Teilzeit und Sorgearbeit bremsen Karrierechancen
Neue Studie untersucht betriebliche Beförderungspräferenzen
16.06.2026
Warum steigen Frauen seltener in Führungspositionen auf als Männer? Eine neue Studie von BIBB-Forscherinnen Caroline Wehner, Paula Protsch (auch Universität zu Köln), sowie Andries de Grip vom niederländischen Forschungszentrum ROA, Maastricht University, zeigt: Nicht das Geschlecht an sich beeinflusst betriebliche Beförderungspräferenzen. Vielmehr sind Teilzeitarbeit sowie Betreuungs- und Pflegeverpflichtungen zentrale Faktoren, die Aufstiegschancen mindern können.
Trotz vieler gesellschaftlicher Veränderungen unterscheiden sich die Erwerbs- und Karriereverläufe von Frauen und Männern in Deutschland weiterhin deutlich. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und übernehmen öfter Betreuungs- oder Pflegeaufgaben. Genau diese Merkmale werden von betrieblichen Entscheiderinnen und Entscheidern offenbar häufig als weniger vereinbar mit Führungspositionen wahrgenommen.
Die Studie „Gender differences in employers’ promotion preferences? The role of working time, care obligations, and work–family policies“ untersucht, welche Rolle Geschlecht, Arbeitszeit und Sorgeverpflichtungen bei betrieblichen Beförderungsentscheidungen spielen. Grundlage ist ein faktorielles Survey-Experiment im Rahmen einer groß angelegten Betriebsbefragung (BIBB-Qualifizierungspanel) in Deutschland. Dadurch konnten die Forschenden unterscheiden, ob betriebliche Entscheiderinnen und Entscheider Beschäftigte aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich bewerten — oder ob andere Merkmale wie Teilzeit und Sorgearbeit ausschlaggebend sind.
Die Ergebnisse zeigen: Benachteiligungen bei Beförderungspräferenzen entstehen eher durch Teilzeitarbeit sowie durch Betreuungs- und Pflegeverpflichtungen als durch das Geschlecht der Beschäftigten selbst. Damit liefert die Studie einen wichtigen Beitrag zur Erklärung, warum Frauen in der Praxis weiterhin geringere Aufstiegschancen haben: Nicht, weil sie als Frauen grundsätzlich schlechter bewertet werden, sondern weil Teilzeit und Sorgearbeit ungleich verteilt sind.
Überraschend ist zudem, dass betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf diese Nachteile offenbar nicht ausgleichen. Die Wahrscheinlichkeit einer Beförderung wird für Beschäftigte mit Sorgeverpflichtungen auch in Betrieben mit entsprechenden Maßnahmen nicht in gleichem Maße hoch eingeschätzt, wie für Beschäftigte ohne solche Verpflichtungen.
Ein besonderer Mehrwert der Untersuchung liegt darin, dass sie Beschäftigte mit beruflichem Abschluss in den Blick nimmt. Diese Gruppe stellt einen großen Teil der Erwerbstätigen in Deutschland, steht in der Forschung zu Karrierechancen und Geschlechterungleichheit aber seltener im Mittelpunkt als Akademikerinnen und Akademiker.
Zudem richtet die Studie den Blick auf eine wichtige Frage für Betriebe, Politik und Forschung: Reicht es aus, Vereinbarkeit formal zu ermöglichen — oder müssen Arbeitszeitmodelle, Führungskulturen und Beförderungskriterien noch stärker hinterfragt werden?