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Einmal Hochschule und zurück

Ein einsamer Student schiebt sein Fahrrad über ein menschenleeres Campusgelände.
©VictorD/fotolia.com

Auch wenn die „Akademisierung der Arbeitswelt“ in Deutschland nicht zuletzt durch die Forderungen der OECD nach einer höheren Quote von Studierenden weiter voran schreitet, ist die Bundesrepublik durch ihr duales Ausbildungssystem gegenüber den meisten anderen OECD-Mitgliedsstaaten in einer Sonderposition: Hochqualifizierte Fachkräfte werden hier nicht nur in Hochschulen, sondern parallel dazu in der betrieblichen Berufsbildung ausgebildet.

2011 studierten in Deutschland 46 % eines Jahrgangs – der OECD-Schnitt lag jedoch bei 60 %. Die Besonderheit des dualen Ausbildungssystems sorgt aber dafür, dass Deutschland gleichzeitig über einen extrem hohen Anteil an Erwachsenen verfügt (86 %), die mindestens Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können. vgl. OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2013“ 

 

Die Unverzichtbarkeit dieser „funktionale[n] Balance zwischen akademischer und beruflicher Bildung“ betonte unlängst der Wissenschaftsrat in seinen „Empfehlungen zum Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung“:

"Für die zukünftige Versorgung der Gesellschaft mit Fachkräften erachtet der Wissenschaftsrat eine funktionale Balance zwischen beruflicher und akademischer Bildung als unverzichtbar. Die sich wandelnden Qualifikationsbedarfe und -anforderungen des Arbeitsmarktes erfordern zudem eine stärkere Verzahnung der beiden Bildungsbereiche. Um die gesellschaftlichen Fachkräftepotentiale
bestmöglich entwickeln zu können, muss das post-schulische Bildungssystem ein breites Spektrum unterschiedlicher Wege eröffnen. Den Individuen muss ermöglicht werden, die Entscheidungen über die Gestaltung ihres persönlichen Bildungswegs informiert und reflektiert sowie gemäß ihrer Fähigkeiten und Interessen zu treffen. Notwendig sind vielfältige Übergangsmöglichkeiten von der beruflichen in die akademische wie auch von der akademischen in die berufliche Bildung, die persönliche Entwicklungen und eine flexible Anpassung an neue berufliche Aufgaben oder Rahmenbedingungen erlauben. Über die Kombination beruflicher und akademischer Ausbildungsphasen lässt sich dabei ein breites Kompetenzprofil entwickeln, das Personen während ihres Berufslebens zur flexiblen Anpassung an neue Anforderungen befähigt und in besonderer
Weise geeignet ist, spezifische Qualifikationsbedarfe zu bedienen. Einen wichtigen Beitrag zur Deckung des Bedarfs an Fachkräften mit derartigem Kompetenzprofil werden zudem Ausbildungsformate zu leisten haben, die berufliche und wissenschaftliche Inhalte verbinden."

Wissenschaftsrat, Empfehlungen zum Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung - Erster Teil der Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften vor dem Hintergrund des demographischen Wandels (Drucksache 3818-14), April 2014, S.7


Zu- und Übergänge von der beruflichen in die hochschulische Bildung sind aktuell in Deutschland trotz einiger Projekte und Modellinitiativen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Vergleicht man den prozentualen Anteil der Studienanfänger/-innen ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) mit der Gesamtzahl der Studienanfänger/-innen über einen Zeitraum von fünf Jahren (2007-2012), so stellt man fest, dass sich die Quote zwar von 1,09 % auf 2,52 % , also um das 2,5-fache erhöht hat. Jedoch flacht die jährliche Steigerung immer mehr ab, von 2011 auf 2012 waren es nur knapp 10 %. Hinter den 2,52 % verbergen sich real 12.464 Personen, die im Jahre 2011 den Übergang von der beruflichen in die hochschulische Bildung wagten. Betrachtet man die Zahl der Absolventinnen und Absolventen dieser speziellen Gruppe ohne schulische HZB, so stimmt das Bild nicht gerade ermutigend, pendelt der Prozentsatz doch gerade mal zwischen 0,66 % (2007) und 0,84 % (2012); im Jahre 2012 gab es konkret 3.492 Hochschulabsolventinnen und -absolventen ohne klassische HZB.

Duong, S./Püttmann, V., Studieren ohne Abitur: Stillstand oder Fortentwicklung? Eine Analyse der aktuellen Rahmenbedingungen und Daten, Centrum für Hochschulentwicklung CHE, Arbeitspapier 177, Gütersloh 2014, S.14, Abb. 2: Quantitative Entwicklung beim Studium ohne Abitur und Fachhochschulreife in Deutschland (1997-2012); (Die Zahlen stammen aus Berechnungen des CHE auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamts.

 

Dabei steht außer Frage, dass sowohl das berufliche wie auch das hochschulische Bildungssystem über eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung verfügen. Dies belegen beispielsweise die recht hohen Zahlen von Studienanfängern mit bereits absolvierter Berufsausbildung. So verfügten im Wintersemester 2011/2012 insgesamt 17 Prozent der Studienanfänger/-innen über eine abgeschlossene betriebliche Berufsausbildung. Von den Studierenden an Fachhochschulen hatten bereits ein Drittel (32 %) bei Studienbeginn eine betriebliche Berufsausbildung absolviert, an den Universitäten betrug dieser Anteil 7 Prozent (Quelle: Datenreport 2013, Tab. A 4.6.3-4).

