Zukunftsforschung für den brasilianischen Arbeitsmarkt
15.04.2026
Der brasilianische Bildungsanbieter SENAI nutzt Zukunftsstudien, um sicherzustellen, dass seine Ausbildungsprogramme und Kurse den zukünftigen Anforderungen der Industrie entsprechen. In diesem Interview erklärt der Zukunftsforscher Marcello Pio, welche Faktoren wie in diesem Verfahren berücksichtigt werden.
Lesezeit: 10 Min.
Unsere Welt ist ständig im Wandel. Technischer Fortschritt sowie soziale und ökologische Veränderungen wirken sich besonders stark auf die berufliche Bildung aus. Die Ausbildungsordnungen in Deutschland sind bewusst „technikoffen“ formuliert, damit sie langfristig gültig bleiben und nicht bei jeder Innovation sofort überarbeitet werden müssen. Und doch sind auch hier regelmäßige Neuordnungsverfahren notwendig.
Und wie sieht das in Brasilien aus? Marcello Pio arbeitet als Foresight Practitioner beim brasilianischen Industrieverband CNI. Er entwickelt für den Berufsbildungsanbieter und BIBB-Kooperationspartner SENAI Zukunftsstudien, die die Grundlage für neue oder aktualisierte Ausbildungsangebote bilden.
Interview
Marcello, Sie sind Experte für Prognosemodelle für Industrie-Berufe in Brasilien. Wann haben Sie mit dieser Arbeit begonnen?
Im Jahr 2004 wurde bei SENAI eine neue Abteilung für Zukunftsstudien eingerichtet. Es war eine sehr kleine Abteilung, wir waren nur zu dritt. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, ein Modell zu entwickeln, mit dem sich verändernde Anforderungen an Berufsbilder ermittelt werden können. Dies sollte es dem Bildungsanbieter SENAI ermöglichen, sein Angebot flexibel anzupassen. Derzeit ist diese Abteilung mit dem Namen „Industry Observatory“ Teil des CNI.
Damals haben Sie ein Modell entwickelt, das Sie im Grunde genommen bis heute anwenden.
Genau, natürlich mit Änderungen im Laufe dieser 20 Jahre. Man muss sagen, dass diese Arbeit in Brasilien auch heute noch relativ einzigartig ist. SENAI war damals ein Pionier und hat schon immer ein großes Interesse daran gehabt, praxis- und zukunftsorientierte Ausbildungsprogramme anzubieten, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen. Man muss zum Beispiel auch sagen, dass Universitäten oft ziemlich weit von den tatsächlichen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entfernt sind.
Und wie wurde Ihr Projekt damals von der Industrie aufgenommen?
Tatsächlich mussten wir zu Beginn viele Menschen überzeugen, darunter auch den Leiter des Bereichs berufliche Bildung bei SENAI. Damals war das etwas völlig Neues, denn in Brasilien sprach fast niemand darüber, und niemand hatte eine klare Vorstellung davon, was Zukunftsstudien eigentlich sind. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA oder Frankreich, die bereits nach dem Zweiten Weltkrieg damit begannen, setzte Brasilien erst Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre auf Zukunftsforschungsmodelle. Im Laufe der Zeit erkannten viele Entscheidungsträger in Brasilien, wie wichtig es ist, langfristige Berufsprofile zu entwickeln, die nicht innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre überholt sein würden. Dieser Bedarf wurde vor allem von Unternehmen geäußert.
Operative Aufgabenbereiche schrumpfen, während Berufe mit technologischen, analytischen und systemischen Kompetenzen an Bedeutung gewinnen.
Werfen wir nun einen Blick auf Ihre konkrete Arbeit. Was sind beispielsweise Ihre Zukunftsprognosen für den Sektor der Erneuerbaren Energien?
Unsere Studien zeigen, dass Energiewende und Digitalisierung die Qualifikationsanforderungen im Bereich Erneuerbare Energien neu gestalten. Operative Aufgabenbereiche schrumpfen, während Berufe mit technologischen, analytischen und systemischen Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. Traditionelle Berufe erfordern heute digitale Kompetenzen (Erfassung, Überwachung, Datenanalyse), die Integration von Ingenieurwesen, IT und Management, Kenntnisse in den Bereichen Nachhaltigkeit und Regulierung sowie die Fähigkeit, in hybriden, sowohl vor Ort als auch digital arbeitenden Umgebungen zu arbeiten. Viele Jobbeschreibungen entwickeln sich vom „leitenden Techniker“ zum Daten-Analysten oder Energiesystemspezialisten weiter. Neuer Fachkräftebedarf entsteht in den Bereichen hybrider Anlagenbetrieb, Smart-Grid-Integration oder grüner Wasserstoff. Hier brauchen wir kontinuierlich Ausbildungsprogramme mit einem starken Fokus auf digitale Kompetenzen. Die Qualifizierungsangebote müssen in den Bereichen Automatisierung, Internet of Things, Datenanalyse und Regulierung ausgebaut werden.
