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Ergebnisse der Studierendenbefragung zur Attraktivität der beruflichen Bildung - StAB

Im Zentrum der aktuellen Forschungskooperation zwischen dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und dem Department of Labour Economics der Maastricht University steht die Attraktivität der beruflichen Bildung aus dem Blickwinkel der Studierenden in Deutschland. Die Analysestichprobe der im September 2015 durchgeführten Erhebung an deutschen Hochschulen beläuft sich auf 12.143 Personen. Folgende Fragestellungen und deren Beantwortung waren Kernpunkte der umfangreichen Online-Befragung:

Kernfragen

  • Wie sieht es konkret mit der Wahrnehmung und Einschätzung der Studierenden und (potenziellen) Studienaussteigenden hinsichtlich des Images und der Attraktivität der beruflichen Bildung aus?
  • Wird durch die Förderung der Durchlässigkeit zwischen der hochschulischen und der beruflichen Bildung auch gleichzeitig die Attraktivität des Berufsbildungssystems erhöht? Welche konkreten Maßnahmen bräuchte es aus Sicht von Studierenden beziehungsweise Studienaussteigenden, um diesem Rechnung zu tragen?
  • Welche Rahmenbedingung erachten Studienzweifler für den Übergang in die duale Berufsausbildung als wichtig (z. B. gesonderte Berufsschulklassen)?
  • Welche Relevanz haben berufliche Weiterbildungsangebote auf den Niveaus 6 und 7 des DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen) als Anschlussformate nach einem Studium?

Anhand folgender acht Schwerpunkt-Themen werden die Ergebnisse der Befragung erläutert:

Image der dualen Berufsausbildung

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Hinsichtlich des Images der dualen Berufsausbildung insgesamt liefern die Ergebnisse ein optimistisches Bild: Die befragten Studierenden schreiben Personen, die eine duale Berufsausbildung absolviert haben, fast ausschließlich positiv konnotierte Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz und Geschick zu. Ausschließlich die finanzielle Situation von Absolventinnen und Absolventen einer dualen Berufsausbildung schätzen die Studierenden insgesamt eher durchschnittlich ein (Schaubild 1). Zusammenfassend und vereinfacht lässt sich also sagen, dass die Studierenden die berufliche Bildung auf einer Skala von 1 bis 5 mit einem Wert von 3,72 als über dem Mittel (Mittelwert = 3) positiv bewerten.

In einer weiteren Frage wurden die Studierenden nach ihrer Einschätzung zu spezifischen Berufen befragt. Hier zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen: Während beispielsweise einem/einer Fachinformatiker/-in ein hoher Grad an Bildung (ø 3,91 / 5) und Intelligenz (ø 4,15 / 5) zugeschrieben wird, assoziieren Studierende mit Friseurinnen und Friseuren (Bildung: ø 2,57 / 5 bzw. Intelligenz: ø 2,83 / 5) sowie Gebäudereinigerinnen und Gebäudereinigern (Bildung: ø 2,49 / 5 bzw. Intelligenz: ø 2,82 / 5) einen deutlich niedrigeren Grad dessen. Hingegen wird Friseurinnen und Friseuren ein hohes Maß an Geschick (ø 4,14 / 5) und Gebäudereinigerinnen und Gebäudereinigern ein hohes Maß an Fleiß (ø 3,89 / 5) zugeschrieben.

Insgesamt werden die dualen Berufe "Fachinformatiker/-in", "Medizinische/-r Fachangestellte/-r" und "Forstwirt/-in" am besten, die Berufe "Gebäudereiniger/-in", "Friseur/-in" und "Kaufmann/-frau im Einzelhandel" am schlechtesten von den Studierenden bewertet.

Erwartungen im Vergleich Ausbildungsabschluss - Hochschulabschluss

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Bei einem direkten Vergleich zwischen den Erwartungen, die an einen Ausbildungsabschluss und einen Hochschulabschluss geknüpft sind, schneidet die duale Berufsausbildung insbesondere in Bezug auf die Aspekte "gesellschaftliches Ansehen“ und  "Bezahlung“ mit 12 bzw. 25% deutlich schlechter ab als das Hochschulstudium mit 56 bzw. 51%. Auch bessere Aufstiegsmöglichkeiten werden mit einem Hochschulabschluss verbunden. Einzig hinsichtlich der Arbeitsplatzsicherheit sehen Studierende eher bei der Ausbildung (38%) einen Vorteil als bei einem Studium (21%), wobei ein Großteil (41%) gleiche Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz bei Ausbildungs- und Hochschulabschluss sieht (Schaubild 2).

