevanter Themen auszuloten, sondern die Experteneinschätzungen im Zeitvergleich zu betrachten – als Indikator für sich wandelnde Prioritätensetzungen und Messlatte für bereits Erreichtes.

  • 1

    Detailliertere Informationen zum Vorgehen finden sich im Methodenanhang.

  • 2

    An der Auswahl und Strukturierung der Themen waren Kollegen und Kolleginnen des BIBB und externe Kooperationspartner beteiligt.

  • 3

    Vgl. hierzu § 8 Abs. 1 sowie die Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung zur Abkürzung und Verlängerung der Ausbildungszeit/zur Teilzeitberufsausbildung (Empfehlung Nr. 129 vom 27. Juni 2008, abrufbar unter: https://www.bibb.de/dokumente/pdf/HA129.pdf) gemäß § 8 Abs. 3 BBiG

  • 4

    Vgl. hierzu § 2 Abs. 3 BBiG

  • 5

    Vgl. hierzu § 10 Abs.5 BBiG

Literatur

BAHL, Anke: Zwischen Baum und Borke: Dilemmata des betrieblichen Ausbildungspersonals an der Schwelle von Bildungs- und Beschäftigungssystem. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis Heft 6/2011, S.16–20

BAHL, Anke; EBBINGHAUS, Margit: Betriebliche Ausbildungspartnerschaften – Strukturen, Potenziale und Risiken für KMU. Abstract zum BIBB-Forschungsprojekt 2.2.308. Bonn 2017. URL: https://www2.bibb.de/bibbtools/tools/dapro/data/documents/pdf/ab_22308.pdf (letzter Abruf: 16.06.2017)

PUHLMANN, Angelika: Herausforderung Teilzeitberufsausbildung. Bestandsaufnahme und Einschätzung aus Sicht der Berufsbildung. In: Bundesarbeitsgemeinschaft evangelische Jugendsozialarbeit (Hrsg.): Teilzeitberufsausbildung – Fakten, Erfahrungsberichte und Best Practice. Themenheft 1/2015, S.15–18

ULMER, Philipp; GUTSCHOW, Katrin: Die novellierte Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) von 2009. Bielefeld 2013

Methodenanhang

M1 Befragungspanel und Befragungsteilnehmende

Das Themenradar Duale Berufsausbildung orientiert sich an der Methode der Panel-Befragung. Hierbei wird ein feststehender Kreis von Personen wiederholt zu denselben Themen befragt.

Grundlage des Themenradars Duale Berufsausbildung ist das Panel des BIBB-Expertenmonitors Berufliche Bildung (kurz BIBB-Expertenmonitor). Hierbei handelt es sich um ein 2004 eingerichtetes Online-Access-Panel, das sich aus Personen – Experten und Expertinnen – zusammensetzt, die sich in unterschiedlichen, für die berufliche Bildung relevanten institutionellen Kontexten professionell mit Berufsbildungsfragen befassen. Seit seiner Einrichtung wurde das Panel wiederholt aktualisiert und aufgefüllt, zuletzt im Herbst 2016. Hierbei wird jeweils eine Quotierung vorgenommen, um zu gewährleisten, dass die verschiedenen an der beruflichen Bildung mitwirkenden Akteursgruppen im Panel vertreten sind.

Zum Zeitpunkt des ersten Themenradars Duale Berufsausbildung bestand das Panel aus 2.143 Berufsbildungsfachleuten. Diese wurden mit Beginn der Feldphase per E-Mail zur Teilnahme eingeladen. 138 Experten und Expertinnen konnte die Einladung zur Teilnahme nicht zugestellt werden, weil die hinterlegte E-Mail-Adresse nicht mehr aktiv war. Von den damit rund 2.000 kontaktierten Berufsbildungsfachleuten konnten 660 auswertbare Rückläufe generiert werden. Die Zusammensetzung der Befragungsteilnehmenden nach institutioneller Zugehörigkeit entspricht weitgehend der Panelstruktur (Übersicht M1).

M2 Datenauswertung

Der institutionelle Ansatz, der dem BIBB-Expertenmonitor zugrunde liegt, findet auch bei der Auswertung der erhobenen Daten Anwendung. Das bedeutet, dass die einzelnen Institutionen bzw.institutionellen Gruppen (nicht Personen) mit gleichem Gewicht in die Ergebnisse eingehen. Die keiner institutionellen Gruppe eindeutig zuordenbaren Befragungsteilnehmenden bleiben dabei unberücksichtigt. Sie werden aber bei (an anderer Stelle vorgenommenen) Betrachtungen auf einzelinstitutioneller Ebene in den Blick genommen.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt in erster Linie deskriptiv über relative Häufigkeiten. Zur besseren Ergebnisdarstellung werden dabei die fünf Antwortmöglichkeiten, die den Befragten zur Auswahl standen, zu drei Kategorien zusammengefasst. Die auf die Ausweichkategorie "weiß nicht" entfallenden Antworten bleiben unberücksichtigt. Ihr Anteil variiert – bezogen auf alle Befragungsteilnehmenden – zwischen null und sechs Prozent.

Die aggregierten relativen Häufigkeiten bilden zugleich die Grundlage für die Berechnung und Darstellung der Kennwerte zur aktuellen Präsenz und zur gewünschten Tendenz der einzelnen Themen in der Diskussion um eine attraktive und zukunftsfähige duale Berufsausbildung. Sie entsprechen im Falle der Kennwerte zur aktuellen Präsenz den jeweiligen Salden zwischen dem Anteil an Antworten, die auf "(eher) hoch" und "(eher) gering" entfallen. Analog bilden die Kennwerte zur erwünschten Tendenz die Salden zwischen dem Anteil der Antworten, die auf "(viel) höher" und "(viel) geringer" entfallen.

Beispielberechnung Kennwert Präsenz

Den aktuellen Stellenwert, den ein Thema in der Berufsbildungsdiskussion hat, schätzen 35 Prozent der Befragten als (eher) hoch ein, 40 Prozent beurteilen ihn als mittel und 25 Prozent als (eher) gering. In die Saldierung gehen nun die auf (eher) hoch und (eher) gering entfallenden Antworten ein, indem von dem Prozentanteil der (Eher-)Hoch-Antworten der Prozentanteil der (Eher-)Gering-Antworten abgezogen wird (35%–25%). Es resultiert ein Saldowert von + zehn Prozentpunkten für die aktuelle Präsenz des Themas.