X

Sie verwenden einen veralteten Browser, mit dem nicht alle Inhalte des Internetauftritts www.bibb.de korrekt wiedergegeben werden können. Um unsere Seiten in Aussehen und Funktion in vollem Umfang nutzen zu können, empfehlen wir Ihnen, einen neueren Browser zu installieren.

1. Ab welchen Größenordnungen kann man von einem Fachkräftemangel sprechen?

Fachkräftemangel ist in unserer Modellwelt gegeben, wenn unter Berücksichtigung der beruflichen Flexibilität der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften erkennbar und dauerhaft über dem Angebot an ausgebildeten Fachkräften liegt. Hiervon abzugrenzen ist der Arbeitskräftemangel, der die notwendige berufliche Qualifikation nicht berücksichtig und auch nicht formal beruflich Qualifizierte mit einbezieht.

2. Gibt es derzeit schon Fachkräftemangel?

Auf breiter Front ist derzeit kein Fachkräftemangel sichtbar. Allerdings beziehen sich unsere Ergebnisse bislang auf Gesamtdeutschland bzw. sechs gröbere Regionen (Ostdeutschland, Bayern, Baden-Württemberg, Region Mitte-West (Hessen, Saarland, Rheinland Pfalz), Nordrhein-Westfalen, Region Nord (Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein). Für spezielle Qualifikationen und/oder in einzelnen Regionen kann es hingegen auch derzeitig bereits zu Engpässen kommen.

3. Werden wir einen allumfassenden Fachkräftemangel erleben?

In der Gesamtbetrachtung zeichnet sich auf dem Arbeitsmarkt eine Trendwende ab. Auch wenn in den letzten Jahren die Entwicklung der Bevölkerung aufgrund von Zuwanderung angestiegen ist, ist davon auszugehen, dass es ab dem Jahr 2025 zu einem Bevölkerungsrückgang kommt. Auch die Anzahl der erwerbsfähigen Bevölkerung (zwischen 15 und unter 70 Jahren) wird dann rückläufig sein, der Anteil Älterer nimmt jedoch verhältnismäßig zu. Mit der Bevölkerung wird auch der Bedarf an Erwerbstätigen zurückgehen, jedoch nicht mit derselben Dynamik wie die Anzahl der Erwerbspersonen (vgl. Abbildung 1). Bei einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes von ca. 1% ist davon auszugehen, dass sich die Anzahl der durchschnittlich 1.9 Mio. Erwerbslosen im Jahr 2015 bis zum Jahr 2035 weiter verringert. Die Reduktion der Unterbeschäftigung kann aber nur erreicht werden, wenn der künftige Bedarf an Arbeitskräften nicht nur quantitativ, sondern auch qualifikatorisch gedeckt werden kann. Der stärkere Rückgang des Arbeitskräfteangebots im Vergleich zur Arbeitskräftenachfrage erhöht insgesamt die Chancen der Erwerbslosen bei der Jobsuche, birgt aber gleichzeitig die Gefahr eines Arbeits- bzw. Fachkräftemangels bei bestimmten Qualifikationen, Branchen oder Berufen (siehe Frage 2).

Abbildung 1: Arbeitsmarktentwicklungen bis zum Jahr 2035

4. In welchen Berufen wird sich der Fachkräftemangel zeigen?

Dies hängt entscheidend von den Kriterien ab, die man als Indikatorik zur Beantwortung der Frage heranzieht. Würde man den Bedarf an Erwerbstätigen in den Berufen den Personen gegenüber stellen, welche einen entsprechenden Beruf erlernt haben, so würden wir bereits heute von großen Passungsproblemen am Arbeitsmarkt sprechen müssen, die sich auch in Zukunft nicht lösen lassen (vgl. Abbildung 2). So wird in einigen Berufshauptfeldern weit über Bedarf ausgebildet, in anderen Berufshauptfeldern hingegen unter Bedarf.

Abbildung 2: Differenz zwischen Erwerbspersonen und Erwerbstätigen vor Einbeziehung der beruflichen Flexibilität nach Berufshauptfeldern von 2015 bis 2035 – nur Fachkräfte

 

Tatsächlich werden jedoch viele Erwerbstätige nicht in ihrem erlernten Beruf verweilen, sondern in ein anderes Berufshauptfeld wechseln. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig. Anreiz für einen Wechsel können sowohl bessere Beschäftigungs-, Einkommens-, oder Aufstiegschancen aber z.B. auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein. Diesen Grad der beruflichen Flexibilität beschreibt die sogenannte Flexibilitätsmatrix des BIBB (MAIER u.a. 2010), die für die BIBB-Berufsfelder aufzeigt, wer mit welchem erlernten Beruf in welchem ausgeübten Beruf arbeitet, wer also in seinem erlernten Berufsfeld bleibt und wer dieses wechselt. Es geht hier nicht um die Gründe des Wechsels, sondern um die Darstellung der Chancen und mögliche Konkurrenzen zwischen Berufsfeldern, die mit einem bestimmten Beruf verbunden sind.

