Nigerias Abfallexperten in Deutschland
29.07.2026
Fünfzehn Fachleute aus Nigerias Abfall- und Recyclingbranche verbrachten zwei Wochen in Bonn und Berlin – sie besuchten Deponien, Labore und Werkstätten und begannen mit der Arbeit an einem nationalen Ausbildungsstandard, der einen weitgehend informellen Sektor professionalisieren soll.
Im Juli 2026 reiste eine Delegation von fünfzehn Expert:innen aus Nigerias Abfall- und Recyclingbranche zu einem zweiwöchigen Studienaufenthalt nach Deutschland. Die vom BIBB im Auftrag des Programms der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) „Skills Development for Youth Employment“ (SKYE II) organisierte Reise diente einem doppelten Zweck: zum einen der Einleitung der gemeinsamen Entwicklung eines nationalen Curriculums für Fachkräfte im Recycling und in der Abfallwirtschaft („Waste Management and Recycling Operator“) – und zum anderen dem Kennenlernen der Funktionsweise des Sektors in einem Land, in dem dieser bereits seit langem formalisiert ist.
Die Delegation kam nicht zufällig zustande. Ihre Mitglieder bilden die Technische Arbeitsgruppe (TWG), die zur Ausarbeitung des Curriculums eingerichtet wurde: Recycling- und Abfallwirtschaftsunternehmen, der Nationale Rat für technische Bildung (NBTE), die Umweltbehörde Nigerian Environmental Standards Regulation Authority (NESREA), der TVET-Rat des Bundesstaates Lagos, ein Verband der Abfallsammler sowie Sozialunternehmen, die sich für Kreislaufwirtschaft und grüne Arbeitsplätze einsetzen. Öffentlicher Sektor, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft – alle am selben Tisch.
Der Grund für ihre Reise war eine bekannte Gleichung mit einer unbekannten Lösung. Nigerias Bevölkerung ist jung und seine Städte wachsen rasant, während der Abfallsektor nach wie vor weitgehend informell und unterprofessionell organisiert ist. Das ist ein Umweltproblem – aber auch eine Chance: Tausende Menschen verdienen bereits ihren Lebensunterhalt mit Abfall, und die Formalisierung ihrer Fähigkeiten könnte prekäre Arbeit in anerkannte Berufe verwandeln. Ein nationaler Ausbildungs- und Berufsstandard ist das Instrument, das dies ermöglicht.
Aus der Praxis lernen
Bevor sie mit der Ausarbeitung begannen, besichtigte die Gruppe einige Beispiele für Abfallwirtschaft in der Praxis. Bei Metabolon im Bergischen Land wurde eine stillgelegte Deponie in einen Standort umgewandelt, der Abfallbehandlung, Forschung, Bildung und Erholung vereint. Was die Delegation beeindruckte, war weniger die Technologie als vielmehr die dahinter stehende Logik: aus der Verbrennung gewonnene Ressourcen, das Engagement der Bevölkerung, das dem Standort ein zweites Leben schenkt, und jahrzehntelang aufrechterhaltene, von der Regierung geleitete Maßnahmen.
Wir sind 6.000 km voneinander entfernt, und dennoch ist es faszinierend zu sehen, dass wir an denselben Fragen arbeiten: Wie gestalten wir die Kreislaufwirtschaft effizienter? Wie lösen wir die entscheidenden Herausforderungen unserer Branche? Der Austausch auf Augenhöhe hat mir sehr gut gefallen.
Elena Eßer, Metabolon
Der Besuch beim kommunalen Abfallentsorger, der Rhein-Sieg-Abfallwirtschaftsgesellschaft (RSAG) in Siegburg ergänzte das Bild um die betriebswirtschaftliche Perspektive – integrierte Abfallwirtschaft in der Praxis, die Behandlung organischer Abfälle als Ressource, Abwasser- und Gasrückgewinnung sowie ein Unternehmen, das eigene Auszubildende ausbildet.
