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Beruflichkeit im digitalen Wandel zukunftsfähig gestalten

Sechste gemeinsame Jahresvorlesung Berufsbildungsforschung des BIBB mit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

10.06.2026

Drei Männer in Hemd und Anzug stehen vor einem blauen Banner mit dem Schriftzug 'bibb' in einem Raum mit Kronleuchter und großen Fenstern

Zahlreiche Teilnehmende aus Wissenschaft, Politik und Praxis folgten der Einladung zur sechsten gemeinsamen Jahresvorlesung Berufsbildungsforschung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Das Format hat sich als wichtiger Wissenschafts-Politik-Praxis-Dialog etabliert und bot auch in diesem Jahr Raum für den Austausch über zentrale Zukunftsfragen der beruflichen Bildung.

Prof. Dr. David Kaldewey vom Institut für Soziologie der Universität Bonn eröffnete die Veranstaltung und würdigte die langjährige Zusammenarbeit mit dem BIBB. BIBB-Forschungsdirektor Prof. Dr. Hubert Ertl betonte in seinem Grußwort ebenfalls die erfolgreiche Kooperation beider Institutionen und hob hervor, dass die Jahresvorlesung seit sechs Jahren unterschiedliche Perspektiven auf die berufliche Bildung zusammenbringt.

„Die Jahresvorlesung Berufsbildungsforschung zeigt seit sechs Jahren, wie wertvoll der kontinuierliche Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis für die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung ist.“

Prof. Dr. Hubert Ertl

Für die diesjährige Jahresvorlesung konnte Prof. Dr. Lars Windelband von der Technischen Universität Hamburg gewonnen werden. In seinem Vortrag „Wandel von Arbeit, Beruf und Lernen: berufswissenschaftliche Forschungsergebnisse“ zeigte er, wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), Nachhaltigkeit und Transformation die Bereiche Arbeit, Beruf und Lernen verändern – und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die berufliche Bildung ergeben.

Anhand von vier Studien aus den vergangenen zehn Jahren machte Prof. Windelband deutlich, wie tiefgreifend sich insbesondere gewerblich-technische Facharbeit wandelt. Industrie 4.0, datenbasierte Arbeitsprozesse, fachübergreifende Zusammenarbeit, Vernetzung und Datenanalyse prägen seit geraumer Zeit die berufliche Praxis. Für die Metall- und Elektroberufe (M+E-Berufe) ergebe sich daraus die Notwendigkeit, Berufsbildung stärker am konkreten Arbeitsprozess und an beruflichen Handlungsfeldern auszurichten: Einzelkompetenzen verschmelzen stärker zu übergreifenden, hier industriemechatronischen, Profilen, M+E-Berufe müssten als Kernberufe weitergedacht, Zusatzqualifikationen neu gedacht und Ausbilderinnen und Ausbilder für arbeitsprozessnahes Lernen gezielt qualifiziert werden.

Menschen stehen  an Stehtischen in einem prunkvollen Raum mit Kronleuchter und großen Fenstern

Auch das berufliche Lernen verändert sich: Digitale Technologien ermöglichen stärker individualisierte Lernprozesse, Online-Plattformen gewinnen an Bedeutung, Virtual Reality und Simulationen schaffen neue Lernumgebungen. Zugleich steigen die Anforderungen an das Bildungspersonal. Lebenslanges Lernen werde angesichts rasanter technologischer Entwicklungen nicht nur für Fachkräfte, sondern besonders auch für Lehrende sowie Ausbilderinnen und Ausbilder immer wichtiger.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf den Chancen und Herausforderungen der Nutzung von KI. Prof. Windelband verwies auf Potenziale wie flexible und individualisierte Lernprozesse, Entlastung im Berufsalltag und Hybride Intelligenz bei der Zusammenarbeit von Mensch und KI. Zugleich benannte er Risiken, etwa mögliche didaktische Rückschritte durch generative KI, Zeit- und Ressourcenmangel beim Bildungspersonal, KI-Anwendungen kritisch zu prüfen und didaktisch sinnvoll einzubinden sowie Unsicherheiten bei Ethik und Datenschutz.

Berufliche Lernfabriken stellte Prof. Windelband als wichtige Lernorte für Aus- und Weiterbildung heraus. Sie können Arbeitsabläufe realitätsnah simulieren und so berufliche Handlungskompetenz fördern, die Vernetzung unterschiedlicher Berufe stärken und aktuelle Industrietrends und technische Neuerungen in der beruflichen Bildung erlebbar machen. Bislang würden sie jedoch häufig nur partiell genutzt. Für ihren wirksamen Einsatz brauche es ausreichend Ressourcen, qualifiziertes Bildungspersonal und geeignete didaktische Konzepte, die die Lernfabriken mit dem schulischen und Ausbildungsalltag verbinden.

„Was brauchen wir als Orientierungsrahmen? Reicht das, was wir haben, aus? Haben wir ein bestimmtes Leitbild in der Berufsbildung? Aus den Erkenntnissen unserer Forschungen haben wir das Leitbild nachhaltige Kernberuflichkeit entwickelt, in dem Leitprinzipien wie Handlungsorientierung, Berufsbiografien, Resilienz und Effizienz aufgeführt werden.“

Prof. Dr. Lars Windelband

Im Fazit machte Prof. Windelband deutlich, dass Beruflichkeit sich wandeln müsse, um zukunftsfähig zu bleiben. Das Leitbild einer nachhaltigen Kernberuflichkeit liefere Orientierung für eine digitale und nachhaltige Arbeitswelt. Berufswissenschaftliche Forschung könne dafür empirische Grundlagen für Berufsprofile bereitstellen, neue Qualifikationsbedarfe frühzeitig sichtbar machen und einen Referenzrahmen für Beruflichkeit im digitalen Wandel schaffen.

In der anschließenden Diskussion griff Prof. Ertl unter anderem die Frage auf, ob KI mit der Zeit einen immer größeren Nutzen für die Berufsbildung entfalten werde. Prof. Windelband betonte, dass die Erfahrung der Fachkraft weiterhin unabdingbar bleibe. Maschinen könnten unterstützen, entscheidend sei jedoch das Zusammenspiel von Mensch und KI. Gerade die Komplexität beruflicher Arbeit angemessen abzubilden und berufsbildungsspezifische KI-Systeme entsprechend zu trainieren, bleibe anspruchsvoll.

Mit seinem Dank an den Referenten schloss Prof. Ertl die Veranstaltung und würdigte den Vortrag als anregenden und vielschichtigen Beitrag zu einer zentralen Zukunftsfrage der beruflichen Bildung.