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Internationalisierung der Berufsbildung

Ein Interview mit Birgit Thomann

© BIBB/Rotthaus

Die Leiterin der BIBB-Abteilung für Internationalisierung der Berufsbildung/Wissensmanagement Birgit Thomann spricht über die Erfahrungen und Herausforderungen der internationalen Arbeit, über das Interesse anderer Länder am dualen System und die Perspektiven des BIBB im internationalen Bereich.

BIBB: Was bedeutet Internationalisierung in der Berufsbildung?

Thomann: Die Internationalisierung der Berufsbildung ist eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren kontinuierlich fortgesetzt hat und die Zukunftsfähigkeit der beruflichen Bildung mit beeinflusst. Modernisierung und Reformfähigkeit der Berufsbildung sind bei uns wie in unseren Partnerländern eingebunden in europäische beziehungsweise internationale Entwicklungen von Arbeit und Bildung. Der Begriff hat also zahlreiche Facetten. Durch die Globalisierung ergibt sich beispielsweise eine verstärkte internationale Mobilität von Arbeitskräften. In Deutschland haben wir seit 2012 das Anerkennungsgesetz auf Bundesebene. Die Anerkennung im Ausland erworbener beruflicher Qualifikationen ist durch die Zuwanderung von Flüchtlingen ein aktuelles und sehr wichtiges Thema. Darüber hinaus meint Internationalisierung auch die Gestaltung der deutschen Berufsbildung eingebettet in europäische Entwicklungen und europäische Berufsbildungspolitik. Hier geht es um Themen wie Work-based Learning, regionale Mobilität oder die Europäische Ausbildungsallianz. Grundsätzlich ist das internationale Interesse am deutschen Berufsbildungssystem sehr groß, da bei uns die Jugendarbeitslosigkeit deutlich geringer ist als in vielen anderen Ländern. Daher kommen viele ausländische Delegationen, die interessiert sind zu erfahren, wie unser duales System funktioniert. Manchmal erwächst daraus dann ein längerfristiger fachlicher Austausch, eine Zusammenarbeit oder eine formale Kooperation.


BIBB: Seit 2012 unterstützt das BIBB die Bundesregierung bei der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes, indem es die wissenschaftliche Begleitung und das Service-Portal „Anerkennung in Deutschland“ realisiert. 2013 hat die im Haus angesiedelte neue Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation (GOVET) ihre Arbeit aufgenommen. Zeigen diese Neuerungen, dass die Berufsbildung immer globaler wird?

Thomann: Wir als Bundesinstitut haben die Aufgabe nationale Berufsbildung weiter zu entwickeln, aber auch die internationale Zusammenarbeit des Bundes in der Berufsbildung zu unterstützen. Deutschland ist eingebettet in einen internationalen Kontext und dieser Zusammenhang wird zunehmend deutlicher. Daher muss die berufliche Bildung stärker auch in internationalen Bezügen denken. Ein gutes Beispiel sind die Ausbildungsordnungen, bei deren Überarbeitung zu entscheiden ist, wie interkulturelle und internationale Kompetenzen in die Ausbildung eingebunden werden können, um junge Menschen zukunftsorientiert für die globalisierten Arbeitsmärkte zu qualifizieren. Ein weiteres Beispiel ist die große Zahl der Flüchtlinge, die wir in Ausbildung und Arbeitsmarkt integrieren möchten. Was die europäischen Prozesse angeht, gibt es eine eigene europäische Agenda mit Themen, die für alle Mitgliedsstaaten gesetzt werden und die nicht selten entsprechende Entwicklungen in den Mitgliedstaaten anstoßen. Als Beispiel möchte ich aus der Vergangenheit die Einführung des Europäischen Qualifikationsrahmens nennen, in deren Nachgang in den Mitgliedsstaaten ebenfalls entsprechende nationale Rahmen entwickelt wurden.

Nationale Berufsbildungssysteme sind in erster Linie Unikate.

BIBB: Kann man das deutsche duale Berufsbildungssystem ins Ausland exportieren?

