Künstliche Intelligenz in der Berufsbildung: Praxisbeispiele aus Brasilien
15.10.2026
Wie kann künstliche Intelligenz (KI) die berufliche Bildung unterstützen? Beim vierten Webinar der Allianz für duale Ausbildung in Lateinamerika und der Karibik am 30. September 2026 stellten Fachleute aus Brasilien konkrete Anwendungen vor – von der KI-gestützten Curriculumentwicklung über die Unterstützung von Lernprozessen bis hin zur Berufsorientierung.
Zum Auftakt des Webinars stand ein kurzer Rückblick auf den Studienbesuch von 13 Berufsbildungsfachleuten aus sieben Mitgliedsinstitutionen der Allianz auf dem Programm, die vom 14. bis 18. September 2026 zu Gast beim BIBB in Bonn waren: Studienbesuch duale Ausbildung.
KI in der Berufsbildung: Von der Curriculumentwicklung bis zur Berufsorientierung
Im fachlichen Schwerpunkt des Webinars zeigten Vertreterinnen und Vertreter des brasilianischen Berufsbildungsdienstleisters (Serviço Nacional de Aprendizagem Industrial - SENAI) und des auf digitale Berufsorientierung spezialisierten Unternehmens Seren, wie KI bereits heute in unterschiedlichen Bereichen der Berufsbildung eingesetzt wird.
KI-gestützte Curriculumentwicklung und Lernprozesse
Die Moderatorin Germana Arcoverde (SENAI) stellte in ihrer Einführung verschiedene Ansätze zur Integration von KI in die Berufsbildung vor. So nutzt der SENAI KI-Anwendungen, um regulatorische Vorgaben, internationale Qualifikationsmodelle und Arbeitsmarktdaten bei der Entwicklung und Aktualisierung von Curricula systematisch zu berücksichtigen. Die Ergebnisse werden anschließend von technischen Ausschüssen mit Fachleuten aus der Industrie überprüft und validiert.
Weitere Einsatzfelder sind die Unterstützung von Lehrkräften bei der Unterrichtsplanung, KI-gestützte Simulationen und digitale Lernmaterialien. Ein Beispiel ist das „Notebook SENAI“, das Lernenden ermöglicht, über eine KI-basierte Dialogfunktion mit den Inhalten ihrer digitalen Lehrbücher zu arbeiten.
Nai: Ein KI-Assistent für die Berufsbildung
Giseli Almeida de Araujo (SENAI) präsentierte „Nai“ (Inteligência Artificial da Indústria), eine gemeinsam mit Google entwickelte KI-Anwendung, die Informationen, Dienstleistungen und Prozesse des SENAI besser miteinander verknüpfen soll. Ausgangspunkt war die Herausforderung, Informationen und Unterstützungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen wie Lernende, Lehrkräfte und Unternehmen zusammenzuführen. Nai soll den Zugang zu institutionellem Wissen erleichtern und eine stärker personalisierte Unterstützung ermöglichen.
Der digitale Assistent ist bereits in vier Anwendungen des SENAI integriert. Er unterstützt unter anderem Lehrkräfte bei der Unterrichtsplanung, Unternehmen bei Fragen zu Ausbildungsanforderungen und passenden Bildungsangeboten sowie Lernende bei der Berufsorientierung und Bewerbungsvorbereitung. Perspektivisch soll Nai auch Lernprozesse unmittelbar begleiten.
Seren: KI für eine fundierte Berufswahl
Einen anderen Ansatz stellte Vinícius Martins mit Seren vor, einem brasilianischen Unternehmen, das sich auf digitale Berufsorientierung spezialisiert hat. Ausgangspunkt ist die Herausforderung, junge Menschen bei einer fundierten Berufswahl zu unterstützen und die häufig bestehende Diskrepanz zwischen persönlichen Interessen, Bildungsentscheidungen und tatsächlichen Beschäftigungsperspektiven zu verringern.
Seren hat dafür ein umfassendes digitales Angebot entwickelt, das Online-Mentoring mit Einblicken in verschiedene Berufsfelder, spielerische Berufsorientierungstests und individuelle Informationsangebote verbindet. Seit 2024 kommt auch der eigens entwickelte generative KI-Assistent „SerenDeep“ zum Einsatz, der Jugendliche bei der beruflichen Orientierung unterstützt.
Künftig soll das Angebot um weitere KI-Anwendungen erweitert werden, darunter simulierte Bewerbungsgespräche mit virtuellen Gesprächspartnern, die individuelles Feedback geben. Geplant ist zudem eine stärkere Verknüpfung mit dem Arbeitsmarkt, um Jugendlichen den Zugang zu Ausbildungsplätzen, Praktika und Beschäftigungsmöglichkeiten zu erleichtern. Mit „Seren Pro“ erprobt das Unternehmen bereits gemeinsam mit dem SENAI ein Angebot speziell für technische Berufe und die berufliche Bildung.
Seren gehört zu fünf Start-ups, die 2025 im Rahmen eines gemeinsamen Wettbewerbs von SENAI und BIBB ausgewählt wurden und eine Förderung zur Erprobung ihrer Anwendungen in SENAI-Ausbildungszentren erhielten.
Diskussion: Übertragbarkeit und verantwortungsvoller KI-Einsatz
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die internationale Übertragbarkeit und den Zugang zu den vorgestellten KI-Anwendungen. Giseli Almeida de Araujo erläuterte, dass Nai von Beginn an mit Blick auf eine mögliche internationale Nutzung entwickelt worden sei. Künftig sollen weitere Sprachen integriert und die Anwendungen an regionale Besonderheiten angepasst werden. Vinícius Martins berichtete, dass Seren bereits in Portugal aktiv sei. Eine besondere Herausforderung bestehe darin, junge Menschen für freiwillige Berufsorientierungsangebote zu gewinnen und dabei mit der Attraktivität sozialer Medien zu konkurrieren.
Beide Referierenden zeigten sich offen für gemeinsame Pilotprojekte mit interessierten Institutionen. Almeida de Araujo empfahl, zunächst die konkreten Herausforderungen einer Institution zu identifizieren und KI gezielt als Werkzeug einzusetzen. Martins plädierte dafür, dass Bildungseinrichtungen bei der Entwicklung und verantwortungsvollen Nutzung von KI eine Vorreiterrolle übernehmen, statt die Gestaltung allein großen Technologieunternehmen zu überlassen.
KI als Bestandteil der Weiterentwicklung beruflicher Bildung
Zum Abschluss des Webinars betonte Germana Arcoverde (SENAI) die Bedeutung klarer Governance-Strukturen für die Umsetzung dualer Berufsbildung und stellte den Bezug zum Einsatz künstlicher Intelligenz her: Die Steuerung und Modernisierung von Bildungswegen und Curricula erfordere gut aufeinander abgestimmte Prozesse, in die KI zunehmend integriert werden müsse.
Dabei gelte es, die Auswirkungen von KI auf institutionelle Prozesse zu untersuchen, geeignete regulatorische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und die Anwendungen gemeinsam mit der Wirtschaft zu validieren – sowohl hinsichtlich der betrieblichen Prozesse als auch der pädagogischen Anforderungen der jeweiligen Branchen.
Die Allianz setzt ihren Austausch vom 10. bis 12. November 2026 mit einer internationalen Konferenz in Lima, Peru, fort.