KOMPLEX - Kriterien pflegerischer Komplexität

Kurzbeschreibung

Das Konzept der Komplexität spielt eine zentrale Rolle bei der Differenzierung pflegerischer Qualifikationsniveaus. In Normen und Empfehlungen zur Pflegebildung wird zwischen hochkomplexen, komplexen und nicht komplexen Pflegesituationen unterschieden, um unterschiedliche Qualifikationsstufen voneinander abzugrenzen. Trotz seiner breiten Verwendung ist das Konzept bislang nicht hinreichend operationalisiert. Im Projekt „KOMPLEX“ wird ein Kriterienkatalog entwickelt, der eine Differenzierung von Pflegesituationen nach ihrem Komplexitätsgrad ermöglicht. Die erarbeitete Definition sowie die entwickelte Kriterienliste tragen zur Konkretisierung von Bildungs- und Prüfungsanforderungen bei und unterstützen eine transparente und nachvollziehbare Bewertung pflegerischer Kompetenzen.

Projektlaufzeit: 07/2025 - 12/2027

Hintergrund

Mit der Pflegeberufereform 2020 hielt der Begriff „hochkomplex" Einzug in die Pflegeausbildung: Er grenzt die Ausbildungsziele der hochschulischen Pflegeausbildung von denen der beruflichen Pflegeausbildung ab.

Mit dem neuen Pflegefachassistenzgesetz (PflFAssG) kommt nun eine weitere Bezeichnung hinzu: nicht komplex. Das Ausbildungsziel ist als „selbstständige Durchführung von Pflegemaßnahmen in nicht komplexen Pflegesituationen" (§ 4 PflFAssG) beschrieben.
Damit ergeben sich für die Pflege drei Begriffe, für die eine einheitliche, gesetzlich verankerte Definition bislang fehlt.

Ziele im Überblick

Ziel des Projekts ist es,

  • die Bestimmungsfaktoren der Komplexität in der Pflege zu erschließen,
  • eine Verknüpfung von Qualifikationsanforderungen mit dem Komplexitätsgrad pflegerischer Tätigkeiten zu schaffen
  • die Bestimmung des dominierenden Komplexitätsgrades in einem pflegerischen Handlungsfeld zu ermöglichen 

im Kriterienkatalog neben den patientenbezogenen und pflegebezogenen Merkmalen auch versorgungsbezogenen Anforderungen zu berücksichtigen.  

Forschung und Vorgehen

Im ersten Projektschritt wurde die Literatur systematisch erschlossen. Im zweiten Arbeitspaket wurden auf Basis einer vorläufigen Systematisierung Experteninterviews mit Personen der Pflegepraxis zur Eignung der derzeitigen Komplexitätskriterien durchgeführt.

Darauf aufbauend erfolgt die Entwicklung von Fallvignetten, die einzelne Graduierungen von Komplexitätsanforderungen verdeutlichen. Die erfassten Merkmalsausprägungen von Komplexität werden in Workshops mit Lehrenden der beruflichen und hochschulischen Lehre, Praxisanleitenden, Pflegedienstleitungen und entscheidungstragenden Personen in realitätsnahe Fallbeschreibungen übertragen. Eine Evaluierung der Fallvignetten geschieht mittels Repertory-Grid-Technik. Die Anwendung des daraus entstandenen, konsensbasierten Kriterienkatalogs wird in unterschiedlichen pflegerischen Versorgungsbereichen, einschließlich seiner Anwendung in Prüfungen sowie in realen Pflegekontexten, erprobt.

Forschungsergebnisse im Überblick

Der Begriff der Komplexität ist schillernd und wird uneinheitlich definiert - sowohl im pflegerischen Alltag als auch in der Pflegewissenschaft. Pflegerische Komplexität kann nicht allein über die Anzahl medizinischer Diagnosen bestimmt werden. Denn auch das, was Pflegende in einer Versorgungsituation leisten müssen - interpretieren, abwägen, kommunizieren, entscheiden, Verantwortung übernehmen – beeinflusst die Komplexität.

Darüber hinaus vollzieht sich die pflegerische Versorgung einer Person immer in strukturellen organisationalen und situativen Rahmenbedingungen. Die Komplexität pflegerischer Versorgung lässt sich somit nicht auf einzelne Faktoren reduzieren, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel vielfältiger Variablen auf unterschiedlichen Ebenen.

