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Video-Interview Uwe Schimank

Society – Technology – People

Prof. Dr. Uwe Schimank, Bremen, präsentiert im Video eine systematische Analyse aus drei theoretischen Perspektiven. Kapitalismus, soziale Differenzierung und Ungleichheitstheorie stellt er dabei nebeneinander und unterstreicht ihre jeweiligen Besonderheiten. Seine kulturtheoretische Erklärung der Zusammenhänge kommt ohne die symbiotische Verflechtung von Mensch und Maschine aus, zeigt aber mögliche kulturelle Effekte von technologischen Entwicklungen. Damit beschreibt er auch eine andere Art von Polarisierung als Ergebnis von technologischer Entwicklung. Schimank forscht zur soziologischen Theorie der modernen Gesellschaft.

| BIBB

Society – Technology – People: Theory-Interviews on the relationship between societal and technological change

 

Interview with Prof. Dr. Uwe Schimank

This interview was filmed in Bremen on 11 July 2018. The interviewer was Michael Tiemann. It is part of a BIBB-research project on "Polarisierung von Tätigkeiten in der Wirtschaft 4.0 - Fachkräftequalifikationen und Fachkräftebedarf in der digitalisierten Arbeit von morgen“, funded by BMBF.

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Theorieinterviews

 

Where do we find sources for technological change and social division of labour?