Neben den „Berufswechslern“ müssen auch gut 5,6 Mio. Personen (im Jahre 2014), die nie einen Beruf erlernt haben, in einer Bilanzierung berücksichtigt werden. Diese Personengruppe ist damit auch nicht Bestandteil des so genannten Fachkräfteangebots (Personen, die mindestens eine vollqualifizierende Berufsausbildung aufweisen). Zudem sind auch rund 3,2 Mio. Personen erwerbstätig (im Jahr 2014), die sich derzeit in Bildung (Schule, Berufsausbildung, Fortbildung, Studium) befinden. Berücksichtigt man diese beiden Personengruppen, sowie die berufliche Flexibilität der Erwerbspersonen ergeben sich spürbar abweichende Ergebnisse (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Differenz zwischen Erwerbspersonen und Erwerbstätigen nach Einbeziehung der beruflichen Flexibilität nach Berufshauptfeldern von 2015 bis 2035

Es zeigt sich, dass bei bislang anhaltenden Entwicklungen und bestehenden Verhaltensweisen der Wirtschaft und der Erwerbspersonen – trotz Berücksichtigung von beruflicher Mobilität - Passungsprobleme zwischen Angebot und Nachfrage auf fachlicher Ebene entstehen werden. Während sich Engpässe im Gesundheitsbereich bereits in früheren Projektionen gezeigt haben, ist vor allem die Diskrepanz zwischen Arbeitskräfteangebot- und -bedarf in „Bauberufen, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“ eine neue Erkenntnis. Zum Ende des Projektionszeitraums wird die Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand gegangen sein und das neu auf den Arbeitsmarkt strömende Angebot an Erwerbspersonen wird diese Lücke nicht schließen können, obwohl in diesem Berufshauptfeld auch der Bedarf an Erwerbstätigen zwischen 2015 und 2035, nach einem zwischenzeitlichen Anstieg bis 2018, von rund 1,4 Mio. auf 1,25 Mio. Personen zurückgeht. Ursächlich für die Engpässe sind auch die höhere Flexibilität und die vergleichsweise weniger dynamische Lohnentwicklung in diesem Berufsfeld. In den „Rohstoff gewinnenden Berufen“, „Verkaufsberufen (Einzelhandel)“, „Verkehrs-, Lager- und Transportberufen“, „Gastronomieberufen“, „Reinigungs- und Entsorgungsberufen“ und den „Technischen Berufen“ ergeben sich bei einer Bilanzierung nach Personen zukünftig ebenfalls Engpässe. In den „Büro-, kaufmännischen Dienstleistungsberufen“ sowie in den vorwiegend akademisch geprägten Berufshauptfeldern wird das Arbeitsangebot in der Zukunft hingegen stärker anwachsen als der Bedarf.

Grundsätzlich ist bei dieser Betrachtung der zukünftigen Entwicklung in Bezug auf mögliche Engpässe oder Überhänge zu berücksichtigen, dass es sich hierbei um aggregierte Berufshauptfelder handelt. Darunter zusammengefasste Berufe können abweichende Entwicklungen aufweisen. So können z.B. bei hochspezialisierten Einzelberufen sehr wohl Engpässe auftreten, obwohl das Berufshauptfeld als Aggregat auf einen Überhang hindeutet. Eine differenzierte Auflistung der Ergebnisse auf der Ebene der Berufsfelder findet sich unter http://www.bibb.de/de/66339.htm.

Eine weitere wichtige Größe, die es bei der Ermittlung von Engpässen zu beachten gilt, ist das sogenannte Arbeitsvolumenpotenzial. Dies ist ein hypothetisches Konstrukt, das – ähnlich wie das Erwerbspersonenpotenzial – angeben soll, wie groß das Arbeitsangebot, gemessen in Stunden, tatsächlich ist. Bislang kann die offizielle Statistik nur das realisierte Arbeitsvolumen beobachten. Das tatsächlich angebotene Arbeitsvolumen dürfte jedoch um einiges höher sein, da Erwerbstätige in Teilzeit und geringfügigen Jobs arbeiten, obwohl sie gerne in einem größeren zeitlichen Umfang arbeiten würden. Im Mikrozensus wird neben der regelmäßig geleisteten wöchentlichen Zahl der Arbeitsstunden auch die Zahl der gewünschten wöchentlichen Arbeitsstunden erfragt. Aufgrund dieser Auskunft der Befragten lässt sich das Arbeitsvolumenpotential bestimmen, das sich aus dem realisierten Arbeitsvolumen und dem nicht realisierten potentiellen Arbeitsvolumen zusammensetzt. Während die Anzahl an Erwerbspersonen zwischen 2005 von 43,7 Mio. Personen nahezu kontinuierlich auf 44,5 Mio. Personen in 2013 angestiegen ist, ist das Arbeitsvolumenpotenzial im selben Zeitraum von rund 6,9 Mrd. Stunden auf 6,3 Mrd. Stunden gesunken. Obwohl die Erwerbstätigkeit zugenommen hat, arbeiten die Erwerbstätigen im Vergleich zu 2005 im Schnitt weniger Stunden und/oder wünschen auch nicht mehr als die vereinbarte Wochenarbeitszeit zu arbeiten. Für die Zukunft wird das Arbeitsvolumenpotenzial der Erwerbstätigen des Jahres 2013 als konstant betrachtet

Abbildung 4: Differenz zwischen Arbeitsvolumenpotential und benötigten Arbeitsvolumen nach Einbeziehung der beruflichen Flexibilität

Insgesamt führt die Stundenbetrachtung bei allen Berufshauptfeldern zu einer entspannteren Situation als die Personenbetrachtung (vgl. Abbildung 4). Insbesondere in den „Gastronomieberufen“, „Reinigungsberufen“, „Berufe im Warenhandel: Verkaufsberufe (Einzelhandel)“ und den „Verkehrs-, Lager-, Transport, Sicherheits- und Wachberufen“ arbeiten viele Personen in Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung, die sich eine Verlängerung ihrer regelmäßigen Arbeitszeit vorstellen könnten. In den Berufshauptfeldern „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung“, „technische Berufe“ und „Gesundheitsberufe“ hingegen wird auch bei einer Betrachtungsweise nach Stunden das Arbeitskräfteangebot den Bedarf nicht decken.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Trend zu weniger Arbeitsstunden künftig nicht beibehalten werden kann, um den Arbeitskräftebedarf in allen Berufsfeldern zu decken. Würde man anstelle der (gewünschten) Arbeitsstunden in 2013 beispielsweise dieselben (gewünschten) Arbeitsstunden wie im Jahr 2005 unterstellen, wäre das Arbeitsvolumenpotenzial im Schnitt um rund 12 Prozent höher.