Innovation und zirkuläres Design
In Berlin traf die Delegation im Impact Hub das Fraunhofer Circular Design Lab, das Einblicke in zirkuläres Design, die Bewertung der Reparierbarkeit und Kunststoffkreisläufe aus Elektronikschrott vermittelte. Zwei Erkenntnisse blieben besonders im Gedächtnis: dass Ökodesign zu messbarer CO₂-Effizienz führt und dass Innovation ein Ökosystem benötigt – langfristige Unterstützung für Unternehmer statt einmaliger Projekte.
Weitere Stationen rundeten das Bild an beiden Enden des Spektrums ab. Bei Bauhaus Earth drehte sich das Gespräch um zirkuläres Bauen und das praktische Hindernis, dass neue Materialien neue Verfahren und neue Kompetenzen erfordern – eine Erinnerung daran, dass die grüne Wende letztendlich eine Frage der Ausbildung ist. Im „House of Materialisation“ begegnete die Gruppe Kreislaufwirtschaft von der Basis aus: ein Second-Hand-Baumarkt, offene Werkstätten und eine Initiative zum Kunststoffformen, deren Techniken mehreren Delegationsmitgliedern sofort bekannt vorkamen. Kreislaufwirtschaftliche Ansätze, wie ein Teilnehmer anmerkte, kommen nicht nur von oben.
Die eigentliche Arbeit
Zwischen den Besichtigungen vor Ort lag der Kern der Reise: 1,5 Tage Standardentwicklung am BIBB. Die Arbeitssitzungen, moderiert von BIBB-Expertin Sara-Julia Zakhia, bewegten sich von realen Geschäftsprozessen im nigerianischen Abfallsektor hin zu einer ersten Struktur für den Ausbildungsstandard. Die Methode war zeitaufwendig – stellte aber sicher, dass jede Perspektive im Raum Gehör fand.
Ein Vortrag von Dr. Hassan Akande von der NBTE verdeutlichte den Vergleich. Nigeria entwickelt Standards und Lerneinheiten stufenweise; Deutschland integriert alle Kompetenzen gemäß des Berufeprinzips in ein einziges 3,5-jähriges Ausbildungsprogramm.
Obwohl sich der deutsche Ansatz zur Entwicklung von Berufsstandards vom nigerianischen unterscheidet, verfolgen beide dasselbe Ziel: ein Ausbildungssystem, das arbeitsmarktrelevant und auf die Bedürfnisse der Industrie zugeschnitten ist.
Dr. Hassan Akande
Wie geht es weiter?
Beim abschließenden Reflexionsworkshop einigte sich die Gruppe auf eine Arbeitsweise für die kommenden Monate. Die Teilnehmer fassten die zwei Wochen als gleichermaßen herausfordernd und lohnend zusammen. Eine gemeinsame Überzeugung zog sich vom ersten Tag an wie ein roter Faden durch die Reise: Der Standard sollte nicht einfach „gut in die Schublade passen“, sondern für die Menschen, die ihn anwenden werden, relevant und umsetzbar sein. Die Studienreise war ein wichtiger Schritt in Richtung dieses Ziels.
Alle Stationen der Studienreise
- 06. Juli · Bonn – Begrüßung und Empfang beim BIBB
- 07. Juli · Workshop bei der GIZ + Besuch bei Metabolon
- 08. Juli · Besuch bei der RSAG + Workshop beim BIBB
- 09.–10. Juli · Standardentwicklung beim BIBB + Haus der Geschichte
- 11.–12. Juli · Freizeit / Besichtigungen + Transfer nach Berlin
- 13. Juli · Impact Hub & Fraunhofer Circular Design Lab
- 14. Juli · Bauhaus Earth + OSR Recycling Group
- 15. Juli · House of Materialisation
- 16. Juli · Reflexionsworkshop + Abreise