Wenn man sich anschaut, wie Soziologie die moderne Gesellschaft betrachtet hat, dann gibt es natürlich eine große Vielfalt an Ansätzen. Bei genauerem Hinschauen lässt sich diese Vielfalt aber, ich würde sagen, auf dreieinhalb Perspektiven sozusagen reduzieren. Auf Theoriefamilien, die eine hinreichende Ähnlichkeit miteinander haben.  Das ist zum einen die Theorie gesellschaftlicher Differenzierung, das ist die Perspektive mit der ich mal angefangen habe und die mir immer noch am nächsten steht. Das ist zweitens, als eine Untertheorie, deswegen dreieinhalb, als eine Untertheorie dieser Theorie gesellschaftlicher Differenzierung, Kapitalismus-Theorie, also die Betrachtung der modernen Gesellschaft als einer kapitalistischen Gesellschaft. Drittens ist es natürlich die Ungleichheitstheorie, moderne Gesellschaften, wie alle Gesellschaften, sind auch durch charakteristische Formen von Ungleichheit gekennzeichnet. Und das Vierte ist eine kulturtheoretische Perspektive auf die moderne Gesellschaft. Aus jeder dieser Perspektiven stellt sich die Frage nach Treibern von technologischer Entwicklung durchaus anders dar. Aber nicht so, dass sie einander widersprechen, sondern dass sie einander in bestimmter Hinsicht ergänzen. Und wenn man dann ganz konkrete, technologische Entwicklungen anschaut, wird man oft ein Zusammenspiel von Faktoren, die, sagen wir, aus der Differenzierungstheorie kombiniert mit der Kulturtheorie oder der Ungleichheitstheorie wirken. Ich fang mal mit dem offensichtlichsten Kandidaten an, weil der insbesondere in der Wirtschaftswissenschaft und deren Betrachtung auch eine große Rolle gespielt hat, nämlich Kapitalismus. Heißt dann meistens Marktwirtschaft, weil Kapitalismus immer noch als Kampfbegriff, sozusagen gilt, aber das ist eher eine deutsche Eigentümlichkeit, im Angelsächsischen hat man keine Probleme von "capitalism" zu reden, auch wenn man kein Marxist ist. Und Kapitalismus heißt eine Wirtschaft, die profitorientiert ist und die im Grunde auf Wachstum basiert und dieses Wachstum durch neue Produktionstechnologien, durch neue Organisationsformen, durch neue Produkte, dieses Wachstum beruht in ganz erheblichem Maße auf technologischem Fortschritt. Man kann sagen, dass der Kapitalismus spätestens seit der industriellen Revolution eine immer stärker durchtechnisierte Gesellschaftsform und Wirtschaftsform ist. Die Treiber sind dabei zum einen die Bemühungen von Unternehmen, neue Produkte zu kreieren, bessere Produkte zu kreieren, um die Kunden gegenüber der Konkurrenz zu halten, oder auch die Bemühungen kostengünstiger zu arbeiten und dafür, sagen wir, die Fließbandtechnologie zu optimieren und ähnliches mehr. Das sind ja alles bekannte Sachverhalte und die sind auch richtig. Für ganz viele technologische Entwicklungen ist dieser Treiber, Kapitalismus, wichtig und kann auch gar nicht weggedacht werden. Es gibt aber durchaus technologische Entwicklungen, deren Ursprung und manchmal sogar deren Hauptnutzung gar nicht in der wirtschaftlichen Sphäre liegt, sondern um gleich mal einen dubiosen Treiber anzuführen, beim Militär. Ganz viele technische Entwicklungen haben militärischen Ursprung und gehen zurück darauf, dass man Militärtechnologie optimieren wollte. Und das heißt, da kommt eine ganz andere gesellschaftliche Sphäre ins Spiel. Militärtechnologie zum Beispiel kümmert sich meistens nicht um Kosten. Man will den Gegner besiegen, koste es was es wolle. Das heißt, Wirtschaft achtet sehr stark auf Effizienz und Effizienz ist ein wichtiger Treiber von technologischer Entwicklung dort. Militär achtet im Zweifelsfalle auf Effektivität also auf Zielerreichungsgrad, koste es was es wolle. Effizienz ist da nebensächlich und spielt keine Rolle. Und das heißt auch, dass die Art der Technologie, die aus primär militärischen Erwägungen konzipiert wird, von ganz anderer Beschaffenheit ist als die Art der Technologie, die aus wirtschaftlichen Erwägungen konzipiert wird. In dem einen Falle kostengünstig, in dem anderen Falle effektiv. Und wir wissen alle, dass dann natürlich die berühmten Spill-Overs passiert