Allerdings sei nochmals darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Betrachtung um hochaggregierte Berufshauptfelder handelt. Bei hochspezialisierten Einzelberufen können sehr wohl Engpässe auftreten, obwohl das Berufshauptfeld als Aggregat auf einen Überhang hindeutet. Das könnte vor allem dann der Fall sein, wenn es aus Sicht der Betriebe keine alternativen Berufe hinsichtlich der gestellten Anforderungen gibt, hier also nicht auf die berufliche Flexibilität (Substitution) zurückgegriffen werden kann.

5. Wird der Fachkräftemangel zukünftig nur für bestimmte Qualifikationsstufen auftreten?

Abbildung 5 zeigt, dass sich die in den letzten Jahren abzeichnende Bildungsexpansion weiter zunehmen wird. Zwischen den Jahren 2014 und 2035 werden ca. 20,2 Mio. Personen den Arbeitsmarkt verlassen, aber nur 18,8 Mio. hinzukommen. Rund 34,5 Prozent dieses Neuangebotes verfügt über einen akademischen Abschluss (6,5 Mio.) und 48,8 Prozent (9,2 Mio.) über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Allerdings werden bis 2035 nur 19,1 Prozent (3,8 Mio.) Akademiker dafür aber 59,7 Prozent (12,1 Mio.) Personen mit Berufsausbildung aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Somit werden im mittleren Qualifikationsbereich im Jahr 2035 rund 2,9 Mio. Personen weniger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen als im Jahr 2014, dafür jedoch rund 2,6 Mio. mehr Akademiker.

Abbildung 5: Entwicklung des Neuangebotes an Erwerbspersonen im Vergleich zu aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Personen – in Millionen Personen, 2014 bis 2035

In den Projektionen des Arbeitsangebots zeigt sich eine zunehmende Akademisierung. Trotz eines fortwährenden Strukturwandels, der eine höhere Nachfrage nach Dienstleistungsberufen nach sich zieht, steigt die Nachfrage nach hochqualifizierten Berufen nicht im selben Maße wie das Angebot. Gleichzeitig ist bekannt, dass Erwerbslosenquoten stark mit einem formalen Berufsabschluss korrelieren (HAUSNER u.a. 2015). Wie werden also Personen mit einem akademischen Abschluss künftig auf dem Arbeitsmarkt unterkommen? Mit der Klassifikation der Berufe 2010 steht mit dem Anforderungsniveau erstmals ein Arbeitsplatz bezogenes Merkmal zur Komplexität der auszuübenden Tätigkeiten zur Verfügung. Dabei wird nach vier Anforderungsniveaus (Helfertätigkeiten, fachlich ausgerichtete Tätigkeiten, komplexe Spezialistentätigkeiten und hochkomplexe Tätigkeiten) unterscheiden.

Tabelle 1: Verteilung der Erwerbspersonen nach Qualifikationsniveaus auf Anforderungsniveaus in 2013 (in Prozent)

Tabelle 1 gibt die Verteilung der Erwerbspersonen nach Qualifikationsniveaus auf die entsprechenden Anforderungsniveaus – unter Berücksichtigung von Erwerbslosigkeit – im Jahr 2013 wieder. Bei „niveauadäquater“ Erwerbstätigkeit sollten Personen ohne beruflichen Abschluss in Helfertätigkeiten, Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung in fachlich ausgerichteten Tätigkeiten, Personen mit Meister-/Techniker-/Fortbildungsabschluss in komplexen Spezialistentätigkeiten und Akademiker/-innen in hochkomplexen Tätigkeiten erwerbstätig sein. Sowohl Personen in Bildung, ohne abgeschlossene Berufsausbildung als auch mit Meister-/Techniker-/Fortbildungsabschluss waren 2013 jedoch am häufigsten in fachlich ausgerichteten Tätigkeiten erwerbstätig. Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung sind zu jeweils knapp über 10 Prozent sowohl in Helfertätigkeiten als auch komplexen Spezialistentätigkeiten zu finden. Akademiker/-innen sind vorwiegend in hochkomplexen Tätigkeiten anzutreffen, allerdings auch zu 15 Prozent in fachlich ausgerichteten Tätigkeiten und zu 18,3 Prozent in komplexen Tätigkeiten. Aufgrund der formalen Gleichheit des Bildungsniveaus von Fortgebildeten und Personen mit Bachelorabschluss kann ein komplexes Tätigkeitsfeld für (Fach-)Hochschulabsolventen mit Bachelorabschluss auch als niveauadäquat angesehen werden.

Abbildung 6: Arbeitskräftebedarf nach Anforderungsniveau und Arbeitskräfteangebot nach Qualifikationen 2005 bis 2035 (Basisprojektion)

Wie Abbildung 6 zeigt, war in der Vergangenheit der Bedarf an Erwerbstätigen mit komplexen und hoch komplexen Spezialistentätigkeiten höher als das Angebot an Personen mit akademischen Abschluss bzw. Meister-/Techniker-/Fortbildungsabschluss. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass zwar leicht mehr Akademiker mit hoch komplexen Tätigkeiten jedoch weitaus weniger Personen mit Fortbildungsabschluss mit komplexen Tätigkeiten befasst waren. Fasst man beide Gruppen zusammen (komplexe und hochkomplexe Tätigkeiten sowie Personen mit (Fach-)Hochschul- und Fortbildungsabschluss), wird rechnerisch ab ca. 2023 das Arbeitskräfteangebot die Nachfrage übersteigen - aber nur, wenn weiterhin davon ausgegangen wird, dass Akademiker und Personen mit Fortbildungsabschluss weiterhin zu Teilen unterhalb ihres Anforderungsniveaus arbeiten (vgl. Tabelle 1).