Thomann:
Hier möchte ich vor falschen Erwartungen warnen. Nationale Berufsbildungssysteme sind in erster Linie Unikate. Das heißt, sie sind eingebettet in die jeweiligen historischen und sozioökonomischen Zusammenhänge eines Landes. Der Export eines Systems ist aus meiner Sicht nicht möglich. Wenn wir uns nur mal mit Blick auf unser eigenes System die Rolle der verschiedenen Akteure vergegenwärtigen, wie der Ministerien, der Gewerkschaften, Arbeitgeberorganisationen oder auch der zahlreichen Kammern und uns vor Augen führen, wie wichtig die Sozialpartner zum Beispiel für die Entwicklung von Ausbildungsordnungen oder nationalen Standards sind, dann ist im Prinzip klar, dass man diese gewachsenen Strukturen nicht exportieren kann. In unserer internationalen Arbeit lassen wir uns von der Grundidee einer dualen, betriebs- und praxisorientierten Ausbildung leiten und der dahinter stehenden Überzeugung einer gemeinsamen Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern für die berufliche Bildung. Diese Zusammenhänge kann man erläutern und für sie werben. Bei der internationalen Beratung geht es dann darum, diese zentralen Elemente unseres dualen Verständnisses in geeigneter Weise an die spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Partnerlandes anzupassen. Zuletzt muss immer das Partnerland entscheiden, wie diese Dinge in seine Reformbemühungen hineinpassen und in welcher Form unsere Unterstützung gewünscht und angemessen ist.

© BIBB/Rotthaus

BIBB: Können Sie die eben genannte Idee der dualen, betriebs- und praxisorientierten Ausbildung noch etwas genauer erläutern?

Thomann: Wir arbeiten mit fünf Kernelementen, mit denen wir unser Berufsbildungssystem umreißen. Das ist erstens die Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern: Die gemeinsame Verantwortung für die berufliche Bildung inklusive der Verantwortung für die Inhalte und die Finanzierung. Das ist zweitens die Qualität und Professionalität des Berufsbildungspersonals. Damit meinen wir eben nicht nur die Lehrenden an den Schulen sondern auch die Ausbilderinnen und Ausbilder in den Betrieben. Das ist drittens die Entwicklung von nationalen Standards, auf die man sich im Konsens verständigt und die es ermöglichen, dass jeder Betrieb in Deutschland einschätzen kann, was ein junger Mensch nach Abschluss der Ausbildung mindestens an Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben hat. Das ist viertens das Lernen im Arbeitsprozess mit Blick darauf, dass berufliche Handlungskompetenz erworben wird. Und schließlich ist es die institutionalisierte Forschung und Beratung. Das heißt, sowohl im Bereich der Berufsorientierung entsprechende Beratungsangebote anzubieten als auch Berufsbildungsforschung zu institutionalisieren. Und letzteres ist für viele Länder neu, weil sie in diesem Bereich noch gar keine oder sehr geringe Kapazitäten haben. Doch es wird zunehmend wichtiger, zum Beispiel Daten über das eigene Berufsbildungssystem zu erheben – sei es, um im internationalen Kontext Entwicklungen darstellbar zu machen oder um entsprechende politische Entscheidungen vorzubereiten und Reformprozesse zu begründen. Weltweit gibt es daher einen steigenden Bedarf an sogenannter evidenzbasierter Politikberatung.

BIBB: Zu welchen Aspekten des dualen Berufsbildungssystems kommen die meisten Anfragen aus dem Ausland?