sind, von Technologien die ursprünglich mit militärischem Bezug entwickelt worden sind, die sich dann auch erwiesen haben als alltagstauglich bis in die Haushalte hinein und insofern stimmt an diesem alten, ich glaube griechischen, Spruch schon etwas, dass der Krieg die Mutter der Erfindungen ist. Wenn man aber auf Militär zu sprechen kommt, hat man implizit schon eine zweite gesellschaftstheoretische Perspektive angesprochen, nämlich die differenzierungstheoretische. Aus der Perspektive ist die moderne Gesellschaft ja ein Ensemble von ungefähr einem halben Dutzend eigenen Sphären, wovon Wirtschaft eine ist, in manchen Hinsichten eine gesellschaftlich dominierende, aber eben nicht die einzige und wo so etwas wie Militär, Politik, Recht, Bildung, Wissenschaft und noch ein paar andere Bereiche bis hin zu den Intim-Beziehungen, also dem was man früher einmal Familie genannt hat, Familie ist nur noch ein Spezialfall davon heute, bis hin dazu und man könnte jetzt jede dieser Sphären durchgehen und schauen wo könnten denn Antriebe für bestimmte technologische Entwicklungen sein, die, sagen wir, aus dem Bildungssystem kommen, oder aus dem Sportsystem kommen. Auch ein sehr interessanter Fall in der Hinsicht. Oder aus der Politik mit ihren großen Infrastrukturen, die sie betreibt, kommen. Und man würde überall, würde ich sagen, fündig werden. Die Tatsache, dass empfängnisverhütende Technologien primär ausgerichtet sind auf einen Zweck in der Sphäre Intimbeziehungen heißt natürlich nicht, dass diese Technologien dort entwickelt worden sind. Sie sind entwickelt worden von Pharmakonzernen und von der Wissenschaft, also in zwei anderen Sphären, die dann im Zusammenwirken ein Angebot gemacht haben, was sich im Teilbereich Intimbeziehungen dann als nützlich und verbreitet entpuppt hat. Das heißt, sehr viele technologische Entwicklungen gehen auch letztlich aus so einer differenzierungstheoretischen Perspektive auf ein Zusammenspiel mehrerer Sphären zurück und immer häufiger in der Tat in der modernen Gesellschaft ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft, oder Wissenschaft und Militär, und so weiter und so fort. Wissenschaft hat ja insofern eine besondere Rolle in diesem Ensemble, als die technologische Entwicklung – sagen wir seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - eine verwissenschaftlichte ist. Manche Leute denken ja, dass schon die industrielle Revolution eine durch Wissenschaft vorangebrachte Revolution ist. Das ist falsch. Die Leute, die die entscheidenden Dinge für Revolution entwickelt haben – also die Dampfmaschine und Ähnliches mehr – das waren Tüftler, das waren keine Wissenschaftler. Das waren Vor-Formen des Ingenieurwesens. Die kulturtheoretische Perspektive ist ebenfalls sehr interessant. Ich denke ja, dass die moderne Gesellschaft geprägt ist durch einen zentralen Leitwert in kultureller Hinsicht, nämlich durch den Leitwert des gestalteten Fortschritts. Die moderne Gesellschaft will sich verbessern. Morgen soll es sozusagen besser aussehen als heute und sie will das nicht einem Schicksal überlassen oder auf Gott hoffen, sondern sie will es selbst tun. Menschengemachter Fortschritt ist die Devise. Natürlich ist die Frage "Was ist denn eigentlich Fortschritt?" eine normative Frage und das heißt es gibt überall und beständig Kämpfe darüber, ob denn nun die Pille ein Fortschritt ist oder ob sie Tradition zerstört und so weiter und so fort. Aber man muss sehen, es gibt Leute, die bestimmte technologische Entwicklungen als einen Fortschritt ansehen und deswegen auf die Entwicklungen setzen. Und das heißt auch der Fortschrittsglaube ist ein ganz großer Treiber. Aber er hat in der modernen Gesellschaft im Grunde auch seinen Gegenpol, nämlich Technikangst, will ich es mal überspitzt nennen. Befürchtungen, dass bestimmte Technologien, die entwickelt werden, mehr Schaden anrichten – manchmal geradezu apokalyptischen Schaden in den Wahrnehmungen der Leute – anrichten können, sodass man besser nicht in diese Richtung ginge. Es gibt immer wieder auch bremsende kulturelle Momente. #00:09:52-1#