Das Angebot an Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung sinkt hingegen stärker als der Bedarf an fachlich ausgerichteten Tätigkeiten und der Bedarf an Helfertätigkeiten geht weniger stark zurück als das Angebot an Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Dennoch waren die Erwerbschancen dieser Personengruppe am geringsten (siehe Tabelle 1), da auch Personen in Bildung, mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Fortbildungsabschluss in Helfertätigkeiten beschäftigt waren.

Inwieweit ein Engpass oder ein Überangebot für bestimmte Qualifikation besteht, wird stark vom Einstellungsverhalten abhängen. MAIER u.a. (2016b) zeigen, dass das Arbeitsangebot an Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung in der mittleren Frist noch den Bedarf übersteigen, ab dem Jahr 2026 aber unter den „Bedarf“ dieser Qualifikationsstufe fallen könnte, wenn wir davon ausgehen, dass sich die Qualifikationsstruktur innerhalb eines Anforderungsniveaus ab 2013 nicht ändert („konstantes Einstellungsverhalten“). Im tertiären Bereich, indem Personen mit Meister-/Techniker-/Fortbildungs- und akademischem Abschluss zusammengefasst sind, würde das Angebot hingegen den Bedarf im Jahr 2035 um rund 2,5 Mio. Personen übersteigen. Geht man jedoch davon aus, dass Unternehmen verstärkt auf Personen mit höheren Abschlüssen zurückgreifen, wenn diese dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sodass Akademiker weiterhin ein geringeres Erwerbslosigkeitsrisiko aufweisen, dann würde sich in allen Qualifikationsstufen der Arbeitskräftebedarf dem Angebot annähern. Arbeitsplätze mit komplexen und hochkomplexen Tätigkeiten würden dann in Zukunft vermehrt von Personen mit entsprechenden formalen Qualifikationen besetzt werden. Personen mit einem Fortbildungsabschluss würden hingegen vermehrt fachliche Tätigkeiten ausüben.

 

6. Gibt es Regionen in Deutschland, in denen der Mangel besonders eklatant sein wird?

Deutschlands Regionen werden langfristig in sehr unterschiedlichem Ausmaß von Arbeitskräfteengpässen betroffen sein. Grund hierfür sind die bereits jetzt vorherrschenden wirtschaftlichen und demografischen Ausgangslagen. Zika et al. (2015) geben anhand der dritten Welle der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen hierüber einen Überblick (siehe auch Tabelle 2).

Tabelle 2: Differenz von Angebot und Bedarf im Jahr 2030 in Prozent - regionale Arbeitskräftesituation

Die Region Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) ist im Vergleich zu den anderen Regionen auch 2030 stärker auf Landwirtschaft, Verkehr und Lagerei konzentriert. Bei den Rohstoff gewinnenden Berufen ist bei anhaltenden Trends mit einem Fachkräfteengpass zu rechnen. In den Verkehrs-, Lager- und Transportberufen werden Arbeitskräftebedarf und –angebot hingegen ausgeglichen sein. In Nordrhein-Westfalen wird es im Vergleich zu den anderen Regionen in den meisten Berufsfeldern ein Überangebot an Arbeitskräften geben.

In der Region Mitte-West (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) ist die Wirtschaftsstruktur auch 2030 geprägt vom Finanz- und Versicherungssektor. In den besonders vorherrschenden Bereichen der kaufmännischen Berufe und rechts - und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen.

In den Regionen Baden-Württemberg und Bayern wächst im Gegensatz zu den anderen Regionen die Bevölkerung. Dort wird auch 2030 das Verarbeitende Gewerbe der Motor des wirtschaftlichen Wachstums sein. In den akademisch geprägten Berufen, die in Bayern und Baden-Württemberg dominieren, also bei Maschinen und Anlage steuernden und wartenden Berufen sowie IT- und naturwissenschaftlichen Berufen, wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen. Bayern ist die Region mit den wenigsten Berufsfeldern, in denen mit einem Fachkräfteengpass zu rechnen ist.

Die neuen Bundesländer, inklusive Berlin, haben den größten Bevölkerungsrückgang bis 2030 zu verzeichnen. Das Gesundheitswesen stellt ab 2020 die größte Branche dar. Einzig in der Region Ost ist laut den Autoren mit einem Engpass bei Akademikern zu rechnen. Außerdem ist diese Region die einzige, in der kein Engpass in den Verkaufsberufen des Einzelhandels prognostiziert wird.

Vor allem im Bereich der Fachkräfte mit einem mittleren Ausbildungsabschluss zeigt die Projektion in nahezu allen Regionen Engpässe. Eine Ausnahme bildet Baden-Württemberg, da der Abschluss einer Berufsausbildung dort traditionell eine hohe Bedeutung hat und nur wenige Jugendliche das Bildungssystem ohne Abschluss verlassen. Auf beruflicher Ebene ist besonders bei den technischen Berufen mit einem flächendeckenden Fachkräfteengpass zu rechnen. Auch die Gesundheitsberufe sind häufig betroffen. Die Regionen Nord und Nordrhein-Westfalen werden die einzigen Regionen mit einem Überangebot an Arbeitskräften bei den Gesundheitsberufen sein.

Mehr Informationen finden Sie in den Veröffentlichungen des Projektes QuBe-Regional.

7. Was sind die Hauptursachen für den zukünftigen Fachkräftemangel?

Die Ergebnisse der vierten Welle des QuBe-Projektes zeigen, welche Entwicklung der deutsche Arbeitsmarkt nimmt, wenn an den derzeitig beobachtbaren Trends festgehalten wird. Die einflussreichsten Faktoren, die den hier aufgezeigten Weg bestimmen, sind auf der Arbeitsangebotsseite die Zuwanderung (insbesondere von Geflüchteten), die Berufswahl, die Bildungs- und Erwerbsbeteiligung (auch in Stunden) und die berufliche Flexibilität. Auf der Bedarfsseite ist neben der Zuwanderung vor allem der wirtschaftliche Strukturwandel, die Nachfrageentwicklung nach Anforderungsniveaus und die Lohn- und Arbeitszeitentwicklung in den Berufsfeldern maßgebend. Ob für bestimmte Tätigkeiten zukünftig eine entsprechende Fachkraft gefunden werden kann oder nicht, hängt somit immer von mehreren miteinander verzahnten Faktoren ab.