Und wie genau kommen Sie zu Ihren Prognosen für solche zukünftigen Entwicklungen?
Das Prinzip unserer Studien ist wie folgt: Unternehmen sehen sich mit neuen Technologien oder anderen gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklungen konfrontiert und erkennen einen Bedarf an neuen oder aktualisierten Berufsbildern. Daraufhin wenden wir unser Vorausschau-Modell an. Es ist in drei Phasen unterteilt. In der ersten Phase analysieren und beschreiben wir neue Technologien, Managementinstrumente und Geschäftsmodelle, die für den betreffenden Sektor relevant sein könnten. Unser Modell berücksichtigt aufkommende Technologien, d. h. solche, die dem Markt bereits bekannt sind, sich jedoch noch in einem sehr frühen Verbreitungsstadium befinden oder sich in einer vorkommerziellen Phase befinden – aber zum Beispiel schon auf Messen präsentiert werden.
Für Zukunftsstudien zur beruflichen Bildung ist es wichtig, die technologische Entwicklung und organisatorische Veränderungen zu berücksichtigen. Um diese Bedeutung hervorzuheben, möchte ich ein Beispiel aus dem Jahr 2005 anführen, als ich das Modell erstmals auf den brasilianischen Hochbausektor anwandte. Damals war BIM der neueste Schrei, also Building Information Modeling. Es ermöglicht die digitale Planung, Bau und Betrieb von Gebäuden. Als wir jedoch mit Fachleuten über den Verbreitungsgrad von BIM diskutierten, waren sich fast alle einig, dass es sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht durchsetzen würde. Da es sich um eine sehr neue Technologie handelte, fiel es den Unternehmen noch schwer, ihre Bedeutung zu erkennen. Zudem waren die Anfangsinvestitionen sehr hoch. Ohne diese Einschätzungen hätte SENAI möglicherweise BIM-Kurse zu einem Zeitpunkt angeboten, zu dem Fachkräfte noch nicht in der Lage gewesen wären, das System in ihrer Arbeit einzusetzen. Sie sehen also, SENAI darf in seiner Ausbildung nicht zu fortschrittlich sein, sondern muss sich stets an den Bedürfnissen der Unternehmen orientieren.
SENAI muss sich stets an den Bedürfnissen der Unternehmen orientieren.
In der zweiten Phase analysieren wir die Auswirkungen der technologischen oder sozioökonomischen Veränderungen auf den Arbeitsmarkt. In dieser Phase werden die Auswirkungen auf bereits auf dem Markt vertretene Berufe in Form von neuen Tätigkeiten, Kompetenzen, Fähigkeiten und Kenntnissen detailliert dargestellt. Darüber hinaus haben wir neue Berufsbilder und Ausbildungsgänge identifiziert, die von Unternehmen in dem untersuchten Sektor nachgefragt werden könnten. Hier muss natürlich die Vielfalt berücksichtigt werden: Die Verbreitung hängt zum Beispiel von der Größe des Unternehmens ab, aber auch von der Region. Oft verbreitet sich eine Entwicklung in São Paulo mit anderer Intensität und Geschwindigkeit als beispielsweise in Rio Grande do Norte, Paraná oder anderen Regionen.
In der dritten Phase empfehlen wir dann einige Maßnahmen, mit denen sich SENAI und Berufsbildungseinrichtungen im Allgemeinen darauf vorbereiten können, die Veränderungen der Berufsbilder umzusetzen, neue Ausbildungsgänge anzubieten und neue Fachkräfte auszubilden.
Wie detailliert können Sie Ihre Erkenntnisse auf die Ebene der Berufe herunterbrechen?
Aufgrund begrenzter Ressourcen ist es uns praktisch unmöglich, die Auswirkungen auf alle Berufe in dem jeweiligen Sektor zu ermitteln. Wir bestimmen daher die Berufe, die am stärksten von den Technologien und organisatorischen Veränderungen betroffen sein werden. Diese untersuchen wir dann genauer. Um Veränderungen in den aktuellen Berufsbildern zu identifizieren und neue Berufsbilder sowie neue Ausbildungsgänge zu ermitteln, führen wir Konsultationen mit Fachleuten durch, entweder in Form von Einzelinterviews oder durch Expertenrunden, in denen zwischen 15 und 20 eingeladene Fachleute diese Themen diskutieren und versuchen, einen Konsens zu erzielen.