 

Who is driving technological change and social division of labour?

Es gibt ja drei Arten und Weisen, wie bestimmte Technologien entstanden sind. Das eine ist: Man hat ein konkretes Problem, was man besser lösen will, oder überhaupt lösen will und man überlegt in Bezug auf dieses Problem, was für eine technische Lösung könnte es da geben. Also etwa in Großbritannien, Beginn der industriellen Revolution, dass man in den Kohlegruben das Wasser abpumpen musste, damit man die Kohle dort weiter bergen konnte und tiefer gehen konnte. Das war eine sehr genaue Problemdiagnose, also was musste man erreichen, und früher oder später hat man dann mit Blick darauf technologische Lösungen gefunden. Das ist, wenn man so will, der direkteste Weg. Es gibt auch das andere Extrem, dass Technologien sich erst im Nachhinein im Bezug darauf anbieten, was sie lösen können. Das heißt, man hat erst eine Lösung, aber man hat noch gar kein Problem, wofür das eine Lösung ist. Und das ist charakteristischer für solche Technologien, die aus der Grundlagenforschung stammen. Grundlagenforschung hat ja erst einmal nicht unbedingt Anwendungsbezüge im Blick. Also das heißt, wenn ein Chemiker mit einem chemischen Grundlagenforschungsproblem sagen wir einen neuen Werkstoff entdeckt, dann können manchmal Jahrzehnte vergehen, bis irgendjemand merkt: Dieser Werkstoff ist doch bestens geeignet, um – sagen wir – künstliche Hüftgelenke besser zu gestalten als sie jetzt gestaltet sind. Und manchmal sind es große Zufälle, dass solche Blicke über den Horizont hinaus überhaupt stattfinden und dann vor allen Dingen auch das richtige sehen. Ein bisschen in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen ist die dritte Variante, die etwa beim Telefon stattgefunden hat. Auch das Telefon war ursprünglich die erste Variante, sprich man hatte relativ spezifische Probleme, die man lösen wollte. Man wollte die Telegrafie verbessern und zwar für erstens militärische Zwecke, zweitens Zwecke der Eisenbahn und drittens Zwecke der Börse. Das heißt, alle drei Bereiche wollten Nachrichtenübermittlung optimieren und dann, als man das Telefon hatte, geschah das auch. Womit niemand gerechnet hat ist, dass das Telefon über diese engen Bereiche – in denen es ja nach wie vor eine Rolle spielt – nach relativ kurzer Zeit ganz andere Nutzungen hatte, bis hin zur Nutzung im Privatbereich. Daran hatte nun überhaupt niemand gedacht. Also man hat das Telefon anfangs immer nur gesehen als etwas, was bestimmte Arbeitsvollzüge optimiert und verbessert. Dass man im Privatbereich über Entfernungen Verwandte sich miteinander austauschen, das war Jenseits des Horizonts derer, die als erste Telefone benutzt haben und die sie konzipiert haben. Das heißt, so eine Generalisierung der Nutzung, in manchen anderen Fällen gibt es sogar Verschiebungen der Nutzung, das heißt die Anfangsnutzung ist ausgestorben und stattdessen gibt es eine ganz andere Nutzung - das ist die dritte Möglichkeit. Und je nach dem, welche dieser drei Möglichkeiten da sind, gibt es auch andere Personengruppen, die das Ganze treiben. In dem ersten Fall ist es klar: Diejenigen, die das Problem haben schauen sich um danach, was könnte eine technische Lösung sein und dann sind es eventuelle technische Tüftler, die da auf eine bessere Lösung kommen. Im zweiten Fall ist der Grundlagenforscher überhaupt nicht an technischen Produkten interessiert und irgendjemand anderes muss auf die Idee kommen, dass das vielleicht etwas Nützliches sein könnte. Und im dritten Fall gibt es Anfangsbetreiber und Treiber, die aber nach einiger Zeit entweder ersetzt werden oder ergänzt werden durch noch ganz andere. Da kommen wir, wenn man so will, zu einem weiteren Mechanismus der in Fragen von technischen Dynamiken eine große Rolle spielt, nämlich Pfadabhängigkeiten. Wenn für die Lösung eines bestimmten Problems eine Technik sich etabliert hat, dann ist es manchmal sehr schwer, dass eine erfundene neue Technik, die eigentlich diese Problematik in bestimmten Hinsichten viel besser löst, dass diese neue Technik überhaupt eine Chance bekommt. Und das liegt an vielerlei Gründen. Das liegt daran, dass die Produzenten der alten, etablierten Technologie nicht umlernen können oder nicht umlernen wollen - sie müssten ja zum Beispiel auch die Qualifikationen ihrer Beschäftigten ganz neu gestalten und ähnliches mehr – und zum anderen kann es auch daran liegen, dass sich die Nutzer auch an die alte Technologie gewöhnt haben und gar nicht einsehen warum sie auf was Anderes umsteigen müssen.  #00:15:49-5#

 

Which consequences will arise from technological change? 