Da die Erwerbstätigkeit neben politischen Einflüssen vor allem durch die wirtschaftliche Dynamik geprägt ist, sind alternative Entwicklungspfade zu berücksichtigen. Beispielsweise würden zunehmend steigende Exporte den Fachkräftebedarf deutlich erhöhen (MAIER u.a. 2012, MÖNNIG u.a. 2013). Massive Investitionen in eine Digitalisierung der Wirtschaft würden nicht nur die Anzahl an benötigten Erwerbstätigen verändern, sondern auch die Nachfrage nach Berufen (WOLTER u.a. 2015).

8. Ist die Integration Geflüchteter bzw. die Anwerbung von ausländischen Fachkräften ein Lösungsansatz?

Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nur eine vorübergehende Wirkung haben (BONIN u.a. 2007). Vor allem im Bereich der Höherqualifizierten sind die Erwerbsquoten der Frauen verglichen mit den übrigen Qualifikationsstufen hoch. Lediglich die Zuwanderung hat sich in der zitierten Studie als mittel- und langfristig bedeutsame Größe erwiesen, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen.

Für die vierte Welle der Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen hat das QuBe-Projektteam eine eigene Bevölkerungsprojektion erstellt. Denn im Laufe des Jahres 2015 wurde rasch ersichtlich, dass die Wanderungsannahmen der aktualisierten 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, die derzeitigen Wanderungsgewinne aufgrund des Zuzugs von Geflüchteten massiv unterschätzen. Vor dem Hintergrund zukünftiger Wanderungsentwicklungen erfordern aussagekräftige Analysen zudem eine detailliertere Erfassung der Herkunftsorte und eine Abschätzung der Fähigkeiten und Qualifikationen der Einwanderer. Für die vierte Projektionswelle wird zunächst ausgehend von rund 1,1 Mio. potenziellen Asylantragstellern im Jahr 2015 mithilfe eines „Geflüchtetenmoduls“ der mittel- und langfristige Einfluss der Geflüchteten auf die Bevölkerungsstruktur, die Wirtschaft, das Arbeitsangebot und die Arbeitsnachfrage abgeschätzt.

Für die QuBe-Bevölkerungsprojektion wird eine Lebenserwartung von Neugeborenen im Jahr 2035 von 82,1 (Jungen) bzw., 86,2 Jahren (Mädchen) unterstellt. Zudem wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Geburten 1,5 Geburten bis 2035 je deutscher Frau ansteigt und bei ausländischen Frauen die Geburtenziffer nahezu konstant bei 1,8 Geburten verweilt. Bezüglich der Zuwanderung Geflüchteter wird angenommen, dass von 2015 bis einschließlich 2020 rund 2,26 Mio. Personen zumindest temporär in Deutschland Schutz suchen (für das Jahr 2015 rund 1,1 Mio., für 2016 rund 0,45 Mio. Personen). Von 2016 bis 2020 reduzieren sich die Zuzüge um jeweils ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr. Jedoch erhalten nicht alle Personen die Anerkennung als Flüchtling oder subsidiären Schutz (§3 Abs. 1 AsylVfG, Art 16a GG, § 4 Abs. 1 AsylG) bzw. ein Abschiebeverbot nach §60 Abs. 5 und 7 AufenthG. Dennoch wird davon ausgegangen, dass bis einschließlich 2020 rund 1,4 Mio. Personen als Flüchtlinge oder schutzbedürftig in Deutschland anerkannt werden. Abbildung 7 zeigt die Entwicklung des Bevölkerungsstandes seit 1991 sowie die projizierte Entwicklung mit und ohne den Zuzug Geflüchteter. Es wird deutlich, dass bereits im Zuge der innereuropäischen Arbeitsmarktmigration von 2010 bis 2014 die Bevölkerung Deutschlands bereits um rund 1 Mio. gestiegen ist. Durch den zusätzlichen Zuzug von Geflüchteten wird sich die Bevölkerung bis 2023 nun voraussichtlich auf rund 83,4 Mio. Personen erhöhen. Aufgrund der damit einhergehenden höheren Abwanderung der ausländischen Bevölkerung und vor allem auch wegen der nicht bestandserhaltenden Geburtenzahl (FUCHS u.a. 2016) wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2035 wieder auf 82,1 Mio. Personen sinken. Zu- und Fortzüge führen zudem zu einer relativen Verjüngung der Bevölkerung. So liegt das Medianalter der Männer in der QuBe-Bevölkerungsprojektion bei 46,6 (mit Geflüchteten) bzw. 47,0 Jahre (ohne Geflüchtete). Insgesamt wird die Bevölkerung Deutschlands aber weiter altern. So lag das Medianalter der Männer im Jahr 2013 bei rund 44,5 Jahren. Das Medianalter der Frauen in der QuBe-Bevölkerung liegt bei 48,8 (mit Geflüchteten) bzw. 49,0 Jahren (ohne Geflüchtete). Im Jahr 2013 waren es noch 46,8 Jahre.

