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Handwerk und Wirtschaft 4.0

Interview mit Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

„Wirtschaft 4.0“ ist das Schlagwort der Stunde. Im Interview mit dem „Deutschen Handwerksblatt“ (Ausgabe 16. Juli 2015) erläutert BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser, was die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung der Arbeitswelt für das Handwerk bedeuten.

Professor Esser, was ist das Besondere an Wirtschaft 4.0?

Esser: Leistungsfähige Computer und das Internet haben wir schon lange. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir regelrecht von einer Datenexplosion reden können, die weiter exponentiell fortschreiten wird. Das sogenannte Mooresche Gesetz beschreibt ein Phänomen, das bereits seit über 50 Jahren zu beobachten ist: In einem Zeitraum von rund 18 Monaten verdoppelt sich die Rechnerkapazität der Computer! Zusammengenommen mit der fortschreitenden Digitalisierung erleben wir jetzt das Durchbrechen der Schallmauer – ein neues Zeitalter für bislang nicht vorstellbare Innovationen.

Der Beginn unseres von Big Data gekennzeichneten Zeitalters ist durchaus vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, die es im 18. Jahrhundert ermöglichte, ein Vielfaches dessen an Energie zu erzeugen, was vorher nur durch menschliche oder tierische Kraft möglich war. Damit begann die erste industrielle Revolution. Über das, was Rechner heute und in der Zukunft leisten können, werden wir den Raum der Möglichkeiten dessen, was Wirtschaft und Gesellschaft daraus machen können, um ein Vielfaches vergrößern. Es werden aber auch neue Herausforderungen auf uns zukommen. So können wir zum jetzigen Zeitpunkt nur darüber spekulieren, wer Gewinner und wer Verlierer dieser Entwicklung sein wird. Klar ist, dass die berufliche Bildung einen Beitrag dazu leisten wird, dass möglichst viele von diesem rasanten Strukturwandel profitieren werden.

Welche Bezugspunkte sehen Sie für das Handwerk?

Esser: Die Digitalisierung wird dazu führen, dass sich handwerkliche Produktionsverfahren genauso verändern werden wie das Portfolio handwerklicher Dienstleistungen und Produkte. Damit einhergehende innovative Problemlösungen sowie veränderte Arbeitskulturen können eine große Chance für das Handwerk sein.

Wie wirkt sich dies in der Praxis aus?

Esser: Man muss in zwei Richtungen denken. Zum einen kommt der Input von den Herstellern. Denken sie beispielsweise an Drohnen, mit deren Hilfe Dachdecker bereits heute Dächer auf mögliche Schäden untersuchen können. Andererseits kommen die Anstöße von den Betrieben selbst. Wenn ein Augenoptiker seine Produkte auch über den Onlinehandel verkaufen möchte, muss er seine informationstechnische Plattform an die Plattform des Distributionspartners im Internet andocken können. Er benötigt dazu entsprechende Kompetenzen, um, wie in diesem Fall, das Angebot seiner Produkte zu bündeln, um es sehr schnell via Internet auf einen breiten Radar der Branche zu bringen. War er zuvor lediglich in der Lage, seine Brillen und Kontaktlinsen lokal anzubieten, eröffnen sich für ihn nunmehr neue Möglichkeiten, bis hin zu Vermarktungschancen, die über die nationalen Grenzen hinausgehen.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Facharbeiter?

Esser: In der Automobilindustrie geht die Digitalisierung bereits rasend schnell voran. Die Anforderungen in der Produktion nehmen stetig zu. Ergonomisch ungünstige Arbeiten werden zunehmend von Maschinen erledigt. Der Mensch wird mehr und mehr zum Denker und Lenker im Produktionsprozess. Fälschlicherweise wird dabei mitunter unterstellt, dass dort künftig nur noch Hochschulabsolventen benötigt werden. Damit die Wertschöpfungskette Lehrling, Geselle, Meister und Techniker auch im Betrieb 4.0 Bestand hat, müssen sich Arbeitsprozessgestaltung und damit verbundene Qualifizierungsfragen schlüssig aufeinander zubewegen. Im Handwerk spricht man nicht umsonst vom dynamischen Handwerksbegriff. Mit dem Wandel der Arbeit wird sich auch das Handwerk wandeln und dabei selbstverständlich auch ein gewichtiger Faktor in der digitalisierten Wirtschaft bleiben.

Wie kommen die Organisationen des Handwerks dabei ins Spiel?

Esser: Qualifikation zu organisieren, ist eine Kernaufgabe der Berufs- und Wirtschaftsorganisationen. Auch der 60-jährige Zahntechniker sollte wissen, wie die Herstellung von Zahnersatz mit einem 3D-Drucker funktioniert. Junge Berufseinsteiger werden von neuen Technologien per se angezogen. Die Organisationen müssen die Leute mitnehmen und ihre Mitglieder für neue Entwicklungen begeistern. Wirtschaft 4.0 wird in Handwerk und Mittelstand zwar wahrgenommen. Studien zeigen aber, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung in vielen Betrieben noch nicht wirklich angekommen sind. Hier müssen wir viel mehr tun.