Also eine ganz wichtige Dynamik die dort stattgefunden hat und die auch von der Arbeitssoziologie vielfältig thematisiert wird, ist eine Entgrenzungsdynamik, zwischen Arbeit auf der einen Seite und Nichtarbeit auf der anderen Seite. Also ständige Erreichbarkeit auch in der Freizeit für betriebliche Belange ist etwas, was vor dem Existieren und der Verbreitung bestimmter Technologien, wie etwa einem Mobiltelefon, einfach nicht ging und deswegen haben die Arbeitgeber auch diese Methode und diesen Anspruch gar nicht gehabt, der ständigen Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter. Jetzt haben sie ihn und jetzt muss man versuchen normativ oder moralisch oder rechtlich etwas dagegen zu tun. Es gibt ja inzwischen schon Initiativen von Seiten einzelner Gewerkschaften oder Personalräten, da bestimmte Regelungen mit den Arbeitgebern auszuhandeln, aber das ist extrem zäh, weil die Arbeitgeber natürlich schnell gesehen haben, wie vorteilhaft das Ganze für sie ist. Also Entgrenzung ist eine der Dynamiken, die da stattgefunden hat. Eine Zweite ist, glaube ich, eine, die ein Stück weit ein gesellschaftliches Problem verfestigt oder noch verschärft, was wir auch vorher schon hatten nämlich, dass bestimmte, wenig qualifizierte Leute immer schwieriger überhaupt noch Arbeiten finden, wenn man von ganz einfachen Dienstleistungsfähigkeiten absieht. Und das heißt diese Ambivalenz die in dieser technischen Entwicklung, wie in jeder anderen auch, drin ist, könnte sich zuspitzen. Im Sinne von, wenn wir so große Fortschritte in der positiven Hinsicht haben wollen, dann müssen wir auch entsprechend hohe Risiken in der negativen Hinsicht in Kauf zu nehmen bereit sein und das heißt, die Polarisierung zwischen Anhängern und Verfechtern solcher Technologien und solcher Arten und Weisen des technischen Fortschritts und den Gegnern könnte noch härter werden. Hoffentlich nicht fundamentalistisch, so wie wir es ja in anderen Hinsichten heutzutage schon ansatzweise haben. Zum einen könnte man disruptive Technikentwicklungen dadurch erklären, dass bestimmte Potentiale weiterer technischer Entwicklungen, die in grundlagentheoretischer Forschung und deren Erkenntnissen liegen – wie wir vorhin schon mal angesprochen haben – lange Zeit nicht genutzt werden, weil die Grundlagenforscher an ganz anderen Aspekten ihrer Arbeit interessiert waren und dann plötzlich, durch welchen Zufall auch immer, einen Blick von außen, von ganz woanders her auf genau dieses Potential fällt und dann das Potential genutzt wird. Also disruptiv heißt ja, dass nicht das naheliegende als nächster Optimierungsschritt gemacht wird, also keine Politik der kleinen Schritte der Technikentwicklung, sondern, dass man gewissermaßen einen Sprung macht, ganz woanders neu einsetzt. Unter anderem kann man sich das, wie gesagt, differenzierungstheoretisch so klar machen: Weil die Grundlagenforschung, so wie sie ist, technologisch desinteressiert ist erstmal, wird sie immer wieder Dinge produzieren, bei denen sie selber gar nicht merkt wie die technisch nutzbar wären und wo andere dann von außen darauf blickend auf die Idee kommen. Also das ist eine Möglichkeit, wie man es sich vorstellen könnte. Eine zweite Möglichkeit ist eine, ich würde mal sagen, das könnte man das Großforschungsmodell von Technologieentwicklung denken und das erste große Beispiel dafür war ja das Manhattan-Projekt, also der Bau der Atombombe. Man hatte das grundlagentheoretische Wissen aus der Physik seit ungefähr zehn Jahren. Das heißt physikalisch sich das zu konzipieren war kein Problem mehr, aber ganz viele ingenieurtechnische Probleme und teilweise chemische Probleme waren ungelöst. Man stand unter sehr hohem Zeitdruck, um im Krieg einen entscheidenden Vorteil zu erlangen und man hat dann gesagt: "Jetzt werfen wir wirklich eine ganz große Anzahl von Spezialisten, die einander ergänzen, auf dieses technologische Problem, geben denen alles an Ressourcen, was sie brauchen, stellen sie von allen anderen Verpflichtungen und Ähnlichem frei und machen ihnen nur Zeitdruck.  #00:21:36-7#

 

How are drivers and consequences of technological change connected?