Abbildung 7: Bevölkerungsentwicklung der QuBe-Bevölkerungsprojektion mit und ohne Geflüchtete bis 2035

Trotz des Bevölkerungserhalts bis 2035 und der relativen Verjüngung der Gesellschaft durch den Zuzug Geflüchteter bedeutet dies aber nicht, dass hierdurch qualifikatorische Passungsschwierigkeiten am Arbeitsmarkt gelöst werden. Zurzeit stehen keine Datenquellen zur Verfügung, welche die Qualifikationsstruktur der Flüchtlinge repräsentativ und detailliert erfassen. Aufgrund der hohen Auswanderungszahlen und den humanitären Beweggründen der Flucht wird vermutet, dass nicht nur eine bestimmte Qualifikationsgruppe sondern ein Querschnitt der Bevölkerung aus den Herkunftsländern das Land verlässt. Es wird deshalb angenommen, dass sich die Qualifikationsstruktur der Geflüchteten entsprechend der Qualifikationsstruktur der Herkunftsländer zusammensetzt (MAIER u.a. 2016a).

Hinsichtlich der voraussichtlichen Übergänge in die Bildungssysteme werden Sonderauswertungen der zwischen 2011 und 2014 hinzugewanderten Personen aus den häufigsten Herkunftsländern (Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, Syrien, Eritrea und Nigeria) in den Mikrozensus 2012 bis 2014 herangezogen. Hieraus ergibt sich, dass den Schätzungen zufolge rund 45 Prozent der anerkannten Geflüchteten in naher Zukunft in Bildung sein werden. Bis zum Jahr 2035 werden sie sich schrittweise entsprechend der ausländischen Bevölkerung auf die unterschiedlichen Ausbildungsstätten verteilen. In den Anfangsjahren wird hingegen die Hälfte der Personen in Bildung ein Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungsjahr oder berufsvorbereitende Maßnahmen wahrnehmen. 35 Prozent der anerkannten Flüchtlinge würden hingegen nicht im Bildungssystem ankommen und wohl auch langfristig ohne Berufsabschluss bleiben (MAIER u.a. 2016a). Für diejenigen, die bereits über eine vollqualifizierende Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss verfügen, wird angenommen, dass die Berufsstruktur der Struktur der im Ausland erworbenen Abschlüsse der Zugewanderten aus den Herkunftsländern folgt. Im Vergleich zu den Abschlüssen deutscher Personen ohne Migrationshintergrund zeigt sich hier eine stärkere Konzentration auf „Lehrende Berufe“, „Gesundheitsberufe“, „Medien-, geistes- und sozialwissenschaftliche, künstlerische Berufe“ und „IT-Naturwissenschaftliche Berufe“, typische Berufshauptfelder des akademischen Bildungssystems (Abbildung 8). Hier dürfte, neben dem geringeren Verbreitungsgrad des dualen Systems in den Herkunftsländern auch die erwerbsorientierte Zuwanderung der im Mikrozensus Befragten eine Rolle spielen. Da der Großteil der Geflüchteten (79 Prozent) bei Einreise gemäß den Schätzungen über keinen vollqualifizierenden Berufsabschluss verfügt und aufgrund des jungen Alters erst in Deutschland qualifiziert wird, wird davon ausgegangen, dass sich die Berufsstruktur der Geflüchteten langfristig der Berufsstruktur der einheimischen Bevölkerung annähert.

Abbildung 8: Vergleich der Berufsstruktur (erlernte Berufshauptfelder) von Deutschen ohne Migrationshintergrund und Zugewanderten aus den Herkunftsländern der Geflüchteten (in Prozent)

Ein Vergleich der Berufsstruktur der Geflüchteten mit den erkennbaren Arbeitskräfteengpässen in den „Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und –verarbeitung“, „Technischen Berufen“ und „Gesundheitsberufen“ (vgl. Abbildung 4) zeigt, dass hier das zusätzliche Arbeitsangebot nicht die Engpässe lösen kann. Durch eine hohe Integrationsleistung im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt könnte es jedoch gelingen, die jungen Geflüchteten entsprechend zu qualifizieren. Darüber hinaus ist die gezielte Anwerbung von ausländischen Fachkräften und damit gezielte Steuerung der Zuwanderung weiterhin eine Möglichkeit in einzelnen Berufen eine sich anbahnende Fachkräftelücke zu schließen.

9. Wie kann Deutschland im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter/-innen attraktiver gemacht werden?

Zum einen wäre es hilfreich, wenn in Deutschland ein Klima herrschen würde, dass den Zuwanderern das Gefühl verschafft, willkommen zu sein. Integration muss erleichtert werden. Daneben müssen aber auch die Unternehmen (vgl. Frage 13 ff.) und die Politik ihren Beitrag leisten. Dazu gehören z.B. Maßnahmen, um Geflüchtete zu qualifizieren, ausländische Studenten und Studentinnen im Land zu halten oder Rahmenbedingungen, die den Marktzugang für ausländische Fachkräfte erleichtern. Hierbei spielt z.B. auch die Anerkennung und Zertifizierung der im Ausland erworbenen Fähigkeiten von Zuwanderern eine Rolle. Das am 1. April 2012 in Kraft getretene Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) ermöglicht hierfür die Überprüfung der Gleichwertigkeit eines ausländischen Abschlusses in Berufen, deren Ausübung in Deutschland durch Rechts- oder Verwaltungsvorschriften reguliert ist. Auch bei nicht reglementierten Berufen kann die Feststellung der Gleichwertigkeit der Fähigkeiten helfen, indem sie den potenziellen Arbeitgebern bei der Einschätzung des Bewerbers Orientierungen bietet und somit den Marktzugang für diese erleichtert. Für Personen, die ihre Fähigkeiten nicht über Zertifikate nachweisen können, besteht die Möglichkeit, die beruflichen Kompetenzen über eine sogenannte Qualifikationsanalyse festzustellen. Das heißt, ein Einwanderer muss zeigen, dass er für die Arbeit qualifiziert ist: durch Arbeitsproben oder Fachgespräche.