Thomann: Die meisten Länder haben eine Tradition, die stark schulisch und universitär geprägt ist. Berufliche Bildung ist dort eher zweite, wenn nicht gar letzte Wahl. Vor diesem Hintergrund sind unsere ausländischen Gäste sehr aufmerksam und wissbegierig, wenn es um den Stellenwert des Berufs in unserem Land und das Zusammenspiel in der Berufsbildung in Deutschland geht. Sie fragen: Warum beteiligen sich Betriebe an der Ausbildung? Welchen Nutzen haben sie davon? Wenn wir durch unsere Erhebungen dann zeigen können, dass die Nettokosten, die für einen Auszubildenden nach Abzug der erbrachten Arbeitsleistung beim Betrieb verbleiben, im Durchschnitt und über alle Berufe und Ausbildungsjahre gerechnet circa 3.600 Euro im Jahr betragen, dann ist das Staunen bei unseren Gästen meistens sehr groß. Gefragt wird auch nach dem Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern und mit welchen Mechanismen die jeweiligen Akteure zielorientiert miteinander agieren oder Ausbildungsordnungen gemeinsam verhandeln und gestalten. Von Interesse sind auch nationale Standards. Das ist etwas, was viele Länder nicht haben. Es gibt bestenfalls eine betriebliche Ausbildung in einzelnen Vorzeigebetrieben. Aber die Lerninhalte, die Kompetenzen, die dort vermittelt werden, können sich erheblich von anderen Betrieben unterscheiden. Da ist es für unsere Gäste interessant zu hören, dass wir einen Mindeststandard haben, den wir in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen festhalten. Und es bleiben noch ausreichend Spielräume für die Betriebe, ihre Ausbildung individuell anzupassen. Für viele ist es auch überraschend zu hören, dass deutsche Auszubildende für ihre Arbeitsleistung eine Vergütung erhalten. Denn in vielen Ländern muss für eine Ausbildung gezahlt werden. Auch Ausbildungsverträge, in denen Rechte und Pflichten festgehalten sind, sind international nicht sehr verbreitet. Alles in allem, versuchen wir darzulegen, warum es für Länder sinnvoll sein kann, bedarfsorientiert und betriebsnah auszubilden. Letztendlich bleibt Ausbildung eine Investition, aber man spart langfristig nicht zuletzt hohe Rekrutierungskosten für qualifiziertes Personal.

Innovation ist ein sehr anspruchsvoller Begriff, manchmal ist es auch einfach die andere Perspektive oder ein anderer Lösungsweg für eine ähnliche Herausforderung.

BIBB: Was für innovative Ansätze im Kontext der beruflichen Bildung gibt es in anderen Ländern?

Thomann: Innovation ist ein sehr anspruchsvoller Begriff, manchmal ist es auch einfach die andere Perspektive oder ein anderer Lösungsweg für eine ähnliche Herausforderung. Was zurzeit sicher lohnenswert ist, ist in Länder zu schauen, die bereits Validierungsverfahren für non-formal und informell erworbene Kompetenzen entwickelt und damit Erfahrungen gesammelt haben. Das ist beispielsweise relativ früh in Frankreich der Fall gewesen. Auch sehr interessant ist der entsprechende Ansatz in der Schweiz, weil es dort ein duales Berufsbildungssystem gibt, in dem bereits Modelle zur Validierung informell und non-formal erworbener Kompetenzen entwickelt wurden. Mit Blick auf die Attraktivitätssicherung der beruflichen Bildung lohnt es sich auch, auf die Erfahrungen in Länder zu schauen, die eine doppelte Qualifikation aus Berufsausbildung und Reifeprüfung anbieten. Dieses Modell gibt es beispielsweise als Berufsmatura in Österreich und wird aktuell auch bei uns diskutiert.

BIBB: Als Mitglied des weltweiten Berufsbildungsnetzwerks der UNESCO (UNEVOC-Network) ist das BIBB auch in multilateralen Kontexten aktiv. Ende letzten Jahres wurde eine überarbeitete UNESCO-Empfehlung zur Beruflichen Bildung verabschiedet, die sich an alle 195 Mitgliedsstaaten richtet. Inwieweit waren Sie an der Entwicklung beteiligt?