Nach Funke (2003 und 2006) sind sechs Kennzeichen für komplexe Anforderungen auf die Pflege übertragbar:  Multivariabilität, Vernetztheit, Nichtlinearität, Polytelie, Intransparenz und Dynamik.

Definitionsmerkmale

1. Multivariabilität

  • Multimorbidität, mehrere pflegerische und medizinische Diagnosen
  • Kumulation schwerwiegender Pflegebedarfe
  • Kumulation gesundheitlicher Instabilitäten
  • Kumulation täglich auftretender sozialer Herausforderungen
  • Hohe Anzahl psychosozialer Problemlagen
  • Mehrere Bedarfsdimensionen (Körperpflege, Ernährung, Schmerzen, Mobilität usw.)
  • Beteiligung vieler Akteure/Netzwerkpartner (Familien, Professionen, Sektoren)

2. Vernetztheit der Variablen (Wechselwirkungen, Interdependenzen)

  • Mehrere sich beeinflussende Pflegeanlässe (intra- und interindividuell)
  • Sektoren- oder bereichsübergreifende Koordination
  • Wechselwirkungen zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren
  • Interaktionen jenseits der Dyade/Triade (Versorgungsnetzwerke)
  • Koordinationsbedarf aufgrund erschwerter Erreichbarkeit und Zugang zu Interventionen

3. Nichtlinearität (keine linearen Ursache-Wirkungs-Beziehungen)

  • Nicht standardisierbare oder unklare Verläufe
  • Notwendigkeit adaptiver Lösungsansätze
  • Unvorhersehbare oder nur begrenzt planbare Ergebnisse

4. Polytelie (Mehrzieligkeit / Zielkonflikte)

  • Divergierende Erwartungen (zu pflegende Person, Professionen, Akteure, soziales Netzwerk)
  • Konkurrierende fallbezogene Versorgungsziele (z. B. Sicherheit vs. Autonomie)
  • Ressourcenkonflikte (geringe Ressourcen, unterschiedliche Prioritäten)

5. Intransparenz (Informationsmangel, Unübersichtlichkeit)

  • Unklarheit der Problemlage und unklare Ursachen
  • Fehlende Verbalisierung der Situation und Bedürfnisse
  • Unzureichende Datenlage
  • Unzureichende Kommunikation im multiprofessionellen Team

6. Dynamik (zeitliche Veränderungen, Instabilität, akutes Risiko)

  • Hohe Vulnerabilität
  • Erhöhtes Risiko gesundheitlicher Verschlechterung
  • Instabile akute oder chronische Probleme
  • Hoher Zeitdruck bzw. verkürzte Behandlungszeiten
  • Wechselnde Problemlagen und -ursachen
  • Zeitgebundene Entscheidungen mit hoher Dringlichkeit

Der Fokus bei der Betrachtung einer komplexen Pflegesituation lässt sich unterscheiden zwischen patientenbezogenen, pflegebezogenen und versorgungsbezogenen Komplexitätsdimensionen. 

Daraus lässt sich für die Systematisierung ein zweidimensionales System (Abbildung 1) ableiten.

Abbildung 1

Zwischenfazit

Kernaussagen im Überblick

  1. Komplexität ist ein uneinheitlicher Begriff – sowohl im pflegerischen Alltag als auch in der Pflegewissenschaft.
  2. Für die Praxis braucht es eine klare Operationalisierung, denn ohne messbare Kriterien ist eine verlässliche und steuerbare Zuweisung von Anforderungen und Ausbildungszielen nicht möglich.
  3. Pflegerische Komplexitätskriterien lassen sich auf zwei Dimensionen einordnen: 1) Fokus (Fall, Pflegende, Kontext) und 2) Komplexitätsindikatoren (Multivariabilität, Vernetztheit, Nichtlinearität, Mehrzieligkeit, Intransparenz und Dynamik)
  4. Pflegerische Komplexität kann nicht allein über die Anzahl medizinischer Diagnosen bestimmt werden.
  5. Komplexität ist ein Situationsphänomen, kein Fallmerkmal.
  6. Kein Instrument kann Pflege in ihrer Gesamtheit abbilden – jede Messung ist damit auch eine Vereinfachung.

 

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