Die Ungleichheitsstrukturen unserer Gesellschaft sind in mindestens zwei Hinsichten, auch unter den Treibern von technologischer Entwicklung zu sehen. Zum einen, weil es bei ganz vielen Technologien etwas gegeben hat, was man auch bei Moden, also bei Kleidermoden zum Beispiel, gesehen hat: Den sogenannten Trickle-Down-Effekt. Das heißt also, die oberen Schichten konnten sich anfangs sehr teure Technologien – etwa für den Haushalt oder für die Freizeit – als Erste leisten und das hat Ansprüche hervorgerufen, die wiederum auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen auch eine Waschmaschine zum Beispiel zu haben, im Haushalt. Und diese Anspruchsartikulation wiederum war dann ein Impetus für die Wirtschaft zu überlegen "Wie kann man diese Technologie so preisgünstig machen, dass sie auch einen Massenmarkt bedienen kann und nicht mehr nur für eine kleine Gruppe da ist?". Das ist die eine Richtung, also von oben nach unten, haben sich viele Techniken massenhaft verbreitet und die Tatsache, dass das funktioniert, ist ein wirkmächtiger Impetus, sich auch um so etwas zu bemühen. Und die zweite Richtung ist in gewisser Weise, wenn man so will, technischer Fortschritt als Instrument der Pazifizierung von ansonsten Ungleichheitskämpfen. Es gibt von Niklas Luhmann eine schöne Formulierung, die ich leider schon lange suche und nicht wiedergefunden habe bisher, wo er sinngemäß gesagt hat, auf seine schnippische Art und Weise, wie er das manchmal getan hat: "Mit den Klassenkämpfen im neunzehnten Jahrhundert war es vorbei, als die Margarine erfunden wurde". Das heißt also, als ein preiswertes Nahrungsmittel als Substitution der edleren Butter, die sich die ärmeren Leute nicht leisten konnten, dafür gesorgt hat, dass der Lebensstandard und die Lebenschancen breiterer Bevölkerungsgruppen bedient wurden.  #00:24:07-2#

 

What measures can be taken to steer technological change?

