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Räumliche Mobilität erleichtert Einstieg in statushöhere Ausbildungsberufe

Wer für die Ausbildung umzieht oder pendelt, hat oft bessere Chancen auf Berufe mit höherem sozioökonomischem Status – aber nicht alle profitieren gleichermaßen. Eine neue Studie zeigt, wann sich Mobilität wirklich auszahlt – und wo sie Ungleichheiten verstärkt.

Die neue Studie von BIBB-Forscherinnen Alexandra Wicht (auch Universität Siegen), Paula Protsch (auch Universität zu Köln) und Katarina Weßling (auch ROA Maastricht) zusammen mit Laura Menze (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin), untersucht den Zusammenhang von räumlicher Mobilität und dem Übergang von der Schule in die Ausbildung. Der Beitrag „Spatial mobility and occupational status attainment in the transition from school to work in Germany“, erschienen im Fachjournal Advances in Life Course Research, zeigt: Wer für eine Ausbildung pendelt oder umzieht, verbessert im Durchschnitt seine Chancen auf einen Ausbildungsberuf mit höherem Status.

Im Fokus steht die Frage, ob junge Menschen, die für eine Ausbildung räumlich mobil werden, häufiger in Ausbildungsberufe mit höherem sozioökonomischem Status einmünden. Grundlage der Analysen sind Längsschnittdaten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), die mit kleinräumigen regionalen Strukturdaten verknüpft wurden. Der berufliche Status wird anhand des international etablierten ISEI-Index gemessen.

Ein zentrales methodisches Merkmal der Studie ist die Berücksichtigung beruflicher Statusaspirationen. Damit greifen die Wissenschaftlerinnen einen wichtigen Selektionsmechanismus auf: Junge Menschen, die mobil sind, unterscheiden sich häufig bereits in ihren Zielen und Voraussetzungen von weniger mobilen Jugendlichen. Durch die Einbeziehung dieser Aspirationsdaten lassen sich die Zusammenhänge zwischen räumlicher Mobilität und Statuserwerb präziser bestimmen.

Allerdings profitieren nicht alle jungen Menschen gleichermaßen. Positive Zusammenhänge zeigen sich vor allem bei Jugendlichen

  • mit hohen beruflichen Statusaspirationen,
  • mit mindestens mittlerem Schulabschluss sowie
  • aus strukturschwachen Regionen.

Damit wird deutlich: Räumliche Mobilität ist eng mit individuellen Ressourcen und regionalen Gelegenheitsstrukturen verknüpft. Sie ermöglicht es insbesondere Jugendlichen aus benachteiligten Regionen, ihre Chancen zu verbessern – trägt zugleich aber dazu bei, bestehende Unterschiede zwischen Bildungsgruppen zu verstärken.

Die Studie ordnet räumliche Mobilität damit in ein Zusammenspiel von individuellen Handlungsspielräumen („agency“) und strukturellen Bedingungen ein. Entscheidungen für Mobilität entstehen nicht isoliert, sondern vor dem Hintergrund regionaler Ausbildungsmarktbedingungen, Bildungszertifikaten und persönlicher Zielvorstellungen.

Für die Berufsbildungspraxis ergeben sich daraus klare Implikationen: Unterstützungsangebote wie Wohn- und Pendelhilfen sowie gezielte Beratungsformate können dazu beitragen, Mobilität als Chance für mehr junge Menschen zugänglich zu machen, insbesondere für Jugendliche aus strukturschwachen Regionen. Für Jugendliche mit niedrigen Schulabschlüssen können solche Maßnahmen die Chancen auf einen statushöheren Ausbildungsberuf jedoch nicht erhöhen.