Von Brasilien nach Peru: Neue Präsidentschaft der Allianz für duale Ausbildung in Lateinamerika und der Karibik 2026
Der peruanische Nationale Dienst für industrielle Berufsausbildung (SENATI) übernimmt die 4. Präsidentschaft der Allianz für duale Ausbildung in Lateinamerika und der Karibik. Das BIBB unterstützt die Allianz seit ihrer Gründung in fachlich-strategischen Fragen.
Bei der ersten Mitgliederversammlung in 2026 Anfang April wurde die Präsidentschaft der Allianz für duale Ausbildung Lateinamerika und Karibik (Alianza para la formación dual de América Latina y el Caribe) erfolgreich von SENAC (Serviço Nacional de Aprendizagem Comercial), dem wichtigsten Berufsbildungsinstitut für Handel und Dienstleistungen in Brasilien, an SENATI, dem peruanischen Nationalen Dienst für industrielle Berufsausbildung übergeben.
Die 2021 gegründete Allianz umfasst zurzeit 17 Berufsbildungsinstitutionen aus 15 Ländern und hat sich als starke Austauschplattform zu Themen der dualen beruflichen Bildung in der Region etabliert.
Neue Schwerpunkte 2026
Mit der neuen Präsidentschaft setzt SENATI klare Schwerpunkte für 2026, wie Gustavo Alva Gustavson, der nationale Direktor, in seiner Antrittsrede betonte:
- Regionale Identität stärken – duale Ausbildungssysteme in der Region weiterentwickeln und institutionell verankern,
- Ausbildung und Wirtschaft enger verzahnen – Kooperationen mit Unternehmen strategisch ausbauen,
- soziale Teilhabe betonen – Einbeziehung von Frauen, Stärkung von KMU und echte wirtschaftliche Verbesserung in den Blick nehmen und
- Innovation fördern – Berufsbildung als Motor für Lösungen zu globalen Herausforderungen positionieren.
Rückblick SENAC: Zusammenarbeit im Mittelpunkt
Ein besonderer Dank aller Rednerinnen und Redner auf der Mitgliederversammlung galt SENAC für seine engagierte und erfolgreiche Präsidentschaft 2025, die die Allianz inhaltlich und strukturell weiter gestärkt hat. Anna Beatriz Waehneldt, Direktorin für Berufsbildung im nationalen Büro von SENAC, hob die Bedeutung der kontinuierlichen Zusammenarbeit innerhalb der Allianz hervor. Die vergangenen Monate seien geprägt gewesen von intensiver Abstimmung, regelmäßigen Austauschformaten und einer aktiven Beteiligung der Mitgliedsinstitutionen. Dies habe die Allianz inhaltlich und strukturell weiter gestärkt und dazu beigetragen, auch auf internationaler Ebene aufzutreten. Ein Höhepunkt war die von SENAC ausgerichtete internationale Konferenz in Rio de Janeiro im vergangenen Oktober. Mit Blick auf die neue Präsidentschaft betonte sie, dieser gerne mit dem gesammelten Erfahrungsschatz zur Verfügung zu stehen.
Globale Perspektive: Herausforderungen und Zukunftsfragen
Seit ihrer Gründung 2021 begleitet das BIBB als Referenzinstitution gemeinsam mit ILO/Cinterfor als Technisches Sekretariat die Arbeit der jeweils einjährigen Präsidentschaft pro tempore in der gemeinsamen Koordinierungsgruppe.
In seiner Keynote hob Michael Wiechert, Leiter des für die Allianz-Kooperation zuständigen BIBB-Arbeitsbereichs, die konstruktiven Diskussionen des vergangenen Jahres hervor. Er machte deutlich, dass demografischer Wandel, Fachkräftesicherung und der schnelle technologische Fortschritt alle Berufsbildungssysteme vor vergleichbare Herausforderungen stellen. Viele Systeme – auch das deutsche – seien weiterhin stark auf Stabilität ausgerichtet, während zugleich ein Teil der jungen Generation den Anschluss verliere. Seine zentrale Forderung lautete daher: „Wir müssen darüber nachdenken, wie Resilienz zu einem Leitprinzip in den Systemen der beruflichen Bildung werden kann.“
Wiechert bezog sich dabei insbesondere auf sechs Kernpunkte aus dem von BIBB-Präsident Esser veröffentlichten Thesenpapier „Flexibler, inklusiver, exzellenter – Erfolgsfaktoren einer resilienten Berufsbildung in der Transformation“.