10. Wie groß kann der wirtschaftliche Schaden werden, der Deutschland durch den Fachkräftemangel droht?

Ein wirtschaftlicher Schaden würde insbesondere dann entstehen, wenn es neben einem Fachkräftemangel noch zu gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit käme. Gelingt es allerdings, Vollbeschäftigung zu erreichen, sollte nicht von einem wirtschaftlichen Schaden gesprochen werden. Selbstverständlich würde es bei Vollbeschäftigung Unternehmen geben, die noch mehr Güter produzieren bzw. Dienstleistungen anbieten könnten, wenn mehr Arbeitskräfte vorhanden wären. Diese Unternehmen müssten dann jedoch im Ausland expandieren.

11. Bei Fachkräftemangel werden häufig an erster Stelle die MINT-Berufe genannt. Ist dies zutreffend?

Berufe im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) zählen zumeist zu den hochspezialisierten Einzelberufen, so dass hier immer Engpässe auftreten können, auch wenn eine grobe Betrachtung dieser Berufsfelder auf keinen Engpass hindeutet. Dies liegt vor allem daran, dass Spezialistentätigkeiten, wie sie zumeist in diesen Berufen ausgeübt werden, eine längere Schulungszeit benötigen und dementsprechend nur von qualifiziertem Personal ausgeführt werden können. Die Substitutionsmöglichkeit durch anderweitig qualifizierte Personen von Seiten der Betriebe ist in diesem Fall nicht sehr groß. Dies führt zu der Wahrnehmung, dass wir in Deutschland auf einen Fachkräftemangel im hochqualifizierten MINT-Bereich zusteuern, da wir bereits im aktuellen Zeitraum Besetzungsprobleme innerhalb dieser Berufsfelder erleben (BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2012) und die bekannte demografische Entwicklung dieses Problem verstärken wird.

Tatsächlich ist es aber so, dass wir in Deutschland neben einem demografischen Wandlungsprozess auch einen starken Trend zur Höherqualifizierung erleben (siehe Tabelle 1), der im Bereich der akademischen Berufe dem demografischen Wandel entgegenwirkt, weil das Neuangebot an Berufen höher qualifiziert ist als die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Personen (siehe auch Frage 5). Zudem hat im Zeitraum von 2005 bis 2014 auch der Anteil der Studierenden in den Fächergruppen „Ingenieurwissenschaften“ und „Mathematik und Naturwissenschaften“ im Verhältnis zu allen Studierenden von 34,4% auf 38,4% zugenommen (STATISTISCHES BUNDESAMT 2015)

 

Tabelle 3: Studienberechtigten- und Studienanfängerquote bezogen auf die gleichaltrige Bevölkerung

 Berichtszeitraum

 Quote der studienberechtigten Schulabgänger

 Studienanfängerquoten

 2006

 43,0

 35,7

 2007

 44,4

 37,1

 2008

 45,2

 40,3

 2009

 46,5

 43,3

 2010

 49,0

 45,2

 2011

57,0*)

55,3*)

 2012

59,6*)

55,9

 2013

57,8

58,5

 2014

52,8

58,3


*) Effekte sind auch den doppelten Abiturientenjahrgängen in diesem Jahr zuzuschreiben.
Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT (2015)       

Bei einer Projektion des Angebotes an den vorwiegend akademisch geprägten MIN-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft) nimmt daher das Angebot an Personen, die einen entsprechenden Beruf im Berufshauptfeld „IT und Naturwissenschaftliche Berufe“ erlernt haben von 3,8 Mio. Personen im Jahr 2014 auf 4,3 Mio. Personen im Jahr 2035 zu. Rund 2,5 Mio. Personen werden einen Beruf in den MIN Berufen im Zeitraum zwischen 2014 und 2035 neu erlernt haben, rund 1,4 Mio. erlernte Kräfte werden im selben Zeitraum den Arbeitsmarkt verlassen. Ein anderes Bild ergibt sich hingegen bei den „Technischen Berufen“, die vor allem über entsprechende Fortbildungen erworben werden. Hier wird sich das Erwerbspersonenangebot der erlernten Fachkräfte von rund 1,6 Mio. Personen im Jahr 2014 auf knapp 1,2 Mio. Personen in 2035 verringern. Dies liegt daran, dass rund 0,9 Mio. in diesem Zeitraum aus dem Erwerbsleben ausscheiden, jedoch nur 0,6 Mio. Personen in diesem Berufshauptfeld im selben Zeitraum aus dem Bildungssystem hinzukommen.

Wie bereits in der Antwort zu Frage 4) „In welchen Berufen wird sich der Fachkräftemangel zeigen?“ erläutert, verweilt nicht jede Erwerbsperson während ihres Erwerbslebens in dem Beruf, den sie erlernt hat. In den MIN-Berufen lässt sich z.B. in einer Querschnittbetrachtung feststellen, dass nur rund 51,8 Prozent der Erwerbspersonen in ihrem erlernten Berufshauptfeld bleiben, bei den „Technischen Berufen“ sind es nur 41,2 Prozent (Mikrozensus 2013), da Kenntnisse aus dem MINT-Bereich auch in anderen Berufen Anwendung finden können. Andererseits ist der Zustrom aus fachfremden Berufen in die MINT-Berufe geringer, da in diesem Bereich eben spezielle Kenntnisse gefragt sind. Da die Entlohnung in den MINT-Berufen bereits über der durchschnittlichen Entlohnung der Erwerbstätigen liegt, werden andere Berufsfelder auch im Projektionszeitraum bis 2035 nicht so attraktiv werden, dass Personen mit einem erlernten Beruf in den MINT-Berufen stärker als bislang ihren erlernten Beruf verlassen. Das potentielle Arbeitskräfteangebot für die MINT-Berufe wird deshalb auch im Jahre 2035 über dem entsprechenden Bedarf liegen, wenngleich auch nur knapp (vgl. Abbildung 9). Dennoch zeigt der Zuwachs in den akademischen Berufen (Tabelle 2), dass die MINT-Diskussion etwas zu kurz greift und der Fokus nicht nur auf die Hochqualifizierten MIN-Berufe, sondern auch auf die T-Berufe gelegt werden sollte.