Für jeden Beruf ermitteln wir, welche Tätigkeiten in den nächsten fünf bis zehn Jahren in diesem Beruf ausgeübt werden und welche nicht. Welches neue Wissen werden die Fachkräfte der Zukunft benötigen? Welche neuen Kompetenzen? Gleichzeitig erstellen wir auch eine quantitative Schätzung des Bedarfs an neuen Fachkräften.
Nach Abschluss der Studie wird diese an eine Gruppe von Branchenexperten aus dem SENAI und aus Unternehmen weitergeleitet, um sie für die Aktualisierung der derzeit bestehenden Berufsbilder sowie für die Gestaltung neuer Profile zu nutzen.
Wie wählen Sie diese Unternehmen aus?
Wir beziehen immer einen Branchenverband mit ein. Wir wollen die Bedürfnisse der verschiedenen Unternehmen in einem Sektor widerspiegeln, einschließlich der Unterschiede in Unternehmensgröße und Region.
Sind auch Arbeitnehmer oder Gewerkschaften beteiligt, wie es hier in Deutschland der Fall ist?
Arbeitnehmer und Gewerkschaften beteiligen sich am Diskussionsprozess zur Aktualisierung bestehender und zur Erstellung neuer Profile in den von SENAI organisierten sektoralen Fachausschüssen. Die Mitglieder der Ausschüsse nutzen die Zukunftsstudien als Diskussionsgrundlage. Sie sind nicht direkt an der Erstellung der Zukunftsstudie beteiligt.
Trotzdem sind solche Modernisierungsprozesse sicherlich recht zeitaufwendig. Wie oft führen Sie sie durch?
Jeder der 28 Industriesektoren, in denen SENAI tätig ist, wird alle drei Jahre überprüft. Das bedeutet, dass ich jedes Jahr zehn solcher Prozesse durchführe.
Das übergeordnete Ziel unserer Zukunftsforschung ist es, die Unsicherheit bei Entscheidungsträgern zu verringern. Wie breit sollte ich einen Kurs für einen neuen Studiengang streuen? Muss ich tatsächlich ein neues Ausbildungsprogramm anbieten? Oder reicht es aus, sich auf einen bestehenden Beruf zu spezialisieren? Wir generieren also Informationen, um sicherzustellen, dass SENAI während seines strategischen Planungsprozesses so wenig Unsicherheit wie möglich hinsichtlich der Zukunft hat. Ein gewisses Maß an Unsicherheit wird jedoch immer bestehen bleiben, da die Zukunft naturgemäß noch nicht existiert.
Letzte Frage: Wenn Sie sich das deutsche System ansehen, wo sehen Sie weitere Unterschiede bei der Modernisierung der Ausbildung? Wo könnte Deutschland von Brasilien lernen und umgekehrt?
Ich habe nur wenig Kenntnis vom deutschen Berufsbildungssystem, aber generell kann das brasilianische Berufsbildungssystem natürlich viel vom dualen System lernen. Und auch, wie die in Zukunftsstudien generierten Informationen in diesem Prozess mit Unternehmen genutzt werden können. Zukunftsstudien zeigen zukünftige Entwicklungen auf, aber es ist nicht immer bekannt, wo und wie man in der Praxis lernen kann.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Ausbildungsinhalte in Deutschland sind so definiert, dass sie so aktuell und technikoffen wie möglich sind, damit eine Ausbildungsordnung langfristig gültig bleibt und nicht bei jeder Innovation sofort überarbeitet werden muss. Gleichzeitig ermöglicht diese Offenheit den Unternehmen, moderne Prozesse und aktuelle Technologien flexibel in ihre Ausbildungsprogramme zu integrieren. Die Modernisierungszyklen der Ausbildungsordnungen liegen in der Regel zwischen fünf und zehn Jahren. Die Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft (Arbeitgebern) und Arbeitnehmervertretern (Gewerkschaften) ist im deutschen System von großer Bedeutung.
Weitere Informationen zur Erstellung und Aktualisierung von Ausbildungsordnungen
Die vom BIBB durchgeführten Projektionen zu Berufen und (QuBe) basieren auf mehreren miteinander verknüpften Modellen. Zunächst wird die Entwicklung der Bevölkerung und der Erwerbsbevölkerung untersucht. Anschließend wird in einer Simulation ermittelt, wie viele Arbeitskräfte die Wirtschaft in Zukunft benötigen wird, und schließlich werden Angebot und Nachfrage nach Berufen und Qualifikationen untersucht. Die QuBe-Prognosen liefern zudem erste Hinweise darauf, in welchen Berufen neue oder veränderte Kompetenzen erforderlich sein werden.