Es konnte festgestellt werden, dass die individuelle Studienfachwahl erheblichen Einfluss auf die Einschätzung der Arbeitsplatzsicherheit hat. So rangiert die duale Ausbildung zwar in allen erfassten Fachrichtungen vor dem Studium, jedoch lässt sich das Ausmaß des Vorsprungs von teils "knapp“ (z. B. Informatik, Ingenieurwissenschaften) bis hin zu "ausgeprägt“ bezeichnen (z. B. Medien/ Kommunikation, Kunst/ Musik). Mit Blick auf diejenigen Befragten, die bereits eine duale Berufsausbildung absolviert haben, kehrt sich das zuvor genannte Verhältnis zwischen dualer Ausbildung (38%) und Studium (21%) um. Somit wirkt sich der erfahrungsbasierte Blick der Befragten negativ auf die berufliche Erwartungshaltung zur dualen Ausbildung aus. Im Resultat führt hier in der Kategorie Arbeitsplatzsicherheit das Studium mit 35% gegenüber der dualen Ausbildung mit 22%.

Bildungsverlauf

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Als besonders attraktiv für den eigenen Bildungsverlauf der Studierenden zeigt sich das duale Studium. Knapp ein Viertel der Befragten würde sich rückblickend eher für ein duales Studium als ein reguläres Hochschulstudium entscheiden. Für eine duale Ausbildung würden sich rückblickend nur insgesamt 11% entscheiden, wobei sich signifikante Unterschiede zwischen Befragten mit und ohne abgeschlossene Berufsausbildung ergeben (Tabelle 1).

Wege im Falle eines Studienabbruchs oder Studienfachwechsels

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Die als potenzielle Studienabbrechende identifizierten Studierenden wurden dazu befragt, welche Optionen im Falle eines vorzeitigen Abbruchs des aktuellen Studiengangs für Sie interessant wären. Hierbei wurden Studierende mit und Studierende ohne abgeschlossene Ausbildung separat befragt.

Von den Studierenden ohne abgeschlossene Ausbildung sieht mit 54% zwar ein Großteil ein anderes Studium als Option, dennoch sehen 28% ebenfalls eine duale Berufsausbildung als attraktive Alternative zum Studium (Schaubild 3). Interessant ist, dass 31% der Befragten zudem ein Interesse an einem dualen Studium zeigen. 12% der Befragten äußern darüber hinaus ein Interesse an einer beruflichen Fortbildung, wenngleich eine Zulassung zur geregelten Fortbildung bisher ohne Ausbildungsabschluss nicht vorgesehen ist. Insgesamt zeichnet sich bei den potenziellen Studienabbrechenden ohne abgeschlossene Ausbildung also durchaus ein Interesse an betrieblichen Bildungsgängen bzw. Bildungsgängen mit betrieblichen Anteilen ab.

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Für die potenziellen Studienabbrechenden mit einer abgeschlossenen Ausbildung zeigt sich ein etwas anderes Bild: Am ehesten sieht diese Gruppe ein Einmünden in den Arbeitsmarkt als Alternative – entweder in Form der Rückkehr in den erlernten Beruf (48%) oder einer anderen Vollzeit-Beschäftigung (33%) (Schaubild 4). Ein anderes Studium ist bei dieser Gruppe nur noch für 39% eine denkbare Option. Interesse besteht aber für knapp ein Drittel der Befragten an einer beruflichen Fortbildung und für ein Fünftel an einem dualen Studium. Eine andere duale Ausbildung können sich nur noch 13% der Befragten vorstellen.