Handlungsbedarf gibt es aber auch in Schule und Ausbildung.

Esser: Vor Jahren hat sich das Handwerk zusammen mit Microsoft für den Computerführerschein stark gemacht. Leider ist diese Basisqualifikation bis heute immer noch kein Standard für alle in der Schul- und Berufsausbildung. Die junge Generation wächst zwar mit den neuen Medien auf. Eine internationale Vergleichsstudie zeigt aber, dass deutsche Schüler und Schülerinnen in Sachen IT-Kompetenz nur im Mittelfeld rangieren. Mit Blick auf die zukünftigen Anforderungen brauchen wir einen Bildungsstandard für IT- beziehungsweise Medien-Kompetenz. Den gibt es zurzeit nicht – weder für die allgemeine noch für die berufliche Bildung. Smartphones zum Telefonieren, Recherchieren oder zum Spielen nutzen zu können, reicht sicher nicht aus. Mit Textverarbeitungsprogrammen zu arbeiten oder eine Tabellenkalkulation erstellen zu können, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Man muss auch wissen, wie ein Betriebssystem funktioniert und wie Daten besser zu schützen sind. Das sind elementare Schlüsselqualifikationen in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft.

Welche Rolle wird die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung in diesem Prozess spielen?

Esser: Eine ganz wichtige. Ich habe beim Zukunftsgespräch der Bundesregierung auf Schloss Meseberg betont, dass die Bildungs- und Kompetenzzentren eine innovationsstiftende, ergänzende und qualitätssichernde Funktion haben. Mit der ÜBL haben wir hervorragende Möglichkeiten, gerade unsere kleinen Betriebe, ihre Auszubildenden und ihre Mitarbeiter auf den Weg in die Wirtschaft 4.0 mitzunehmen. In der überbetrieblichen Ausbildung wie auch in Fortbildungsveranstaltungen, die im Bildungs- und Kompetenzzentrum vor Ort stattfinden können, werden neue Techniken und Standards kennengelernt, um daraus Produkt- und Dienstleistungsideen in den Betrieben entwickeln zu können. Überbetriebliche Bildungs- und Kompetenzzentren können einmal mehr zu Promotoren von Innovation werden.

Welche Veränderungen erwarten Sie für die Berufsbilder?

Esser: Wir werden gemeinsam mit den zuständigen Bundesministerien exemplarisch Berufe herausgreifen und untersuchen, wie sich dort die Arbeits- beziehungsweise Produkt- und Dienstleistungswelt zurzeit verändert. Die Ergebnisse sind dann die Basis für die Beantwortung der Frage, inwieweit die vorhandenen Berufsbilder diese Veränderungen bereits aufnehmen, inwieweit sie gegebenenfalls überarbeitet werden müssen oder auch, ob ganz neue Berufe erforderlich werden. Mit den IT-Berufen fangen wir an. Hier läuft aktuell eine Voruntersuchung. Aber ich warne davor, zu glauben, dass das digitale Zeitalter auch jede Menge neuer Berufe nach sich ziehen wird. Die aktuellen Berufsbilder sind mit Absicht zukunftsoffen formuliert und bieten Spielraum für Anpassung. Ich rechne dann auch eher mit Evolution und weniger mit Revolution im Berufesystem.

Im BIBB wird an Studien zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes gearbeitet, die auch das Handwerk betreffen. Worum geht es dabei?

Esser: Wir untersuchen die aktuellen Entwicklungen des dualen Ausbildungssystems und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Fachkräftesicherung. Zwei Herausforderungen stehen dabei im Vordergrund: der Rückgang der Ausbildungsverträge und der Trend zu Abitur und Studium. Durch die Untersuchung wollen wir Zusammenhänge erkennen, Problembereiche ausmachen und Handlungsempfehlungen geben.

Inwiefern muss das Handwerk aktiv werden?

Esser: Das Handwerk hat ein ausgefeiltes und durchlässiges Bildungsangebot. Aber man kann sich nicht allein auf Zusatzqualifikationen für besonders Leistungsfähige und die Meisterprüfung verlassen. Die Generation Y hat spezifische Vorstellungen vom Beruf. Für die jungen Leute sind neben einer zukunftsfesten, mit mehreren Optionen verbundenen Qualifizierung zum einen die Einkommenschancen und -perspektiven sowie die Karrieremöglichkeiten in den Berufen und in den Betrieben wichtig, zum anderen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Umgang mit modernen Medien und Techniken sowie Teamarbeit. Das Handwerk muss also im Doppelpack attraktiver Bildungsangebote mit ebenso attraktiven Beschäftigungsoptionen beziehungsweise -perspektiven agieren. Nur so kann es im Wettbewerb um Fachkräfte in Zukunft bestehen.

  • Das Interview mit BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser ist am Donnerstag, den 16. Juli 2015, (Ausgabe Nr. 13/14) auf Seite 2 im „Deutschen Handwerksblatt“ erschienen.