Abbildung 9: Erwerbspersonen und Erwerbstätige in den „IT- und Naturwissenschaftlichen Berufen“ und in den „Technischen Berufen in 2014 und 2035

 

12. Bieten die Unternehmen potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten zu wenig?

Generell müssen Unternehmen bei der Rekrutierung von Fachkräften in der Zukunft verstärkt ein positives Image aufbauen, damit sie sich von der Konkurrenz abheben und für die Fachkräfte attraktiver sind. Dabei geht es insbesondere um die ausländische Konkurrenz. Die Verbesserung gegenüber der inländischen Konkurrenz erhöht unter Umständen die Chancen gegenüber den Mitbewerbern, entschärft aber den Fachkräftemangel volkswirtschaftlich nicht. In der Praxis gehören dazu z.B. Konzepte zur Work Life Balance, flexible Arbeitszeitmodelle und Telearbeit sowie Freizeitangebote (z.B. Sportgruppen oder allgemeine nicht berufsbezogene Weiterbildungsprogramme). Insbesondere Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie treten dabei immer mehr in den Vordergrund. Durch die Positionierung als familienfreundliches Unternehmen gelingt es, vermehrt auch Frauen anzusprechen, und damit dem Fachkräftemangel durch die Erhöhung der Frauenquote bei den Erwerbstätigen zu begegnen.

13. Werden aufgrund des Fachkräftemangels auch ältere Arbeitnehmer wieder attraktiv für die Unternehmen?

In Anbetracht der Entwicklung der Alterungsstruktur bleibt den Unternehmen gar nichts anderes übrig, als vermehrt auf ältere Arbeitskräfte zu setzen. Weiterbildung ist hier ein wichtiges Instrument zur Qualifizierung dieser Personen. Die Entwicklung der Erwerbsquoten Älterer mag dafür ein erstes Zeichen sein. Auch die Anhebung des Renteneintrittsalters zeigt seine Wirkung.

14. Welche Anstrengungen müssten die Unternehmen selbst leisten, um das Problem zu lösen, und wo ist die Politik gefragt?

Die Unternehmen müssen ihr Rekrutierungsverhalten grundlegend überdenken und sich sehr frühzeitig und nachhaltig (auch im Rahmen von stärkerer Ausbildungsbeteiligung) um ihren in- als auch ausländischen Fachkräftenachwuchs bemühen. Die Politik kann die Rahmenbedingungen schaffen. Z.B. durch entsprechende Schulungsmaßnahmen bei jungen Geflüchteten, so dass diese die deutsche Sprache und eine entsprechende Ausbildungsreife erlangen aber auch durch die Anerkennung und Zertifizierung ihrer im Ausland erworbenen Fähigkeiten. Mit dem Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) hat die Bundesregierung unter Federführung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im April 2012 ein Gesetz initiiert, das dazu beitragen soll, im Ausland erworbene Qualifikationen zu prüfen und anzuerkennen um damit einen Beitrag zur Fachkräftesicherung zu leisten. Seit Beginn des Jahres 2013 führt das BIBB im Auftrag des BMBF das Monitoring des Vollzuges des BQFG durch.

Literaturangaben

BELLMANN, Lutz; HELMRICH, Robert (Hrsg.): Unternehmerische Herausforderungen zu Beginn des demografischen Einbruchs. Bielefeld 2013

BONIN, Holger u.a.: Zukunft von Bildung und Arbeit. Perspektiven von Arbeitskräftebedarf und –angebot bis 2020. 2007

BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT: Fachkräfteengpässe in Deutschland. Analyse Juni 2012. 2012. - URL: http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Berichte-Broschueren/Arbeitsmarkt/Generische-Publikationen/BA-FK-Engpassanalyse-2012-06.pdf

FUCHS, Johann u.a.: Ein integriertes Modell zur Schätzung von Arbeitsangebot und Bevölkerung. IAB-Forschungsbericht 10/2016. Nürnberg 2016.

HAUSNER, Karl Heinz u.a.: Qualifikation und Arbeitsmarkt: Bessere Chancen mit mehr Bildung. In: IAB-Kurzbericht 11/2015 2015.

MAIER, Tobias u.a.: Alternative Szenarien der Entwicklung von Qualifikation und Arbeit bis 2030. In: Wissenschaftliche Diskussionspapiere Heft 137. Bonn 2012.

MAIER, Tobias u.a.: Ergebnisse der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen. In: BERUFSBILDUNG, BUNDESINSTITUT FÜR (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn 2016a, S. 268-284

MAIER, Tobias; SCHANDOCK, Manuel; ZOPF, Susanne: Flexibilität zwischen erlerntem und ausgeübtem Beruf. In: HELMRICH, ROBERT; ZIKA, GERD (Hrsg.): Beruf und Qualifikation in der Zukunft. BIBB-IAB-Modellrechnungen zu den Entwicklungen in Berufsfeldern und Qualifikationen bis 2025. Bielefeld 2010, S. 153-180

MAIER, Tobias u.a.: Die Bevölkerung wächst - Engpässe bei fachlichen Tätigkeiten bleiben aber dennoch bestehen. In: BIBB-Report, 3/2016 (2016b), S. 1-22

MÖNNIG, Anke ; ZIKA, Gerd; MAIER, Tobias: Trade and qualification. Linking qualification needs to Germany's export flows. IAB-Discussion Paper 01/2013. Nürnberg 2013.

STATISTISCHES BUNDESAMT: Nichtmonetäre hochschulische Kennzahlen. Fachserie 11. 2015.

WOLTER, Marc-Ingo u.a.: Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft. In: IAB-Forschungsbericht, 8/2015 (2015)

ZIKA, Gerd u.a.: Arbeitsmarkt 2030: Große regionale Unterschiede. In: IAB-Kurzbericht, 9/2015 (2015)