Durchlässigkeit - Anrechnungsmöglichkeiten

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Die Annahme, dass durch die Förderung der Durchlässigkeit zwischen der hochschulischen und der beruflichen Bildung auch gleichzeitig die Attraktivität des Berufsbildungssystems erhöht wird, lässt sich zumindest in Teilen bejahen. Ein großer Teil der Durchlässigkeitsbemühungen umfasst die Schaffung von Anrechnungsmöglichkeiten von beruflich oder hochschulisch erbrachten Lernleistungen auf Bildungsgänge, wenngleich am Übergang von der Hochschule in die berufliche Aus- oder Fortbildung derzeit noch keine reellen Anrechnungsmechanismen implementiert werden konnten. Dass eine Schaffung von Anrechnungsmöglichkeiten hochschulisch erbrachter Lernleistungen in der dualen Berufsausbildung dringend erforderlich ist, um als Bildungsoption für (potenzielle) Studienaussteigende attraktiv zu sein, machen die Ergebnisse der Studierendenbefragung deutlich: Bei der Frage, welche Maßnahmen dazu beitragen könnten, sich eher für eine duale Ausbildung als Alternative zum Studium zu entscheiden, erzielten diejenigen Antworten, die Anrechnungsaspekte zum Inhalt hatten, die höchsten Werte. In Gruppe A gaben 81% der Befragten an, eine duale Ausbildung als Alternative zum Studium eher in Betracht zu ziehen, wenn die Ausbildungsdauer aufgrund einer Anrechnung hochschulisch erbrachter Leistungen verkürzt wäre (Schaubild 5).

Schaubild 6

In Gruppe B trafen ebenfalls 81% der Befragten eine solche Aussage über die Möglichkeit, sich hochschulisch erbrachte Lernleistungen auf die Ausbildungsabschlussprüfung anrechnen zu lassen (Schaubild 6).

Mögliche Anreize für Studienzweifler

Neben der Anrechnung bzw. einer verkürzten Ausbildung (sowie einer besseren Ausbildungsvergütung und anschließenden Verdienstmöglichkeiten, was über eine offene Fragestellung ermittelt werden konnte, in diesem Zusammenhang aber zunächst vernachlässigt werden soll) liegt ein weiterer bedeutsamer Aspekt für die Gruppe der Studienzweifler insbesondere in der Möglichkeit von Kennenlernpraktika. Rund 80% der Befragten geben an, dass ihnen die Entscheidung für eine Ausbildung leichter fallen würde, wenn sie den Betrieb bzw. das Unternehmen bereits im Vorfeld innerhalb eines bezahlten Praktikums (Gruppe B) kennenlernen könnten. Wird ein solches Praktikum ohne Vergütung in Aussicht gestellt, treffen immer noch 69% diese Aussage (Gruppe A).

Dem im Zuge aktueller Bemühungen um Integration von Studienaussteigenden diskutierten Ansatz der zielgruppenspezifischen Gestaltung des Berufsschulunterrichts hingegen wird von den Befragten laut Untersuchungsergebnissen das geringste Gewicht im Kontext der Attraktivitätsbewertung der dualen Ausbildung beigemessen, was anhand einer zusätzlichen Vignette-Frage noch deutlicher wird. Ob der Berufsschulunterricht in Blöcken oder an festen Wochentagen, in Klassen mit ähnlicher oder unterschiedlicher Vorbildung, unter Berücksichtigung von ausschließlich ausbildungsbezogenen oder auch allgemeinbildenden Inhalten stattfindet – eine Relevanz dessen bezüglich der Attraktivitätsbewertung durch die Befragten lässt sich nicht feststellen.

Fazit - Ausblick

Die erzielten Ergebnisse geben nicht nur Aufschluss über die Bewertung von Image und Attraktivität der beruflichen Bildung aus Sicht von Studierenden, sondern können einen neuen Antrieb für die bildungspolitische Debatte um die Gestaltung der beruflichen Bildung und die Förderung der Durchlässigkeit insbesondere am Übergang von der Hochschule in die berufliche Bildung liefern. Welche konkreten Maßnahmen sich daraus für die Akteure der beruflichen Bildung ergeben, soll in einem nächsten Schritt diskutiert werden.

Die Ergebnisse sind in der Reihe Wissenschaftliches Diskussionspapier (Heft-Nr.: 183) erschienen. Die Publikation ist kostenlos als PDF-Datei verfügbar. Weitere Informationen zur Publikation und die Downloaddatei finden Sie unter folgendem Link

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