Das Ganze ist ja, wenn man es als Akteurskonstellation betrachtet, enorm vielschichtig und vor allem auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Sie haben die Ebene der individuellen Nutzer, in dem Fall, wo es Alltagstechnologien sind und da ist eine massenhafte Konstellation von ganz vielen Nutzern – vielleicht auch von vielen Nicht-Nutzern, die man aber zu Nutzern machen will und so weiter da. Dann haben Sie die Ebene der Technikproduzenten also Firmen oder andere Organisationen und inklusive der Forschungseinrichtungen, die dahinterstehen. Und dann haben sie die Ebene staatlicher oder überstaatlicher Regulierung. Also das ist immer noch zu einfach gedacht, aber das ist eine Drei-Ebenen-Konstellation, wo man fragen muss: "Welche Möglichkeiten sind eigentlich auf der untersten Ebene zur Technikgestaltung gegeben?". Unmittelbare und intentional-zielführende sehe ich da kaum. Die Nutzer müssen im Grunde erstmal schauen, was wird ihnen angeboten. Das heißt, welche Gestaltungsüberlegungen und Gestaltungswirkungen kommen eigentlich auf den beiden Ebenen darüber zum Ausdruck. Wenn man so will, dann haben Nutzer – individuelle Nutzer – nur dann und in dem Maße Gestaltungsmöglichkeiten wie sie Techniken, ich sag’s mal, zweckentfremden können, wie sie bestimmte Technologien anders nutzen können, als die Gestalter es sich eigentlich vorgestellt haben. Und wir wissen aus der Technikgeschichte, dass das durchaus in erheblichem Maße da ist. Das heißt, das Gestaltungspotential auf der unteren Ebene, auf der Nutzerebene, auf der individuellen Nutzerebene, ist durchaus da, aber es ist, wenn man so will, ein subversives Gestaltungsmoment, nämlich Technologien anders zu nutzen als das eigentlich vorgesehen war. Auf der mittleren Ebene, wo die eigentliche Technikentwicklung stattfindet, haben natürlich vor allen Dingen diejenigen, die dann die Erkenntnis aus der Grundlagenforschung finden und dann für ihre Zwecke nutzen, das sind die eigentlichen Technikgestalter. Aber natürlich hängen sie davon ab, welche Gelegenheitsstrukturen, sagen wir die vorgelagerte Grundlagenforschung bietet, ob die sich hermetisch abschließt oder ob sie die Optionen und Gelegenheiten, die sie für Ihnen unbekannte technologische Entwicklung bietet, ob sie das offen darstellen. Und dann sind in der Tat die Gestaltungsakteure auf letztlich meistens auf Unternehmensseite diejenigen. Da weiß man aus Organisationsforschungen, dass es oftmals Spannungsverhältnisse gibt zwischen der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Unternehmen und den anderen Abteilungen, insbesondere den produzierenden Abteilungen oder auch dem Marketing, der Verkaufsabteilung. Spannungsverhältnisse, die da auf der Ebene nochmal die Pfadabhängigkeit oftmals zum Ausdruck bringen. Die Forschungs- und Entwicklungsleute wollen natürlich immer wieder was Neues machen und die anderen sind eigentlich eher zurückhaltend, weil jede Produktverbesserung, jede Veränderung von Produktionsabläufen sorgt dafür, dass eingespielte Routinen zunächst mal ins Wanken geraten und neu justiert werden müssen. Und das oftmals im Vollbetrieb und insofern gibt es durchaus auch in den Organisationen, die eigentlich als die Technikproduzenten gelten können, welche, die Treiber sind und welche, die eher Verzögerer sind. Beide haben ihre Gestaltungsmöglichkeiten und nutzen sie auch. Und dann gibt es letztlich die Ebene darüber, also der staatlichen und überstaatlichen, vor allem Technikregulierung. Auch da gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. Man kann bestimmte Techniken verbieten, oder bestimmte Nutzungen verbieten, oder einschränken. Man kann über Setzung von Anreizen dafür sorgen, dass bestimmte Technologien sich verbreiten oder erhalten bleiben und so weiter und so fort. Auch das wird ja alles genutzt. Wobei da, wie wir sehen, auch in vielen anderen Politikfeldern sehen, der Gestaltungsspielraum von Nationalstaaten schrumpft. Das heißt also, wenn bestimmte Technologien im Rest der Welt weit verbreitet sind, dann wird es immer schwieriger, das für den eigenen Nationalstaat durch Regierungen und Parlamente zu unterbinden oder in eine ganz andere Richtung zu lenken.

Informationen zum Video

Interview aufgenommen am 11.07.2018 in Bremen

Interviewer: Michael Tiemann

Kamera, Ton: Olaf Kuzniar

Team vor Ort: Olaf Kuzniar, Robert Helmrich, Michael Tiemann

Produktion: überRot GmbH

Der Inhalt steht unter der Creative Commons-Lizenz 4.0 International CC BY-NC-ND 4.0 (mehr dazu bei www.bibb.de/cc-lizenz).

Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen

Windolf, Paul | Wiesbaden | 2005

Subjekte als Grenzgänger der Organisationsgesellschaft?

Holtgrewe, Ursula | In: Jäger Wieland; Schimank, Uwe (Hrsg.): Studienbrief: Facetten der Organisationsgesellschaft. Hagen, S. 201-218 | 2002

Die Gesellschaft der Gesellschaft

Luhmann, Niklas | Frankfurt | 1997

Grundriss einer integrativen Theorie der modernen Gesellschaft

Schimank, Uwe | In: Zeitschrift für Theoretische Soziologie 2, S. 236-268 | 2015

Modernity as a functionally differentiated capitalist society: A general theoretical model

Schimank, Uwe | In: European Journal of Social Theory 18, S. 413-430 | 2015

Teilsystemevolutionen und Akteurstrategien: Die zwei Seiten struktureller Dynamiken moderner Gesellschaften

Schimank, Uwe | In: Soziale Systeme 1, S. 73-100 | 1995