Thomann: Wir waren als BIBB zweifach eingebunden. Der Forschungsdirektor des BIBB Prof. Reinhold Weiß und ich waren beide in der internationalen Expertengruppe, die den ersten Entwurf einer überarbeiteten Fassung konzipiert hat. Dabei ging es vor allem darum, die Empfehlung aus dem Jahr 2004 den aktuellen Entwicklungen anzupassen und Überlegungen zu betrieblicher Ausbildung, Einbindung der Wirtschaft, Integration und Bedeutung der Praxis einfließen zu lassen. Danach waren wir am Abstimmungsprozess mit den jeweiligen Mitgliedsländern beteiligt, die in Form einer Online-Konsultation stattgefunden hat. Das bedeutet die einzelnen Länder konnten zu den einzelnen Kapiteln der Empfehlung Änderungen oder Ergänzungshinweise geben. Das BIBB war unter anderem beteiligt, die Anregungen der deutschen Seite zu bündeln, fachlich abzustimmen und in den Prozess einzuspeisen. Dabei habe ich gelernt, wie aufwendig und komplex so ein Überarbeitungsprozess sein kann. Das Verfahren hat insgesamt knapp 2 Jahre gedauert. Und das ist für internationale Verhältnisse bereits ein sehr gutes Ergebnis.

Ich denke, wir können aus Sicht der dualen Ausbildung mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein.


BIBB: Was sind die wesentlichen Neuerungen?


Thomann: Ich denke, wir können aus Sicht der dualen Ausbildung mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein. Eine Neuerung ist, dass die Empfehlung die berufliche Bildung als Gemeinschaftsaufgabe von Staat und Wirtschaft beschreibt. Eine weitere, dass der soziale Dialog verankert ist. Sozialer Dialog heißt, dass man zumindest Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen in die Gestaltung von beruflicher Bildung mit integriert, in welcher Form auch immer. Dieser Begriff entspricht zwar nicht so ganz unserer Vorstellung von Sozialpartnerschaft, es ist aber ein wichtiger Schritt in diese Richtung. In der Empfehlung wird jetzt auch nicht mehr nur von Lehrerinnen und Lehrern gesprochen, sondern von Berufsbildungspersonal also auch von Ausbilderinnen und Ausbildern, Tutorinnen und Tutoren oder Mentorinnen und Mentoren. Darüber hinaus ist ein umfassendes Kompetenzverständnis in der Empfehlung enthalten. Und schließlich, und das finde ich wichtig mit Blick auf die Attraktivität, wird berufliche Bildung gesehen als einen Teil der Bildung, der bis in den tertiären Bereich reicht. Das ist wichtig, um auch international berufliche Aus- und Weiterbildung stärker zusammen zu denken und entsprechende Karrierewege zu entwickeln.

BIBB: Was muss das BIBB tun, um weiterhin gut im Bereich Internationalisierung aufgestellt zu sein?

Thomann: Wir beabsichtigen das BIBB auch international als das Kompetenzzentrum für die Forschung, Beratung und Weiterentwicklung der beruflichen Bildung sichtbarer machen. Wir möchten uns noch stärker in die internationalen Diskurse einbringen, sei es auf Fachtagungen oder durch englischsprachige Veröffentlichungen. Mit unseren renommierten Partnereinrichtungen wollen wir uns noch stärker vernetzen, gemeinsame Forschungsprojekte initiieren und auch stärker synergetisch denken. Und wir möchten nicht zuletzt die Ergebnisse unserer Arbeit auch einer internationalen Zielgruppe näher bringen durch den Ausbau unserer englischen Website und des englischsprachigen Newsletters.

BIBB: Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen globalen Herausforderungen im Bereich der Berufsbildung für die Zukunft?

Thomann: Die Attraktivität der beruflichen Bildung zu stärken und auszubauen, das ist etwas, das auch in Deutschland eine permanente Herausforderung darstellt. In Ländern, in denen man erst einmal gegen das schlechte Renommee ankämpfen muss, ist die Herausforderung noch viel größer. Ich glaube am besten kann man überzeugen, indem man zeigt, welche guten Chancen junge Menschen mit einer beruflichen Bildung auf dem Arbeitsmarkt haben. Ein weiteres wichtiges globales Thema ist sicher die Frage der Digitalisierung. Das ist ein Thema, das wir momentan auch bei uns im BIBB sehr intensiv diskutieren. Aus Sicht der Berufsbildung gilt es, den Faktor Mensch nicht zu vergessen. Man muss in Weiterbildung investieren, um die Menschen in Richtung Berufsbildung 4.0, in Richtung Digitalisierung der Gesellschaft mitzunehmen und damit letztlich auch lebenslanges Lernen wirklich umzusetzen.

Das Interview führte Katerina Breuer