Für die Debatten in der Allianz für duale Ausbildung Lateinamerika und Karibik betonte Wiechert insbesondere folgende Aspekte:
- Steuerungsstrukturen sollten deutlich adaptiver und lernorientierter ausgestaltet sein, unter Beibehaltung des tripartiten Governance Modells.
- Flexibilität, Inklusion und Qualität müssten gestärkt werden – bei gleichzeitiger Wahrung des Berufsprinzips.
- Transdisziplinäre Kompetenzen seien zentral für Resilienz und müssten gezielt gefördert werden.
- Die Trennung zwischen Aus‑, Fort‑ und Weiterbildung müsse überwunden und Durchlässigkeit horizontal wie vertikal verankert werden.
Wiechert unterstrich, dass diese Debatte Deutschland wie auch die Allianz in den kommenden Jahren intensiv begleiten werde – und dass er überzeugt davon sei, dass die Allianz einen konkreten Beitrag dazu leisten kann, die Berufsbildungssysteme gemeinsam weiterzuentwickeln und zu stärken.
Elena Montobbio, Direktorin von ILO/Cinterfor, ergänzte als zentrale Leitfrage: Wo soll die Allianz in fünf Jahren stehen? Sie identifizierte, neben der grundsätzlichen Bedeutung der Stärkung der sozialen Inklusion, drei Handlungsfelder für die Region:
- Verbesserung der Übergänge zwischen Bildung und Arbeitsmarkt, insbesondere vor dem Hintergrund hoher Schulabbruchquoten,
- Förderung der Beschäftigungsperspektiven junger Menschen und
- stärkere Ausrichtung der Ausbildung an sich wandelnde Arbeitsmarktanforderungen.
Ausblick: Austausch und nächste Schritte
Für das Jahr 2026 sind bereits eine Webinarreihe sowie die jährlich stattfindende internationale Konferenz, diesmal im November in Lima, geplant. Daneben sollen weitere Allianzen auf internationaler Ebene gestärkt und gemeinsame Aktivitäten, wie beispielsweise mit der vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderten Initiative „Towards a Global TVET Agenda“, koordiniert werden.
SENATI (Servicio Nacional de Adiestramiento en Trabajo Industrial), der Nationale Dienst für industrielle Berufsausbildung [à https://www.senati.edu.pe/nosotros ], wurde 1961 auf Initiative des Nationalen Industrieverbands SNI (Sociedad Nacional de Industria) gegründet mit dem Ziel, berufliche Aus- und Weiterbildung in industriellen Branchen sowie für Tätigkeiten in den Bereichen Installation, Reparatur und Wartung in allen anderen Wirtschaftszweigen anzubieten.
SENATI ist als private, gemeinnützige Einrichtung tätig und verfügt über gesetzlich anerkannte vollständige Autonomie. Seit den 1980er Jahren hat SENATI ein duales Ausbildungsmodell.
SENATI verfügt über 64 Ausbildungszentren in 25 Regionen des Landes, bietet 85 berufliche Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme an mit 138.000 Auszubildenden (2024), davon 23 % Frauen und arbeitet mit ca. 29.000 Unternehmen in der dualen Ausbildung zusammen. In den dreijährigen Berufsausbildungen erfolgt die Ausbildung ab dem 4. Semester im Unternehmen.
Mit der Schule für Technische Hochschulbildung (EEST - Escuela de Educación Superior Tecnológica) bietet SENATI auch eine hochspezialisierte technische Ausbildung im Tertiärbereich an, der vergleichbar ist mit einem Bachelor auf Niveau 6 des EQF. Dies erfolgt in einem dualen Modell, in dem akademische Ausbildung mit praktischer Erfahrung in realen Produktionsumgebungen verbunden werden. Die seit 2025 bestehende Anerkennung des Abschlusses durch das Bildungsministerium gewährleistet Absolventinnen und Absolventen den Übergang zu weiterführenden, akademischen Studiengängen.