Der Weg in die Hochschule soll nicht als Einbahnstraße angelegt werden – auch die umgekehrte Richtung - aus der Hochschule in die berufliche Bildung - ist gangbar und sowohl für den einzelnen Betroffenen als auch arbeitsmarktpolitisch mehr als sinnvoll. Die Förderung der sogenannten „reziproken Durchlässigkeit“ durch die Integration von Studienabbrechenden in die berufliche Bildung ist durchaus erwünscht und wird Interessierten bereits mancherorts durch unterschiedliche Projekte im Zusammenschluss unterschiedlicher regionaler Stakeholder aus Politik, Wirtschaft und Bildung ermöglicht.

Projektbeispiele:


• Anrechnung von Kompetenzen auf Ausbildungsgänge SWITCH/Aachen (§8) – Fachinformatiker_in für Systemintegration oder Anwendungsentwicklung Industriekaufleute – mind. 2 Semester studiert – Ausbildung in 18 Monaten
• Ebenso Your turn/Berlin (§8 BBiG) – 18 Monate in den Berufsfeldern IT (Fachinformatiker Systemintegration) und Immobilienwirtschaft (Immobilien-Kauffrau) statt regulärer 36 Monate – mind. 2 Semester studiert, mind. 20 CP
• Externenprüfung - 1 Jahr berufsbegleitender Vorbereitungskurs - FINISH IT (Cyberforum Karlsruhe); Fachinformatiker/in- Anwendungsentwicklung; Fachinformatiker/in- Systemintegration 

 

Bisherige Integrationsprojekte für Studienabbrechende in die berufliche Bildung folgen insbesondere dem Strategieansatz „Anrechnung von Kompetenzen“ durch Nutzung der im BBiG enthaltenen Verkürzungsmöglichkeiten der geregelten Ausbildungsdauer (Grundlage Anrechnung beruflicher Vorbildung auf die Ausbildungszeit nach BBiG §7 und Verkürzung der Ausbildungszeit nach BBiG §8 auf 18 bis 24 Monate). Standards für spezifisch kompetenzorientierte Anrechnungsverfahren existieren derzeit jedoch weder innerhalb der Berufsbildung noch im BBiG.

Brücken bauen mit DQR Bridge 5                   

Durchlässigkeit an der Schnittstelle zwischen Berufsbildung und Hochschule wurde in der bildungspolitischen Diskussion bisher überwiegend als einseitige Übergangsbewegung in das Hochschulsystem betrachtet und diskutiert. Wenig beachtet und thematisiert wurden dagegen annähernde Angebote, die gleichermaßen die berufliche wie die hochschulische Bildung stärken. Die intensivierten Diskussionen und Reformaktivitäten zur Durchlässigkeit zwischen Berufsbildung und Hochschule und der Diskurs um die Ausgestaltung des EQR/DQR haben auch die Thematik der Verzahnung von Angeboten zwischen Berufsbildung und Hochschule begünstigt.
Das BIBB startete im Dezember 2013 – finanziert durch das BMBF – ein diese Thematik aufgreifendes Projekt mit dem Titel „Förderung von Durchlässigkeit zur Fachkräftegewinnung – Entwicklung von bereichsübergreifenden Bildungsmaßnahmen in der hochschulischen und beruflichen Bildung analog auf Niveau 5 des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR)“. Im Rahmen dieses Projektes sollen exemplarisch Maßnahmen einer curricularen Verzahnung von beruflicher und hochschulischer Bildung umgesetzt werden, die bildungsbereichsübergreifend, d.h. durchlässigkeitsfördernd in beide Richtungen – Hochschule und berufliche Bildung – wirksam sind. In zwei Teilprojekten werden durch berufliche Bildungsträger und Hochschulen Bildungsangebote entwickelt, die als Aufstiegsfortbildung auf der DQR-Stufe 5 und als Vorbereitung auf das Studium (mit Anrechnungsmöglichkeiten auf das Studium zum Bachelor) Gültigkeit haben. Durch (formale) Gültigkeit der erworbenen Kompetenzen in beiden Bereichen soll damit sowohl ein Übergang in das Studium von beruflich Qualifizierten als auch in die zweite Stufe der Aufstiegsfortbildung erleichtert werden.

Projektbeteiligte:

Teilprojekt 1: IT-Spezialist – IHK-Kammer Ulm
Projektpartner:
Industrie- und Handelskammer (IHK) Ulm, Hochschule Ulm, Technische Akademie Ulm

Teilprojekt 2: KFZ-Servicetechniker – HWK Münster / HWK Unterfranken
Projektpartner:
Handwerkskammer (HWK) Münster, Handwerkskammer Unterfranken, Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, Universität Münster, Hochschule Würzburg-Schweinfurt

Wissenschaftliche Begleitung:
Bundesinstitut für Berufsbildung, Abteilungen 3 und 4
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Karl Wilbers - Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung